Donnerstag, 27.1.2022

Wir kommen, wie geplant, aber wider Erwarten zügig aus den Betten. Um 9 Uhr messen wir 9 °C, der Himmel zeigt sich immer noch zugeknöpft. Wir duschen, machen den Franz rundum klar, holen uns einen Schoko-Muffin aus der Bar und begleichen unsere Schulden über 36 €. 

Um 9:30 Uhr verlassen wir Little Texas und teilen uns brüderlich und schwesterlich den Muffin, was Fianna und Hedda als zu egoistisch werten und sich zwischen die Sitze schieben, um eine Viertelung des Muffins einzuklagen. Da bleibt ihnen allerdings der Schnabel sauber, weil sie die einzigen neben dem Franz sind, die heute schon Frühstück hatten.  

Jetzt tauchen wir auf der N-340 in die raue und abweisende Welt der Badlands von Tabernas ein, einer tief zerklüfteten Hügellandschaft mit schütterem Macchia-Bewuchs und dürrem Steppengras. Gelegentlich kann man den Eindruck gewinnen, dass die ausgewaschenen Schluchten tiefer sind als die Bergkegel, die sie stehen ließen, hoch sind. Um 9:45 Uhr fahren wir auf einen gleich an der Straße und hoch über Texas Hollywood und Fort Bravo liegenden Parkplatz und sehen uns um. Hinunter fahren wir nicht, weil alle Westernstädte und Freizeitparks in dieser Jahreszeit nur an Wochenenden in Betrieb sind, das heißt, die Tore von Texas Hollywood sind für uns genauso verrammelt wie für jenen Wohnmobilisten, der hinuntergefahren ist und sich nun unverrichteter Dinge wieder hochwuchten muss. Der Rundumblick ist von hier oben sowieso unschlagbar, obwohl der Himmel noch immer stark verhangen ist.  

Ein exklusiver Freistehplatz

Weiter geht es auf der A-340 und um 10:25 Uhr biegen wir auf den Parkplatz von Oasys Mini Hollywood ein. Wir stellen uns gleich linkerhand in die Parkstreifen und sehen uns um. Hier ist man näher am Geschehen als bei Texas Hollywood, obwohl natürlich auch Oasys geschlossen ist. Aber über den Palisadenzaun kann man einen Blick auf die Westernstadt werfen. Die Landschaft scheint uns hier noch ein wenig wüster und gnadenloser zu sein. Für Camper, die es gerne sehr einsam und exklusiv mögen, gibt es hinter den überdachten PKW-Parkplätzen rechterhand einige wenige Alleinstellungsplätze direkt über dem Abgrund. Einsam und exklusiv sind die natürlich nur an Tagen wie heute, wenn hier kein Betrieb ist. Wer möchte, kann die Westernstadt auch umfahren und ganz hoch oben auf den zerklüfteten Kegeln die Nacht verbringen. Von unserer Position hier unten können wir einige Wohnmobile dort oben ausmachen. Möglicherweise gehören diese Plätze zum Restaurant Chiringuito Africa, das dort residiert; aus unserer Perspektive sehen sie aus wie Brotzeitplätze der Geierwally und des Geißenpeter.  

Um 11 Uhr haben wir genug gesehen und fahren weiter. Nach kaum einem Kilometer biegen wir auf die A-92 in Richtung Granada.  

Die Fahrt nach Nordwesten lässt uns vor Seligkeit fast schweben, linkerhand schieben sich hinter die Wüstenlandschaft die verschneiten Gipfel der Sierra Nevada immer näher heran, und der Blick aus dem Beifahrerfenster schweift über blühende Mandelbäume. An den Berghängen kleben weiße Ortschaften wie eine Prospektive auf die weißen Dörfer im Süden Andalusiens. Bis auf 1200 m trägt uns die A-92, und das Thermometer lässt daran keinen Zweifel: 7 °C.  

Um 12 Uhr erreichen wir Guadix und fahren den riesigen städtischen Parkplatz an der Avenida Buenos Aires an [N 37° 18' 14,0'' W 003° 07' 58,5'']. Zu unserer großen Freude werden wir vom Mittagsgeläut der Kathedrale begrüßt. Der Parkplatz ist kostenlos; übernachten darf man dort auch. (Wenn wir dort genächtigt hätten, wären wir am nächsten Morgen zwischen einer großen Zahl von Heißluftballonen gestanden, weil dort ein Ballonfest stattfand, wie wir in Facebook gesehen haben). So spektakulär geht es normalerweise nicht zu, aber samstags (Markt) und sonntags (Flohmarkt) ist der Platz gesperrt. Das Wetter wird immer erfreulicher bei zwar noch immer 8 °C und Wind, aber die Sonne gewinnt langsam die Oberhand über die himmlischen Tränensäcke zurück. Die Temperatur ist auch der Höhenlage geschuldet, schließlich liegt Guadix auf 1000 ü. M. 

