Samstag, 29.1.2022 

Nach dem ereignisreichen Tag drängt uns heute nichts. Um 9 Uhr hat es 6 °C und ist windig.

Der Chronist findet es nach dem Frühstück angemessen, wieder einmal einen Hausputz vorzunehmen und anschließend der eigenen Körperhygiene auf die Sprünge zu helfen; duschen steht auf dem Programm. Als er frisch und duftend zum Franz zurückkehrt, steht er vor einem kleinen Chaos: Die Hauselektr(on)ikerin hat Betty den Kampf angesagt. Überall liegen sämtliche verfügbaren Kabel und Adapter herum, mit deren Hilfe sie Betty dazu überreden will, auch vom CEE-Quell zu trinken. Doch Betty trinkt nicht, bleibt verstockt, egal, welche Kabel-Adapter-Kombination sie ihr anbietet. Die logische Folgerung muss sein, dass es nicht am möglicherweise defekten CEE-Kabel liegt. Das war unsere erste Vermutung und natürlich auch Hoffnung, denn diese Hightech-Batterien sind sehr sensibel und reagieren schon auf kleine Kabeldefekte empfindlich, was einer herkömmlichen Bleibatterie kein müdes Runzeln wert wäre. Dieses Problem wäre flugs behoben gewesen.  

Das Kabel ist es also nicht. Schlimmer noch: Betty verschmäht nun auch die Standardverbindung. Betty will nicht mehr! Betty ist beleidigt und lässt uns im Stich. Und in dieser Situation kommt der Chronist frisch duftend aus dem Bade, hat die Haare schön und die Mechanixe das Nachsehen. Sie wirkt betrübt, aber auch kampfbereit. So schnell will sie die Battle of Betty nicht verloren geben. Deswegen tauscht sie nun den Mechaniker-Overall gegen das legere Business-Outfit und schlüpft in ihre Parallelexistenz als Informatikerin. Und was macht ein Informatiker, wenn er keine Ahnung hat, wo der Fehler sitzt? Er holt sich ein Manual, blättert darin herum und probiert einfach alle vorgeschlagenen und möglichen Einstellungen aus, selbst wenn sie eigentlich unmöglich und für den Normalmenschen Schwachsinn sind. Computerleute sind so, Bitbyter ist man oder man ist es nicht. Sie ist es.  

Und dann kreischt eine Art Urschrei aus dem Cockpit, unvermittelt jubeltrubelt es, Worte die nach „Ich bin die Größte" klingen oder auch nach „Göttin aller Batterien" wehen über die Terrassen von Camping Viñuelas, gerade, dass sie sich nicht nackig macht, an alle Haustüren pocht und vom Wunder ihrer Seligkeit jauchzt: Ja, sie verkündigt uns große Freude: Bett saugt sich voll! Betty säuft gierig von der CEE-Dose wie ein Wüstenwanderer, der kurz vor dem Verschmachten eine Oase gefunden hat. Die Einstellung am Ladegerät war falsch! Auch für diese Batterie, so steht es geschrieben, gilt die Einstellung ‚Bleisäure'. Diese Einstellung hat bisher niemand überprüft, weil man davon ausgehen musste, dass diese Position geschaltet war, schließlich arbeitete vor Betty eine Bleibatterie unter dem Beifahrersitz. Wäre wohl logisch. Doch der Schalter stand auf ‚AGM2'. Damit wird auch schlagartig klar, warum unsere alte Batterie schon in jungen Jahren schlappgemacht hat; statt Bleisäure wurde sie mit Blausäure abgespeist, was sie schnell zugrunde richtete. Wir danken der Firma LMC, dem Hersteller unseres Franz, an dieser Stelle recht herzlich für ihre kompetente Detailarbeit. Und sollte dort jemand auf den Gedanken kommen, den Fehler einem Lehrling in die Schuhe zu schieben, sollten man sich an unserer Autowerkstatt zuhause ein Beispiel nehmen: Wenn dort der Lehrling die Reifen wechselt, kontrolliert der Meister mit dem Drehmomentschlüssel hinterher. Qualität ist nämlich immer die eine Denk- und Schraubenumdrehung mehr.  

