Mittwoch, 9.2.2022
Wir durchlebten die zweite schlaflose Nacht in Folge. Enttäuschung, Wut über uns und Sorge über den Zustand unseres Franz haben den Schlaf vertrieben. Da macht man sich über die doofen LKW-Fahrer lustig, die den Höhenalarm auslösen, weil sie mit ihrer Karre in ein zu niedriges Tunnel fahren, und dann leistet man sich den gleichen Fauxpas – und kann es überhaupt nicht lustig finden. Es ist eher zum Heulen. Aber nun ist es so und wir müssen jetzt damit klarkommen.
Seltsamerweise kommt man immer später aus dem Bett, je weniger man geschlafen hat. Eigentlich müsste es einen heraustreiben, aber das Bedürfnis, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und die Welt da draußen zu ignorieren ist stärker. So kommen wir erst gegen 10 Uhr aus der Kiste. Dann beginnt die Reiseleiterin aktiv zu werden, was ihr tatsächlich mehr liegt als dem Chronisten, der in solchen Situationen schon mal einen Tag mit der Welt und sich hadert. Telefonate mit erfahrene Ratgebern und Helfern zu Hause werden geführt, die Sicherung wird verständigt, schließlich ist der Franz Vollkasko versichert, solche Ding eben, die den Betrieb wieder sicherstellen. Die Versicherung spielt ohne Quengeleien mit, zahlt alles bis 5000 € unbesehen; das hilft schon kräftig weiter, denn, wenn nicht mehr Schaden entstanden ist als eine demolierte Satellitenschüssel, kommt man damit gut klar.
Um 11 Uhr sind wir dann endlich bereit für ein Frühstück und um 13 Uhr führen wir unsere Mädels nach Ronda. Heute dürfen sie mitgehen, auch wenn Stadtbesichtigungen nicht ihre große Leidenschaft sind, weil der Morgengang wegen der Klärung der Situation ausgefallen ist.
Vom Campingplatz sind es zu Fuß etwa eineinhalb Kilometer, wobei man bei solchen Angaben nie weiß, ob sie die Entfernung bis zum Ortsrand oder in die Stadtmitte angeben. Wir vermuten, auch nach Befragung des Internets, dass eher der Ortsrand gemeint ist. Allerdings führt der Weg nach Ronda an der Straße entlang, was für unsere Flitzer wenig befriedigend ist, vor allem nach den unsäglichen Bedingungen der vergangenen Tage; die Amazonen sollen wieder richtig rennen können.
Kurz hinter dem Campingplatz verlassen wir die Straße nach links auf Wiesen und knochentrockene Äcker. Hier können sie sich austoben, nur sind wir nicht ganz sicher, ob das eine gute Entscheidung war, weil wir überall Zäune sehen, alles ist gesichert und abgegrenzt; wenn wir Pech haben, kommen wir da unten, wohin wir uns zielstrebig bewegen, nirgendwo raus und müssen den ganzen Schlauch wieder hoch und dann doch an der Straße entlangmarschieren. Aber wir haben Glück: Wir finden einen Durchschlupf und erobern Ronda, jetzt wieder typisch andalusisch steil bergauf, von der Rückseite her. Bis hierher war das Glück der Mädels perfekt, doch nun wird ihnen klar, dass Kopfsteinpflaster, enge Straßen und Trottoirs, sowie jede Menge Menschen auf sie warten, denen man ausweichen und an denen man sich vorbeidrücken muss. Hedda macht in ihrer Unbekümmertheit gute Mine zum lästigen Spiel, aber Fianna zeigt uns sehr deutlich, was sie von dieser Art Sightseeing hält. Der Fiannaführer muss ihr fast eine ganze Tasche Leckereien spendieren, um sie einigermaßen bei Laune zu halten.
