Dienstag, 25.1.2022

Schon nachts regnet es, wie vorauszusehen, immer wieder. Auch morgens ist der Himmel noch nicht wieder dicht, immer wieder spritzelt er herum. Überwiegend ist es aber stark und wechselnd bewölkt, schwere Wolken, die der Wind aus dem Nordosten übers Land trägt.  

Wir spulen unsere Morgenroutinen ab, zu den inzwischen auch eine Ohrpunktur bei Fianna gehört, weil sich unsere Mutmaßung, dass wir mit einem Mal nicht davonkommen, bewahrheitet. Angenehm ist das für das OP-Team und Fianna nicht, aber sie hält durch und weiterhin zu uns.  

Gefrühstückt wird auch, wie es sich gehört, zumal unsere vorgesehene Strecke heute sehr überschaubar ist. Dann werden die großzügigen Duschen noch einmal in Anspruch genommen und die Rechnung beglichen, der Strom abgenommen (Betty ist zwischenzeitlich randvoll) und dann geht es los. Es ist schon wieder 11:50 Uhr. Unter den dicken Wolken staut sich die Luft auf 16 °C.  

Wir fahren wieder auf die A-7, bei Almería nehmen wir die A-92. Dann geht's auf die N-340 in Richtung Tabernas / Sorbas. Unser Ziel ist heute der Stellplatz Little Texas, den wir schließlich über die A-1100 um 13 Uhr erreichen [N 37° 05' 41,5'' W 002° 17' 16,1'']. Es regnet leicht.  

Was treibt uns hierher?  

Über 280 km2 erstreckt sich hier im Norden von Almería die Wüste von Tabernas (Desierto de Tabernas). Es handelt sich dabei nicht um eine richtige Wüste wie etwa die Sahara, sondern um eine Halbwüste, was bedeutet, dass es hier noch Pflanzenbewuchs gibt, wenn auch stark reduziert. Die Wüste von Tabernas ist die trockenste Region auf dem gesamten europäischen Kontinent. Trotzdem kommen hier viele endemische Pflanzen- und Tierarten vor. Typisch für diese Art Wüste sind die durch Sturzwasser und Erosion entstandenen abenteuerlichen und abweisenden Landschaftsformationen. Im Englischen kennt man solche durch tiefe Erosionsrinnen zerklüfteten Hügel als badlands, und sie erinnern tatsächlich an die Wüsten Nordamerikas und Nordafrikas. Das wollen wir sehen.  

Wer jetzt an Western denkt, liegt völlig richtig. Lawrence von Arabien, Für eine Handvoll Dollar, Indiana Jones und Der letzte Kreuzzug wurden hier gedreht. Auch Vier Fäuste für ein Halleluja entstand im größten noch existierenden und immer noch genutzten Westerndorf Fort Bravo, das auch als Kulisse für Der Schuh des Manitu oder Die Daltons gegen Lucky Luke diente. In den mehr oder weniger erhaltenen Westernstädten, die sich hier zusammendrängen und als Kulisse dien(t)en, werden Western-Shows geboten, Spektakel wie Saloon-Schlägereien, Can Can-Shows, Bluegrass-Musik, Verfolgungsjagden und Banditen werden auch am nächsten Baum aufgeknüpft. Zu diesen touristischen Zentren gehört auch die Lokation Oasys und Western Leone, wo Spiel mir das Lied vom Tod gedreht wurde. Heute werden sie als Freizeitpark genutzt, zu denen meist auch Stell- oder Campingplätze gehören. Billig sind die Vergnügen in den Freizeitparks nicht. Bei Oasys Mini Hollywood kostet so eine Schau beispielsweise 23 €, mit Demenzrabatt 19 €. Wem der Tingeltangel so viel wert ist, wird sich dort sicher gut aufgehoben fühlen; wir brauchen das nicht. Jedem das Seine und uns das Unsere. Wer sich dafür interessiert, kann sich im Internet informieren. Weil wir das alles nicht brauchen und unsere Ruhe wollen, haben wir uns für diesen abgelegenen Stellplatz Little Texas entschieden, der uns auch empfohlen wurde. Manchmal greift man eben daneben, nur wissen wir das heute noch nicht.  

