Donnerstag, 20.1.2022

Schon wieder so eine Nacht!  

Der neue Nachbar, der gestern mit einem amerikanischen Triple E Commander angekommen ist, der mindestens neun Meter lang ist, hat heute Nacht -12 °C gemessen. Das weiß er so genau, weil er die Nacht ohne Heizung verbracht hat, was ihn vermutlich oft genug aus dem Bett getrieben und die Temperatur hat messen lassen. Wir fragen nicht nach, ob dieser Schlitten, in dem man vermutlich neben einer kompletten amerikanischen Baptistengemeinde noch ein Husky-Rudel unterbringen kann, keine Heizung hat, ob sie kaputt ist oder ob sie Gas sparen wollten. Das interessiert uns nicht wirklich. Es war jedenfalls wieder richtig frisch. Der Morgen ist dafür so überwältigend wie all die Tage davor: Von morgens 8:15 Uhr bis abends 18:15 Uhr gibt die Sonne hier alles. Was kann sie dafür, dass sie für die Nächte nicht verantwortlich ist?  

Nach einem nur kurzen Spaziergang und einem kräftigen Frühstück machen wir den Franz fertig, erbitten von Franze noch 50 l reines Quellwasser, das er uns in Kanistern auf einem Rollwägelchen direkt ans Auto bringt, dann erbitten wir die Rechnung – und wissen endlich, wieviel uns Franzes kulinarische Bemühungen wert waren. Die Meeresfrüchte-Paella schlägt pro Person mit 12,50 € zu Buche, wäre aber ausreichend für drei gewesen und die Tajine, von der immer noch eine Portion für uns beide im Kühlschrank lagert, kostet 10 €. Für die Nacht, das haben wir schon erwähnt, berechnet Franze 8 €. Dann stehen wir noch herum und plaudern, lassen uns eine schöne Reise wüschen und wünschen ihm viel Kraft und Erfolg beim Wiederaufbau seiner Finca. Franze zeigt uns den neuen Plan, wie der Platz in Sektionen aufgeteilt wird, die verschiedenen Ländern Afrikas gewidmet sind – Senegal, Marokko, Burundi, etc., - schildert, welchen Aufwand ihm dafür bevorsteht, wieviel Kies und Split dafür notwendig sei, etwa tausend Tonnen, dass auch in Spanien das Baumaterial immer teurer werde, hat aber keine Zweifel, das zu stemmen und schließt mit dem hinlänglich bekannten Satz: Das wird schon, Rom ist ja auch nicht an einem Tag erbaut worden. Aber, so gibt der Chronist zu bedenken, an einem Tag abgefackelt worden. Dann sei er ja in bester Gesellschaft, meint Franze und grinst bis über die Hutkrempe.  

Gewächshäuser in Spanien

Um 11.45 Uhr verlassen wir die Finca bei 13 °C und, wer hätte es gedacht, stahlblauem Himmel. Zuerst fahren wir über die ebenso fahrwerksfreundliche RM-426, dann über verschieden Landstraßen nach Süden bis Yecla, von wo wir uns dann auf der A-33 bis Murcia tragen lassen. Wir rollen jetzt wieder durch eine völlig andere Landschaft. Die fast kahlen Berge Hügel um uns sind in einer Art zerklüftet, wie wir es bei uns nicht kennen. Der weiche Stein wird bei jedem Regen von Sturzfluten durchfurcht, weil hier kein Wasser versickert, sondern fast ausschließlich überirdisch abfließt. Das schafft abenteuerliche und skurrile Formationen. Andererseits tauchen wir hier bereits in die hochindustrialisierte Landwirtschaft Spaniens ein. Überall beginnen auf riesigen Feldern die Mandelbäume zu blühen und unter endlosen Netzdächern und Folienhäusern wächst, was demnächst in unseren Supermärkten zum Verkauf angeboten wird. Silbergraue Folienflächen liegen wie geheimnisvolle Seen im Gegenlicht und zeugen davon, dass hier intensive Landwirtschaft betrieben wird. Und das bleibt nicht ohne Folgen. Wer in den nächsten Wochen in unseren Supermärkten nicht an den feuerrot verlockenden Erdbeeren aus Spanien vorbeigehen kann, sollte sich darüber im Klaren sein, dass Erdbeeren in dieser Jahreszeit auch in Spanien nur unter Folie gedeihen. Die Folgen entstehen dadurch, dass eine umweltverträgliche Entsorgung dieser Folien, wenn sie nach kurzer Einsatzzeit unter Spaniens Sonne zerbröseln und vom Wind zerfetzt werden, in der Kosten-Nutzen-Rechnung keinen Platz hat; die alten Folien werden durch neue ersetzt, bleiben liegen, wo sie sind, verrotten zu immer kleineren Kunststoffschnipsel und werden schließlich als Mikroplastik mit Wind und Wellen um die ganze Welt getragen. So betrachtet ist microplastic espagnol der verbreitetste Exportartikel Spaniens und die Erdbeere eine echte Saubäre. 

