Freitag, 28.1.2022
Guten Morgen, zusammen. Jetzt sind wir wieder auf Sendung, haben das gestrige Nachmittagsmenü verdaut und hinter uns gelassen und sehen dem Großereignis des heutigen Tages entgegen. Der aufmerksame Leser wird sich fragen, warum wir nicht sagen: ... sehen dem Großereignis ... freudig entgegen. Dazu gleich mehr. Denn zwar haben wir den gestrigen Tag bestens weggesteckt, aber die vergangene Nacht ist verantwortlich, dass wir uns das „freudig" verkneifen. Doch jetzt erst mal der Reihe nach, damit kein Knopf in die Story kommt.
Am Campingplatz liegt es nicht, dass wir eine unruhige Nacht hatten. Der Platz ist schnuckelig und in Terrassen angelegt, gut verteilt für etwa 40 Womos. Man geht sich hier nicht auf den Zeiger. Bei unserer Ankunft gestern war die Schranke offen, die Rezeption, eine etwas größere Hütte, aber zu. Eine Notiz signalisiert, man solle sich einen Platz suchen, der Rest wird später erledigt. Wir suchen uns also einen Platz, richten uns ein, hängen unsere Betty wieder einmal an eine CEE-Dose, die sie aber weiterhin konsequent ablehnt. In der Rezeption gibt es Wasser und Wein, für morgens kann man sich Baguette bestellen, der Chef spricht nur spanisch, das aber perfekt, und nimmt keine Karten, nur Bares. Das sollte man wissen, wenn man hierherkommt.
Die Frage ist, warum wir hier gelandet sind. Beas de Granada und dieser Campingplatz liegen etwa 20 Kilometer östlich von Granada in den Bergen. Wäre das nicht schicker gegangen, mit einem Hocker in Granada, wenn man zur Alhambra will? Wie man's nimmt. Es gibt einige Campingplätze in der näheren Umgebung von Granada, von denen aus die Alhambra aber ebenfalls nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist. Auch Stellplätze sind sehr rar. Camping Viñuelas in Beas de Granada wird aber sehr gut besprochen: klein, freundlich, nette Atmosphäre, reichlich Gegend für Hundebesitzer und Busanbindung in die Stadt direkt vor dem Campingplatz. So fallen dann Entscheidungen.
Die nächste Entscheidungen bezüglich der Alhambra haben wir auch schon vor Tagen getroffen, nämlich die Frage: wann? Niemand, der das Arabeskenschauen dem Schlangestehen vorzieht, wird ohne Vorbuchung hinfahren. Auch im Januar sind einige Einlasszeiten schon völlig ausgebucht. Die Alhambra hat jährlich etwa drei Millionen Besucher; da braucht es einigermaßen geregelte Abläufe. Unser geregelter Ablauf sieht so aus, dass wir für heute 12:30 Uhr ein Ticket haben, das bedeutet, zwei Tickets vorbestellt haben, eins für die Reiseleiterin zum Normaltarif (15 €) und eins für den Chronisten mit Greisenablass ab 65 (9,50 €). Die Buchung gilt für alle Sehenswürdigkeiten der Alhambra: Nasridenpaläste, Alcazaba, Palast Karls V., Generalife und selbstverständlich für alle Garten- und Parkanlagen. Die Vorbestellung wurde uns aufs Handy geschickt und mit zwei Hinweisen bestätigt, einmal „This is not a ticket" (soll heißen, das ist kein Ticket, nur eine Vorbestellung und wir müssen uns die Tickets noch abholen) und außerdem, dass wir pünktlich zur Einlasszeit um 12:30 Uhr vorsprechen müssten, weil die Tickets sonst verfallen. Das wäre damit geklärt.
12:30 Uhr ist also die Kennzahl, der alles andere unterworfen ist.
Damit konnten wir nun die Detailplanung angehen, zum Beispiel die Frage, wie wir vom Campingplatz ins 20 Kilometer entfernte Granada gelangen. Kein Problem, vor dem Campingplatz hält der Bus nach Granada, Fahrzeit eine knappe halbe Stunde. Die Abfahrzeiten an Wochentagen sind 7:00 (mitten in der Nacht), 8:00 (viel zu früh), 9:15 (zu früh), 11:15 (genau richtig) und 12:40 (zu spät). Weitere Recherchen ergeben, dass der Bus die Alhambra nicht direkt anfährt, wir nochmal in einen anderen Bus umsteigen müssen, der uns um den halben Berg fährt, und dann hätten wir noch einen kleinen Fußmarsch hoch zum Einlass vor uns.
