Dienstag, 8.2.2022 

Morgens liegt hinter uns eine sehr seltene Schreckensnacht. Nachdem der Chronist wegen seiner Stimmungsinsuffizienz gestern früh im Bett verschwunden und damit versorgt ist, sorgt Fianna für eine schlaflose Nacht. Sie hechelt ohne Unterlass, ächzt, stöhnt, pfeift und fiemt ohne Pause, will gestreichelt und gekrault werden, hechelt, stöhnt, ächzt und pfeift dennoch weiter und nervt herum.

Um 4 Uhr hat die Hundeversteherin, die in dieser Nacht an die Grenze ihres Verstands und der Verständnisbereitschaft gekommen ist, ein Einsehen und geht mit der Nöle raus; man weiß ja nicht, was sie belastet. Der Ausgang dauert etwa 15 Minuten, in denen Fianna grob geschätzt 50-mal pinkelt, alle fünf Meter einmal. So ein Markierungsbedürfnis ist selbst für Hochläufige etwas zu viel und wäre eher mit überläufig zu beschreiben, was unseren Verdacht auf eine Blasenerkältung weckt. Die Frage lautet jedoch: woher? Wasserwanderungen und Vollbäder fanden in den vergangenen Tagen nicht statt und warm genug war es auch. Doch nach dieser Nachtwanderung ist sofort absolute Ruhe im Franz: Fianna macht keinen Mucks mehr und schläft wie ein Engelchen. Wir sind ratlos, aber immerhin nicht mehr schlaflos. Um 8:45 Uhr steht die Gouvernante auf und führt die Mädels aus. Es ist wie ein schlechter Traum: Am Morgen ist die Welt wie man sie kennt, die Monster der Nacht hat es nie gegeben oder auf Fianna angewandt: Sie ist so normal wie eh und je, hat beste Laune, wirkt, anders als ihr Begleiterin, ausgeschlafen, pinkelt wie immer, erledigt ihr großes Geschäft und signalisiert, dass sie nun einen Mordsappetit verspüre. Zum Frühstück bekommt sie dennoch ein paar Tropfen Dulcamara gegen eine eventuell doch schlummernde Blasenerkältung, aber, soviel können wir schon verraten, sie bleibt die einzige Gabe. Fianna ist für den Rest des Tages so normal wie alle Tage. Der Herr, der Kathedralen wie jene in Sevilla errichten lässt, wird auch wissen, was sich in alten Hütten abspielt. Der Herr des Bairischen Blues bleibt indes irdisch ratlos.  

Trotz des spärlichen Abendmenüs bescheiden wir uns heute mit einem Müeslifrühstück, weil wir schon viel Zeit verbummelt haben, auch weil die Mechanixe an der widersetzlichen Betty herumfummelt, allerdings ohne sie zur Einsicht zu bewegen; die zickt weiter.  

Um 11:45 Uhr verlassen wir Camping Villsom und Dos Hermanas bei wolkenlosen 16 °C. Zuerst müssen wir wieder einmal Carrefour einen Besuch abstatten, gleich um die Ecke, weil wir schon wieder Nachschub brauchen. Man fragt sich, wo all die Vorräte bleiben, wenn abends nicht viel mehr als eine Handvoll Cracker und ein paar Oliven auf dem Speiseplan stehen. Es wird wieder einmal ein Großeinkauf.  

Um 13:30 Uhr sind wir dann endlich bereit, Neues aufzunehmen. Wir wollen heute nach Ronda, das vermutlich bekannteste der berühmten weißen Dörfer Andalusiens. Also steuern wir den Franz nach Südosten. Einen Stopp haben wir in Zahara de la Sierra vorgesehen, das nicht so kultig ist, aber deutlich kleiner und dementsprechend weniger überlaufen. Wir gleiten durch eine zauberhafte Landschaft, die nichts von der andalusischen Schroffheit hat, sondern eher an unser Voralpenland mit seinen sanften Hügeln, grünen Matten und Kühen erinnert. Überall sprießt grüne Saat, als ob es kein dürres andalusisches Morgen gäbe. Und dahinter erheben sich Berge, echte Berge und keine groben Felsklötze. Nur die Vegetation mit Oliven, Pinien und Palmen reißt uns aus unserer heimatlichen Illusion. Aber vielleicht verwirklicht sich diese im Gefolge des Klimawandels ja auch bei uns zuhause noch.  

