Samstag, 22.1.2022
Es ist ziemlich wolkig heute Morgen, was bedeutet, dass der Sonnenaufgang ausfällt. Natürlich geht die Sonne auch heute auf, aber jenen, die sich unzeitig aus den Decken geschält, ins fixe Morgen-Outfit geworfen haben, um einen weiteren Sonnenaufgang fotografisch der Nachwelt zu erhalten, scheint die Sonne heute nicht oder nicht so wie sie sollte. Die Reiseleiterin wirft nur einen scheelen Blick aus dem Fenster, dann einen aus dem Wohnzimmerdach und gräbt sich wieder ein. Um 9 Uhr, als wir es für uns trotz nicht aufgegangener Sonne endlich hell genug finden aufzustehen, hat es 12 °C. Wolkig ist es noch immer.
Der Tag beginnt nicht nur ohne Sonnenaufgang, sondern auch noch mit einer „Notoperation". Fianna muss zur Ader gelassen werden. Sie ist eine äußerst unkomplizierte Hündin, mit ihren zehn Jahren noch topfit, aber seit ewigen Zeiten hat sie mit Malassezien zu kämpfen. Malassezien sind Hefepilze, die in jedem Körper vorkommen, sich aber unter Umständen zu einer Dermatitis entwickeln können, die kaum zu heilen ist. Sie nisten sich dann in Körperstellen mit einem feuchten Milieu ein, vermehren sich fröhlich und lassen sich kaum vertreiben. Fianna hat sie in den Ohren. Wir haben schon Kuren mit entsprechenden Medikamenten und Spülungen vorgenommen, aber die Biester werden sehr wahrscheinlich erst gemeinsam mit unserer Dame abtreten. Die Folgen sind dicke Beläge, unangenehmer Geruch und vor allem Juckreiz. Bei Fianna ist das verstärkte Auftreten der Pilze hormonbedingt. Vor und während der Läufigkeit explodieren sie geradezu und dann leidet sie heftig und kann gar nicht mehr aufhören, sich das stark befallene linke Ohr zu kratzen. Und derzeit ist Fianna in dieser für die Pilze so günstigen hormonellen Situation, weil sie eigentlich schon seit Wochen läufig sein müsste, aber gar nicht daran denkt, endlich mal zu Stuhle zu kommen. Deswegen schleppt sie diese Malaise durch halb Europa. Wir reinigen das Ohr zwar dauernd und geben Surolan, aber letztlich sind uns die Pilze immer eine Nasenlänge voraus. Und nun hat sich Fianna ein Blutohr gekratzt, ein dicker Bluterguss im Ohr, der Schmerzen verursacht. Zudem lässt er das dick geschwollene Ohr wie einen Wimpel rechtwinklig abstehen. Das eine ist eine ästhetische und optische Sache, das andere eine behandlungsbedürftige. In den vergangenen Tagen haben wir versucht, die Angelegenheit mit Heparinsalbe, die uns zur Behandlung empfohlen wurde, in den Griff zu bekommen. Fehlanzeige! Heute Morgen greift die Veterinärin mit Unterstützung des Veteranen zur Kanüle. Zwei Spritzen Blut ziehen wir aus dem Ohr. Hinterher wird desinfiziert und dann schauen wir mal, was wird. Dass es mit einem Mal abgetan sein könnte, ist sehr unwahrscheinlich. Wir werden unser Herzblatt noch mehrmals traktieren müssen. Es ist immer wieder unfassbar, wie geduldig unsere Hunde mit uns sind. Fianna zuckt zwar ein bisschen, versucht den Kopf wegzuziehen, aber als ihr das nicht gelingt, lässt sie es geschehen, nimmt anschließend ihr verdientes Leckerli entgegen und ist der gleiche Sonnenschein wie alle Tage. So etwas kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Einen dicken Knuddler bekommt sie selbstverständlich auch noch; den hat sie sich verdient.