Jetzt steigen wir in die Detailplanung ein, und es wird psychologisch. Sollten wir vielleicht doch besser den Bus um 9:15 Uhr nehmen? Können wir, aber wer geht dann vorher mit den Hunden (Sonnenaufgang ist hier erst kurz nach 8:00 Uhr)? Wenn wir um 11:15 Uhr fahren, sind wir gegen 11:45 Uhr in Granada, bleiben noch 45 Minuten bis 12:30 Uhr. Wir wissen nicht genau, wann der Anschlussbus abfährt und wo er uns für den Fußmarsch absetzt. Eine etwas wackelige Geschichte. Die Reiseleiterin beschließt entschlossen: Dann nehmen wir eben ein Taxi! Weißt du ob dort ein Taxi auf uns wartet? Wir haben keine Ahnung von den örtlichen Umständen. Die Reiseleiterin: Klappt schon. Punktum.
Mit diesen Gedanken und einem vollen Magen gingen wir gestern ins Bett. Der Chronist hat die halbe Nacht Eventualitäten gewälzt, Verspätungen eingerechnet und wurde immer überzeugter, dass das nie und nimmer funktionieren wird. So wurde die Nacht zum Nightmare. Aber auch die Reiseleiterin ist früh wach, fummelt am Handy, gesteht, dass auch sie eine unruhige Nacht hatte und Zweifel an ihrer Überzeugung wuchsen. Aber es muss eine Lösung geben. Vor lauter Verzweiflung von hier aus mit dem Taxi zu fahren, käme nicht in die Tüte. Die Strecke über Land, so viel haben wir auch schon recherchiert, kostet 25 € - falls der Taxler bereit ist, über Land zu fahren. Die meisten bestehen darauf, die Autobahn zu nehmen, dann werden aus den 25 € gleich 50 €. Und sollen wir hier vor Ort mithilfe einer Übersetzungs-App mit einem Taxifahrer die Route diskutieren, die er zu fahren habe?
Es ist 8:45 Uhr und hat frische 5 °C. Die Stimmung ist gespannt. Doch dann entspannen sich die Gesichtszüge der Reiseleiterin: Sie hat einen Weg gefunden. Zu blöd, dass man nicht gleich darauf gekommen ist. Ein Blick auf Google Maps zeigt exakt sie Strecke, die der Bus fährt, mit allen Haltestellen. Warum sollen wir denn bis zur Endstation fahren, um dort in einen anderen Bus umzusteigen und anschließend noch einen Fußmarsch unternehmen? Diese Haltestelle hier liegt räumlich am nächsten zur Alhambra. Wenn man als dort aussteigen und von dann hier quer rüberginge, reiche das locker in einer Dreiviertelstunde bis zum Einlass. Das klingt tatsächlich überzeugend. Die Stimmung steigt, die Hunde bekommen ihren Morgenspaziergang und wir unser Frühstück. Die Mädels bekommen einen Rieseneimer Wasser und ein paar Verhaltensregeln eingebläut, wie man das eben so macht, und um kurz nach 11 Uhr haben wir bereits das Wartehäuschen am Eingang des Campingplatzes besetzt.
Um 11:20 Uhr fährt ein Bus der Linie 300 vor (11:15 Uhr ist die Abfahrtzeit an der Endstation), wir sagen dem Fahrer: Granada, zahlen 1,85 € pro Nase und nehmen Platz. Jetzt geht es schon wieder dahin wie in der Achterbahn, rauf und runter, hin und her. Eine herrliche Fahrt, während der der Chronist die Reiseleiterin mehrmals befragt, ob sie noch immer zu ihrem Vorschlag stehe, der während der gestrigen Diskussion auftauchte, man könne ja auch die Räder nehmen. Ein einziger Blick in die Karte zeigt, dass wir dann entweder morgen um die gleiche Zeit dort wären oder in der Klinik.
Wir passieren Huétor Santillan, ein schmuckes Örtchen, das uns beinahe verleitet auszusteigen und einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Der Ort ruht in sich, aufgeräumt und ganz bei sich; so schön und liebenswert können Spanien und Andalusien ganz weit weg von jeglichem Tourismus sein. Pünktlich um 11:45 Uhr verlassen wir den Bus an der Haltestelle Carretera Murcia 55 – und finden uns schon wieder im nächsten Traum.
