Samstag, 12.2.2022
Die Lennox-Züchterin hat schon am frühen Morgen eine freudentränenerstickte Sprachbotschaft gesandt, kann ihr Glück nicht fassen, nach vielen Jahren wieder etwas von ihrem verlorenen Sohn zu hören, bedankt sich vielmals und immer wieder und ist trotz der Sprachbotschaft in gewisser Weise sprachlos. Wenn es immer so einfach wäre, einem Menschen Freude zu bereiten...
Eigentlich sollte dieser Tag nicht so sehr viel bieten, dass man ihm einen eigenen Eintrag widmen müsste, aber dann kommt es doch noch anders, eine Schnurre nur, aber eine erwähnenswerte. Während wir nach dem späten Morgenspaziergang, den die Bürstners gerade noch vollziehen, im Franz sitzen, hören wir auf der Parzelle über uns ein reges Palaver. Ein deutscher Wohnmobilist erklärt einem der ständig verfügbaren und sehr engagierten Mitarbeiter des Platzes, dass er in der Vergangenheit schon einmal hier war und wisse, dass es auf dieser Parzelle einen Direktablass gäbe, in den man sein Abwasser direkt in der Erde versenken könne. Der Mitarbeiter fängt also an der angegebenen Stelle mit den Händen an zu graben und findet tatsächlich ein Loch, vertieft es, holt Werkzeug, und tatsächlich befindet sich an dieser Stelle ein Loch, wie es der Wohnmobilist vorhersagte. Eine solche Aktion ist ungewöhnlich genug, um eine gewisse Erwartung auf das, was sich dadurch ankündigen könnte, zu entwickeln.
Nachdem die Bürstners ihren Spaziergang beendet haben, lassen wir uns gemeinsam vor dem Franz nieder und trinken Kaffee. Tiefer als der Mitarbeiter das Loch gegraben hat, wird beim Kaffee noch einmal in den Tiefen der Hundewissenschaft gegraben. Es ist beeindruckend, wie viele Fragen sich bei Hundebesitzern aufstauen können. Und dann scheint sich der Himmel über uns zu verfinstern. Auf den Platz über uns schiebt sich ein grauer Gigant, langsam, tastend, denn während er sich auf die Parzelle schiebt, schneiden zwei Mitarbeiter des Platzes mit Motorsägen einige Äste der im Weg stehenden Olivenbäumchen ab. Dann steht das Monstrum – und wir nehmen Tisch und Stühle und wandern auf die Straße hinaus, weil für uns die Sonne weg ist. Nach einigen Inspektionsrunden um sein Heiligtum holt der Besitzer dieses Mobils eine Ausziehleiter aus einer der zahllosen Seitenfächer, eine Leiter, die unseren Franz nahezu komplett ausfüllen würde, steigt mit einer Astschere hinauf und zwickt noch ein paar Ästchen ab, die der empfindlichen Haut seines Elefanten Schaden zufügen könnten. Leise summend schiebt sich mittels eines Slideouts das Wohnzimmer aus der linken Seitenwand und unversehens rollt ein Mini Cooper-Cabrio vor die Nase des Boliden. Ob es dem Heck entrollt oder der rechten Seite des Schlachtschiffs entglitten ist, entzieht sich unserer Kenntnis.
Was da über unseren Häuptern aufragt ist ein Volkner Performance. Wir wissen nicht, welche Ausstattung das Prachtstück hat, aber zumindest die Standard-Eckdaten können wir an diese Stelle liefern: Länge 11,40 m, Breite 2,50 m, Höhe 3,85 m. Frischwassertank bis 1000 l, Abwassertank bis 800 l, Fäkalientank bis 450 l. 460 PS, 18 t Gesamtgewicht. Wir beraten über den Preis dieses Monstrums und liegen alle ziemlich daneben. Wir lassen euch noch ein wenig grübeln und Angebote machen, um wieviel man für ein solches Gefährt sein Konto plündern muss.
