Von Bernd auf Montag, 17. Januar 2022
Kategorie: Spanien

Finca Caravana

Montag, 17.1.2022

9:30 Uhr, 7 °C, wolkenlos.  

Es wird Zeit, dass wir abreisen, sonst geht es uns noch wie dem älteren Paar aus dem hohen Norden Deutschlands, das ebenfalls heute abreist ­– nach 45 Tagen. Geplant waren 4 Tage. Irgendetwas Haftendes hat dieser Platz. Aber irgendwie scheint heute eine unheimliche Aufbruchsstimmung in der Luft zu liegen, denn der Platz leert sich wie niemals zuvor. Und es fühlt sich richtig an abzureisen. Sechs Nächte sind genug. Niemals zuvor, auf keiner unserer Ausfahrten, haben wir sechs Nächte an einem Ort verbracht, was bei einem klassischen Vier-Wochen-Urlaub ja auch fast ein Viertel ausgemacht hätte.  

Wir genießen ein weiteres Frühstück im Freien, begleichen unsere Rechnung, machen uns und den Franz fein, entsorgen und versorgen ihn, starten den Motor – und da piepst es verdächtig hinter dem Rücken des Chauffeurs pip-pip-pip-pip. Die Sat-Antenne meldet sich! Sie ist offensichtlich der Ansicht, sich besser lautstark zu Wort zu melden, als am Ast aufgehängt zu werden. Wir geben ihr Zeit, sich zurechtzurütteln und, wie es sich gehört, bäuchlings zur Ruhe zu begeben. Damit wäre auch dieses Problem gelöst.  Um 13 Uhr können wir nun Camping Azul verlassen. Unser erster Stopp ist an der Repsol-Tankstelle in Richtung Denia, um unser Gas-Zertifikat, den Fresszettel, gegen eine Flasche spanischen Gases einzulösen. Dort wird aus dem Fresszettel ein sehr offizieller Gasvertrag, dann bekommen wir die Flasche ausgehändigt und ersetzen mit ihr unsere leere, die nun für einige Zeit Urlaub machen darf. Wir sind jetzt jedenfalls Repsol-Kunden, bei Cepsa werden wir nicht erhört. Nur auf Campingplätzen interessiert man sich nicht dafür, mit wem wir einen Gasvertrag eingegangen sind. Unsere Gasversorgung sollte als für längere Zeit gesichert sein.  

Nach der Gasbeschaffung machen wir einen ausgiebigen Stopp bei LIDL und bunkern den Franz bis zum Dollbord voll. Anschließend machen wir einen Abstecher zu Decathlon, weil der Chauffeur nicht sicher ist, ob seine Allround-Strauss-Hose noch viel mit sich machen lässt. Es gibt eine geschmeidige Hose für alle Fälle, die Beifahrerin leistet sich noch eine Jacke für alle Fälle, und dann ist es 15:40 Uhr bis wir endlich unser eigentliches Ziel ins Auge fassen.  