Während Heike mit Fianna und Hedda einen sehr ausgedehnten Spaziergang durch die Klippen macht, kümmert sich der arbeitslose Chauffeur ums Frühstück. Kaum sind die drei wieder zurück und das Frühstück bereit zum Verzehr, klopft es an Franzens Tür. Draußen steht ein Bauer, der Orangen direkt vom Baum anbietet. Das ist sehr nach unserem Geschmack. Wir kaufen ein sackschweres Netz Orangen und ordern gleich noch ein ebensolches Mandarinen. Dagegen hat nun der Bauer wiederum nichts und flitzt davon. 8 € möchte er für jedes Netz. Das ist ein reelles Angebot. Natürlich kommen die ersten Orangen gleich für den O-Saft zum Einsatz und bewähren sich prächtig.
Um 11:45 fahren wir los. Wir sind nicht die Einzigen, fast die Hälfte der gestrigen Belegung, zumindest in unserem Teil der Schlangenbucht, dürfte abgereist sein. Es ist nicht mehr wolkig, dafür richtig bewölkt und es hat 15 °C.
Heute soll es weiter in den Süden gehen, nach Cabo de Gata. Erst einmal halten wir uns von den Rennstrecken fern und kurven auf den Nebenstrecken durchs Land, immer zwischen Autobahn AP-7 und der Küste. In Águilas drängt sich uns ein Carrefour förmlich auf, und zwar so sehr, dass wir einfach nicht nein sagen können. Allerdings gibt es auf der Hauptstraße keine Einfahrt zu einem Parkplatz, weil da auch keiner ist; dieses Einkaufszentrum, zu dem auch der Carrefour gehört, hat nur eine Tiefgarage. Wir umrunden das Einkaufszentrum und finden auf der Rückseite um kurz vor 13 Uhr einen riesigen Parkplatz, der bis auf ein Wohnmobil, leer ist. Mit den Besitzern, ein mitteljunges Paar aus Berlin, das gerade seine Einkäufe verstaut, kommen wir natürlich ins Gespräch und erfahren, dass sie ein ganzes Jahr unterwegs seien. Das macht uns etwas stutzig, weil jetzt zwei schulpflichtige Kinder aus dem Auto steigen und gleich frohgemut mitplappern. Das gibt der Reiseleiterin die Gelegenheit die inquisitorische Frage zu stellen, die uns seit gestern auf dem Herzen liegt: „Und ihr zwei, ihr müsst gar nicht in die Schule?" „Nein", antworten die Eltern, „wir haben eine Freistellung für ein Jahr und beschulen die beiden selbst". Das sei ein harter Kampf gewesen, aber letztlich hätten sie es durchgekriegt. Ob die beiden kleinen Ohrfeigengesichter aus der Schlangenbucht ebenfalls freigestellt sind? Wir haben Zweifel. Diese Leute hier in Águilas sind eine andere Gewichtsklasse als jene in ihrem alten FOX, die es nicht einmal geschafft haben zu grüßen. Egal. Und wenn man so plaudert, erfährt man, dass sie gerade von einer Tankstelle hier in der Nähe kämen, wo man deutsche Gasflaschen aufgefüllt bekommt.
