Von Bernd auf Freitag, 04. Februar 2022
Kategorie: Spanien

Hornachuelos

Freitag, 4.2.2022

Wir kommen morgens nicht in Schwung. Anstatt allmählich Bewegung in die Hütte zu bringen, hocken wir morgens im Schlafzeug und fummeln an unseren Aufzeichnungen herum: Der Chronist schreibt und die Bildredakteurin beschäftigt sich mit bildender Kunst. Die Welt wartet und wir haben Zeit.  

Um 9 Uhr beginnt es sich draußen zuzuziehen, und 11 °C sind eher unterirdisch denn himmlisch. Gegen 10 Uhr befinden wir, dass es möglicherweise Zeit wird, die Mädels zur Dränage zu führen, die jedoch tief verschlummert und in sich verschlungen keine Ansprüche stellen. Aber es hilft ja nichts: man muss ja doch irgendwann raus. Wir nutzen die Gelegenheit, um im Ort gleich noch Brot und Wasser zu kaufen. Und dann erst, nachdem auch die Mädels entsorgt sind, machen wir uns an unser Frühstück.  

Während des Frühstücks gesteht die Reiseleiterin, dass sie den Anflug eines kleinen Burnouts verspüre. Offenbar muss sie dem andauernden Entscheidungsdruck Tribut zollen und befindet sich im Urlaubsstress. Sie bittet, heute nicht mehr nach Sevilla fahren zu müssen, was ihr der Chauffeur freudig gewährt. Also morgen. Dann entrollt sie den Plan, Sevilla am liebsten in kleinen Portionen an mehreren Tagen besichtigen zu wollen, immer maximal zwei bis drei Stunden, um dann wieder ins Basislager zurückzukehren. Auch diese Bitte wird ihr ohne Gegenrede gewährt. Es geht schließlich immer noch ein bisschen mehr Entschleunigung. Und die echte Entschleunigung tritt erst ein, wenn die Entschleunigung entschleunigt wird.  

Kaum dass jedoch die Maximalentschleunigung zum Dogma erhoben worden war, wird sie schon wieder ausgesetzt: Die Antragstellerin entscheidet sich für einen porentiefen Totalputz des Franz, was zwar notwendig, aber unter den berichteten Umständen einigermaßen überraschend kommt, allerdings nur für Systemfremde, den Chronisten wundert das nicht. Die angestrebte Ruhe kehrt erst nach dem Rundumputz ein. Nun wird der Schlafmangel nach durchschnittlich mindestens zehn Stunden Nachtruhe abgearbeitet.  

Um 15 Uhr kommt dann wieder Leben in den Franz. Draußen ist es bewölkt bei 18 °C und die Dogwalkerin macht sich auf den Weg mit ihren Lieblingen. An Wanderwegen mangelt es hier nicht, denn der Naturpark Sierra de Hornachuelos liegt direkt vor der Tür. Auf über 60.000 ha erstreckt sich diese Fluss- und Auenlandschaft. An den Ufern des Río Bembézar (mit Stausee), des Río Guadalora, Río Retortillo und Río Guadiato gedeihen ausgedehnte Auenwälder mit Erlen, Eschen und Pappeln. Neben den Wäldern liegen ausgedehnte Dehesas mit Viehwirtschaft, auf denen sich auch Hirsche und Wildschweine wohlfühlen. Hoch über die Auenwälder erheben sich schroffe Karstabstürze und malerische, tief eingeschnittene Schluchten, die einen idealen Lebensraum für die scheuen Mönchs- und Gänsegeier darstellen, aber auch Kaiser- und Steinadler sind feste Besiedler dieser für Ansalusien einmaligen Landschaft, die wegen des Wassers und der intakten Vegetation als "Grüne Lunge Córdobas" bezeichnet wird. Über den grünen Niederungen erhebt sich mediterraner Wald mit Kork- und Steineichenwälder, in denen sich die Ibérico-Schweine mit Eicheln mästen. Die Wege sind sehr gut ausgebaut, gepflegt und beschildert. Während die drei einen vordergründigen Blick in den Park werfen, setzt Regen ein, den man hier als wohltuend empfindet, der aber selbst in dieser Region nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist.  

Spätnachmittags und abends treffen immer mehr Spanier ein, und es wird hier richtig kuschlig, man kann auch sagen: eng. Wir sind die einzigen Deutschen, und für mehr als sechs Fahrzeuge ist hier nicht Platz, weswegen man versucht Platz zu schaffen. Es wird palavert, dirigiert, rangiert und organisiert. Spanier können in dieser Hinsicht ziemlich distanzlos sein. Einen müssen wir bitten, doch ein bisschen mehr Distanz zu wahren, weil wir sonst nicht einmal mehr unsere Tür aufgebracht hätten. Doch letztlich geht alles, wie immer, sehr einvernehmlich vonstatten. Das Wochenende steht vor der Tür und sie alle wollen das machen, was die Reiseleiterin mit ihren Mädels gerade ansatzweise getan hat: Sie wollen in den Naturpark, sie wollen wandern und Fahrrad fahren.  

Nachdem sich um uns herum alles zu allgemeiner Zufriedenheit arrangiert hat, gibt es bei uns Spaghetti Vongole. Die Portion Vongole, von der der Chronist beim Kauf glaubte, dreimal Vongoliere sein zu können, ist auf einen Satz weg, was bedeutet, dass es heute Vongole an einem Hauch von Spaghetti gibt. Die Chefvongolierin wollte es so. Jetzt haben wir noch immer eine Standardportion Spaghetti übrig und müssen schon wieder eine Riesenportion Vongole bei LIDL aus der Gefriertruhe schaufeln.  

Womit man sich alles beschäftigen muss. Als ob man nicht schon genug Stress hätte.