Vielleicht geht es ihr wie ihrem Lotsen, der nicht so recht weiß, ob sich diese Hatscherei wirklich lohnt. Ronda ist das bekannteste und damit touristischste weiße Dorf Andalusiens, wobei man von Dorf eigentlich nicht reden kann. Ronda ist eine Stadt und schon jetzt im Februar ziemlich voll. Den Mädels zuliebe tauchen wir nicht tief in die hoffentlich vorhandenen Geheimnisse Rondas ein, aber neben der üblichen Kirchen und einigen schattigen Plätzen und Parkanlagen, fehlt uns noch etwas das Verständnis für den Hype um die einmalige Schönheit des Orts. Keine Frage: Wie der Ort an den Fels geklebt ist, beeindruckt. Man meint, irgendwann müssen die Häuser alle mal abrutschen. Was uns allerdings ein bisschen fehlt, ist der Pfiff, die Blickfänge, die das Auge fesseln. Was da in den Fels gebaut ist, sind langweilige, weiß gestrichene Häuserschachteln, die spätestens, wenn die Fassade abgebröckelt ist, schäbig aussehen und das ganze Bild stören. Man ringt in solchen unbefriedigenden Augenblicken um Antworten, um Erklärungen, warum das eine wirkt und das andere im Vorbeigehen verpufft.
Einen Hinweis findet man vielleicht in der Rhetorik, in der Art, wie ein Text vorgetragen wird. Jeder Schauspieler oder Redner weiß, dass es bei seinem Vortrag nicht in erster Linie auf Dramatik oder gar Lautstärke ankommt, sondern auf die Ruhe; es sind die Pausen die einen Vortrag besonders machen, die richtig gesetzten, in der richtigen Länge getimten Pausen, das Voranschreiten und Verharren, das einen Text schläfrig oder zum Ereignis macht. Vor allem darin unterscheidet sich Schauspielkunst und Laientheatralik. Vermutlich sind es diese Pausen in der Betrachtung von Ronda, die fehlenden Unterbrechungen und Synkopen, die den Rhythmus und die Spannung von Zahara ausmachen: Freisitze, Loggien, Balkone, Säulenbalustraden, außenliegende Wendeltreppen, abgesetzte Dachstürze, verkantete, versetzte und verwinkelte Häuserfronten, kurz all das, was das Auge innehalten lässt, es zum nächsten Blickfang führt, wie die Serifen einer Schrift das Auge von einem Buchstaben zum nächsten führen. Das fehlt Ronda. Die Stadt am Fels wirkt auf den Chronisten wie ein weiß-grauer Einheitsbrei, wie ein dahingeleierter Text.
Natürlich gibt es einige beeindruckende Ansichten, wie beispielsweise der Puente Nuevo, eine in der zweiten Hälfte des 18. Jh. gebauten Brücke über eine 120 Meter tiefe Schlucht, die die Altstadt von dem neuerer Stadtteil trennt. Das ist tatsächlich ein Hingucker, was aber nicht nur wir so sehen, sondern alle anderen Besucher Rondas ebenfalls. Der Puente ist der touristische Brennpunkt Rondas.
Darüber hinaus bedient Ronda alle Bedürfnisse der Touristen mit Hotels, Hotels, Restaurants, Restaurants, Bars, Klamottenläden, Souvenirshops, Dönerbuden und was dem modernen Menschen alles geboten werden muss, um ihn glücklich zu machen.
Wir haben für heute genug gesehen und machen uns, vor allem der Mädels zuliebe, die viele begeisterte Hände auf ihrem Haarkleid erdulden mussten, auf den Rückweg, beschließen aber, morgen oder übermorgen noch einmal vorbeizuschauen, um möglicherweise einen anderen und günstigeren Eindruck von Ronda zu gewinnen. Eines scheint allerdings schon heute festzustehen: An Zahara wird Ronda nicht mehr herankommen.
Für den Rückweg zum Campingplatz nehmen wir die Straße, was zu unserer Überraschung ziemlich problemlos geht (wenn man mal vom Müll, den Glasscherben und den Hundehäufen absieht). Als wir um 15:30 Uhr zurück sind, haben wir sieben Kilometer hinter uns gebracht und zwei Hunde zufrieden gemacht.
Bevor wir uns an die Begutachtung und Beseitigung unseres Dachschadens machen, gönnen wir uns einen kleinen Kaffee mit etwas Kuchen, denn Zucker macht bekanntlich nicht nur dick, sondern auch glücklich. Ein wenig Gelöstheit kann uns jetzt nicht schaden.