Jetzt aber erst zu Carrefour. Nur über die Straße und schon ist man in diesem Einkaufszentrum, das, wie es scheint, außer einer Parfümerie und dem Supermarkt komplett außer Betrieb ist. Nichts, nur dunkle und leere Geschäfte und Auslagen. Das erklärt den leeren Parkplatz. Traditionell dauern Einkäufe bei Carrefour immer etwas länger und so schleppen wir wieder einmal mehr als wir brauchen und der Franz (er)tragen kann aus der Geisterbude. Die Berliner sind weg, wir sind allein auf dem Riesenplatz und die Logistikchefin beschließt, jetzt und auf diesem Parkplatz die gesamte Warenverteilung in unseren diversen Lagerorten neu zu organisieren. „Muss das jetzt sein? Geht das nicht später in Ruhe?" „Muss sein" und verschwindet komplett im Tamilenfach. Der Chauffeur nimmt in seinem Fahrersitz Platz und starrt auf einen leeren Parkplatz, weil er weiß, dass jetzt jede versuchte, auch noch so gutgemeinte Hilfe robust abgewiesen würde. Nach etwa einer halben Stunde, etwa um 14:40 Uhr nehmen wir die Straße wieder unter die Räder, und zwar mit der Absicht die Fülltankstelle zu finden. Nach 20 Minuten stehen wir vor der Camper Area Ánibal [N 37° 23' 19,2'' W 001° 36' 56,8''], einer Tankstelle mit Stellplatz, V+E, Waschplatz für Wohnmobile und umfassende Gasversorgung. Der Chauffeur holt die soeben bei Carrefour mittig im Tamilenfach verstaute, leere deutsche Flasche heraus, indem er wieder alles davor Platzierte ausräumen muss, dann bekommt die Flasche einen Stutzen aufgeflanscht, und nach zwei Minuten ist sie proppenvoll. Die Logistikerin löhnt 20 €, der Chauffeur packt die Flasche wieder in die Mitte des Lagers, alles andere davor – und weiter geht es um 15:15 Uhr.
Nach all der verbrauchten Zeit entscheiden wir, die nächste Auffahrt zur AP-7 zu nehmen, damit wir auch heute noch ankommen. Was wir nun auf dieser Fahrt zu Gesicht bekommen, ist landwirtschaftlicher Horror, der komplett durchindustrialisierte Massenanbau von Obst und Gemüse. Auf einigen Abschnitten sehen wir bis zum Horizont nichts als silbergrau verpacktes Land, als ob sich Christo neu erfinden und noch spektakulärer austoben wollte. Aber Christo ist tot, also muss sich um andere Verhüllungen handeln. Außer den Wirtschaftswegen zwischen den Folien und Netzen gibt es absolut nichts anderes mehr. Das ganze Land, Kilometer um Kilometer, ein einziges riesiges Gewächshaus, ein ganzes Land unter einer silbergrauen Burka. Als wir die AP-7 verlassen und auf der sehr gut ausgebauten A-7 weiterfahren, dann auch auf Landstraßen, kommen sind wir diesem Agrarmoloch noch näher. Jetzt sehen wir kilometerweit, was wir neulich etwas theoretisch in die Diskussion gebracht haben: Die Vermüllung eines Landes durch Verhüllung. Tatsächlich wehen überall, an Zäunen, Stromleitungen, Bäumen, Sträuchern und an allem, was dem Wind im Weg steht Folienfetzen, treiben über die wenigen freien Flächen und flattern uns an sehr engen Stellen sogar vor die Windschutzscheibe. Kisten, Kartons, Plastikeimer, -flaschen und -container trudeln umher, weil sie niemand sorgsam verstaut oder entsorgt, sondern einfach auf einen Haufen geworfen werden, wo sie sich vom Wind davontragen lassen. Das ist der Preis für die ganzjährige Rundumversorgung zum Kampfpreis. Wer in den nächsten Wochen zuhause in den Supermarkt geht und die vollreifen Tomaten aus Spanien sieht, hat vermutlich keine Ahnung von den Umständen, unter denen sie gezogen werden und greift frohgemut zu. Uns werden diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf gehen. Wir warten künftig auf deutsche Tomaten, auch Zucchini oder Beeren müssen nicht im Februar sein.
