Dienstag, 15.2.2022
Morgens um 8:30 Uhr ist es im Yachthafen von La Línea noch windstill und wolkenlos bei 12 °C. Die Dogwalkerin tut, was unumgänglich ist und überredet die Mädels zu einem Spaziergang, obwohl sie weltklug genug sind zu wissen, dass das alles wird, nur kein Spaziergang nach Art des Hauses. Sie machen gute Miene zum unumgänglichen Spiel und trotten lustlos mit. Die Bar am Ende der Pier hat noch geschlossen, was bedeutet, dass es kein Baguette und auch sonst nichts zum Frühstück gibt. Und weil auch unsere Lager leer sind, steht wieder einmal ein Müslifrühstück auf der Karte. Aber dagegen ist nichts einzuwenden.
Um 11 Uhr kraulen wir unsere Lieblinge zwischen den Ohren und marschieren los. Heute nehmen wir uns nach der Grenze keinen Bus, sondern überqueren die Rollbahn nach Gibraltar auf der Winston-Churchill-Avenue zu Fuß und werden zu unserer Freude sogar von einem Rotlicht gestoppt, weil ein easyJet in die Luft möchte.
Nach einer halben Stunde sind wir bei Dolphin Adventure, bekommen unsere Online-Buchung bestätigt – und suchen gleich darauf eine Apotheke in der Nähe, weil die Reiseleiterin zwar viel gesegelt ist, aber dennoch nie richtige Seebeine entwickelt hat: Sie braucht ein Mittelchen gegen die Seekrankheit. Gegen Seekrankheit kann man sich nicht wehren und wird auch nie dagegen immun, demnach ist es klug vorzusorgen, auch wenn die See gerade spiegelglatt ist. Nachdem auch diese Suche erfolgreich zu Ende gebracht ist, setzen wir uns direkt am Anleger von Dolphin Adventure in die Bar Bianca und stärken uns mit zwei Kaffee. Auf das Adventure-Ticket bekommen wir sogar noch 10% Nachlass.
Pünktlich um 12:30 Uhr geht es dann los. Der Kapitän macht uns große Hoffnungen, dass wir Delphine* sehen werden, garantiert es uns aber nicht. Im Falle, dass die Flipper vor uns Reißaus nehmen sollten, dürften wir mit dem gleichen Ticket noch einmal in See stechen. Das mögen die Flipper bitte verhindern, sonst müssten wir einen weiteren Tag unsere Mädels am Yachthafen Gassi führen. Etwa 20 Menschen sind an Bord, dazu natürlich der Skipper und zwei junge Frauen, die die Crew bilden, nach den Delphinen Ausschau halten, unsere Fragen beantworten und auch sonst viel Wissenswertes zu erzählen haben.
Wir kreiseln in der Bucht von Gibraltar mit dem angebrachten Respekt vor all den rostigen und verrotteten Riesenpötten, die hier auf Reede liegen und auf Abfertigung warten. Wenn man in die Nähe dieser Stahlmonster kommt, ahnt man, wozu sie geschaffen wurden: Zum Geldverdienen, jedenfalls nicht, um gewartet zu werden. Beim Anblick dieser Seelenverkäufer kann einem angst und bange werden, was da zigtausendfach über die Weltmeere schippert.
Schon nach wenigen Minuten sehen wir die erste typische Rückenflosse in etwa 50 Metern Entfernung. Die Begeisterung auf dem Schiff ist groß, die Kameras fliegen an die Augen, und die Flosse ist wieder weg. Zwei Flossen, drei Flossen, Kinder kreischen, dass die Scheiben der Kapitänskajüte zu platzen drohen und die Erwachsenen scheinen irre zu werden. Auch die sich derzeit neu erfindende Tierfotografin weiß gar nicht, wohin sie ihre lange Linse mit dem Extender zuerst richten soll; wo immer sie auftaucht, sind die Flossen schon wieder abgetaucht. Der in sich ruhende und mit der Welt im Einklang lebende Chronist bescheidet sich mit seinem Handy, in der Hoffnung, auch einmal an die Reling vorgelassen zu werden.
Mit jeder Minute kommen die Tiere näher, immer mehr tummeln sich um das Boot, machen einen kleinen Satz an Steuerbord, tauchen ab und grüßen wieder von der Backbordseite, tauchen unten durch, sind plötzlich zu fünft da, wo es gerade noch zweit waren und machen einfach, wozu sie Lust haben – und sie scheinen heute richtig viel Lust zu haben. Gestern, so berichten uns die beiden jungen Begleiterinnen, hätten sie keine Sichtungen gehabt, zu viel Wind, zu kabbelig die See, das mögen auch Delphine nicht.