Über die AP-7 rollen wir gen Süden und bekommen unseren ersten echten Tourismusschock während der Vorbeifahrt an Benidorm. Man weiß ja, wie der spanische Tourismus architektonisch umgesetzt wird. Aber das hier sind keine einfachen Touristenhochhäuser, das sind Wolkenkratzer! Einer neben dem anderen, dicht an dicht; ein Manhattan an der Costa Blanca. Wir müssen gestehen, dass einige tatsächlich architektonische Highlight sind, die meisten jedoch die zu erwartenden Stilblüten. Uns kann es egal sein, wie die Spanier eine nun zunehmend beeindruckendere Landschaft verunstalten. Wir rollen dahin und rollen die Augen. Tatsächlich explodiert das Panorama hier immer mehr, ein Augentratzerl jagt das andere. Plötzlich schieben sich Felsformationen vor die Windschutzscheibe, an denen nougatfarbene und weiße Ortschaften kleben, dass sogar der abgebrühte Chauffeur „O, lecko" seufzt. Felsnadeln stechen in den Himmel, auf denen eine Burgruine thront, die selbst dem Hl. Michael von Le Puy-en-Velay die Schamröte ins Gesicht treibt. Links charmiert das Meer, rechts stapeln sich monströse Felsabbrüche, dass man Sorge haben muss, als nächstes Opfer eines Bergsturzes in die Presse zu kommen. Das ist ein anderes Spanien als jenes, das wir zu Beginn unserer Reise mit gutem Grund verrissen haben. Bei Alicante wechseln wir auf die A-7 und anschließend auf die A-31, verlassen damit das touristische Spanien ins Landesinnere. Bei Caudete / Yekla ist dann Schluss mit dem Dahinrollen, jetzt nimmt uns die CM-3220 auf, der wir etwa 10 km schnurgerade folgen, asphaltiert zwar, aber ausgemacht ruppig. Kurz vor unserem Ziel biegen wir auf einen Schotterweg und folgen dem Schild „Treffpunkt Afrika-Freaks". Und dann sind wir da, vor uns die Finca Caravana vom Marschall Franze, dem Oberpfälzer. Und schon machen wir den ersten schweren Fehler: Wir missachten das Stoppschild vor der Einfahrt. Wir sehen linkerhand, gut verteilt, drei Wohnmobile und sonst niemand. Also rollen wir weiter, Schritttempo. Als wir kurz vor Franzes Wüstenbungalow den Motor abstellt und die Reiseleiterin dem nun aus seiner Einsiedelei tretenden Franze entgegengeht, macht er sie gleich richtig rund, weil wir das Stoppschild missachtet haben. „Wenn da Stop steht, habt ihr auch anzuhalten. Noch ein paar Meter weiter und ihr seid auf meinem Hof und wenn ihr euch einen Platten holt, bin ich wieder schuld." Als die beiden zu unserem Franz herangekommen sind und der Chauffeur die Fahrertür öffnet, hat Franz schon wieder ein Lächeln im Gesicht, der Franze aus der Oberpfalz, weist uns einen Platz zu, den wir morgen, wenn die anderen weg sind, gegen einen besseren tauschen können. Franz ist jetzt ganz Großgrundbesitzer. Aber er ist eben auch ein Bayer und ein Oberpfälzer, der seinen Grant hat, den Nichtbayern als rüpelhaft und cholerisch beschreiben, wie man im Netz nachlesen kann, weil sie nicht wissen können, dass der bayerische Grant Ausdruck eines besonderen, nur in Bayern anzutreffenden Wohlbehagens als Folge einer spontanen Seelenreinigung ist, so wie Menthol-Schnupftabak das Hirn freimacht. Der Chauffeur, ein ebenfalls professionalisierter Grantler, versteht sich mit Franze jedenfalls auf Anhieb bestens, stellt sich vor, kriegt dessen Pranke auf die Schulter und der Pakt ist besiegelt.  

Wir sind angekommen in der Finca Caravana, 730 Meter über dem Meer gelegen, zwischen Bergen, Hügeln und Schotterebenen mit Kräutern vom Currykaut bis zum Rosmarin, dazwischen Oliven- und Mandelbäume, spanische Prärie [N 38° 42' 50,1'' W 001° 07' 08,9'']. Hier könnte es Wölfe geben, vielleicht sogar Schakale ... wenn man die Augen zumacht ... Es ist 17:45 Uhr und hat 11 °C. Sonst gibt es hier nichts, gar nichts, nur Horizont und Sonnenuntergang, jeden Tag, wie Franze uns versichert.  

Wir lassen gleich die Mädels raus, was Hedda in einen Almrausch zu versetzen scheint, weil sie sofort im krüppeligen und buschigen Gelände verschwindet, geradezu abtaucht, sich selbständig macht, als hätte sie ein Deja-vu und wäre auf der Suche nach alten Bekannten. Die Kleine hat offenbar den Ort ihrer Sehnsucht gefunden. Fianna bring nichts aus ihrem seelischen Gleichgewicht, sie schwebt ihres Weges, macht ihr Ding und ihr Geschäft, wozu Hedda keine Zeit hat; für sie ist die Welt rund, egal, von wo aus man sie betrachtet. Als wir nach etwa 20 Minuten zurück sind, kommt uns Franze schon entgegen – mit einer kulinarischen Begrüßung: eine Platte mit zwei Anisplätzchen, getoppt mit selbstgemachtem südafrikanischem Straußen-Dip, dazu Datteln, Feigen und eine Mandarine. Wir sind ehrlich gerührt, was sich jedoch schnell zu einem kleinen Entsetzen wandelt, als uns Franze während einer kleinen Plauderei eröffnet, dass wir heute Nacht mit -7 °C oder sogar -10 °C rechnen müssten. Die vergangenen Nächte jedenfalls waren bitterkalt. Es ist glasklar, und heute Nacht ist Vollmond. Hektisch überprüfen wir die neue Gasflasche und stellen fest, dass sie nichts hergibt. Es dauert ein wenig, bis wir den Fehler finden: Der neue Adapter saß nicht richtig. Jetzt passt alles, das Repsol-Gas fließt in die Heizung und in den Kühlschrank, kühlt das Überleben und wärmt die Gemüter.  

Wir bereiten uns Tagliatelle Vongole und hoffen, dass uns die Heizung heute Nacht keinen Streich spielt.