Von Bernd auf Freitag, 21. Januar 2022
Kategorie: Spanien

Schlangenbucht (Playa de Percheles)

Freitag, 21.1.2022

So sehr der Chronist gestern mit der Überalterung des Stellplatz-Publikums haderte, so angetan ist er heute, als er sich ein bisschen umsieht; an der Altersstruktur hat sich nichts geändert, dafür findet man hier einen großen Nationen-Mix. Häufig hat man ja einen Überhang an Deutschen oder Franzosen, die Holländer sind sowieso meist überproportional vertreten, aber ein Mix aus D, E, FR, S, CZ, POL, NL und sogar CH findet man in dieser Breite selten. Alt und Rentner sind sie trotzdem alle.  

Im Franz geht es auch heute Morgen wieder behäbig zu. Erst wird gemächlich gefrühstückt, dann dürfen die Hunde raus, was wegen der fast nicht vorhandenen Auslaufflächen eine Herausforderung ist; Freilaufflächen gehören nicht zum Kerngeschäft der Kommune Murcia. Wer seinen Hund nicht laufen lassen kann, ist schneller wieder weg, die anderen arrangieren sich mit den Hinterlassenschaften und lassen auch ihren Fifi Hinterlassenschaften schaffen.  

Weil die Logistikerin gestern von Decathlon so angetan war, ermutigt sie auch den Chauffeur zu einem textilen Nachschlag; eine Hose und zwei Funktions-Shirts werden es, schließlich rechnen wir bald mit einschlägigem Wetter. Wir schauen noch beim spanischen Fressnapf vorbei, weil uns langsam die Flocken ausgehen, also die Hundeflocken, nicht unsere, finden aber nichts. So etwas gibt es hier nicht. Dafür gibt es drei fette Hundewürste, die die Vorräte für eine kleine Weile sichern.  

Anschließend bekommt der Franz einen Full-Service, was sich ein wenig zieht, weil es für den ganzen Platz nur eine V+E-Stelle gibt, das bedeutet anstehen und gegebenenfalls plaudern, etwa mit einer Dame, die uns beim Anstehen unentwegt freundlich interessiert anstarrt, ein sicheres Zeichen, dass sie hofft, ein Fenster öffnet sich. Wir tun ihr den Gefallen. Sie outet sich als Rosenheimerin, genauer als Bad Feilnbacherin. Und nun plaudert man eben die Wartezeit weg. Sie sei schon ein paar Tage hier und wolle auch noch bleiben, erzählt sie auf die wichtigste aller Fragen: woher und wohin? Wir sehen davon ab, sie auf das 72-Stunden-Limit hier anzusprechen. Sie macht nicht den Eindruck, als ob sie das beindrucken könnte. Soll sie stehen so lange sie will. Sie ist alt genug, zu wissen was sie tut. Wir haben schon einige erlebt, die stolz erzählt haben, wo sie wie lange frei gestanden hätten und kein Mensch hätte sie, allen Erzählungen zum Trotz, vertrieben. Alle, die uns folgen, sollten jedoch wissen: Die spanische Polizei hat einfach keinen Bock mehr auf nervige und fruchtlose Diskussionen mit Touristen. Da wird normalerweise nicht vertrieben, da werden die Kennzeichen fotografiert. Wer länger als die üblicherweise tolerierten 48 Stunden außerhalb von Camping- oder Stellplätzen erwischt wird, findet bei seiner Heimkehr eine kleine Überraschung in Form eines Knöllchens über 400 € im Briefkasten vor. Das gilt überall, auch auf dem Stellplatz in Murcia; wer die 72 Stunden überzieht, bekommt inhaltsschwere Post. Die Polizei setzt dabei übrigens häufig Drohnen ein, auch die Verkehrsüberwachung geschieht oft mit Drohnen. Das sollte man wissen, bevor man glaubt, schlauer oder durchtriebener als die spanische Polizei zu sein.  

Bevor wir uns nun auf die Weiterreise begeben, sollten wir gemeinsam einem Gespräch folgen, das gestern Abend etwa so im Franz stattfand:
Duuu, Schatz...
Ja, was is?
Könntest du dir vorstellen, noch einen Tag aufs Haarewaschen und so zu verzichten?
Wieso?
Weil wir dann noch einen weiteren Stellplatz anfahren könnten.
Welcher ist es denn, der so viel wichtig als meine Haare ist?
Die Schlangenbucht, da möcht ich noch hin.
Was ist die Schlangenbucht?
Kult!
Wie, was Kult? Warum Kult?
Ja, das hat mit den Hippies angefangen in der Bucht.
War selber Hippie, allgäuer zwar und kein kalifornischer, aber Hippie. Was soll daran Kult sein? Und wenn schon, was hat das mit uns und mir oder dir zu tun?
Ich will's halt sehen, ich will dorthin...

Und so treidelte die fruchtlose Diskussion über eine längst versunkene Zeit dahin, und die Reiseleiterin berichtete darüber, wie die Hippies die Schlangenbucht und die danebenliegende Ziegenwiese für sich entdeckt, vollgeschissen und für nachfolgende Generationen, die kaum noch wissen, was ein Hippie war, zum Kult machten.  