Was den Flippern reine Lust zu bereiten scheint, bringt die Fotografen, vor allem die mit den langen Linsen, in Schwierigkeiten. Die mediterranen Vergnügungsschwimmer kündigen nämlich nicht an, was sie als nächstes vorhaben und wo sie nach dem nächsten Flossenschlag auftauchen werden. Da starrt das Großformat ständig auf unbewegtes Wasser, während der Delphin zehn Meter weiter aus dem Wasser hüpft und, wie es scheint, der Tierfotografin eine lange Nase dreht. Und je mehr die Meereskobolde Spaß haben und je näher sie kommen, desto schwerer hat es die Großformatfotografin. Dem Handyknipser geht es unter diesen Umständen eindeutig besser; der große Ausschnitt sorgt dafür, dass immer ein oder mehrere Flipper schnappgeschossen werden können.
Und plötzlich schwebt unter dem Boot ein großer Delphin mit einem kleinen hindurch, und nicht nur der völlig durchgewuselten Langlinsenfotografin entschlüpft die Frage: „Mother and child?" „No", antwortet eine der Begleiterin: „Billie with a common".
An dieser Stelle wird es Zeit, die Geschichte von Billie zu erzählen. Dazu müssen wir vorher allerdings ein bisschen Delphinologie betreiben.
Warum es in dieser Bucht so viele Delphine gibt, liegt daran, dass sie hier in einem Schlaraffenland leben. Fischfang ist nur in geringem Maße erlaubt und mit Netzen überhaupt nicht, sodass sich auch die Säuger darin nicht verfangen und verenden können. Diese Vorgaben werden von den spanischen und gibraltarischen Behörden streng überwacht. Das und eine Wassertiefe von bis zu 400 Metern beschert vielen Fischarten einen idealen Lebensraum und Brutplatz, was den Tisch für die lustigen Gesellen im Übermaß deckt.
In der Bucht lebt überwiegend und ganzjährig der Gemeine Delphin (Common delfin). Er heißt so, weil er die rund um den europäischen Kontinent am häufigsten vorkommende und damit bekannteste Delphinart ist. Der Common wird zwischen 1,7 und 2,4 Meter lang und wiegt 60 bis 75 Kilogramm.
Sehr häufig kommen in der Straße von Gibraltar auch die striped dolphins vor (Gestreifter oder Blauweißer Delphin). Zu bestimmten Jahreszeiten kann man sie in Schulen von mehreren hundert Tieren beobachten. Sie gehören sicher zu den aktivsten und verspieltesten Delphinen. Auch sie werden kaum mehr als 2,5 Meter lang, können aber ein Gewicht von über hundert Kilo erreichen.
Und dann schauen hier regelmäßig die bottlenose dolphins vorbei, die wir als Große Tümmler kennen; Flipper ist so eine Flaschennase und hat seine Verwandtschaft in unserer Vorstellung zum Delphin schlechthin gemacht. Sie sind es auch, die in den Delphinarien der Welt ihre Kunststücke zeigen. Die Flaschennasen werden bis zu vier Metern lang und erreichen meist ein Gewicht von bis zu 300 kg, in Ausnahmefällen bis zu 650 kg.
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Hier beginnt nun die rührende Geschichte von Billie, der Flaschennase. Ihre Verwandtschaft ist unter ihren Artgenossen eher ungern gesehen, weil sie sich meist wie Rüpel verhalten und gerne wie eine Straßengang auftreten. Wenn die Flaschennasen in der Bucht auftauchen, tauchen die anderen ab und machen sich irgendwo in der Bucht dünne, bis die Luft wieder rein ist. Doch eines Tages im Jahr 2006 verpasste eine sehr jugendliche, weibliche Flaschennase den Anschluss an ihre Einheit. Vielleicht war sie im jugendlichen Überschwang gerade besonders hingebungsvoll mit Common-Mobbing beschäftigt, jedenfalls fand sie sich urplötzlich allein im Feindesland und in Feindeshand, worauf sie begann, kleine Brötchen zu backen und um Verzeihung zu heischen. Die Commons vergaben ihr und nahmen sie in ihren Trupp auf. Der Vorgang wurde von einer Crew von Dolphin Adventure beobachtet und weiterverfolgt. Schließlich gaben sie der adoptierten Flaschennase den Namen Billie. Seither ist Billie festes Mitglied der Common-Gemeinde, was sie offenbar so sehr zu schätzen weiß, dass sie auch dann, wenn ihre ehemaligen Kumpels wieder einmal randalierend vorbeischauen, ihre neue Familie nicht mehr verlässt und bei ihrer Wahlverwandtschaft in der Bucht bleibt.
