Dienstag, 11.1.2022
Morgens im Bett. Blick durch die Dachluke im Schlafzimmer: mausgrauer Himmel. Düsteres Vorzeichen des Abschieds. Warum sollen wir hier weg? Wahrscheinlich, weil auch die unvergleichlichsten Tapas irgendwann nach Abwechslung verlangen.
Wir sind nun seit zweieinhalb Wochen unterwegs und machen eine neue Erfahrung. Bei einer der üblichen Urlaubsreisen über vier oder fünf Wochen beginnen um diese Zeit die Überlegungen bezüglich der Rückreise. Was wollen wir unbedingt noch sehen? Worauf können wir verzichten? Welche Abhängigkeiten sind zu berücksichtigen, etwa einen Besuch auf der Rückreise, der abgestimmt werden muss oder die Fahrt so zu planen, dass man Rush Hours vermeidet. Liegt ein Feiertag im Weg, den man besser umschifft? Oder Öffnungszeiten? Lauter solche Dinge, die einen dann zwangsläufig beschäftigen. Über so etwas denken wir keine Sekunde nach, noch nicht einmal, ob wir heute fahren oder morgen. Das scheint nachvollziehbar, wenn man noch fünf Monate vor sich hat. Was sich nicht zwingend erschließt ist, dass wir auch auf diese Zukunft keinen Gedanken verschwenden, sondern ausschließlich im Augenblick leben. Eine Ausnahme sind nur Ladenöffnungszeiten, wenn man dringend etwas braucht. Solchen Fälle erfordern Voraussicht. Doch gegenwärtig befinden wir uns in keiner Situation, die uns zu Planungen zwingt. Wir leben heute - und genießen schon jetzt die Zukunft, die wir nicht kennen und nicht kennen wollen. Es ist, als säßen wir auf einer Düne und starrten hinaus aufs unendliche Meer, das immer die gleichen Wellen produziert und dennoch jede Sekunde neu und aufregend ist. Es ist, als wären wir Teil dieses Meeres, aus dem wir einst gestiegen sind und in das wir einst wieder tauchen werden. Wenn wir die Augen schließen, kullern wir ganz sacht von der Düne und versinken.
Jetzt aber, ganz aktuell, wartet erst einmal eine Rechnung auf uns, und die beläuft sich auf 231 €, obwohl wir für den Stellplatz nichts bezahlen. Bei der Bodega 2020 ist das so geregelt, dass der Kauf von sechs Flaschen Wein eine Nacht aufwiegt, der von 12 Flaschen zwei Nächte. Das ist für Joeri und Audrey ein gutes Geschäft, wenn man berücksichtigt, dass für eine Nacht 9 € berechnet werden, die Flasche Rosé 8,50 € und der Barrique 9,50 € kostet. Wir verladen sechs Flaschen Rosé und sechs Flaschen Barrique in Franzens Bunker, zahlen nichts für den Stellplatz und machen damit nicht nur uns, sondern auch Audrey und Joeri glücklich. Dabei sind all die Tapas, die Käseplatte, die Zabaione und die Begleitweine noch gar nicht berücksichtigt. Auf dem Markt in Valéncia hätten wir dafür gerade mal ein starkes Kilo Iberico bekommen. So gesehen haben wir alles richtig gemacht. Nein, wir haben uns diese Rechnung redlich verdient, erarbeitet und verdaut. Und wir bereuen nichts!
Jetzt wird der Franz noch entsorgt und versorgt, auch das bietet die Bodega auf ihrem winzigen Grundstück, nur Strom gibt es hier nicht. Aber wir sind sicher, dass Joeri in Zukunft auch dafür sorgen wird. Für die menschliche Entsorgung steht eine Toilette und eine Dusche zur Verfügung, für maximal fünf Womos völlig ausreichend. Die gesetzlichen Vorgaben für Sanitäranlagen sind es übrigens, welche die Gästezahl auf fünf beschränkt, sonst müssten weitere Toiletten und Duschen zur Verfügung gestellt werden.