Die Haltestelle liegt im Albaicín, dem ältesten Teil Granadas, auf einem der drei Hügel, auf denen Granada erbaut ist. Hier, praktisch am Rande eines der umtriebigsten Touristenbrennpunkten, scheint die Welt stehengeblieben zu sein, kleine, hübsche, weiß gekalkte Häuser, elend enge Straßen, hier eine Bar mit einem Stehtisch davor, dort in einem winzigen Hinterhof eine kleine Bodega. Nichts ist hier auf Tourismus gebürstet, alles hausgemacht und authentisch. Die Reiseleiterin bekommt ihr Strahlen gar nicht mehr aus dem Gesicht und ist ein einziger, die Straße hinunterstrebender Glückskeks. Ja, es geht stramm bergab, der Alhambra entgegen, weil es hier nirgendwo eben dahingeht, hier gibt es nur rauf oder runter. Als wir endlich im Talgrund angekommen sind, dort wo der Rio Darro vor sich hinplätschert, bevor er im Untergrund verschwindet, stehen wir am Fuß des Aufstiegs zur Alhambra. Taxis warten dort auf uns, auch TukTuks, um uns nach oben zu befördern, aber obwohl wir uns unseres Daseins als Touristen bewusst sind, so viel Touristen sind wir doch nicht, dass wir uns im TukTuk hochchauffieren lassen. Wir ersteigen die Alhambra im Schweiße unserer viel zu warmen Klamotten, aber wir kämpfen uns hoch, wir ziehen durch, weil wir zum Verschnaufen überhaupt keine Zeit haben: 12:30 Uhr! So steht es vor unseren Augen, 12:30 Uhr oder wir sind umsonst hier hochgewuselt. Um 12:15 Uhr haben wir es geschafft, einigermaßen durchfeuchtet, aber angekommen und glücklich. Der Plan der Reiseleiterin hat funktioniert!
Doch: Glück und Glas, wie leicht bricht das? Wir sehen uns am Ende einer langen Schlange vor einer ausgedehnten Eingangssperre, und nur hier scheint es ein Durchkommen zu geben. Sonst ist hier nichts, wodurch man ins Sesam treten könnte. Die Schlange ist mindestens dreißig Meter lang und bewegt sich nicht, weil immer nur Einzelne durchgelassen werden. Das ist offenbar die Schlange der Spontanbesucher ohne Vorbuchung. Wo aber ist der Ticketschalter, auf dem steht: Hier für „This is not a ticket"-Ticketinhaber. So eine Kasse gibt es nicht. Es gibt nur diesen einen Eingang! Aber es gibt überall Diensthabende mit einem großen „I" auf der Jacke, was wohl Information heißen soll. Ein netter Herr mittleren Alters scheint förmlich darauf zu warten, von uns in Anspruch genommen zu werden. Wir tun es und teilen ihm mit, dass wir eine Vorbuchung hätten und die nun gerne gegen ein gültiges Ticket eintauschen würden. Der nette Herr zeigt auf die Schlange, was bedeuten soll, dass wir uns dort anstellen müssten. Wir erklären ihm, dass wir doch eigentlich nur die Tickets abholen wollen, die wir bestellt hätten und warum wir überhaupt ein „This is not a ticket"-Ticket hätten anstatt eines gültigen „This is a ticket"-Ticket. Das läge wohl daran, dass wir vermutlich ein Ticket mit Bonus haben, dessen Berechtigung vor Ausgabe des richtigen Tickets erst überprüft werden müsse. Der Chronist und Schlamasselverursacher hört die Reiseleiterin „Scheiß Schwabengeiz" murmeln und meint damit vermutlich sich selbst. Wir könnten das verstehen, bleiben aber auf der Schleimspur. Wir hätten einen Einlasstermin für 12:30 Uhr, der jetzt zu verfallen drohe. Nein, meint der nette Herr, man habe normalerweise einen Überziehungskredit von einer Stunde. Schön, aber bis die Schlange abgearbeitet sei, dauere es bei dem derzeitigen Durchsatz mindestens eine Stunde und dann wäre der Kredit verspielt, obwohl wir uns so viel Mühe gegeben haben, pünktlich zu sein. Offenbar verspürt der nette Herr nun das Bedürfnis, uns von seinem Hühnerauge herunterzubekommen, auf dem wir nun schon quasi fünf Minuten herumstehen und er entschuldigt sich kurz, um sich mit seiner Kollegin auszutauschen. Die Kollegin ist jene, die den Durchfluss der Warteschlange reguliert. Und er kommt mit der frohen Botschaft zurück, dass einer von uns beiden, derjenigen mit dem Vollzahlerticket, hindurch und die Tickets abholen dürfe. Die Reiseleiterin windet sich geschwind wie ein Aal durch den Einlass, mit dem Ticket und Personalausweis des bonusberechtigten Greises und kommt nur wenige Minuten später erfolgreich mit den Tickets zurück. Geschafft! On Time! Nun können wir den offiziellen Einlass passieren, unsere Tickets werden gescannt und die Ausweise ebenfalls. Merhaba Alhambra, wir kommen.