Aus, wie es uns scheint, schierer Bosheit verführt uns der Google Depp kurz vor unserem Tagesziel direkt ins Auge dieses agrarischen Zyklons, näher waren wir dem Abgrund nie. Als uns unsere Sinne nach links in Richtung Süden weisen wollen, drängt er darauf, rechts abzubiegen. Dieses Sträßchen, das wir nun befahren - wenn man das fahren nennen darf - soll zu einem ACSI-Campingplatz führen? Aus dem Sträßchen wird ein Schotterweg, aus dem Schotterweg, stramm bergauf, ein mit von Sturzfluten von tiefen Rinnen durchfurchter sandiger Wirtschaftsweg, bis auch die technikgläubige Navigatorin zur Überzeugung gelangt, dass auch dieser Weg, wie jeder, ein Ende haben wird, an diesem aber sicher kein Campingplatz zu finden sein wird. Wir stecken tief eingepfercht zwischen feindlich blickenden Folienhäusern. Wir haben uns tatsächlich komplett verfranzt. Also heißt das wieder einmal, auf dem Teller zu wenden, Millimeterarbeit für einen mit der Ruhe eines von vielen Navigatorinnenstreichen gestählten Chauffeurs. Man würde es ihm jetzt sicher nicht übelnehmen, wenn er, an Udo Lindenberg knüpfend, leise „Wozu sind Navigatoren da?" singen würde. Die Antwort? Um dem kühlherzigen Chauffeur den Arbeitsplatz zu sichern! Wir tasten uns also wieder aus diesen Folienschluchten hinaus und Richten die Franzennase dorthin, wo wir sie längst hätten richten müssen, aber wieder erhebt der Google Depp Einspruch und besteht auf Umkehr. Diesmal schenken wir ihm kein Gehör und fahren dorthin, wohin uns die einigermaßen geschulten Sinne führen.
Um 17:05 Uhr stehen wir endlich vor den Toren von Camping Escullos in Cabo de Gata. Die Quartiermeisterin kommt nach über einer Viertelstunde mit sehr skeptischem Blick zurück: Sehr voll, nur zwei kleine Plätze noch im Angebot, vor allem dort, wo die Dauercamper kuscheln. Wenn wir einen der kleinen Plätze nähmen, könnten wir morgen umziehen, aber sie sind wirklich sehr klein! Der Chauffeur lehnt ab. Wir fahren zurück, einige Kilometer von hier ist ein Stellplatz, der tut es zumindest für eine Nacht, dann sehen wir weiter. Die Quartiermeisterin geht zurück zur Rezeption, teilt dort unsere Entscheidung mit und kommt mit einer Vorreservierung für morgen wieder; morgen würden einige abreisen, dann bekämen wir eine ausreichend große Parzelle. So soll es sein. Tomorrow is another day...
Um 17:20 Uhr kehren wir um, rollen 15 Kilometer zurück, woher wir gekommen waren, und biegen auf den Stellplatz Camper Park Olivares in Albaricoques [N 36° 50' 52,4'' W 002° 07' 03,7''] ein, den wir auf der Vorbeifahrt schon registriert hatten, weil einen die Erfahrung lehrt, alles zu erfassen und abzuspeichern, was man irgendwann einmal brauchen könnte. Das sind heute 284 km, und jetzt, um 17:45 Uhr ist es mit 13 °C schon abendlich frisch und wolkig. Der Stellplatz bietet etwa 25 Mobilen Platz, teilweise ist Strom verfügbar, Duschen, Toiletten, sogar zwei Spül- und Waschplätze gibt es, Ent- und Versorgung natürlich auch, es ist also alles gerichtet für eine geruhsame Nacht für 11 €. Beschützt werden wir von einem mächtigen großen Bruder, der unsere rechte Seite flankiert, einem bestimmt vier Meter hohen Expeditions-Truck, Doppelachse hinten, Unterkante der hinteren Ladeklappen etwa auf Heikes Kopfhöhe und geschätzte 17 Tonnen schwer. Irgendwie wirkt so ein Berg von Fahrzeug sehr beruhigend aufs Gemüt.
Viel Auslauf bekommen die Mädels heute nicht mehr; davon hatten sie in den vergangenen Tagen, wenn man von Murcia absieht, genug. Wir haben auch keine großen Bedürfnisse mehr; die übrige Tajine von Franze bedient sie absolut ausreichend für uns beide. Um 22:30 Uhr machen wir Schluss für heute.