Um 14:45 Uhr kommen wir in Zahara de la Sierra an. Der Ort ist eng und die Sträßchen steil, sodass wir gar nicht lange herumeiern, sondern gleich am Ortseingang am Straßenrand parken [N 36° 50' 31,4'' W 005° 23' 31,1'']. Der Franz meldet uns 19 °C, es ist wolkenlos. Und dann stapfen wir los, wie fast immer in Andalusien, bergauf und bergab. Der Ort ist wirklich zauberhaft, knutschig, und die wenigen Touristen stören das Bild nicht, sondern bringen Farbtupfer ins gleißende Weiß der kleinen Häuser. So stellt man sich tatsächlich ein weißes andalusisches Städtchen vor: eng, mit tatsächlich hier lebenden Menschen im Alltagsbetrieb, kuschelige, oft adrett gestaltete Hinterhöfe und keifende Wachhabende in den Vorhöfen, dazu einladende Bars und Restaurants unter schattigen Bäumen.  

In der Ortsmitte lacht uns die Bar Nuevo an, deren Gäste auf uns entspannt und ausgesprochen zufrieden wirken. Also setzen wir uns dazu, bestellen Mejillones rellenos (Gefüllte Muscheln) und Tortillas de Camerones (Krabbenrösti), dazu Bier und Wein und wissen kurz darauf: Volltreffer! Wir sind satt und überglücklich und strahlen mit dem andalusischen Himmel um die Wette.

Um 16:10 Uhr fahren wir weiter in Richtung Ronda und sind uns sicher, dass sich andere weiße Dörfer sehr anstrengen müssen, um Zahara das Wasser zu reichen. Doch wir lassen uns gerne überraschen.  

Wir müssen unbedingt tanken und suchen uns eine Tankstelle am Ortsrand von Ronda aus. Dann passieren uns zwei gravierende Fehler. Die Reiseleiterin ist einen Moment unaufmerksam und übersieht die richtige Ausfahrt zur Tanke, weshalb wir einen Kringel fahren müssen, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen. Am Ende des Kringels stehen wir plötzlich nach einer scharfen Kurve vor einer Unterführung, die uns reichlich niedrig erscheint, aber doch nicht zu niedrig, eine Durchfahrthöhe ist nirgends angeschrieben und schon sind wir drinnen und durch – aber nur mit einem mörderischen Knirschen auf dem Dach: Die SAT-Schüssel hat das Manöver nicht überlebt! Jetzt könnte man sagen, selber schuld, wenn man sich immer brüstet, dass man keinen Antenne und keinen Fernseher braucht. Dann schlägt das Leben eben auch mal zu. Aber diese Nummer ist wirklich unterirdisch ärgerlich, weil sie schlicht eine fahrerische Dämlichkeit der Extraklasse ist. Bei der Ausfahrt aus der Unterführung sehen wir im Rückspiegel: 2,50 m. Das hätte nicht einmal gereicht, wenn wir die Köpfe eingezogen hätten.  

Erst einmal hilft es nichts zu jammern. Wir fahren die Tankstelle an und füllen den Franz auf. Anschließend rollen wir auf den Parkstreifen der gegenüberliegenden Straßenseite, um das Malheur in Augenschein zu nehmen. Die geschmeidige Beifahrerin schiebt ihren ranken Leib durch die Schlafzimmer-Dachluke und stellt fest: Nix mehr zu retten. Die Schüssel hängt nur noch an ihren Kabeln, die Plastikverpackung liegt in Trümmern, sofern sie noch vorhanden ist. Mit Panzertape sichert sie den Schrotthaufen auf dem Dach, damit er bei dem reichlich vorhandenen Wind nicht uns und anderen um die Ohren fliegt. Schweigend machen wir uns auf den Weg zum Campingplatz.  