Um 13:15 Uhr stellen wir unseren Franz auf dem Stellplatz Áreas Autocaravanas Murcia ab [N 38° 01' 46,3'' W 001° 08' 52,8'']. Das ist ein großer kommunaler Stellplatz inmitten eines Gewerbegebiets mit Platz für mindestens 80 Mobile, je nach Größe und Parkdisziplin. Erfahrungsgemäß ist der Platz meist sehr gut besucht bis voll, aber direkt daneben kann man einen weiteren großen Parkplatz anfahren, der noch reichlich Platz bietet. Der Stellplatz hat Ent- und Versorgung und kostet nichts. Maximale Aufenthaltsdauer: 72 Stunden. Ringsum findet man alles, was man zum Überleben braucht, ALDI, LIDL, IKEA, Decathlon, gleich neben Decathlon ein spanischer Fressnapf, Restaurants, es fehlt nichts – außer Ambiente. Der Stellplatz bietet jedoch die Möglichkeit, schnell und problemlos mit der Straßenbahn in die Innenstadt zu kommen. Nur wenige Gehminuten vom Stellplatz wartet die Straßenbahnhaltestelle Infantas der Linie 1. Das Lösen der Tickets macht uns allerdings Probleme, weil die englische Sprachinformation des Ticketautomaten im Straßenlärm kaum zu verstehen ist. Aber es gibt immer und überall eine Lösung. In diesem Fall erscheint sie in Person einer Spanierin, die unsere vergeblichen Bemühungen beobachtet und sofort zu Hilfe kommt. Sekunden später haben wir unsere Tickets, 1.40 € pro Person in die Innenstadt, und um kurz nach 14 Uhr fahren wir los. Gute 15 Minuten brauchen wir ins Zentrum. Wir verlassen die Tranvía am Haltepunkt Plaza Circular, dem südlichsten Punkt der Strecke, von da an fährt die Bahn wieder nach Norden, weg von der Innenstadt hinauf ins Universitätsviertel. Wir machen uns auf den Weg, und der erste Eindruck ist: Alle haben hier eine Maske auf, auch auf der Straße, wirklich alle. Das schmälert das Vergnügen, weil es mit 15 °C doch angenehm warm ist und die Brillengläser bei jedem Atemzug beschlagen.  

Die Geschichte Murcias reicht bis in die Zeit vor der römischen Besetzungen im 3. Jh. v. Chr. Erwähnt wird der Ort erstmals 825 unter dem Namen Mursiya als muslimische Gründung. Wie alle alten Ansiedlungen durchlebt sie eine sehr wechselhafte Geschichte mit wechselnden Herrschern und Zugehörigkeiten. Mitte des 13. Jh. ist Murcia Hauptstadt eines unabhängigen muslimischen Emirats. 1266 kommt die Stadt endgültig zum Königreich Kastilien und wird Bischofsitz. 1651 wird sie vom Rio Segura überschwemmt und beklagt über 1000 Tote. Beim Erdbeben im Juni 1843 wird die Stadt fast völlig verwüstet. Und auch später hat sie noch viele Fluten zu erleiden, bis der Bau eines Dammes den Rio Segura endlich bändigt. Seither blüht die Stadt stetig auf, ist heute eine der größten Universitätsstädte Spanien und mit über 450.000 Einwohnern die siebtgrößte Stadt des Landes. Wegen der üppigen Landwirtschaft rund um Murcia wird die Stadt auch als „Obstgarten Europas" bezeichnet.  