Taxi

Um 13 Uhr gehen wir zu Fuß nach Beas hinein, einen knappen Kilometer ununterbrochen den Berg hinab, um dort im Tante-Emma-Supermercado ein paar Kleinigkeiten einzukaufen, vor allem Obst, Brot, Butter, Milch und Bier. Das Wichtigste sind jedoch die Orangen, ein fünf-Kilo-Netz frisch vom Bauern für 2.50 €. Die Logistikerin packt alles außer den Orangen in ihren Daypack, die Orangen landen auf der Schulter des Chauffeurs. So mühselig und beladen treten sie, vor allem aber der Chauffeur, auf die Straße, als wenige Sekunden später ein Bauer mit Traktor und Anhänger neben uns stoppt und uns bedeutet, wir sollten auf den Anhänger steigen, die Orangen seien viel zu schwer, um sie einen Kilometer den Berg hinaufzuwuchten. Wir nehmen das Angebot gerne an, steigen auf den Hänger und zuckeln nun mit Schrittgeschwindigkeit den Berg hoch, schneller kann der Bulldog auch nicht, aber wir wären noch langsamer gewesen. Oben am Campingplatz angekommen, setzt er uns, übers ganze Gesicht strahlend, ab; ihm musste keiner sagen, wohin wir wollten, und wir bedanken uns herzlich, noch ein „luego" und ein Klaps auf die massige Bauernschulter, er hat für heute sein gutes Werk vollbracht und wir müssen nicht schon wieder unter die Dusche. Wieder ein unvergesslicher Augenblick für Individualreisende: Man kommt sich nahe, man rückt zusammen und ist glücklich.  

Jetzt ist es 14 Uhr und ein Sonnenbad angesagt: 18 °C, volle Sonne uns windstill – Sunsibar mit Blick auf die Sierra.  

Für die Dogwalkerin ist die Sunsibar nicht so lange geöffnet wie für den Knieriem; sie muss die Mädels noch ausführen, der Knieriem hat Schonzeit. Fast zwei Stunden ist sie unterwegs, was vornehmlich daran liegt, dass man zwar nachlesen kann und in den verschiedenen Tools auch, von oben betrachtet, bestätigt findet, dass es rund um den Campingplatz jede Menge Gegend zum Dogwalken gibt. Was dort nicht zu sehen und von den Kommentatoren sicher nicht getestet wurde, ist das Gelände: Steile Geländeabbrüche, die man umgehen muss und überall eingezäunte Olivenpflanzungen, welche die Umgehung noch weitläufiger machen. In solchen Fällen dreht man immer noch eine Runde um irgendetwas oder eben, wenn es nicht anders geht, wieder einmal um. Das zieht sich und erschöpft.