Eigentlich ist es kein Großereignis, mit einem solchen Gefährt konfrontiert zu werden, es kreuzen ja viele Luxusliner unsere Wege, aber einen Volkner sieht man nicht alle Tage. Als die Bürstners mal eben in ihrem zwergenhaften Lyseo abgetaucht waren, ereilt uns plötzlich von drüben die Frage: „Habt ihr Strom? Ich hab keinen." Wir sehen nach und haben auch keinen Strom mehr. Jetzt wird wieder das Platzpersonal bemüht, und der Elektriker meint, dass in unserem Verteilerkasten die Hauptsicherung geflogen sei. Er würde sehen, was er machen kann, aber versprechen könne er nichts, es sei ja Samstagnachmittag ... falls er etwas besorgen müsse. Wir sollten doch die freien Plätze auf der anderen Wegseite beziehen. Bevor wir abwarten, ob die Reparatur heute noch gelingt, räumen wir unseren Krempel zusammen und beiseite und rollen zur anderen Seite hinüber. Uns folgt noch ein Schweizer, der auch entstromt wurde. Natürlich verdächtigen wir den Volkner. Vielleicht war die Betätigung der Mini-Garage im Zusammenspiel mit dem Kaffee-Vollautomaten, aus dem sich die blonde Beifahrerin möglicherweise einen Espresso zapfte, zu viel für die Elektrik dieses Blocks. Aber wir wissen es nicht und wollen nicht neidisch Schuld zuweisen. Jetzt haben wir einen neuen Platz, der noch weniger Sonne bereitstellt, aber für den Rest des Tages soll uns das auch nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen.
Aber der Vorfall sorgt für eine neue Betty-Episode. Wir hatten ja bereits erwähnt, dass wir Betty abschalten, wenn wir am Landstrom hängen, damit sie ich nicht unnötig verausgabt. Während unseres Stromausfalls haben wir sie wieder aktiviert, und nachdem wir auf der anderen Seite unseren Platz bezogen und wieder Strom haben, bedient sich Betty gierig und säuft sich voll. Irgendwann werden wir hinter das Geheimnis dieser Dame kommen. Aktuell hinterlässt sie nur Fragezeichen über unseren Köpfen.
Gegen 17 Uhr setzt ein wenig Regen ein und wir ziehen uns zurück. Abends sitzen wir wieder im Restaurant zusammen. Heute kommen zwei riesige Paellas auf den Tisch, die im Laufe des Abends von drei Flaschen Wein begleitet werden. Natürlich kommt auch die Eistorte noch einmal zu Ehren. Die Gespräche geraten erwartungsgemäß auch heute nicht ins Stocken und am Ende sind wir überzeugt, neue Freunde gefunden zu haben. Die Freude beim Personal ist allerdings eingeschränkt, denn heute wird es 23:15 Uhr bis wir es in den wohlverdienten Feierabend schicken. Wir bedanken uns für die Geduld aller an unserer Freude Leidenden sehr herzlich, versprechen aber nicht, beim nächsten Mal, wenn es ein solches geben würde, früher zu verschwinden; man sitzt so bequem und wohlig im El Sur.
Als wir beseelt in die Kojen schweben, hat es noch 10 °C und es ist bewölkt.
Zum Schluss des Tages wollen wir noch das kleine Rätsel um den Volkner lüften. Die Kiste kostet etwa 1,25 Mio. Sie könnte aber, je nach Ausstattung, bis zu 6 Mio. kosten und wäre damit das teuerste Wohnmobil der Welt. Beispielsweise könnte in ihm eine Soundanlage tönen, die allein 300.000 € wert ist; alles im Angebot, bei Volkner. Wer so viel Geld für ein Wohnmobil ausgeben kann, muss gut schlafen können. Aber wir können es mit unseren rollenden Armenhäusern mindestens genauso gut. Nicht nur in dieser Nacht.