Zeit, sie kurz vorzustellen. Die Alhambra ist eine Stadtburg (kasbah) auf dem Sabikah-Hügel von Granada, die als eines der herausragenden Beispiele des maurischen Baustils und islamischer Kunst gilt. Seit 1984 ist sie Weltkulturerbe und nicht nur deswegen eine der meistbesuchten Touristenattraktionen weltweit. Die gesamte Burganlage liegt rund 100 Meter über der Stadt und ist etwa 740 m lang und bis zu 220 m breit. Außerhalb der Burganlage liegt der Sommerpalast der Nasriden Generalife dessen Name sich vom arabischen Ǧannat al-ʿArīf (Garten des Architekten) ableitet.
Hauptattraktionen sind jedoch die Nasridenpaläste, die Festung Alcazaba und der Palast Karls V. Wir wollen hier keine ausführliche Beschreibung aller für die Alhambra wichtigen Details und Hintergründe liefern, darüber kann sich jeder im Internet selbst schlaumachen, aber ein paar Eckdaten scheinen uns schon sinnvoll. Zum Beispiel die Begriffserklärung des Wortes Alhambra. Der Name steht für die gesamte Anlage, in der sich die oben genannten Sehenswürdigkeiten befinden.
Die Herkunft des Wortes Alhambra ist dagegen umstritten. Diese Burg wird traditionell auch arabisch als al-qal'at al-ḥamrā' mit der Bedeutung „die rote Festung" bezeichnet. Dies ist neben anderen Herleitungen die verbreitetste. Dahinter steht vermutlich der Anblick der roten Mauern der Burg. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Farbe Rot auch in Granada wiederfindet: Granat. Weitere Herleitungen sparen wir uns.
Der Burgberg war bereits in vorrömischer Zeit besiedelt. Nach der Eroberung der iberischen Halbinsel erbauten die Mauren hier eine Burg. Urkundliche Erwähnung fand sie während der Bürgerkriege des 9. bis 12. Jahrhunderts. Mitte des 11. Jh. ließ König Bādis ibn Habbūs eine Festung (al-ḥiṣn al-ḥamrāʿ) erbauen.
1238 verlegte der erste Nasridenherrscher, Muhammad ibn Yusuf ibn Nasr Al-Ahmar, „der Rote" (Achtung, da kommt die Farbe wieder ins Spiel!) seine Residenz von Jaén nach Granada und begründete als Mohammed I. in Granada seine eigene Dynastie, die Nasriden. In der Folge, bis Ende des 15. Jh., wurde die Anlage weiterentwickelt. El Andalus war eine blühende Region, Kunst und Wissenschaft waren weltweit spitze. Für alle Kinder gab es Schulen. Krankenhäuser, Bibliotheken und Freizeitzentren waren selbstverständlich, es gab überall Wasserleitungen und die Straßen waren befestigt. Das christliche Europa lebte dagegen im Dreck und kannte nichts von alledem. Ende 1491 musste der letzte maurische Herrscher Muhammad XII. nach langer Belagerung kapitulieren und die Festung an die "Katholischen Könige" Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón übergeben. Damit war nicht nur die Herrschaft der Araber zu Ende, sondern auch Jahrhunderte der religiösen und geistigen Toleranz. In der Regierungszeit der Mauren lebten Araber, Christen und Juden friedlich und zum gegenseitigem Gewinn und Vorteil zusammen. Nun hielt die vatikanische Barbarei Einzug.
