Samstag, 15.1.2022
Der Himmel hält sein Versprechen von gestern Abend: 8:30 Uhr, 7 °C, kein Wölkchen weit und breit.
Aus dem Supermercado holen wir das bestellte Rustica und frühstücken, nachdem die drei Damen vom Morgenausgang zurück sind, in aller Gelassenheit. Vermutlich können wir schon gar nicht mehr anders. Wozu auch? Außer dem Meer, das rastlos seine Wellen an den Strand wirft, bewegt sich hier kaum etwas. Nur auf der Parzelle nebenan macht sich die Cuxhavenerin zur Abreise bereit. Seit Anfang November hat sie tiefe Spuren mit ihrer Nelly in das Grundstück gegraben, und jetzt zieht es sie weg von hier. Was ist los? Haben wir sie mit unserer Anwesenheit etwa vertrieben? Nichts ist los, sie will Freunde weiter südlich aufsuchen, aber bald wieder zurückkommen. Was ist das hier? Wer hier gestrandet ist, will nicht mehr weg und wer Azul verlässt, kommt wieder zurück wie ein Verbrecher an den Ort seiner Tat. Dabei machen doch die meisten hier einen einigermaßen seriösen Eindruck. Endstation Sehnsucht? Oder etwa ein modernes Atlantis, mit dem alle untergehen wollen? Wir winken ihr und Nelly Good-bye und fort ist sie mit ihrem Road Car.
Um 13:30 Uhr entdösen wir die Mädels, die auch schon in Gefahr sind, sich einzupuppen und führen sie zum Strand hinunter, nach Norden, in Richtung Oliva. Fianna schnurt in ihrer äußerst ökonomischen Gangart vor sich hin, als ob es einmal um den Äquator ginge, während Hedda unentwegt und bellend um sie herumtanzt, wie sie vor Tagen um den radfahrenden Chronisten geturnt ist. Nur dass Fianna nicht in Gefahr ist, umzufallen, es sei denn Hedda stiege ihr allzu rüpelhaft ins Kreuz. So geht das dahin, Fianna tölkt und Hedda pölkt, bis es der Mutter dann doch mal zu bunt wird und zurückwienert. Kurz darauf sind beide kaum mehr von zwei dick panierten Marillenknödeln zu unterscheiden. Und Hedda ist im Glück. Außerdem gibt es hier unendlich viele von den auch als Neptunbälle bekannten filzigen Seebällen. Unentwegt posiert sie mit ihnen und will gelobt werden, was wir auch ausgiebig tun.
Nach fünf Kilometern und einer sehr üppigen Stunde erreichen wir den Club Nautico Oliva, die Marina der Stadt, und lassen uns auf der Terrasse des Clubhauses nieder. Ein Bier für den Herrn, einen Wein und einen Kaffee für die Dame und unterm Tisch zwei tiefenentspannte Hunde. Über das weiße Clubhaus spannt sich ein makellos tiefblauer Himmel und unten spült das Meer seine Wellen schaumig weiß an den Strand. Die nahen Berge grüßen mit ihren weißen Termik-Krönchen huldvoll zu uns herüber. Was'n Kitsch! Störend sind eigentlich nur die rastlosen Spanier, weil dieses Volk offenbar nie zur Ruhe kommt. Für Spanier ist jetzt, gegen 15 Uhr, immer noch Mittagszeit, weshalb ständig größere Mahlzeiten serviert werden. Aber trotzdem sind sie ohne Unterlass unterwegs, mal mit dem Handy am Ohr, mal mit einer Zigarette, die mal kurz zwischendrin..., mal zum Pipimachen. Getränke nimmt man gern im Stehen, zwischen den Tischen, den Gästen und den Freunden hin und her huschend. Zu Zeiten, als Uhren noch von einer Unruhe angetrieben wurden, müsste eigentlich in jeder ein kleiner Spanier verarbeitet gewesen sein. Vielleicht flitzen sie heute nur deshalb dauernd umher, weil sie arbeitslos geworden sind, aber immer noch so ticken. Nach einer Stunde verlassen wir den Club und schlendern wieder nach Hause. Es kann nicht übersehen werden, dass das Wochenende angebrochen ist, weil so viele Spanier wie nie den Strand bevölkern. Nicht wenige mit drei bis fünf Hunden, die meist frei laufen. Das schränkt den Bewegungsradius unserer Mädels deutlich ein, aber im Grunde hatten sie heute genug Gelegenheit, sich auszutoben. Trotzdem..., alles gut, es ist spanisches Land, ihr Land, und wir sind hier nur Gäste.