Dann muss geschieden sein. Es ist 11:45 Uhr und bewölkt bei 15 °C. Die Übereinkunft, auf unserem Weg in den Süden die großen Rennstrecken zu meiden, interpretiert die Fahrdienstleiterin dahingehend, dass uns schon nach wenigen Metern beinahe die Tassen um die Ohren fliegen, was erwarten lässt, dass wir bald nicht mehr alle Tassen im Schrank haben werden. Jetzt rumpelt der Franz nämlich zuerst über unanständig ruppige Bauernstraßen und Wirtschaftswege (camí agrícola und camí rural) nach Nordosten in Richtung Benifaío. Dann, nachdem wir eine drohende Schüttellähmung gerade so vermeiden konnten, wenden wir uns auf der A-38 südlich, vorbei an Sueca und Cullera, wo uns der erste Osborne-Stier von der Anhöhe herab grüßt und uns wissen lässt, dass Spanien erst hier richtig anfängt. In der Tat, diese Stiere, die uns begrüßen, wenn wir auf sie zufahren und im Rückspiegel hinterherblicken, symbolisieren Spanien wie kaum etwas anderes. Und tatsächlich ändert sich etwas in der Wahrnehmung der Umgebung. Der häufig schrottige und heruntergekommene Eindruck, den die Landschaft vermittelt, die Ruinen, die niemand abreißt, die vermüllte Gegend, alles verwandelt sich mit jedem Kilometer in das, was man unter Spanien versteht: Häuser, ja Villen, die die Sehnsucht nach dem Süden wecken, Gewerbe, das sich nicht prollig in den Vordergrund schiebt, sondern dem Auge zu entziehen versucht, Palmen, blühende und grünende Landschaft fürs Auge. In Gandia fahren wir ab und direkt ins Gewerbegebiet, nicht weil uns die Sehnsucht nach Gewerbegebieten dorthin ruft, sondern weil wir noch etwas zu erledigen haben.
Die Rede ist von Gas. Es wird niemand überraschen, dass man mit zwei 11-Kilo-Flaschen Gas nicht sechs Monate auskommt. Bei uns oder in den meisten Ländern Europas wäre das keiner Erwähnung wert, weil man dort seine leere Flasche einfach gegen eine volle tauscht. So ist das auch in Spanien, nur tauscht man hier nur leere spanische Flaschen gegen volle spanische. Unsere deutschen Flaschen werden nicht eingetauscht. Man braucht demnach eine Lösung. Eine wäre, die eigenen Flaschen nachfüllen zu lassen. Solche Füllstationen gibt es, sind allerdings dünn gesät und werden oft als Geheimtipp gehandelt. Das ist nicht unser Ding, weil wir unsere Reise nicht nach erreichbaren Füllstationen planen wollen. Eine andere Lösung ist, Gas von einer vollen Flasche in unsere umzufüllen. Den dafür notwendigen Umfüllschlauch haben wir, aber auch diese Option ist so unplanbar wie die erste, außerdem ist das Umfüllen inzwischen bei Strafe verboten, weil den Umfüllern schon manche Flasche um die Ohren geflogen ist. Muss auch nicht sein. Die einzige kommode Variante ist, sich eine spanische Flasche zu besorgen und sie dann nach Bedarf zu tauschen, zumal diese Flaschen auch in Portugal Verwendung finden. Davor stehen zwei kleine Probleme: Erstens muss man jemanden finden, der eine Flasche ohne Zertifikat verkauft. Ein solches Zertifikat ist aus Sicherheitsgründen für den Erstkauf vorgeschrieben. Wenn man dann eine solche Flasche hat, geht der Umtausch problemlos. Aber erst muss man sich eine erschleichen. Zweitens braucht man für den Gebrauch der spanischen Flasche einen speziellen Adapter an das deutsche System. Und genau deshalb sind wir hier bei Leroy Merlin, einer spanischen Baumarktkette, gelandet, um einen solchen Adapter zu kaufen. Doch trotz einiger Nachfragen finden wir keinen passenden Adapter. Es gibt mehr als genug Gasadapter, aber eben nicht jenen, den wir brauchen. Wir haben auch den Eindruck, dass hier keiner so recht versteht, wovon wir reden. Das Personal eines spanischen Baumarkts ist eben auch nicht besser als das bei Hagebau oder Obi. Also weiter. Ganz vergeblich soll der Abstecher dennoch nicht gewesen sein, deshalb verpassen wir dem Franz eine Ganzkörperdusche, die er sich schon lange verdient hat. Frisch wie der junge Morgen schnurrt der Franz dann weiter südlich, auch ohne Gasadapter. Ihm ist das egal; er fährt mit Diesel, Gas lässt ihn kalt. Wir nehmen Kurs über die N-332 nach Oliva. Freunde waren es, die vor vielen Jahren ihre Zeit in Camping Azul in Oliva verbrachten und uns dieses Ziel ans Herz legten.
