Samstag, 19.2.2022
Heute dreht sich der ganze Tag um ein einziges Ereignis: Die Hohe Schule der andalusischen Kartäuserpferde (Cartujano), die meistens nur als Andalusier bezeichnet werden.
Um 11 Uhr sitzen wir wieder auf unseren Rädern, es hat 13 °C und ist ein wenig wolkig. Auch heute brauchen wir eine knappe halbe Stunde bis zur Fundación Real Escuela Andaluza Del Arte Ecuestre, der Königlich-Andalusischen Reitschule, wo wir ja bereits gestern per QR-Code reserviert hatten: 23 € für die jugendliche Begleitung des ältlichen Grandseigneurs, der wegen seines Gebrechlichkeitsbonus' nur 15,50 € bezahlen muss. Schnell wird uns klar, dass die gestrige Buchung eine gute Idee war, denn es tummeln sich jede Menge Leute hier in Erwartung der großen Show, solche wie wir, die sich zum Fußvolk zählen müssen und solche im edelfeinen Wichs, noble Herrschaften, die sich in der Promibox unter der Königsloge niederlassen dürfen. Doch so sehr wir uns die Augen ausgucken: Die royale Box bleibt leer.
Und dann, pünktlich um 12 Uhr, geht es los. Was wir in den folgenden 90 Minuten zu sehen bekommen, gehört zum Herausragendsten, Beeindruckendsten und Unvergesslichsten auf all unseren Reisen.
Wir sind keine Pferdekenner und verstehen nicht viel von Hoher oder Niederer Schule, außer dem, was man sich in einem Leben eben als Laie aneignet, wenn man gelegentlich Dressurreiterei im Fernsehen sieht. Die Reiseleiterin ist früher auch mal geritten, hat es aber nicht einmal zum „Stehpferdchen" gebracht. Zudem muss der Chronist eingestehen, dass er ein eher ambivalentes Verhältnis zu Pferden hat, weil er sie einerseits als schön, ästhetisch und irgendwie edel einstuft, andererseits aber auch als ein wenig doof und dauerkrank; er kennt keine Pferdebesitzer, die kein Dauerabo beim Tierarzt haben. Dafür können aber wahrscheinlich die Pferde nichts, weswegen er ihnen an dieser Stelle Abbitte leistet.
Was jedoch hier in diesem Geviert gezeigt wird, lässt ihn das Lästermaul nicht mehr zukriegen. Wie ein Spanner in der Peep-Show-Box hockt er mit offenem Maul und hofft, dass es nie aufhören möge. Was er sieht ist nicht Reiterei, seinetwegen auch große Reiterei: Das ist Reitkunst in Vollendung.
Wie soll man Eleganz, Schönheit, Körperspannung, Konzentration in Vollendung beschreiben? Dem Chronisten fällt ja nicht leicht etwas schwer, wenn es ums Plaudern und Schwadronieren geht. Aber hier stößt er an seine Grenzen. Denn, was wir sehen, sind nicht einfach Pferde, die ihre „Lektionen" bis zur Perfektion beherrschen, wir sehen Reiter, die mit ihren Pferden verwachsen sind, eine Einheit mit ihnen bilden, eine Art Vorstufe zum Zentaur darstellen. Das sind nicht einfach Reiter, die ihrem Pferd die entsprechenden Hilfen geben, damit sie machen, was sie sollen, wir sehen Pferde, die auf die Hilfen warten, um zu zeigen, was sie können. Und dennoch ist das, was wir sehen nicht Eleganz und Perfektion aus sich heraus, wir sehen ein Zusammenspiel, wir sehen bei aller Leichtigkeit die Arbeit, das Spiel und die Arbeit eines jeden Muskels, und zwar bei Mensch und Pferd.
Was uns vorgeführt wird, sind keine aufgesetzten Zirkusnummern, sondern Bewegungen, die jedes Pferd im Repertoire hat. Eine Piaffe ist eine hoch versammelte trabartige Bewegung auf der Stelle, und solche Piaffen zeigen Pferde auch im natürlichen Verhaltensspektrum, etwa wenn sie aufgeregt sind. Aber eine minutenlang auf der Stelle getretene, nein: gestampfte Piaffe, wenn das Pferd nur noch in sich versammelt ist, sich scheinbar ausschließlich in seinem Schwerpunkt versammelt, ein Pferd, das vor Spannung schäumt und tritt, verdichtet die Spannung in der ganzen Halle, fast glaubt man, alle Zuschauer versammeln sich im Schwerpunkt dieses Pferdes. Und welch ein Orkan an Begeisterung losbricht, wenn die Übung beendet ist und das Pferd sichtlich den Rausch genießt, den es ausgelöst hat!
Auch das Steigen des Pferdes auf der Hinterhand (Levade) ist Teil des Imponiergehabes und die Kapriole, wenn das Pferd mit allen Beinen in der Luft nach hinten austritt, ist nicht Akrobatik, auch wenn es akrobatisch und halsbrecherisch aussieht, sondern Teil des Rangordnungsverhaltens. Wir sind, wie sagt man heute neudeutsch: total geflasht und angefixt.