Der erste Weg führt uns zur Kathedrale, die nur wenige Schritte vom Parkplatz entfernt auf sich aufmerksam macht, von uns aber ignoriert und umgangen wird, weil wir zuerst zur Touristeninfo wollen, um uns mit Material über Guadix und seine Höhlenwohnungen einzudecken. Die sind nämlich der Grund unserer Anwesenheit, nicht die Kathedrale. Und bevor wir darüber nachdenken, ob wir ihr eventuell doch einen Kurzbesuch abstatten wollen, haben wir noch Wichtigeres zu erledigen: Wir brauchen für Fiannas Ohr neue Spritzen. So eine Spritze kann man nicht ewig in ein Ohr piksen, Fianna ist ja kein Junkie. Und wenn man nicht weiß, wie Spritze oder Kanüle auf Spanisch heißt, sich auch nicht auf eine Übersetzungs-App verlassen will, macht man es eben wir die Reiseleiterin: Man öffnet in Google das Bild einer Spritze, zeigt es der Apothekerin und verlässt kaum drei Minuten später die Apotheke mit fünf Spritzen für je 50 Cent. Und auch jetzt lassen wir die Kathedrale unbesucht. Wir widmen uns den Wohnhöhlen, den cuevas, welche die Touristen nach Guadix locken. Für die meisten dürfte die Kathedrale eher eine Beilage sein.  

Schon in prähistorischen Zeiten lebten die Menschen in Höhlen. Mit der Zeit und den Möglichkeiten war ihnen diese Wohnform nicht mehr gut und standesgemäß genug und sie bauten sich Hütten, später Häuser. Doch dort, wo die Bedingungen ideal sind, weicher Sand- und Tuffstein oder Löss das Graben von Erdhöhlen erleichtern, hat sich diese Tradition noch bis heute erhalten. In Guadix hat sie eine neue Blüte erlebt. Denn die heutigen Höhlenwohnungen haben nichts mehr mit denen der Neandertaler zu tun, die meisten haben den gleichen Standard wie überirdische Wohnungen und Häuser, manche sind Luxusetablissements. Das Wohnen in einer Höhle hat nicht nur einen gewissen Charme, weil wir uns ja alle immer wieder gerne in unsere Höhlen zurückziehen, in Zelten wohnen, uns Decken über den Kopf ziehen und einkuscheln, alles eine Erbe aus früher Zeit, sondern es hat ernst zu nehmende Vorteile. Wenn eine solche Höhle gegraben und ausgetrocknet ist, wird sie gekalkt, was sie desinfiziert und ein angenehmes Licht- und Raumgefühl in die Höhle bringt, denn der Mangel an Tageslicht ist bei den meisten Höhlen das einzige echte Problem. Heute gibt es natürlich alles, was man auch in außerirdischen Wohnungen vorfindet: Wasser, Strom, Internet. Das Raumklima solcher Erdhöhlen ist dagegen nicht zu überbieten, hält es sich doch ganzjährig auf einem ausgeglichenen Niveau von 18 bis 20 °C. Wo sonst kann man in Andalusien so komfortabel leben? Auch Außengeräusche werden vom Berg nahezu komplett geschluckt. Früher hatten die Erdwohnungen zudem den Vorteil, dass sie für Fremde und Angreifer erst sehr spät zu erkennen waren, weil aus dem hellbraunen Sandsteinhügel nicht mehr als ein hellbrauner Kamin ragte. Mehr war da nicht. Heute ist von den Wohnungen mehr zu sehen und die meisten Kamine sind weiß gekalkt. Das sieht dann an manchen Stellen aus, wie bei uns zuhause im Frühjahr, wenn in den grünen Frühlingswiesen plötzlich ein Hermelin vor dem Fellwechsel wie ein weißer Finger aus der Erde lugt.  

Heute leben hier im Süden von Guadix rund 2000 Menschen in solchen Wohnhöhlen. Manche Quellen sprechen von 4000 bis 10.000, was schon von der Spanne eher geschätzt als qualifiziert sein dürfte und bei einer Gesamteinwohnerzahl von rund 18.000 mehr als deplatziert scheint. Wir wandern das gesamte Quartier, also die gesamte „Südstadt" von Guadix' ab, bergauf und bergab, linksrum und rechtsrum, hoch auf eine Aussichtsplattform und wieder runter, die nächste Straße linksrum und die übernächste rechtsrum. Der Chronist kennt schon alle weißgekalkten Kamine beim Namen, nur die Reiseleiterin glaubt, noch weitere besuchen zu müssen. Noch ein verstecktes und unbesuchtes Eck dort hinten, weiter, immer weiter... So geschieht es, dass der ausgewiesene Höhlenmensch keine Höhle mehr sehen kann, während die Sonnen- und Lichtanbeterin, die nie in einer Höhlenwohnung leben würde, alle einzeln abhaken will. Trotzdem findet auch der abgestrapste Wanderer diese Siedlung sehr beeindruckend, vor allem weil sie die Phantasie anregt: Wie mag es da drinnen aussehen? Wie lebt man dort? In einem Museum könnte man sich das einverleiben, aber dazu hatten wir keine Lust: Museum! Wir wollen keine Wohnkonserve, sondern wissen, wie es im richtigen Leben da drinnen zugeht. Aber das wäre doch zu indiskret, deswegen werden wir mit dieser Lücke in unserer Reisebiografie leben müssen. Letztlich wird sich das Leben in einer Höhle nicht wesentlich von dem außerhalb unterscheiden. Und die schwarz-grüne Mamba aus Murcia würde dort drinnen sehr wahrscheinlich auch nicht zum Grottenolm erbleichen. So what...  