Fassen wir uns kurz. In den 70er Jahren fiel einigen Leuten diese zauberhafte Bucht auf, besetzten sie und machten aus dem Zauber eine Sauerei. Daraufhin wurde die Bucht von den Behörden gesperrt, dann von den Aussteigern wieder erobert und wieder gesperrt. Und so weiter. Aus irgendwelchen Gründen war sie eine Art von Shangri La für zu spät Geborene geworden, die sich aber das Aussteigen ausgerechnet in dieser Bucht in den Kopf gesetzt hatten. Vor ein paar Jahren hat ein Spanier das Gelände gepachtet und die Genehmigung erhalten, hier einen Stellplatz zu betreiben. Die benachbarte Ziegenwiese ist immer noch wildes Land, das meist gesperrt ist, inzwischen aber wieder befahren werden darf. Dort gibt es gar nichts, außer Land auf einer Klippe, über die man, wenn Not am Mann oder der Frau ist und nichts anderes zur Verfügung steht, den Hintern hängen kann. Hier herrschen noch ähnliche Verhältnisse wie seinerzeit mit Blümchen im Haar. Nur kommen die Besucher jetzt in Carthagos, Alpas, Morelos oder Concordes, dazwischen auch mal Selbstausbauten und bescheidene Mittelklasse-Womos wie unser Franz. Mit Hippie hat das nichts mehr zu tun. Aber es ist halt Kult, auch wenn man zuhause, wenn der Morelo eingepackt ist, mit Kult nichts mehr am Hut hat. Und, ach, so viele träumen der guten, alten Zeit hinterher, die sie nie erlebt haben und deshalb keine Ahnung von ihr haben und in der sie, wenn sie sie erlebt hätten, an den Hippies kein gutes Haar gelassen hätten, wie ihre spießigen Väter und Großväter eben.

Wer noch einen Rest jener Phantasie besitzt, die der Chronist gestern zu bemühen versuchte, ahnt, welches Ziel wir heute im Visier haben. Abfahrt ist um 12:15 Uhr.  

Weil die Frostnächte in der Finca heftigen Raubbau an unserem Repsol-Gas verübten, führt unser erster Weg zu einer Repsol-Tankstelle im Norden von Murcia, die der Tankstellenführer als solche führt, in der man Gas bekommt. Nach einigem Hin und Her, weil Google Maps auch nicht immer den geschicktesten Weg vorschlägt, finden wir die Tanke im Universitätsviertel, ziehen aber unverrichteter Ding ab, weil es hier nur Butan gibt. Aber dem Franz besorgen wir schon mal einen vollen Bauch, damit wenigstens er zufrieden ist. In der Tankstelle rät man uns, weiter in Richtung Küste zu fahren, dort gäbe es viel mehr Propan, klar: wegen der Touristen. In Spanien wird vielfach Butan genutzt, was aber nicht so rein ist wie Propan und unseren Geräten schaden könnten. Verrußte Düsen im Kühlschrank braucht niemand. Also weiter. Ab jetzt verfolgen wir nicht das Ziel Schlangenbucht, sondern folgen der Tankstellen-App in den Süden. Drei weitere verheißungsvolle Tankstellen fahren wir an, aber überall gibt es nur Butan. So langsam zweifeln wir an unserer Aussage, dass mit dem Erwerb einer spanischen Flasche unser Gasproblem ein für alle Mal beseitigt sei. Wir haben noch längst keinen Notstand, schließlich wartet neben der Spanierin noch eine ziemlich volle deutsche Flasche auf ihren Einsatz. Dennoch hätte man gerne das Gefühl, eine Flasche zu bekommen, wenn man glaubt sie zu brauchen. Endlich finden wir eine große Tanke, auf deren Grund einige Womos herumstehen und vor dem Gebäude Gasflaschen stehen. Die Tanke ist zu und, wie wir aus einer anderen Tankstellen-App erfahren, vorübergehend geschlossen. Also weiter. Endlich klappt es. Bei Mazzarón bekommen wir dann endlich eine volle Flasche Propan für 20 €, bauen sie ein und schnurren beschwingt weiter in Richtung Schlangenbucht. Wegen der diversen Ab- und Umfahrten bei unserer Tankstellensuche, macht es wenig Sinn, die Route nachzuzeichnen, die wir gefahren sind. Die grobe Fahrtrichtung ist Almería / Granada auf der A-7, dann wechseln wir auf die RM-3 und kurven dem Sehnsuchtsziel der Navigatorin entgegen. Wer die Bucht finden will, findet sie hundertprozentig, Beschreibungen gibt es für die „Kultbucht" mehr als genug.  