Irgendwo auf diesen Um- und Auswegen begegnen die drei einer zwölfbeinigen Revierstreife, ohne Begleitung und entschlossen zum Wacheinsatz. Der Anführer ist einer jener hier überall anzutreffenden mächtigen gefleckten Hütehunde, deutlich größer als Fianna, finster und sich seiner Aufgabe bewusst voranschreitend. Ein Malinois, also ein belgischer Schäferhund, scheint sein Adjutant zu sein, der keinen Zentimeter von seinem Chef weicht und den entschlossen Eindruck macht, ihm sein Leben zu opfern. Das Dritte im Bunde ist ein doppelter Schuhschachtel-Mix, aber der größte Maulheld von allen. Man darf getrost davon ausgehen, dass niemand, auch keine erfahrene und unerschrockene Hundeführerin, eine solche Begegnung herbeisehnt. Erstes und oberstes Gebot ist es in solchen Fällen, die Hunde von der Leine zu lassen, dass sie frei agieren können. An der Leine könnte man ihnen sowieso nicht beistehen. Die zwei sind hier im Gelände, wo weit und breit niemand ist, sowieso schon von der Leine und auf alles vorbereitet. Fianna hat ihre Ausstrahlung auf potenzielle Gegner schon oft unter Beweis gestellt; meist genügt ein einziger Blick und dessen Moral schnurrt zusammen wie ein losgelassener Luftballon. Es war bisher nie zum Showdown gekommen, weil der Gegner schon down war, bevor er sich zu zeigen traute, was er draufhat. Einem solchen Kampftrupp mussten sie und Hedda sich jedoch noch nie stellen. Und tatsächlich geschieht etwas völlig Unerwartetes. Fianna geht auf die drei zu und durch sie hindurch wie ein heißes Messer durch ein Pfund Butter, nimmt sie weder wahr noch ernst, was bei denen ein solche Verwirrung auslöst, dass Hedda exakt in diesem Augenblick einen martialischen Ausfall auf den völlig verdutzten Hütechef manövrieren kann. Im nächsten Moment stiebt die Meute hektisch auseinander und gibt Fersengeld. Hedda versucht sich nicht an der kleinsten Beute, sie nimmt sich gleich den größten Brocken vor, denn ein Angriff auf die Schuhschachtel hätte die anderen zu dessen Verteidigung gezwungen. Der Angriffe direkt auf den Heerführer hat schon zu allen Zeiten die schlachtentscheidende Verwirrung ausgelöst. Die Kleine hat, wie wir schon immer wussten, ein hartes und hart kalkulierendes Kämpferherz, auch wenn sie von vielen als lieb und pflegeleicht eingestuft wird; Hedda hat das Herz einer Amazone. Am wichtigsten ist jedoch die Fähigkeit unserer beiden, das echte Kampfpotential ihrer Gegner im Vorfeld richtig einzuschätzen, also zu spüren, ob man es mit Fanfarenbläsern oder mit Ninja-Kämpfern zu tun hat. Heute waren sie zu dem Schluss gekommen: Posaunisten, solche die meinen, dem Bairischen Blues eins blasen zu können, nur weil seinerzeit auch die Mauern von Jericho unter Posaunenstößen zusammenstürzten. Jetzt ist der Weg frei für die drei und sie nehmen ihn wieder unter die Beine, Fianna und Hedda beschäftigen sich wieder mit Karnikellöchern, als hätte nicht soeben die Zukunft des Bairischen Blues auf dem Spiel gestanden, und die Dogwalkerin schwebt stolz mit geschwellter Brust hinter ihrer Brut einher, breitbeinig und hüftsteif wie ein Zuhälter.  

Um 20 Uhr gehen wir in das zum Campingplatz gehörende Restaurant Malvasia. Es ist richtig groß mit einer riesigen Terrasse, die nachmittags proppenvoll ist. Das können nicht nur die Camper hier sein, die würden kaum ein Viertel der Terrasse füllen; es muss also auch dem Einheimischen hier schmecken. Als wir nun eintreten, denn für die Terrasse ist es schon viel zu frisch, sind nur wenige Gäste da. In dieser Gaststätte könnten sich wahrscheinlich zwei Hochzeitsgesellschaften austoben, ohne sich auf die Füße zu treten, daran gemessen ist es jetzt fast leer. Fürs angenehme Raumklima soll ein einziger offener Kamin sorgen, der nur noch sterbensmüde flackert, also komplett überfordert ist. Wir bestellen zweimal Schweinernes, einmal Secreto Cerdo Ibérico und einmal Lagardo Cerdo Ibérico, beides also vom Ibérico-Schwein. Das Secreto (das Geheimnis), das auch als „geheimes Filet" bezeichnet wird, entsteht aus einem in Spanien geschätzten Fleisch-Cut, der in Deutschland kaum bekannt ist. Das Lagardo ist ebenfalls ein speziell entnommener Teil des Filets. Als Beilage werden Pommes und Bratpaprika gereicht. Sagen wir mal so: Es ist gut, es ist gutes Schwein, aber einen Tanz würden wir um diese im Feuer gegrillten Schweinestäbchen nicht machen. Alles reell, aber nichts auf unserer ewigen Schmankerlliste. Zum Schwein gibt es zwei Bier für den Mann und zwei Rote für die Frau.  

Zurück im Franz gibt die Marketenderin noch einen Gin Tonic aus und der Chauffeur muss anschließend unbedingt noch ein Becherchen Bier retten, das er heute im Supermarkt erstanden hat und ihm beim Verpacken aus der Hand gefallen ist. Daher hatte es ein kleines Löchlein, aus dem es minimal hervorsprüdelte. Mit Panzertape bandagiert, hat es sich bis jetzt recht gut gehalten. Aber morgen würde es vielleicht schon kein Leben mehr in sich haben, deswegen muss es heute noch seiner Bestimmung zugeführt werden. Und so versorgt gehen wir prallvoll und gut gelaunt zu Bett.