Wir kehren zurück ins Guadix der Gegenwart und stehen um 14 Uhr auf der mit Arkaden eingefassten Plaza la Constitución. Unter den schattigen Arkaden - es scheint ja jetzt schon richtig die Sonne - laden einige Restaurants und Bars zum Verweilen ein. Kein Touristenrummel, da ein spanisches Pärchen, dort, gleich neben uns, drei gesetzte spanische Doñas, die uns so einladend anlächeln, dass sich die Frage, ob wir etwas trinken wollen oder nicht von selbst beantwortet. Wir wollen und lassen uns neben den Damen im Restaurante Liceo Accitano nieder. Und während wir überlegen, was unseren Durst stillen soll, fällt unser Blick auf die Tafel mit den Tagesmenüs. Und weil sich der spanische Lebensrhythmus in unseren Tagesablauf zu wanzen scheint, finden wir, dass es Zeit für ein Menü sei. Als Vorspeise wählt die Reiseleiterin eine Sopa Castellana, ein Mordsteller deftiger Suppe mit pochiertem Ei. Der Chronist findet, dass er schon länger einen Pastamangel verspürt und bestellt als Vorspeise Maccarones Boloñesa. Auf den Tisch kommt ein Riesenteller Rigatoni Bolognese, der an Tagen ohne den Bärenappetit eines Höhlenmenschen für fast zwei Mahlzeiten gereicht hätte. Als Hauptgericht wählen wir beide Rosada al Limon. Rosada, soviel haben wir uns erklären lassen, ist Fisch. Nur welcher Fisch? Auf den Tisch kommen Fish und Chips ohne Chips mit zwei Zitronenschnitzen, welche den Zusatz al Limon rechtfertigen und einer kleinen Portion Salat. Rosada, so lernen wir bei Tante Google, ist ein typisches andalusisches Fischgericht. Wir nehmen an, dass es immer der Fisch ist, der gerade weg muss. Aber schmecken tun diese Fish ohne Chips uneingeschränkt. Die Einschränkung liegt in unserer Aufnahmefähigkeit; die Hälfte packen wir in die Servietten: Fisch ist auch für den Hund gesund! Eine Nachspeise geht aber trotzdem immer. Wir haben nicht lange experimentiert und bestellen Flan, jene allseits bekannte gestockte Eiermasse, in diesem Fall begleitet von einem Berg Schlagrahm. Den eingangs erwähnten Durst bekämpfen wir mit zwei Bier, beziehungsweise zwei Weißweinen, dazu kommt ein Kaffee. Das ganze Tagesmenü kostet 12 €, insgesamt erleichtert uns unser anfängliche Durst um 36 €. Durst haben wir nicht mehr und der Ranzen platzt uns auch aus allen Nähten.  

Aber wir können uns noch nicht zurücklehnen und verdauen. Wir müssen weiter, dem Oli-Kahn-Motto folgend: weiter, immer weiter. Um 15:30 Uhr werfen wir Franzens Triebwerke an, schmiegen unsere gefüllten Körper in den Beifahrersitz und hinters Lenkrad und brummen los. Weiter auf der A-92 in Richtung Granada. Gut, dass wir uns nicht für die malerische Strecke im Süden um die Sierra Nevada herum entschieden haben. Dort hätte auf uns zwar ein fahrerisches Highlight erwartet, aber eben auch Talumfahrungen wie Fjorde bis auf 1800 Meter, eine Achterbahnfahrt der Extraklasse, im schlimmsten Falle sogar mit noch etwas Schnee. Aber ob wir die in unserem gegenwärtigen Zustand gestemmt hätten, immerhin verdaut der Chauffeur gerade zwei Cerveza Alhambra, ist fraglich. Auf der A-92 hangeln wir uns auch noch einmal auf 1400 Meter hoch, sind aber bereits um 16 Uhr an unserem Tagesziel: Camping Alto de Viñuela in Beas de Granada [N 37° 13' 30,8'' W 003° 29' 17,4'']. Der Campingplatz liegt auf 1120 ü. M., weshalb uns die 7 °C nicht überraschen und der Wind auch nicht.  

Wir haben heute nichts mehr in petto, alles gesagt, verdauen horizontal, sozusagen in betto, und verschieben alles Weitere auf morgen...