Mit der Machtübernahme der „Katholischen Könige" wurden alle nicht bekehrungswilligen Juden aus dem Königreich und aus allen spanischen Besitzungen vertrieben und unter der Blutherrschaft der römischen Inquisition als Ketzer verfolgt und arabische Bücher verbrannt. Der Islam benötigte immerhin noch einmal rund 500 Jahre, um auf diesem Niveau anzukommen.
König Karl I., als Karl V. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, wollte Granada zum Regierungssitz des spanischen Königreichs machen. Dafür ließ er einen großen Renaissancepalast auf der Alhambra errichten. Nach der Entdeckung Amerikas 1492 verlagerten sich jedoch die Interessen des Königreiches und man ließ die Residenzpläne fallen. Der Palast Karls I. wurde nie fertiggestellt. Nur ein halbes Jahr verbrachte er nach seiner Heirat mit Isabella von Portugal auf der Alhambra. Nach der Entmachtung der Bourbonen im Spanischen Erbfolgekrieg verfiel die Alhambra zusehends. Im 19. Jh. wurde sie wiederentdeckt und Zug um Zug restauriert und wiederhergestellt.
Für die Besucher sind die Nasridenpaläste mit ihren kunstvollen Stalaktitengewölben, den aufwändigen in die Wände ziselierten Arabesken, die schmuckvollen Höfe und Gärten von besonderem Interesse. Man kann darauf auch verzichten und beispielsweise für kleines Geld nur die öffentlichen Gärten und Parkanlagen besuchen. Diese gestuften Eintrittsmodelle sorgen für einen mittleren Kontrollwahn. Denn kaum, dass wir durch eine arabisch anmutend zugeschnittene Hecke hindurch den Wegweisern zu den Nasridenpalästen folgen, werden wir schon wieder an einer Sperre ausgebremst: Ein Kontrollhäuschen, aus dem heraus ein älterer Herr die Eintrittskarten und den Ausweis verlangt. Offenbar verlassen wir gerade den öffentlichen Sektor, um das Allerheiligste zu betreten. Der Chronist beginnt einen zarten Missmut zu entwickeln und offenbar auch zu zeigen, denn der Kontrolleur deutet ihm an, er sollen nicht länger nach seinem Ausweis suchen, es gehe auch so. Ticket gescannt und durch. Aber jetzt die Nasridenpaläste!
Nur wenige Meter weiter stehen wir am Ende einer Schlange, die sich bestimmt 50 Meter hinzieht, was nicht eindeutig auszumachen ist, weil sie nach etwa 30 Metern um eine Ecke biegt. Seitlich neben dem Schlangenende entdecken wir die selbstbeschulende Berliner Kleinfamilie aus Águilas. Wir fragen sie, ob das die Schlange zu den Nasridenpalästen sei und sie bejahen. Ob sie wüssten, ob das die 12:30 Uhr-Schlange sei. Ja, soviel sie mitbekommen hätten, sei das die 12:30 Uhr-Schlange, aber wir seien ja nun schon knapp drüber, grinst der männliche Teil, eigentlich sollte man eine Viertelstunde vorher da sein. Sie hätten ein Ticket für 13:30 Uhr. Die Reiseleiterin sieht nun dem Chronisten an, dass der Topfdeckel schon bedenklich tänzelt und bestimmt bald abhebt und nimmt ein bisschen Feuer aus dem Ofen. Widerwillig bleibt der Deckel auf dem Topf. Und sie bewegt sich doch, die Schlange, langsam, aber kontinuierlich. Vor allem werden all jene aussortiert, die erst für einen späteren Termin gebucht haben, um die Zahlen im Griff zu behalten. Dann sind wir dran. Wieder müssen wir unsere Tickets und Ausweise zeigen, dann werden wir eingelassen, allerdings mit dem Hinweis, wir müssten unsere Rucksäcke auf der Brust tragen. Also schnallt sich die Reiseleiterin ihren Daypack vor die Brust und der nach Luft schnappende Chronist seinen Fotorucksack. Der Grund für die Maßnahme ist, dass bei drei Millionen Besuchern jährlich Tausende von Rucksäcken an den empfindlichen Wänden der Paläste entlangschleifen, was von dem Wenigen, was übriggeblieben ist noch weniger übriglassen würde. Man kann das nachvollziehen, aber hat schon mal jemand eine Stunde einen Fotorucksack auf der Brust getragen? Die sind dafür nicht gebaut. So ein Rucksack hängt knapp unterm Kinn, und wenn man seine Kamera dort oben auflegt, und wo sonst sollte sie hin, wenn sie nicht im Einsatz ist, kann man sie mit dem Kinn auslösen. Umständlicher und unbequemer geht es wirklich nicht. Dazu kommt eine ständig angelaufene Brille wegen der Maske, ohne die man hier keinen Schritt geht.