Wir machen uns auf, das Zentrum zu erwandern. Kaum dass man weg ist von den Hauptverkehrswegen, findet man sich in ausladenden Fußgängerzonen, in denen die Fahrradwege mindestens so breit sind wie die Fußgängerbereiche, alles aus feinem Stein stimmungsvoll gepflastert. Es lässt sich nicht verbergen, dass Murcia eine bedeutende Universitätsstadt ist, überall junge Leute mit Smartphone am Ohr oder vor den Lippen, E-Scooter sind das Hauptverkehrsmittel in der Stadt. Und dann öffnen sich großartig gestaltete Plätze vor dem Besucher mit prächtigen Gebäuden, dass fast der Atem stockt. Durch winzige Gässchen gelangt man zum nächsten Platz mit neuen Stilkombinationen und Farben. Das architektonische Machtzentrum der Stadt ist jedoch die Kathedrale, erbaut zwischen 1394 und 1465 im kastilisch-gotischen Stil. Im hoch aufragenden, 1792 vollendeten Turm verbinden sich Renaissance-, Barock-, Rokoko- und neoklassizistische Einflüsse. All die prächtigen Gebäude der Innenstadt, die uns ständig zwangen, die Kameras in Anschlag zu bringen, weisen alle diese Einflüsse oft ebenso auf, dazu gesellt sich viel Jugendstil. Vor dem Eingang zur Kathedrale hockt ein Bettler, in sich zusammengesunken, mit einem vor sich gehaltenen Kaffeebecher, stumm, fast leblos. Hinter dem Portal hockt auch eine Bettlerin, sie jedoch hinter einem Kassentresen verschanzt und wartet nur darauf, dass wir eintreten, damit sie uns drei Euro abknöpfen kann. Ihre gierige Hand zuckt jedoch ins Leere, weil wir auf dem Absatz kehrt machen. Für uns gilt ein ehernes Gesetz: Wenn man das Haus des Herrn nicht ohne Geldbörse betreten darf, bleibt der Herr eben allein zuhaus. Anscheinend ist es ihm mit seinen eigenen Geldeintreibern nicht so ernst wie mit den Händlern, die er einst aus seinem Tempel geißelte. Besonders dreist empfinden wir die weinerliche Anmache, dass die Erhaltung dieses Kulturerbes der Welt doch ach so teuer sei. Seit über tausend Jahren versuchen die heiligen Herrschaften, sich gegenseitig zu überbieten: größer, höher, protziger. Phallussymbole haben sie aufgetürmt, Geschlechtertürme hochgeprotzt, wer hat den größten und längsten, Männer eben, auch unter der Soutane, und jetzt sind sie ihnen plötzlich im Unterhalt zu teuer. Behaupten sie. Warum soll es eigentlich diesen Bauherrn und Erben anders gehen als uns Normalsterblichen? Wenn wir uns übernommen oder vererbt haben oder zu schwach auf der Brust sind, unsere Hütte zu finanzieren, wird sie verkauft, versteigert oder verfällt. Im Namen des Herrn haben seine Stellvertreter auf Erden über Genrationen den Gläubigen den letzten Groschen aus der Tasche geluchst, um diese Kathedralen zu errichten und mit dem Teuersten auszustatten, und nun sollen wir das erhalten und nicht einmal unentgeltlich ansehen dürfen, was wir alle finanziert haben? Nicht mit uns! Der Besuch Murcias wird wegen der ausgefallenen Kathedrale nicht weniger ansprechend ausfallen.  

