Mittwoch, 19.1.2022
Wieder eine frostige Nacht. Morgen liegt gleißender Nebel unten im Tal und überzieht das Land im Gegenlicht mit Platinglanz.
Heute werden wir Franze wieder verlassen, mit dem wir uns gestern noch lange über die Finca unterhalten haben. Wenn er es schafft, alles wieder aufzubauen, wofür er wirklich alles tut, dann wird das, auch abgesehen von den monströsen Wetterbedingungen, alles andere als ein Zuckerschlecken und Paradies für ihn. Nur um die ökologische Einsiedelei zu erhalten, hat er jede Menge Arbeit vor sich. Bekanntlich kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, doch selbst, wenn der Nachbar nicht böse ist, sondern nur gleichgültig, ist das Leben ein zäher Kampf. Jeder Biobauer weiß, dass es kaum etwas Schlimmeres gibt, als traditionelle Landwirte als Nachbarn. Die Situation rund um die Finca ist in dieser Hinsicht bedrohlich. Westlich der Finca wirtschaftet ein Bauer, mit dem er in gutem Einvernehmen ist. Er hat Mandelbäume und richtet sich bei der Bodenarbeit und beim Spritzen nach der Windrichtung, achtet also darauf, dass Staub und Spritzgifte nicht zur Finca wehen. Davon konnten wir uns gestern überzeugen, als er den Boden zwischen den Bäumen lockerte und der Staub nach Westen zog. Das ganze Land südlich der Finca ist im Besitz der Kirche; dort stehen Olivenbäume in großem Stil. Die himmlischen Heerscharen kümmern sich nicht um solche irdischen Belanglosigkeiten, sondern spenden ihr Spritzgift in fetten Wolken wie ihr Weihwasser in der Kirche. Nördlich und östlich der Finca liegen eine Vielzahl kleiner Flurstücke, die alle meist sehr alten Bauern gehören, die bald sterben oder aufhören werden. Ihre Kinder werden dieses Land nicht weiter bewirtschaften, weil der Ertrag den Aufwand nicht lohnt. Auf diese Grundstücke hat die Kirche ebenfalls schon mehrere Augen geworfen. Sich dieser vatikanischen Begehrlichkeit zu erwehren, fehlen dem Franze die Mittel und die Beziehungen. Wenn es dann soweit ist, wird die Kirche der Finca ihren giftigen Segen von drei Seiten erteilen. Aber Franze baut vor. Ein Grundstück nördlich der Finca hat er schon gekauft, das wird eine Pufferzone. Weil das aber die Ausnahme bleiben wird, baut er einen Pflanzenwall rund um die Finca: Schilf und Zypressen. Schilf wächst hier sehr dicht und mehrere Meter hoch, dazu pflanzt er eine sehr schnell wachsende Zypressensorte, die es pro Jahr bis zu einem Meter Wachstum schafft, in seiner weniger günstigen Lage aber immer noch 70 Zentimeter. Dieser Schilf- und Zypressenwall soll wie ein Bollwerk gegen den Giftnebel stehen und die Finca stünde wie eine Zitadelle in der Landschaft oder wie jenes gallische Dorf, trutzig inmitten römischer Kampfagrarier. Wer Franze bei seinem Kampf gegen die spritzigen himmlischen Heerscharen unterstützen möchte, kann das mithilfe einer Baum- oder Hundepartnerschaft oder einer kleinen Überweisung tun und dazu Kontakt mit ihm aufnehmen. Er hat sicher nichts dagegen.
Wer die Finca besuchen will, muss folgendes wissen. Es gibt hier keine Toiletten, keine Duschen und keinen Strom. Für Entsorgung ist gesorgt, außerdem liefert Franze 30 l frisches Quellwasser pro Tag. Und Franze hat auf Wunsch einen Frühstücksservice am Morgen. Die Parzellen sind sehr groß, auch bei starkem Andrang kommt es nicht zum Kuschelcamping. Der Standardpreis für eine Nacht beträgt 8 € (inkl. 2 Kinder bis 12). Hunde kosten bei Franze nix. Für Aufenthalte über einem Monat gehen die Preise gestaffelt nach unten.
Und weil wir hier nicht loskommen, verwerfen wir unseren Beschluss von heute Morgen und bleiben noch eine weitere Nacht!
Kurz nach 11 Uhr gehen wir mit den Hunden raus, die in dieser Landschaft nichts brauchen als sich selbst, auch wir sind nur Beiwerk. So wie sie den Campingplatz verlassen, verfallen sie in einen kurzhubigen Wolfstrott, mit gesenkter Rute, ganz tiefer Nase und einem Buckel. Wenigstens Fianna bleibt in unserer Nähe und scheint sich unserer Gegenwart versichern zu wollen, aber Hedda... Sie zieht große, sehr große Kreise, was hier nichts ausmacht, weil außer uns kein Mensch weit und breit ist. Das Einzige, was ihre Kreise kreuzen könnte, sind Karnikel, die es haufenweise gibt, aber um diese Zeit Siesta machen, auch wenn Hedda jedes verdächtige Loch kontrolliert. Sie scheint sich das Eingangsstatement unseres Aufmachers zu dieser Reisedoku zu Herzen genommen zu haben – und ist dann eben öfter mal weg. Auf diesen Spaziergängen braucht sie auch keinen Ball, eine Schotterebene mit Oliven- oder Mandelbäumen scheint ihre aktuellen Bedürfnisse vollauf zu befriedigen. Die Sonne und die Wärme, die wir nicht so spüren, weil immer ein leichter Wind weht, setzt den beiden Damen mit der Zeit doch zu, so dass sie ihre Aktivitäten und Ausritte reduzieren. Wenn wir nach eineinhalb Stunden wieder im Lager sind, saufen sie einen Eimer Wasser leer und legen sich in den nächstverfügbaren Schatten. So was nennt man dann vermutlich optimale Auslastung.
Der Nachmittag ist dann dem Dösen und Bummeln gewidmet, für ausgiebige Körper- und Franzpflege ist auch mal wieder Zeit, und schließlich liefert Franze, wieder rechtzeitig bevor es zu frisch wird, eine mächtige Tajine aus Hühnchen und Kaninchen. Franze, wir haben es seit gestern geahnt, kann nicht nur Bäume pflanzen, kochen kann er auch, und wie! Nachdem wir beide zwei volle Teller in uns hinein verfrachtet und eingeschlichtet haben, ist immer noch eine ganze Portion für jeden von uns über. Die packen wir ein für magere Tage. Und dann ist es vorbei mit Outdooring. Es ist 18 Uhr, die Sonne versinkt gerade orangerot hinter den Hügeln und das Thermometer ist auf 10 °C abgestürzt.