Kaum sind wir im ersten Palast, stecken wir schon wieder fest: Eine deutsche Touristengruppe lässt sich hier belehren. Solche Besuchergruppen sind in ihrem Bewegungsmuster so amorph und unplanbar wie ein Vogelschwarm. Sieht man links eine Lücke, um sich vorbeizudrücken, macht sie schon jemand zu, versucht man rechts vorbeizukommen, schwenkt der ganze Trupp nach rechts. Auf diesem Gebiet ist die Reiseleiterin der einzig wirksame Wellenbrecher, weil sie sich einfach und ohne Rücksicht durchschiebt, der Chronist hinterher. Jetzt ist es luftiger. Nervig sind die selbstverliebten Handyakrobaten, nicht weil sie ein schönes Motiv fotografieren wollen, sondern weil sie Minuten brauchen, um sich vor dem Motiv in Szene zu setzen. Nicht das Motiv ist das Motiv, sondern sie selbst; ein Bein etwas vor, das andere etwas zur Seite, Hüfte raus, nein, nicht so weit, ja, so ist's gut. Dann tritt das nächste Modell vor das Motiv. Hände aus den Taschen, Bauch etwas rein, Hintern hinter einen Mauervorsprung... So geht das. Der Chronist will nur das Motiv ablichten, kommt sich aber vor wie am Set fürs nächste Topmodell. Und warum ein junger Vater seinen Milchfrischling über ein Wasserbecken hält, um es von der jungen Mutter wie über einem Taufbecken ablichten zu lassen, kriegt der Chronist nicht auf die Reihe. Er bleibt angespannt, aber verträglich. Wenigstens ist das, was er zu sehen bekommt, den Besuch und die Umstände wert: Die Paläste sind ein optischer und ästhetischer Hauptgewinn.
Nach den Palästen besuchen wir noch die Alcazaba, das Verteidigungszentrum der Alhambra. Die ist beeindruckend und trutzig, aber beeindruckender noch ist der Rundblick über Granada, den man von ihr aus gewinnt. Uns reicht es jetzt auch. Wir streifen noch ein wenig durch die Park- und Gartenanlagen, die der Jahreszeit entsprechend unscheinbar sind; nichts blüht, kaum etwas grünt, aber flanieren kann man trotzdem und sich vorstellen, wie es sein könnte. Am Palast von Karl V., dem bigotten Habsburger, haben wir kein Interesse und auch die Generalife, außerhalb der Anlage schwänzen wir. Wir haben genug gesehen. Der Chronist ist sehr zufrieden und wieder auf Normaltemperatur. Es ist 14 Uhr.
Wir setzen uns auf ein Mäuerchen und beschließen, uns zu beratschlagen, wie es weitergehen soll. Der ursprüngliche Plan war, heute Alhambra, morgen Granada. Um die Denkvorgänge zu befeuern, besorgt die Reiseleiterin ein Fläschchen Wasser und ein Iberico-Brötchen, von dem nur das Schwein den Qualitätstest besteht; das Drumherum ist Gummi. Wie es die Gummibrötchenfabrikanten nur immer wieder schaffen, ausgerechnet dort, wo die meisten Esser zusammenkommen, ihren Abfall zu verkaufen?
Nun also: Wie geht es weiter? Der nächste Bus zum Campingplatz geht um 18:00 Uhr, nachmittags hat auch der Busfahrer Siesta. Wollten wir jetzt zurück, müssten wir ein Taxi nehmen. Da Thema haben wir schon diskutiert. Andererseits, wenn wir jetzt noch Granada selbst einen Besuch abstatten, haben wir den ganzen logistischen Aufwand morgen nicht mehr und können den Samstag genießen. Dann wären die Mädels allerdings bis mindestens halb sieben allein, und für einen Spaziergang würde es schon schnell zu dunkel werden. Die beiden sind es gewohnt, länger allein zu sein, hungern tun sie auch nicht und Verlassensängste sind uns bei ihnen bisher nicht aufgefallen. Also los! Granada, wir kommen.