Um 14:40 Uhr sind wir da. Vor uns liegt ein sandiges, völlig unparzelliertes und unstrukturiertes Areal, das so besiedelt wird, wie es das bucklige Gelände und die mit den Jahren ausgearbeiteten Fahrwege zulassen. Wir haben die Schlangenbucht (Playa de Percheles) erreicht [N 37° 31' 47,5'' W001° 22' 44,2'']. 102 km sind wir mit all den Tankstellenabzweigen gefahren, und es hat 16 °C bei einem unverschämt blauen Himmel.  

Links, vor einer windigen Schranke, steht ein ebenso windschiefes Kassenhäuschen, aus dem ein bärtiger Spanier tritt und den Chauffeur, als dieser das Fenster zum Gruß herablässt, mit einem breiten Lachen begrüßt. Nicht schlecht, hombre sinfástico. Die Reiseleiterin plaudert, bezahlt 6 € für die Nacht, die Schranke geht auf und wir sind im verbürgerlichten Hippietraum der Beifahrerin, die strahlt, als dürfe sie gleich mit Harry Potter auf dessen Feuerblitz eine Runde über die Bucht fliegen. Wir finden einen brauchbaren Platz, nicht weit vom Strand, unter einer kleinen Düne, die uns den Wind einigermaßen abhält. Wenn man sich umblickt, kommt man nicht umhin, dass sich hier kein gewöhnliches Campingpublikum einfindet. Beispielsweise dürfte der Altersdurchschnitt maximal die Hälfte dessen in Murcia betragen. Viele Familien mit Kinder treiben sich hier herum, wobei sich der Chronist frägt, ob die zwei Kinder aus dem alten FOX vor uns nicht in die Schule müssen. Alt genug sind sie und in Niedersachsen, wo sie herkommen, sind unseres Wissens weder Ferien noch Corona-geschlossene Schulen. Vielleicht sind sie schon schlau genug. Viele Sportler sind unter den Anwesenden, Mountainbiker und Stand-up-Paddler, aber auch viele Angler. Und einige hier gehören eindeutig schon zum Dauerinventar der Schlangenbucht. Mit 6 € am Tag kann man definitiv längere Zeit überwintern, wenn man keine Ansprüche hat. Die sollte man auch nicht haben, denn außer Landschaft, Klippen und Wasser gibt es hier nichts; Ent- und Versorgung ist gewährleistet, Mülleimer stehen überall herum, aber Duschen, Toiletten oder Strom sucht man vergeblich. So gesehen ist es verständlich, dass vor einigen Womos riesige Sonnenpaneele aufgebaut sind. Eine kleine Bar soll es inzwischen auch geben, und wir meinen, sie auch verdeckt hinter Autos entdeckt zu haben, aber ge- oder gar besucht haben wir sie nicht.  

Um 15:30 Uhr ziehen wir mit den Mädels los, wenige Schritte hinüber in die sandige Bucht, wo uns schon ein Stand-up-Paddler unentwegt anstarrt, dass wir nicht wissen, ob er es unangemessen findet, wenn wir unsere Mädels wenige Meter an ihm vorüberführen oder ob er Angst hat. Als wir näherkommen, entfährt ihm: „So schöne Hovawarte!" Und dann erfahren wir, dass er hier vor einer Woche seinen zehneinhalbjährigen Hovawartrüden wegen Prostatakrebs einschläfern lassen musste. Er hatte glänzende Augen, vor Trauer und vor Glück. Seit Ende August sei er schon hier und wird auch noch den Rest des Winters bleiben, dann aber wird er sich zuhause einen neuen Hovawart holen, diesmal vermutlich eine Hündin. Wir ziehen weiter, die Klippen hoch, genießen eine atemberaubende Landschaft und Felsformationen, dass uns fast der Atem stockt. Über Stock und Stein und auf und ab sind wir nach fast eineinhalb Stunden wieder zurück. Was das Leben als Hundeführer hier nicht leicht macht, ist, dass hier fast jeder mindestens einen Hund hat und viele frei herumlaufen; je alternativer oder näher an den Hippies man sich wähnt, desto unkontrollierter der Hund.  

Jetzt wird es schon empfindlich frisch, aber wir bauen dennoch unseren Lotus-Grill draußen auf, packen zwei prächtige Thunfischsteaks drauf, dazu vorgekochte Kartoffeln und ein paar Paprikastreifen – und fertig ist ein köstliches Abendessen. Jetzt wird es schon empfindlich frisch, aber wir bauen dennoch unseren Lotus-Grill draußen auf, packen zwei prächtige Thunfischsteaks drauf, dazu vorgekochte Kartoffeln und ein paar Paprikastreifen – und fertig ist ein köstliches Abendessen.

Gegen 23 Uhr beschließen wir den Tag, der den Chauffeur wegen des Gases und die Reiseleiterin wegen der Kultbucht glücklich gemacht hat. Mehr kann man von einem Tag nicht erwarten. Draußen hat es noch immer 12 °C, aber der Wind kühlt die Luft auf gefühlte 6 °C herunter, obwohl er eigentlich nur ein bisschen charmant herumstreicht, um den Hippies nicht die gebatikten Flatterhosen vom dürren Leib zu reißen.