Doch damit ist die Geschichte von Billie noch nicht zu Ende erzählt. Zehn Jahre nach ihrer Adoption durch die Commons brachte sie ein Hybrid-Kalb zur Welt, der bisher einzig bekannte Hybrid aus einer Flaschennase und einem Common. Billie ist jetzt etwa 16 Jahre alt. Da Große Tümmler ein Alter von 25 Jahren erreichen, hat sie noch einige Jahre vor sich und kann den Besuchern der Bucht von Gibraltar noch viele zauberhafte Momente schenken. In Gefangenschaft werden die Tümmler sogar über 50 Jahre. Der älteste bekannte, schaffte sogar 61 Jahre. Falls sich das behütete Leben in der Bucht wie eine Art Gefangenschaft auswirken sollte, könnte sie sogar richtig alt werden. Das wäre mal eine schöne Gefangenschaft.
Es sind doch immer wieder die rührenden Geschichten, die aus der oft so trüben und unwirtlichen Welt ein kleines Stückchen Paradies machen.
Nach einer guten Stunde dreht der Skipper um und steuert den Hafen an; die nächste Fuhre wartet bereits an der Pier. Wie lang eine solche Fahrt dauern darf, wird man nie beantworten können, denn während die einen noch immer von jeder Flosse elektrisiert rund ums Schiff flitzen, nie genug bekommen können, vor allem die mit den langen Brennweiten, um sich doch noch den ultimativen Schuss zu geben, hängen die anderen schon seit einer halben Stunde gelangweilt herum und schauen mit ihren Kleinkindern auf deren Handys Bollywood-Filmchen. Gut, dass die nächste Fuhre bereits wartet und dem Kapitän die Entscheidung abnimmt. Kurz vor 14 Uhr sind wir wieder an Land, wo sich diesmal mindestens 50 Leute um einen aussichtsreichen Platz drängeln. Schon wieder einen Riecher gehabt, dass wir bereits für 12:30 Uhr gebucht hatten.
Wir stapfen wieder zurück, beglückt und irgendwie beseelt und können nur jedem, der Gibraltar besucht, dringend empfehlen, einen Besuch bei den Delphinen einzuplanen. Wir haben zusammen 40 £ für dieses einmalige Erlebnis bezahlt.
An der Grenze versorgen wir uns im Eroski Center (nein, das ist kein Shop für Sex-Spielzeug, sondern ein ganz unverdächtiger Supermarkt) noch mit dem Nötigsten und sind um 14:40 Uhr zurück bei den Mädels im Yachthafen. Es hat 18 °C und es ist wolkenlos und windstill. Den Damen muten wir auch keinen weiteren Auslauf auf dem Kasernenhof zu, sondern entsorgen den Franz und machen uns davon. Eine weitere Nacht braucht es wirklich nicht. Die Mädels scheinen es dankend zur Kenntnis zu nehmen. Für den Tag und den angebrochenen zweiten bezahlen wir für nichts 25 €.
Um 15:50 Uhr sind wir dann endlich weg, machen aber doch noch einen Abstecher zu Carrefour in La Línea, der vorhersehbar die Dauer der üblichen Carrefour-Einkäufe einnimmt. An einer Shell-Tanke sehen wir Repsol-Flaschen, die erweisen sich jedoch als gebraucht und leer – ausverkauft, weil sich in dieser Gegend sehr viele Nicht-Spanier um Propan reißen.