Nach unserer Rückkehr gegen 16:30 Uhr gönnen wir uns einen Campari Orange, schauen in die Luft und machen uns abends von den Käseresten Nudeln mit Käsesoße.
Und wenn du glaubst es geht nichts mehr, kommt irgendwo ein Irrlicht her. Der Chronist erwähnt nur so nebenbei, dass heute schon wieder Bundesliga sei und er, wie schon am letzten Samstag, keinerlei Bedürfnis verspüre, deswegen den Fernseher in Betrieb zu nehmen, der in La Brise an Silvester das letzte Mal aktiv war, und zwar beim 24-stündigen Konzertmarathon von 3 Sat. Fernsehen ist weit weg, die nötigsten Informationen holen wir uns aus dem Internet, Tagesschau 24 oder Ähnliches. Das reicht. Es interessiert uns gegenwärtig nicht, welch Inzidenzen wo anfallen. Das Einzige, was uns interessiert, sind etwaige Beschränkungen für uns als Reisende. Warum auch immer, heute jedenfalls scheint die Reiseleiterin ihm einen besonderen Gefallen tun zu wollen, will die Antenne für eine Sportschau-Session in Betrieb nehmen und bekommt schon Sekunden später die schnöde Meldung vom Bedienpanel: Geräte blockiert. Die Antenne hat sich an einem der Äste über uns festgefahren! Jetzt wird die Betriebsanleitung für die Sat-Antenne ausgegraben, studiert und schon hängt die Bordmechanikerin mit dem halben Oberkörper aus der Wohnzimmer-Dachluke, überprüft die allgemeine Lage und fingert mit der rechten Hand blind am Bedienpanel herum, um die Antenne händisch Millimeter für Millimeter wieder in Ruheposition zu bringen. Das gelingt ihr auch, aber ob das schon das Ende der Angelegenheit ist, werden wir erst wissen, wenn der Franz wieder freisteht und die Funktionen überprüft werden können. Eigentlich brauchen wir keine Antenne: Fernsehen geht heutzutage auch übers Internet und HDMI-Kabel. Damit sind wir ausgerüstet. Also, entspannt zurücklehnen...
Die Nacht wird wieder sternenklar werden. Um 20:30 Uhr meldet das Thermometer 10 °C und es lässt noch immer kein Wölkchen am Himmel sehen.
Weil eigentlich so gar nichts los ist, was uns und unsere Verfolger in Wallung bringen könnte, bietet es sich an, den einen oder anderen Blick zur Seite zu werfen und sich mit Dingen zu beschäftigen, die sozusagen am Weg liegen.
Reden wir also über Haco. Nein, nicht über den Reinigungsspezialisten Hako, sondern über Hartmut Conrad, 70 Jahre, Nordfriese, langjähriger Wohnmobilist und seit geraumer Zeit als Haco der Shooting Star der deutschen Camperszene in Spanien. Sein Enkel soll ihn nach eigenen Aussagen überredet haben, sein ganzes Womo-Wissen nicht für sich zu behalten, sondern auch anderen zur Verfügung zu stellen. Dagegen ist nichts einzuwenden, und seither postet er, mit mehreren Kameras ausgestattet, laufend sein Wissen in die Welt. Dass er damit einen Nerv getroffen hat, bezeugt seine Follower-Statistik: Über 70.000 auf YouTube, zusammen mit Facebook und Instagram eine halbe Million Haco-Gläubige. Tatsächlich liefert er immer wieder interessante technische Informationen rund ums Wohnmobil, wirklich Brauchbares, auf das man gerne zurückgreift.