Doch noch ist der Tag nicht zu Ende, weil der Google Mops anscheinend Gefallen an unserem Leid findet und uns hinters Licht, das heißt auf den Berg führt. Immer gen Osten in die Berge lotst er uns, hinauf in die Sierra de las Nieves, bis uns klar wird, dass dort niemals unser Campingplatz liegen kann. Auf einem kleinen Wendeplatz, hoch oben, bei pfiffigem Wind, der die Antennenreste auf dem Dach herumeiern lässt, dort, wo niemand von uns und unserem Leid Notiz nimmt, nicht einmal die kleine Herde wilder Ziegen, die hier einsam ihrer Wege zieht, manövrieren wir uns zurück und finden schließlich um 18 Uhr die Einfahrt zum Campingplatz El Sur in Ronda [N 36° 43' 16,3'' W 005° 10' 18,8'']. Es hat noch immer 17 °C und ist wolkenlos.  

Nur unsere Stirne sind bewölkt. Nach weit über 100.000 Kilometern als Chauffeur eines Wohnmobils muss der sich zurecht fragen, wie eine solche Dämlichkeit möglich ist. Der Chauffeur ist zerknirscht und erwägt kurzfristig seine Tätigkeit als Chauffeur gegen die eines Schaffneurs zu tauschen, was er aber doch wieder verwirft, weil er dann kaum noch eine Berechtigung hätte, mit den Mädels auf Reisen zu gehen; Schaffneur beschäftigt man nur noch am Rande der Welt und dort will er mit dem Franz nicht hin. Manch einer mag jetzt sinnieren, dass es am Übermaß des Glücks liegen könnte, das den Chauffeur zu einer solchen Harakiri-Aktion verleitete, immer den alten Schiller im Sinn, bei dem er gelernt hat: ‚Noch keinen sah ich glücklich enden, auf den mit immer vollen Händen die Götter ihre Gaben streun' (das hatten wir doch schon mal, oder?). Wenn man an solche Götter glaubt, mag das zutreffen, aber der Chauffeur glaubt nicht an die lenkende Hand irgendwelcher Gottheiten. Er glaubt eher an praxisbewährte Lebensweisheiten wie: Schuster bleib bei deinen Leisten. Es ist eine himmelschreiende Eselei, wenn ein langjähriger, ausgewiesener Realist und Weltskeptiker, was manche unzutreffend mit Pessimismus verwechseln, wenn ein solcher Realoskeptiker plötzlich im Überschwang positiven Lebensgefühls zum Optimisten mutieren will und die Augen vor der der Wirklichkeit verschließt. Darin hat er keine Erfahrung und dann geht das schief und kostet einer unschuldigen Satellitenschüssel das Leben. Wenn es nicht noch mehr Schaden angerichtet hat, was erst noch überprüft werden muss.

Was soll von einem solchen Tag, der im Zahara-Glück beginnt und in einer Unterführung in Ronda seine Bestimmung findet noch berichtet werden? Beispielsweise, dass auch der Campingplatz El Sur knapp zur Hälfte mit fremdgesteuerten Holländern belegt ist. Das scheint hier üblich und im wildfremden, fremdenfeindlichen und abweisenden Südwesten Andalusiens dringend geboten zu sein. Aber heute ist uns das keinen weiteren Gedanken mehr wert.  

Für Technikliebhaber und solche unserer Betty haben wir noch den Hinweis, dass wir sie ab sofort abschalten, wenn wir am Landstrom hängen, dann kann sie sich wenigstens nicht unnütz nützlich machen, wenn sie sich schon nicht auftanken will. Und genau das ist unsere allerletzte Lebensäußerung zum Abschluss dieses erinnerungswürdigen Tages: Betty off, Bett on.