Dass wir in die trockenste Region ganz Europas fahren und es den ganzen Tag regnet, hätte uns vielleicht schon an der Richtigkeit unserer Entscheidung zweifeln lassen können. Da wir nicht zu den Verschwörungstheoretikern gehören, liegen uns solche Analogschlüsse fern. Und so kommt es, dass sich die einen ständig vom Verderben umzingelt fühlen und die anderen blindlings hineinlaufen.  

Wir werden in Little Texas freundlich begrüßt, finden einen raumgreifenden Platz und sind zufrieden. Natürlich fällt uns sofort auf, dass auch hier CEE- und Standardsteckdosen auf unsere Betty warten. Da sie aber noch immer voll geladen ist, können wir auch heute keine weiteren Tests machen. Es kommt der Tag... Den angebrochenen Tag, genauer diesen Nachmittag, verdröseln wir erst einmal.

Jedes Karnikelloch wird inspiziert

Zwischen 17 Uhr und 18 Uhr schauen wir uns mit Fianna und Hedda die Umgebung an. Hier gibt es nichts als Buschsteppe, verdorrtes, aber längst nicht verwüstetes Land. Von badlands kann keine Rede sein. Die Umgebung von Little Texas unterscheidet sich nicht von dem, was wir schon in den vergangenen Tagen erlebt haben. Wir stapfen über Ackerwege, springen über tiefe Wasserrinnen – und sind unentwegt auf der Suche nach unseren Hunden. Die sind, anders als wir, nicht auf der Suche, sondern längst fündig und auf der Spur. Hier wimmelt es von Kaninchen. Wenn wir nicht über eine Erosionsrinne springen müssen, tun wir gut daran, nicht in ein riesiges Karnickelloch zu stolpern. Meist sehen wir unsere Damen nur kurz in der Vorbeihatz, mit heraushängender Zunge. Vorndran immer Hedda, die alle conejos auf einmal schnappen möchte, so wie sie am Strand die Seebälle sammelt, hintendrein Fianna, die sich in den Behausungen umschaut, ob da nicht etwas zu greifen wäre. Leer ausgehen tun beide. Kein Kaninchen hat unseren Besuch mit seinem Leben bezahlt.  

Zwischen diesem ruppigen und dürren Buschland stehen ausgedehnte Olivenpflanzungen. Weil uns der nächste Weg zurück an der Straße entlanggeführt hätte, entscheiden wir uns für einen kleinen Umweg durch die Oliven, um die Straße erst später, kurz vor unserem Stellplatz, kreuzen zu müssen. Und während wir auf den ersten dieser Olivenhaine zugehen und uns wundern, was das für Erdanhäufungen zwischen den Baumreihen auf dem sonst so kargen Boden sein könnten, weiß Hedda schon Bescheid und macht eine entschlossene Rolle vorwärts in den Erdhaufen. Jetzt riechen auch wir, worum es sich dabei handelt: Mist, Dung. Wahrscheinlich von Ziege oder Schaf. Noch einmal taucht sie unter, all unseren Unterlassungsaufforderungen trotzend. Nur Fianna können wir gerade noch von einem Salto in die Miste abhalten. Was kann man machen? Jetzt setzt sich der Bairische Blues also aus einem Fischkopf, einem Schafskopf, angeführt von zwei Blödköpfen, zusammen, und stellt die wahrscheinlich schaurigste Reisegruppe seit den Marx Brothers.  

Der Versuch, mit einem Campari-Orange-Aperitiv uns den Geruch im Franz erträglicher zu machen, geht erwartungsgemäß daneben. Dagegen helfen nur deftigere Dünste. Deswegen braten wir uns ein Büffel-Hüftsteak, garnieren es mit Pommes rissolées, also klein gewürfelten Bratkartöffelchen, und toppen das Ganze mit Friséesalat. Voilà, diesen Fettdünsten hat nicht mal Heddas Schafsnacken etwas entgegenzusetzen.