Doch leider betätigt er sich auch als Spanien-Reiseführer und hat inzwischen eine Schar von Jüngern und Gläubigen um sich gesammelt, die ihm auf Schritt und Tritt folgen. Das hat Folgen. Ein Stell- oder Campingplatz, der von Haco empfohlen und als würdig befunden wird, wird unverzüglich von seinen Jüngern geflutet. Ein kürzlich neu eröffneter und von Haco gehypter Stellplatz im Süden, ist schon bis März 2023 ausgebucht. Wer in einen kürzlich im Fernsehen gesendeten Beitrag gesehen hat, wie diese Gemeinde mit Schunkelmusik und Gulasch Silvester feiert, weiß, dass Ballermann auch auf vier Rädern bestens funktioniert. Dass man es fast mit einer sektenähnlich verschworenen Gesellschaft zu tun hat, bezeugen Zitate wie „Wir folgen Haco auf dem Fuß" oder „Wenn Hartmut etwas empfiehlt, folgen wir ihm sofort". Die Hacorianer ziehen mit ihrem Meister durch Spanien. Eigentlich könnte uns das egal sein, weil man ihm auch aus dem Weg gehen kann. Schwierig wird es jedoch, wenn er, wie gerade erst geschehen, die Womo-Gemeinde (und es gibt eigentlich niemanden, der Haco nicht kennt, man kommt kaum an ihm vorbei) auffordert, wegen der nun anrollenden Frühjahrssaison ihm doch mal zu melden, wie die Belegungszahlen auf den Stell- und Campingplätzen aktuell sind. Seitenweise kann man dann nachlesen, welche Plätze voll sind, welche eine lange Wartezeit haben und auf welchen noch etwas geht. Die sind dann binnen Tagen auch geflutet. Mehrheitlich von Hacorianern vermutlich. Natürlich bewirkt er auch Positives. So geschehen mit der Bodega 2020, die er positiv erwähnt hat, und die deshalb überlebte. Joeri und Audrey hatten ihre Bodega gerade eröffnet, als sie von Corona ausgebremst wurden, auf ihrem Wein sitzen blieben und auf einen leeren Stellplatz blickten. Ihnen hat eine Erwähnung durch Haco das Überleben gesichert, und dafür sind sie ihm auch zurecht dankbar. Doch inzwischen hat sich der Haco-Kanal zu einer Art Info-Monopol entwickelt, das in die falsche Richtung geht.
Damit jetzt kein falscher Zungenschlag aufkommt: Selbstverständlich hat jedermann das gute Recht, seine Freizeit und seinen Urlaub nach eigenem Belieben zu gestalten. Aber nach unseren Vorstellungen sollte ein Reisebericht nicht nur eine Aneinanderreihung von Fahrdaten, Stationen, Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Sonnenuntergängen und Stränden sein. Eine Reise macht etwas mit dem Reisenden. Eine Reise löst etwas aus. Alles andere wäre nur das schiere Sammeln von Zielen, so wie etwa das Groundspotting von Fußballfans, deren Ziel es ist, möglichst alle Stadien der Welt einmal besucht zu haben. Um Fußball geht es ihnen nicht, nur darum, ein weiteres Stadion in Hinteraserbaidschan abhaken zu können. Reisen eröffnet neue, andere Blickwinkel. Reisen bestätigt oder verwirft alte Einsichten. Durch Reisen gewinnt man neue Erkenntnisse und Einblicke. Und auch darüber wollen wir sprechen, unsere Gefühle und Befindlichkeiten offenlegen und teilen. Schon seit über dreißig Jahren reisen wir so, individuell, nach eigenem Plan(?) und auf eigenes Risiko. So sind wir mit Rucksack durch Asien gereist, mit Bus und Bahn und haben gerade deswegen bis heute kaum einen Tag davon vergessen. Nur einmal haben wir, aus der Not geboren, einen Pauschalurlaub in Kenia gebucht, und wenn wir uns nicht auch dort von der Masse gelöst und eine individuelle Safari in der Massai Mara gebucht hätten, könnten wir uns den Fauxpas wahrscheinlich bis heute nicht verzeihen. Die Safari hat das Elend dieser Reise erträglich gemacht. Und seit wir mit dem Wohnmobil unterwegs sind, haben wir ein großes Ziel, aber sonst keinen Plan. Wir steuern unser Ziel an und lassen uns treiben. Wir buchen nicht, höchstens, dass wir einen Tag vor einer geplanten Ankunft mal anrufen, um die Belegungslage zu sondieren, meist nicht einmal das. Unsere Reiseführer heißen nicht Haco, sondern Michi, Joe oder Chantal, mit denen wir plaudern und von denen wir die Tipps erhalten. Sogar der maulfaule und kontaktscheue Chronist kann auf Reisen zum Nachbarschaftsplauderer werden. Man braucht kein Reisebüro Haco.