Digitale Speisekarte
Kathedrale

Auf der Plaza de las Flores lassen wir uns ohne Groll auf einen Nachmittagssnack nieder, weil der Platz fast nichts anderes zu bieten hat als Restaurants, Bars und Clubs. Blumen sind es jedenfalls nicht, warum sich die Welt hier ein Stelldichein gibt. Bei La Tapa lassen wir uns nieder. Der Platz ist so klein, dass man sich wie in einer Loge fühlt, mit bestem Blick auf eine Bühne, die für manche Akteure eine Welt zu bedeuten scheinen. Kaum dass wir sitzen und uns mit der Tapas-Karte beschäftigen, die im Übrigen, wie vielfach in Spanien als QR-Code auf den Tisch kommt, den man einscannt und die Karte aufs Handy bekommt, kaum dass wir uns also mit dieser Karte zu beschäftigen beginnen, tritt ein Wesen auf den Plan, das nicht nur unsere ganze Aufmerksamkeit beansprucht und von der Karte ablenkt, sondern einen gleichsam kollektiven Köpfeschwenk auslöst und manche Unterhaltung verstummen lässt. Das Wesen ist unübersehbar weiblich und Anfang zwanzig. Es schwebt auf den Platz, Format Super-Slim-Fit, einen Meter siebzig (ohne Schuhe, mit Schuhen knapp einem Meter achtzig), dattelförmiges Haupt, eingefasst von langen, glatten und sehr schwarzem Haar. Wer bei diesem Bild jetzt an Cher denkt, liegt nicht falsch. Diese Outline würde jedoch noch niemand aus dem Gleichgewicht und von einer Speisekarte abbringen. Aber sie ist in einer schwarzen Lacklederhose verpackt, die schon den kleinsten Mangel dieses Körpers schonungslos offenbaren würde, wenn er denn einen hätte. Nichts an diesem Körper scheint das Ebenmaß des Goldenen Schnittes zu verlassen, aber alles eine Ikonographie der Perfektion zu sein, makellos slim gefittet, dass sogar Michelangelo zum Frauenliebhaber geworden wäre und sich lieber an diesem Modell als an seinem David verausgabt hätte. Eine scheinbar an den Körper gewachsene Lacklederhose allein erregt im Allgemeinen noch keine Aufmerksamkeitsstarre. Dazu trägt das quietschgrüne, taillierte Lacklederjäckchen bei, das die obere Körperhälfte modelliert und sich am untersten Ende in ebenso quietschgrünen Pumps vollendet, die dem Geschöpf lässige Bodenhaftung verschaffen. Leider können wir über das Gesicht dieser spanischen Cher nicht viel sagen, als dass es dem Rest der Erscheinung gut zu Gesicht stehen könnte, doch leider verschwindet es hinter einer handtellergroßen bonbonpinken Sonnenbrille. Wir ahnen schon, was nun der Eine oder die Andere im Sinne haben könnte. Zugegeben, auch wir waren auf dieser Spur. Doch die Tatsache, dass diese menschliche Weidenrute etwa alle zehn Minuten auf eine Zigarettenlänge auf den Plan tritt, lässt eher auf eine sitzende oder stehende Tätigkeit schließen als auf eine liegende. Dafür wären zehn Minuten, noch dazu im Akkord, mehr als anspruchsvoll (An- und Entkleidezeiten wären einzurechnen). Diese Madonna de las Flores dürfte nach unserer Einschätzung einer ganzen Reihe von Passanten an diese Tag ein ernstzunehmendes Problem an der Halswirbelsäule verschafft haben. Auch der Chronist spürt Verspannungen, nur die Reiseleiterin genießt den Auftritt unverklemmt, sitzt sie doch in idealer Blickrichtung.  

Die kleine Plaza de las Flores im Herzen Murcias zieht alles an, was sich durch die Stadt bewegt, Einheimische, Touristen und rund um den Platz Beschäftigte, sie alle dampft er zusammen wie unter einem Brennglas. Ein kleiner Trupp Girlies flirrt daher wie Sittiche, keine über 18, ein Haufen exaltierter Selbstdarstellerinnen, begleitet von einem Dienstleister, der ohne Unterlass Fotos zu schießen hat. Die eine trägt Pelzmantel und Pumps mit durchsichtigen Absätzen, eine andere dafür superknappe Pants, aber Lammfellstiefel, die wohl für die nötige Unterhitze sorgen sollen. Die Girlie erfahrene Lehrerin meint nur: Das tragen meine Mädels auch. Was? Lammfellstiefel im Sommer, aber mit bauchfreiem Shirt natürlich. Hat man heute so. Der Chronist erinnert sich an den Pelzmantel, den er mal vor 50 Jahren auf dem Flohmarkt in Amsterdam gekauft und den ganzen Sommer getragen hat. Kommt alles wieder, jeder Unsinn, jede Verrücktheit. Noch eine Erscheinung muss Erwähnung finden. Eine Spanierin, wie man sie sich landläufig vorstellt, nicht slimfit, aber wohlproportioniert, in enger weißer Hose verpackt. Darüber trägt sie eine sackartige, schwarze Riesenlederjacke, und unter dieser ein lackschwarzes Seidenbustier und sonst nichts. Ältere Männer könnten auf die Idee kommen, die Dame habe sich verschusselt und vergessen, ein zusätzliches Kleidungsstück über das Brustgeschirr zu ziehen. Dagegen sprechen allerdings zwei Tatsachen. Erstens ist dieses Bustier so knapp bemessen und ein designerisches Glanzstück, dass es zum Herzeigen geschneidert ist, nicht zum Verstecken. Keine Frau, die bei Verstand ist, zieht sich ein solches Seidengeschmeide über, um es anschließend unter einer Bluse oder einem Pullover zu verstecken, jedenfalls nicht tagsüber, da täte es Bescheideneres auch. Zu blauer Stunde vielleicht; das schon. Der zweite Grund, der eine Nachlässigkeit ausschließt, ist die betonte Lässigkeit, mit der diese Doña Esmeralda ihr Smartphone mit weit abgewinkeltem Ellenbogen ans Ohr hält, damit der Ledersack möglichst freien Blick aufs Bustier gewährt, dann den Kopf mit der Mähne in die Gegenrichtung wirft, damit auch dort der Sack das Sesam öffne. Mann spürt die Absicht und ist wohlgestimmt.  