Dann steigt die Mechanixe dem Franz aufs Dach und kommt zu dem Schluss, dass wir viel Glück im Unglück hatten. Die Antenne ist Schrott, aber die Dachkonsole der Antenne ist unbeschadet aus dem Malheur gekommen; wir haben also tatsächlich keinen Dachschaden, nur einen Antennenschaden. Ein echter Dachschaden hätte unserer Reise ein Ende gesetzt. So kann es also weitergehen und wir können durchatmen und einen Gin Tonic darauf nehmen. Ohne die Schüssel können wir gut leben.
Die Mechanixe befreit die Schrottantenne von ihren Kabeln und Steckverbindungen, isoliert diese mit Tape, verräumt sie im Sockelrondell und verklebt alles wasser- und winddicht mit Panzertape. Jetzt geht es uns wieder besser und wir blicken freudig in die Zukunft – obwohl der Chauffeur noch eine Weile daran zu kauen haben wird.
Schon seit unserer Ankunft hier, wissen wir, dass der Campingplatz nicht nur viel Charme hat, sondern auch eine superquirlige Spanierin in der Rezeption. Sie und die Reiseleiterin schwingen auf einer Wellenlänge wie ein turbulentes Schwesternpaar. Schon bei unserer Ankunft hat sie uns das zum Platz gehörende Restaurant El Sur wärmstens ans Herz gelegt: müssen wir unbedingt, bestes Resto usw... Gäbe es einen besseren Tag als den heutigen, ihre Lobpreisungen zu testen?
Um 20 Uhr ist es soweit. Die Karte verspricht viel, und wir beginnen unseren kulinarischen Abend mit einer Suppe nach Art des Chefs, ein sämiges geschmacksintensives Süppchen, das Lust auf mehr macht. Die Gourmette entscheidet sich als Entrée für einen Salat mit Äpfeln, Käse, Datteln und Iberico-Schinken. Mon Dieu, auch das ist ein Volltreffer. Dann entscheidet sich der Chronist für eine Entenbrust Orange mit Pommes und kandierten Früchten und leckt sich danach die Mundwinkel wie seine Mädels nach einem Stück grünen Pansen. Die Gourmette entscheidet sich für ein Pulpobein mit sautierten Kartoffeln und kann vor Glück kaum schlucken, so zart und kräftig gleitet die Tentakel durch ihren Rachen. Der Chronist kann noch nicht aufhören und bestellt sich noch eine Eistorte mit flambiertem Whisky. Zu allem rinnt ein samtig kraftvoller Roter aus der Region durch unsere Speiseröhren. Das kulinarische Erlebnis ist uns jeden einzelnen der 82 Euros wert. Wir stehen tief in der Schuld der Rezeptionistin und sind uns sicher, dass wir hier nicht zum letzten Mal waren. Dieses Restaurant ist eine echte Empfehlung. Auch die Einrichtung ist stilistisch nicht das, was man auf einem Campingplatz erwartet, sondern andalusisch stabil und echt. Und auch das Personal lässt keine Wünsche offen: aufmerksam, freundlich, immer in Rufweite, aber mit der gebotenen Distanz.
Um 22 Uhr gehen wir mit der Erkenntnis ins Bett, dass es in Spanien sehr viel mehr gute Restaurants auf den Campingplätzen gibt als anderswo in Europa. Oft genug findet man weit und breit gar nichts oder es sind Döner- und Würstchenbuden, Pizza- und Pastaabsteigen mit zweifelhafter Qualität und lieblosem Auftritt. Das gilt auch für das Feinschmeckerland Frankreich, in dem man oft noch die Fahrräder aktivieren muss, um zu Speis und Trank zu kommen, wenn man nicht gerade direkt in der Stadt steht. Spanien macht den Liebhaber gediegener Küche nicht im Stich und zwingt ihn nicht nach einer Flasche Wein nochmal aufs Fahrrad.
Am Ende dieses Tages ist es uns nicht nur warm im Magen, sondern auch warm um die gefrosteten Herzen.