Aber natürlich reden wir über ihn, untereinander, jetzt mit euch, oder, wenn der Name fällt, mit anderen Reisenden. Und so kommt es, dass die jederzeit positiv gestimmte Reiseleiterin dem Haco-Sektierertum zwar auch nichts abgewinnen kann, aber findet, dass er mit seinen Informationen auch Leuten Mut machen kann, ins Wohnmobil zu steigen und nach Spanien zu fahren, die es sich sonst nie getraut hätten, zum Beispiel, weil sie die Sprache nicht beherrschen. Und wenn sie dann sähen, wie Tausende mit eben diesem Sprachmangel in Spanien herumkommen, würden sie sich das möglicherweise auch zutrauen. Da wird der Chronist ziemlich krätzig. Was soll das für ein Mut sein? Mutig waren Leute wie Kolumbus, James Cook, Roald Amundsen und Reinhold Messner, die sich ins Abenteuer stürzten, ohne das Ende zu kennen, die ein hohes Risiko eingingen, auch das, es nicht zu überleben. Was bitte soll mutig sein, auf Kreuzfahrtschiffen oder vollversorgten Großexpeditionen ihren Spuren zu folgen? Wenn dabei etwas schiefgeht, ist es dem Pech oder der Überschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit zuzuschreiben. Und welchen Mut braucht man, um mit dem Wohnmobil nach Spanien zu fahren, wo es doch auch ohne Haco tausende von Campingplätzen gibt, die schon seit Generationen mit Deutschen Geschäfte machen? Der Chronist ist überzeugt, mit Mut hat das nichts zu tun, höchstens mit einer urdeutschen Krankheit. Vor gut 80 Jahren hieß das Motto „Führer befiehl, wir folgen." Heute heißt es eben: „Haco empfiehl, wir folgen". Zugegeben, nicht mit Panzern und Kanonen, dafür mit Schlachtschiffen und Gulaschkanonen. Und sie hinterlassen auch nicht, wie Hitlers Horden, verbrannte Erde, aber Schnitzelhäuser und Hofbräuhäuser. Ja, es gibt Schlimmeres. Aber es ist schade. Und wenn die Haco-Jünger doch einfach glücklich sind, weil sie nicht wissen, was sie verpassen und keine anderen Ansprüche haben? Ja, dann sollen sie eben ihren Schrebergarten auf vier Rädern 1500 Kilometer weiter im Süden bewohnen, nur weil es dort mehr Sonne gibt und weniger Regen, sich dort selbst als Gartenzwerg hineinsetzen und der Selbstverzwergung der eigenen Möglichkeiten lachend und mit dem Schäufelchen in der Hand vollenden. Vale...
In diesem Sinne ziehen wir weiterhin unsere Kreise und machen einen großen Bogen um die Hacos.