Wir sehen eine Reiterin mit ihrem Pferd allein im Parcours und haben den Eindruck: Die beiden sind das Ende der reiterlichen Fahnenstange. Vielleicht sehen Fachleute hier und da winzige Fehler; wir sehen keine und fühlen uns ständig versucht, bei jedem Schritt, bei jeder Passage, Piaffe oder was auch sonst immer, Beifall zu toben. Wie richtig wir mit unserer Einschätzung liegen, bestätigt sich mit dem Ende der Vorführung der beiden: Ein Sturm bebt durch die Halle, die Halle steht und kreischt die gesamte, versammelte Spannung der letzten Minuten hinaus, die Reiseleiterin hat Tränen in den Augen, das passiert ihr sonst meist nur beim Zwiebelschneiden oder, wenn sie auf einem Babyelefanten reiten darf. Aber auch die Reiterin weiß wohl, dass ihr heute etwas Großes gelungen ist, beugt sich übers Pferd, so weit es eben geht und küsste es, und ja, als sie ihren Hut zum Gruße schwenkt, hat auch sie Pipi in den Augen. Uns fröstelt es vor Glück.
Der geneigte Verfolger unserer Reise möge es uns nachsehen, wenn wir uns etwa in den reiterlichen Begriffen vergriffen haben und es uns nicht gelungen sein sollte, die passenden und korrekten Worte für das zu finden, was sich tief in unsere Herzen gegraben hat. Wem das nicht aussagekräftig oder nachvollziehbar genug war, der möge sich selbst von dem überzeugen, was in der Königlich-Andalusischen Reitschule demonstriert wird. Die Vorführungszeiten ändern sich nach Saison, also bitte informieren und vorher reservieren.
Gegen 14 Uhr ist alles vorüber und vorbei, und wir fühlen uns auf unseren Drahteseln so tollpatschig und hüftsteif wie Pausenclowns. Auch heute machen wir einen Stopp bei Mercadona, weil wir endlich einen Rucksack und Taschen dabeihaben, um das einzusammeln, was wir gestern nicht tragen konnten und sind gegen 15 Uhr wieder beim Franz und den Mädels.
Bei Kaffee und Kuchen kehren wir in unsere kleine Welt zurück und spüren noch immer den Rausch der Begeisterung in uns. Wir sitzen draußen vor dem Franz bei charmanten 18 °C, gekrönt von einigen wenigen Wölkchen und befächelt von einer kleinen Brise. Kaum dass wir das Gefühl haben, auf einem asphaltierten Hinterhof zu hocken.
Für heute Abend hatten wir noch ein weiteres Kulturereignis auf dem Plan: Flamenco. Jerez ist ja nicht nur die Heimat des Sherry und der ganz großen Pferdeschule, sondern auch die Wiege des Flamenco. Im Tablao Flamenco Puro Arte wollten wir heute unverfälschten, nicht touristisch bereinigten Flamenco genießen, aber es gab keine Plätze mehr für uns; wir waren zu spät mit unserer Reservierung. Vielleicht ist es ganz gut so, denn zwei emotionale Topp-Ereignisse wären für unsere gereizten Kulturrezeptoren möglicherweise eins zu viel gewesen.
Also haben wir umgeplant und uns vorgenommen, einen Abend im Restaurant gleich neben dem Eingang zum Stellplatz zu verbringen, weil es überall recht gut besprochen wird. Doch dann wird die Reiseleiterin schon wieder umtriebig, meint, sie müsse nochmal zu Mercadona wegen eines 5-l-Wasserkanisters, die am Stellplatz ausgegangen sind (in diesen Dingen wird einem bewusst, in welchem Luxus wir zu Hause leben, wenn wir das Wasser einfach aus der Leitung benutzen; das macht hier niemand). Als sie fast schon wieder zurück ist, erfährt sie, die mit jedem plaudert, der nicht fix genug im Gully ist, dass die Imbissbude neben dem besagten Restaurant die besten Churros weit und breit habe. Da kann sie nicht nein sagen und kehrt, außer mit einem Wasserkanister, auch mit einer riesigen Tüte Churros zurück, frisch und heiß und rauschig duftend. Churros siind eine Art Schmalzgebackenes, allerdings aus Brandteig, der aus einer riesigen Spritze ins heiße Fett gedrückt wird und dann wieder, ähnlich wie gezackte Pommes, herauskommen. Diese Dinger schmecken zum Umfallen. Allerdings ist einem danach auch zum Umfallen, jedenfalls nicht mehr nach einem Restaurantbesuch.
Hunger stellt sich heute nicht mehr ein, also beschäftigen wir uns mit unserer Doku, die einen beträchtlichen Nachholbedarf hat, nicht zuletzt, weil uns ein mäßiges Internet oft genug die Partie vermasselt hat und das Laden von Bildern verhinderte. Ein bisschen Oliven, ein Iberico-Baguette auf die Faust. Das reicht locker, um die Nacht zu überstehen.