Der erste Eindruck: Schreck lass nach! Die Zufahrt zum Campingplatz zieht sich fast einen Kilometer wie ein elend dünner Bandwurm hin, dass man hofft, keinen Abreisenden zu begegnen. Um 14:10 Uhr stehen wir dann aber vor den Toren von Camping Azul in Oliva [N 38° 54' 26,5'' W 000° 04' 03,8'']. Die Reiseleiterin checkt ein und macht sich auf Quartiersuche, weil der nörgelige Chauffeur traditionell an jeder Parzelle etwas auszusetzen hat. Dann hat sie ein passendes Nest gefunden, eine Parzelle, wie fast alle anderen auch, kuschelig klein, durch Oleanderhecken vom Nachbarn abgetrennt, allerdings von gestutzten Bäumen überwachsen, dass der Franz den Kopf einziehen muss. Für größer gewachsene Artgenossen ist hier kein Platz. Aber schon jetzt zeigt sich der Charme dieses Platzes: Der Nachbar hilft dem Chauffeur und der Reiseleiterin beim richtigen Timing unter die Aststummel. Und der Nachbar ist ein – Rosenheimer! Eigentlich Norddeutscher, wohnhaft in Prutting, aber eben mit dem Kennzeichen RO. Schon wird geplaudert, schon ist man angekommen. Camping Azul, das wird schnell klar, ist der erste Platz unserer Reise, der ganz in deutscher Hand ist, von CUX bis RO ist alles do... Da mal ein Franzose, dort ein NL-Kennzeichen, sonst nur Deutsche. Eigentlich löst so etwas bei uns einen spontanen Fluch(t)reflex aus, doch der hält sich heute seltsam bedeckt. Wir breiten auf dem Sandboden unseren neuen Vorzeltteppich aus, der sich aber auf der schmalen Parzelle gar nicht ganz entfalten kann. Aber kuschelig ist es hier. Während der Chauffeur am Strom hantiert, wird er vom rückwärtigen Nachbarn aus Erlangen durch den Oleander hindurch gefragt, ob er wisse, wo hier der Müll sei und ob man trennen könne. Auf die Antwort: „Keine Ahnung, bin gerade erst angekommen", erwidert der Franke stoisch: „Bin auch erst seit gestern Abend da" und verabschiedet sich freundlich winkend.
Wir lassen uns bei lachendem Himmel nieder, trinken Kaffee, strecken unsere Bäuche für kurze Zeit der Sonne entgegen und haben das Gefühl, trotz der landsmannschaftliche Überladung, einen Platz gefunden zu haben, auf dem man es aushalten kann. Die Reiseleiterin hat schon mal vorsorglich für drei Nächte reserviert, mit Option auf Verlängerung. Kurz vor Sonnenuntergang wandern wir den Strand entlang, der sich nur 50 Meter neben unserer Parzelle vor uns ausbreitet und der fast menschenleer ist. Es wird immer besser hier.
Obwohl die Nacht hier nur 18 € kostet, verspüren wir die Notwendigkeit, der Luxuslebenshaltung der vergangenen Tage Rechnung tragen zu müssen und werfen uns drei original Thüringer Bratwürste in die Pfanne (zum Grillen ist es uns viel zu frisch draußen), dazu Salat, und fertig ist das Abendmenü. Diese Menüwahl folgt nicht nur der Ausgabenkorrektur, sondern auch der Notwendigkeit, unser überquellendes Gefrierfach Stück für Stück zu entlasten.
Um 21 Uhr messen wir 12 °C, der Wind schwächelt vor sich hin, aber die Brandung tost lautstark und schäumend an den Strand.