Die Kathedrale von Granada ist kaum 15 Minuten vom Fuß der Alhambra entfernt, und wo die Kirche ist, ist bekanntlich auch das Zentrum und alles, wofür man eine Stadt besucht. Wir strampeln wieder hinunter, wo wir morgens hinaufgekeucht sind, und wenden uns unten im Tal nach links, über großzügige Promenaden, vorbei an gut besuchten Restaurants, die sich nun langsam zum Mittagessen füllen. Hier zeigt eine kleine Flamencogruppe, was sie kann, dort spielt ein einsamer Gitarrist „La Paloma". Die Stadt hat enormen Flair. Das liegt nicht zuletzt an den rund 60.000 Studenten, die hier leben, Studenten aus aller Herren Länder, darunter sehr viele Austauschstudenten aus Deutschland. Die Stadt lebt, sie pulsiert, ohne jedoch zu überdrehen. Sie macht den Eindruck, bei aller Betriebsamkeit und spanischer Turbulenz bei sich und sich ihrer Würde bewusst zu sein.
Wir besuchen die Kathedrale, hinter deren Hauptportal keine gierige Hand um drei Euro bettelt. Deswegen treten wir auch gerne ein. So wuchtig die Kirche mit ihrer Barockfassade von außen wirkt, so zierlich empfängt sie uns drinnen. Sie hat einen rechteckigen Grundriss mit einem Hauptschiff und zwei Seitenschiffen, dazu einen kreisförmigen Chor. Der gesamte Bau wirkt dadurch sehr kompakt und geradezu heimelig, was man von vielen der monströsen katholischen Sakralbauten kaum behaupten kann. Wir finden, dass diese Kathedrale gerade deswegen eine der schönsten und beeindruckendsten Kirchen ist, die wir je gesehen haben.
Rund um die Kathedrale spielt sich das Leben der Stadt ab. Viele kleine Gassen, zuselige Geschäftchen, natürlich auch die Andenkenläden, die nirgends fehlen dürfen. Wir kaufen ein wenig Tee, der uns ausgeht, dazu eine Tüte Studentenfutter, in einem Tante-Emma-Laden, der sich offenbar hier halten kann, noch Orangensaft und sehen uns nach einem Restaurant um, wo wir uns stärken können; wir haben ja noch Zeit bis 18:00 Uhr.
In einer der vielen engen Gassen entdeckt die Reiseleiterin mit untrüglichem Blick das Passende, eine echte spanische Bar: Langer Tresen, überall Flaschen, Weinfässer an der Wand, kleine Tische und jede Menge lauter Leute – nur Spanier. Wir sind hier die einzigen Touristen. Und genau das wollen wir sein. In einem der Freiluftrestaurants mit eleganten Reisenden fühlen wir uns nicht wohl Hier sind wir sofort zuhause. Es ist laut hier, hinter dem Tresen wieseln auf Zuruf einige Leute herum und stellen zusammen, was der einzige Kellner im Laden in Auftrag gibt. Der Kellner schreit, die hinter dem Tresen schreien, die Gäste stimmen ein, da wirkt ein neuer Gast, der wortlos an den Tresen tritt, mit dem rechten Arm eine Bewegung von oben nach unten macht, so wie man eben ein Bier zapft, wie aus dem Rahmen gefallen. Sekunden später hat er sein Bier und ist immer noch sprachlos. Die Reiseleiterin ist im Glück. Das hier ist ihr Ding: laut, voll und bodenständig. Wenn nicht in Beas de Granada zwei Lieblinge auf uns warten würden, würde sie sich ein Schürzchen umbinden und, allen Sprachmängeln zum Trotz, sich hier als Kellnerin verdingen. So lange und glücklich strahlend sieht man sogar sie selten.
Wir bestellen uns einen kalten Tapasteller mit verschiedenen Käsesorten, Ibericos, Salamis, Pasteten und noch viel mehr von diesen kleinen Schweinereien. Wir haben Zeit und Zeit und nichts als Zeit, um diese Götterspeise unter Jahrmatktbedingungen genüsslich wegzumampfen. Dazu bekommt der Chronist zwei cervezas, die Reiseleiterin im Glück drei Sangrias, und als der Chronist umständehalber einmal die servicios in Anspruch nehmen muss und zurückkehrt, hat die Glückliche zur Feier des Tages noch zwei Cognac bestellt, auch Brandy genannt, wahrscheinlich Carlos. Und Cognac kommt in Spanien nicht wie bei uns im Fingerhut auf den Tisch, sondern in veritablen Trinkgefäßen. Jetzt müssen wir aber doch los. Für dieses kulinarische Glück bezahlen wir 36 €.