Um 17:30 Uhr ist es dann tatsächlich soweit, dass wir die Halbinsel in Richtung Norden verlassen. Über Algeciras steuern wir Tarifa an. Algeciras leitet sich vom arabischen Al-Dschasira al-chadra ab, was so viel wie „grüne Insel" bedeutet. Heute ist die Stadt keine grüne Insel mehr, sondern ein Industrie- und Raffinerieloch, das in normalen Zeiten das Hauptsprungbrett nach Marokko ist. Derzeit springt aber keiner; Marokko ist dicht und Algeciras noch ungastlicher. Nach Algeciras wird das Land aber immer grüner. Zuerst geht es den Berg hoch und dann dürfen wir wieder hinunterrollen, immer die Straße von Gibraltar vor den Augen, Afrika in den Nüstern und Schiffe, Schiffe, eine scheinbar endlose Perlenschnur von, wie wir aus nächster Betrachtung wissen, schrottreifen Frachtern und Containerschiffen auf ihrem Weg hinaus in die Ungewissheit des Atlantiks oder hinein in die mediterrane Badewanne. Wohin sie wohl ziehen? Trotz des Rosts und Schrotts vor Augen, ergreift uns ein wenig Seefahrerwehmut und Fernweh.
Um 18 Uhr treffen wir in Tarifa auf dem städtischen Stellplatz Área de Autocaravanas Tarifa ein [N 36° 01' 60,0'' W 005° 36' 40,5'']. Es hat 17 °C und ist immer noch wind- und wolkenlos. Der Hüter des Stellplatzes ist ein unendlich freundlicher und liebenswerter Spanier, der uns bei der Registrierung unseres Kennzeichens sofort ins Herz schließt, weil er sich RO-MA so gut merken kann; tolle Nummer, und wir haben nur wegen unseres Kennzeichens einen neuen Freund, der bei jeder Begegnung winkt und lacht und strahlt.
Der Platz selbst ist ein großer Sandplatz, auf dem man sich an den Längsseiten und in der Mitte einen Hocker sucht. Es ist noch genug frei, also nehmen wir irgendwo in der Mitte Platz und sind sehr zufrieden. Ver- und Entsorgung ist vorhanden, Strom und Toiletten nicht. Zum Strand sind es nur wenige Schritte.
Mit Tarifa haben wir den südlichsten Punkt des europäischen Kontinents erreicht und befinden uns bereits auf der Atlantikseite. Das Mittelmeer werden wir damit, nach aller Wahrscheinlichkeit, auf dieser Reise nicht mehr grüßen oder gar betreten.
Tarifa ist eigentlich kein Ort, den man gesehen haben muss, es sei denn, man wäre Kite-Surfer. Hier blasen Winde, die diesen Sportlern die nötige Luft zum Fliegen bescheren, weswegen der ganze Ort im Wesentlichen ein Kiter-Paradies ist. Nur heute bläst nichts, überhaupt nichts. Dennoch gehen wir mit den Mädels sofort die wenigen Schritte vom Stellplatz hinüber zum Strand und finden einen Atlantik vor, der sich eigentlich schämen müsste, so platt liegt er in seinem riesigen Bett herum. Ein paar Brandungswellen, die unumgänglich sind, sonst nichts. Von Kitern kann auch keine Rede sein, die liegen wie der Atlantik in ihren Betten oder hängen in ihren Kneipen herum. Dafür sitzen Nicht-Kiter am Strand, genießen die Ruhe und die Windstille, lesen oder dösen – als Familienidyll könnte man es auch beschreiben.
Und kaum jemand ist hier ohne Hund unterwegs; so viele Hunde pro Kopf sind uns noch nirgendwo untergekommen. Die traurige Folge ist ein völlig verschissener Strand. Man muss es nicht verstehen. Die vielen Hundebegegnungen stärken in uns jedoch die Gewissheit, dass Fiannas Hitze schon deutlich abgekühlt ist, weil die meisten Rüden schnell aufgeben und von ihr ablassen.
Um 19:15 sind wir wieder zurück, schlürfen einen Sundowner zum Sonnenuntergang und braten uns anschließend ein Gallineta-Filet (Blaumäulchen), das wir bei Carrefour erstanden haben. Dazu gibt es nur Salat und Brot. Schlichter geht es kaum und köstlicher auch nicht.
Um 21:15 Uhr machen wir die Luken dicht. Es hat noch 16 °C, ist klar und windstill. Neben uns kuschelt sich schon wieder ein Spanier an uns, sogar noch Tür an Tür, so nahe, dass wir beschließen, morgen früh umzuziehen. Noch einen Schritt enger und man muss Sorge haben, dass man unter Druck statt der eigenen Toilette die des Nachbarn benutzt. So vertraulich muss es nicht zugehen.
*der Bairische Blues ist sich selten wie nie einig, dass man Delphin mit „ph" schreibt und nicht mit „f", und bleibt dabei!