Leckere Tapas

Nicht nur der Chronist findet großen Gefallen am Begleitprogramm zum Iberico mit Bravas, auch die Reiseleiterin würde noch länger mit glänzendem Blick an Ort und Stelle verharren, wenn ihr nicht langsam die nachmittägliche Kühle in die Glieder stiege. Wir wissen nicht, was wir noch verpassen. Aber der alte Herr freut sich an jungem Fleische wie jederzeit und allemal, wohl wissend, dass es nicht zu seinem Fraße ist. Doch nehmen wir einmal an, er würde sich ein letztes Mal ermannen, sich gegen das Alter aufbäumen und zur schwarz-grünen Mamba mit dem Eulenblick schreiten und sie in perfektem Spanisch ansprechen, sicher nicht frontal-prollig wie einst Udo mit „Gute Nacht, Señorita, ich bin müde vom Wandern, aber bin auch dann nicht so schlecht wie andern", nein sondern in vollendetem Spanisch: „Disculpe, señorita, si me pongo en contacto con usted tan directamente, pero ¿le gustaría darme su tiempo esta noche y mostrarme su ciudad ?"*. Wenn der Innenausbau dieses Geschöpfs so geschmackvoll wäre wie seine Außenansicht, würde sie wahrscheinlich mit einem final betörenden Augenaufschlag antworten: „Señor, lo siento mucho, pero ya saldré esta noche."* Ein wahrhaft würdiges Ende einer der kürzesten Bekanntschaften der Geschichte. Hätte sie jedoch eine Seele so lackschwarz wie ihre Hose würde sie sich mit einem ausgereckten Mittelfinger wort- und grußlos abwenden. Beides wäre den Aufwand nicht wert. Die Bürde des Alters ist die Erinnerung. Die Würde des Alters ist die Phantasie. Und deshalb, meine Herren, haben wir von diesem Wesen kein Foto gemacht, damit eure Phantasie wieder einmal in Schwung kommt.  

Wir nehmen den kürzesten Weg zur Straßenbahn und sind uns in der Bewertung von Murcia nicht ganz einig. Die Reiseleiterin ist sehr zufrieden mit der Stadt und findet sie ansprechend und eine Reise wert. Der Chronist hadert mit ihr, weil sie bei ihm nichts auslöst, in gewisser Weise in harmonische Einzelteile zerfällt, ohne selbst zur Harmonie zu finden. Murcia kommt ihm vor wie ein Orchester mit lauter großartigen Könnern, die aber alle ihre eigene Partitur spielen, gelegentlich zusammenfinden, einige bewegende Takte gemeinsam spielen und zeigen, welch ein Klangkörper es sein könnte, und dann brilliert wieder jede und jeder für sich. Da klingt nichts an und schwingt nichts beim Chronisten.  

Der Ticketkauf geht jetzt flitzgeschwind und schon bringt uns die Linie 1 bis 17 Uhr wieder zu unseren Mädels auf dem Stellplatz. Die Logistikerin geht noch kurz rüber zu ALDI, leistet sich einen Sidestep zu Decathlon, weil sie findet, dass sie jetzt auch eine neue Hose braucht. Noch ein lausiger Erlöserspaziergang für die Mädels. Und dann geht der Tag mit frisch gekauften und mit Käse gefüllten Hühnerpflanzel zur Neige. Es ist gut, dass wir morgen weiterreisen, weil der Chronist sich hier nicht wirklich wohlfühlt. Es ist nicht der dröge und volle Stellplatz, so etwas muss man ab und zu abkönnen, das gehört dazu, nein, es sind all die alten Leuten hier, die ihm die Laune nehmen, nichts als Rentner hier, soweit das Auge reicht. Was soll er hier? Die Reiseleiterin kriegt die Klappe nicht mehr zu, so, wie es ihm heute mit der schwarz-grünen Mamba ergangen ist. Sie schüttelt noch den ganzen Weg zum Bett den Kopf.  

* = Traducción is possible avec una Übersetzungs-App