Die Glückliche will nun wissen, ob wir den kurzen Weg zur Endstation unseres Busses nehmen sollen, nur ein paar Minuten von hier, oder doch wieder die Station von heute Vormittag. Weil sie doch noch einmal so gerne den zauberhaften Albaicín sehen wolle... Wenn schon. Also nehmen wir den weiten Weg, Zeit bleibt noch genug, kämpfen uns die Straße hoch, die wir morgens bergab getrudelt sind, haben ein wenig mehr Muße, uns diese niedliche kleine Stadt anzusehen und sind pünktlich, eine knappe Viertelstunde vor Abfahrt unseres Busses, an der Haltestelle – wenn da eine wäre! Auf der gegenüberliegenden Seite, die Haltestelle wo wir heute Mittag ausgestiegen sind, ist da. Aber auf unserer Seite ist statt einer Haltestelle eine Baustelle. Google Maps zeigt unumstößlich: Hier ist die Haltestelle. Und in dieser Hinsicht konnten wir uns bisher auf die alte Tante Google immer verlassen. Was tun? Die Reiseleiterin befragt ihr digitales Orakel und beschließt: Wir gehen zur nächsten Haltestelle. Wie lange, will der langsam am Knie leidende Chauffeur wissen? Sicher zehn Minuten. Wie lange haben wir noch? Vielleicht 15 Minuten. Also los. Wir hecheln den Berg zur nächsten Haltestelle hoch, weil hier immer alles bergauf geht, wenn es besser bergab ginge. Wir schauen uns nicht an und nicht um, wir schreiten aus, ein klagendes Knie und zwei volle Blasen. Dann sind wir da, aber wieder keine Haltestelle. Nichts. Um die Ecke ist ein Busbahnhof der Linien N8 und N9, aber die nützen uns nichts. Jetzt bleibt uns nichts mehr übrig, als abzuwarten, was geschieht. Und wenn nichts geschieht und kein Bus kommt, müssen wir doch noch ein Taxi nehmen. Und da stehen wir. Plötzlich, fast hätten wir ihn und er uns übersehen, macht ein Bus bei uns eine kleine Vollbremsung, ein kleiner, so ein Dreißigsitzer, auf den wir nicht genormt waren. Aber er hat uns gesehen und angehalten. Der Bus ist voll, bis auf genau zwei Plätze für uns. Die Reiseleiterin sagt dem Fahrer „Camping", der alte Herr hinter dem Fahrer wiederholt „Camping" und der noch ältere neben ihm murmelt „Camping". Wir zahlen wieder 3.70 € und los gehts. Eine Dame steht sofort auf und bietet dem Chronisten den leeren Platz neben sich an, und ein junger Kerl ein paar Sitzreihen weiter, wird von seinen Nachbarn aufgefordert, den Sitz, den er mit seiner Tasche belegt hat und nicht hergeben wollte, sofort freizumachen. Er gibt nach und die Reiseleiterin hat auch einen Sitzplatz. Um 18:35 Uhr werden wir vor dem Campingplatz entlassen und haben einen der ereignisreichsten, spannendsten und unvergesslichsten Tage hinter uns. Auch der Chronist kann sich an keinen Ärger mehr erinnern.
Was würden wir verpassen, wenn wir pauschal unterwegs wären? Ein bisschen Stress hält die Lebensgeister in Schwung und die Erinnerung noch Jahre am Leben.
Und die Mädels? Fianna fällt schlaftrunken aus dem Bett des Chauffeurs und wundert sich offenbar, dass wir schon da sind. Hedda schiebt wie immer Wache hinter der Tür und freut sich und sabbert uns voll. Aber auch das tut sie immer. Noch ein kurzer Spaziergang, damit sie ihre Lasten loswerden und der Bairische Blues lässt den Tag in völliger Zufriedenheit ausklingen. Zu essen brauchen wir nichts mehr, aber ein Schluck, der geht schon noch.
Und weil an einem solchen Tag alles möglich ist, hat sich nun auch Fianna entschieden, läufig sein zu wollen. So a sauschöner Tag...