Mittwoch, 26.1.2022
Es regnet, der Wetter Depp sagte trockenes, wolkiges Wetter voraus. Es ist alles grau und der alte Engländer sagt, dass wir ein verrücktes Wetter hätten, weil es hier im Januar nie regnet. Komisch, dass ausgerechnet uns das immer wieder passiert, zuletzt vergangenes Jahr in Dänemark, als man uns versicherte, dass das Wetter um diese Jahreszeit immer super stabil sei, nur eben heuer nicht. Der destabilisierende Faktor scheinen wir zu sein. Auch Campingplätze schließen und brauchen Urlaub, nachdem wir da waren. Irgendwann wird man vielleicht einmal lesen, dass nicht Corona verantwortlich war, dass überall die Grenzen geschlossen wurden...
Morgens um 7 Uhr hat es sehr mäßige 6 °C. Und es regnet.
Wir nehmen es zur Kenntnis, sitzen es aus und beschließen nach vorne zu blicken, denn dieser Stellplatz ist auf unserer bisherigen Reise die erste Pleite. Das liegt nicht eigentlich am Stellplatz selbst. Die Betreiber sind Engländer und ausgesprochen nett. In dieser Hinsicht ist alles in Ordnung. Der Stellplatz ist großzügig angelegt, es stehen sehr große Toiletten und Duschen zur Verfügung, alles ist sauber. Für Ver- und Entsorgung ist selbstverständlich auch gesorgt. Wer will kann sich abends in einer selbstgezimmerten Bar zusammensetzen und picheln. Soweit ist alles in Ordnung. Aber der Platz hat für unseren Geschmack drei erhebliche Mängel.
Das Publikum ist seltsam reserviert, teilweise hochnäsig. Es kommt zu keinerlei Kontakt und es scheint, als ob zwischen den Fahrzeugen unsichtbare Wände errichtet wären. Auch wenn man nicht zu denen gehört, die ständig mit allen labern müssen, schafft das eine gewisse Beklemmung. Es entsteht hier kein Gemeinschaftsgefühl, das man sonst empfindet, auch wenn man dem anderen nicht auf dem Schoß sitzt. Jeder Platz wirkt wie ein Ego-Zentrum, so kommt es auch zu keinem Informationsaustausch.
So ein Eindruck verstärkt sich, wenn man richtig kotzbrockige Nachbarn hat wie die Österreicher neben uns. Sie residieren und halten Hof in einem umgebauten, gelben, aber richtig hässlichen Truck, in dem früher vielleicht mal die Christel von der Post Pakete ausgefahren hat. Aber sie tragen den Dünkel vor sich her, die einzigen echten Wohnmobilisten zu sein, mit dem Recht, auf die Konfektionsbüchsen rotznäsig herabblicken zu dürfen. Das gipfelt dann in so todlustigen Sprüchen auf dem Fahrzeugheck, wie ein auf den Kopf gestelltes „If you can read this, please turn me over!" Welch ein Unterschied zu unserem Big Brother in Albaricoques, der wirklich ein Augenschmaus und eine prächtige Erscheinung war, aber von Dünkel war bei seinem Besitzer nichts zu spüren. Was er vermittelte, war die tiefe Liebe zu seinem Gefährt und Stolz, sonst nichts. Und er fand es überhaupt nicht unter seiner Würde, mit Weißwaren-Mobilisten zu plaudern. Man kann sich auf einem Camping- oder Stellplatz seine Nachbarschaft nicht aussuchen, aber solche aufgestanzten Prolls sind uns noch selten untergekommen. In ihrem Fall ist es ein Segen, dass der Platz Kontakte reduziert.
Ein weiterer Grund für unsere Unzufriedenheit ist, dass wir uns mit der Platzwahl verzockt haben. Der Platz liegt weit außerhalb des Wüstenbereichs, den wir eigentlich sehen wollten. Hier ist nichts anders als wir bereits kennen, buschiges, sandiges und steiniges Ödland mit Olivenpflanzungen. Das hätten wir überall haben können. Und sonst ist hier aber wirklich gar nichts, was einen Besuch wert wäre.
Und drittens, aber am schlimmsten ist eine nur wenige hundert Meter vom Stellplatz entfernte Motorrad-Rennstrecke. Gestern war von ihr nichts zu hören, aber heute geht es den ganzen Tag im Kreis, von morgens acht Uhr bis ihnen die Nacht den Turbo abdreht . Wir haben keine Ahnung, wie viele Rennsportler ihre Trainingsrunden drehen, eine um die andere, das Gas bis zum Kolbenfresser aufdrehen, bis es kracht und scheppert. Auch dafür können die Platzbetreiber nichts. Die Reiseleiterin ist trotzdem maximal nervengezerrt und kaum ansprechbar; sie sitzt den lieben langen Tag mit EarPods vor ihrem Rechner und versucht der Außenwelt zu trotzen. Möglicherweise denkt sie darüber nach, wie man es anstellt, dass diese Krawallbrüder in der nächsten Westernshows an einen Ast geknüpft werden. Am frühen Abend erfahren wir von Nick, einem der Betreiber, dass auch er genervt sei und heute schon einige Gäste wegen des Lärms abgereist seien. Das haben wir auch bemerkt. Aber, so Nick, das sei nicht der Normalzustand, heute sind lauter Testfahrer auf der Strecke. Dennoch sollte jeder, der kein Motorradfan ist, wissen, dass man auf Little Texas damit rechnen muss, den ganzen Tag die Ohren vollgeblasen zu bekommen und der Platz dann ganz sicher kein Ort zum Chillen ist.
Weil es regnet, frühstücken wir wieder spät, Baguette und Schokobrötchen gibt's in der Bar. Dann führt Heike die Mädels aus, der Küchenmeister sorgt für klar Schiff und anschließend gehen wir an die Planung unserer Weiterreise. Es gibt Situationen, die gehen nicht ohne Planung. Beispielsweise, wenn man die Alhambra besichtigen will. Es ist sehr empfehlenswert, auch in dieser Jahreszeit Tickets vorzubestellen, weil man sonst eventuell leer ausgeht oder nur zu Zeiten eingelassen wird, die einem nicht passen. Der Plan sieht also wie folgt aus: Heute in Little Texas abdröhnen, morgen relativ früh (Achtung: Herausforderung!) abreisen, dabei versuchen, noch ein wenig in die Badlands einzutauchen und die Westernstädte zu besuchen und dann nach Guadix und Granada weiterfahren. Am Freitag haben wir Tickets für die Alhambra. Und danach treibt uns wieder der Wind vor sich her.
Der Rest des Tages ist schnell erzählt. Die Mädels dürfen nachmittags nochmal eine große Runde drehen und wir begnügen uns mit einer Restebrotzeit, weil irgendwann die kleinen Überbleibsel der letzten Tag wegmüssen. Es bleibt weiter sehr bewölkt, aber trocken, abgesehen von einer halben Stunde nachmittags.
Um 22 Uhr schließen wir Frieden und ab mit Little Texas. Es hat 10 °C und ist bewölkt.