Montag, 21.2.2022
Cádiz zählt zu den ältesten Städten Westeuropas. Immer dann, wenn das Zählen mühselig wird und das Zahlenwerk sich wie einem Berg vor einem auftürmt, neigt man dazu, anstatt ordentlich weiterzuzählen, „viele" zu sagen, also eins, zwei, drei, viele – und dann kommen fix die Götter ins Spiel. Bei Cádiz hat es nur zu einem Halbgott gereicht, eigentlich nur zu einem griechischen Helden, der aber zu göttlichen und gottgleichen Ehren kam und in den Olymp aufgenommen wurde: Herakles. Er soll die Stadt gegründet haben. Das Stadtwappen zeigt ihn zwischen seinen Säulen mit zwei Löwen, und die Inschrift „Hercules Fundator Gadium Dominatorque" weist ihn als Gründer und Herrscher von Cádiz aus. Beobachtet hat ihn bei der Gründung aber niemand.
Manch antiker Geschichtsschreiber behauptet, die Stadt sei relativ kurz nach dem Trojanischen Krieg gegründet worden, was dann rund 1100 v. Chr. gewesen sein müsste. Sicher ist, dass die Stadt von phönizischen Kaufleuten gegründet wurde, die die günstige Lage der (damaligen) Insel an der Mündung des Gaudalete erkannten und einen Handelsstützpunkt errichteten. Archäologisch nachgewiesen ist eine Besiedlung des Gebiets jedoch erst mit den ältesten Funden aus dem späten 9. oder frühen 8. Jh. v. Chr. Was dann folgte, ist die bekannte wechselvolle Geschichte unter wechselnden Herrschern (Karthager, Römer, Westgoten, Byzantiner, Araber und dann das Heilige Römische Reich, dazwischen mal eben, 844, von den Wikingern verwüstet), die wir nicht ausbuchstabieren müssen, das kann jeder für sich selbst erledigen, sofern er daran Interesse hat. Was als Erbe dieser Geschichte, vor allem auch der langen maurischen, für uns erhalten ist, ist es jedoch wert, der Stadt einen Besuch abzustatten.
Kurz vor 12 Uhr treffen wir uns mit Roland und Julia am Hafen, um 12 Uhr legen wir in El Puerto de Santa María mit der Fähre ab und gehen um 12:35 Uhr in Cádiz an Land. Die Überfahrt kostet uns 2,80 € pro Person.
Und kaum, dass wir uns ein wenig umgesehen und orientiert haben, stecken wir mitten im Herzen dieser Stadt, das uns fast augenblicklich die Herzen bricht. Enge Straßen und noch engere Gassen, enger als alles, was wir bisher gesehen haben, hoch aufragende Häuserfronten, in denen wir uns fühlen, wie sich vielleicht einst Kara Ben Nemsi in den Schluchten des Balkans gefühlt haben muss. Viele der Fenster sind zu winzigen, verglasten Balkonen erweitert, die den Fassaden die Langeweile nehmen und sie spielerisch auflockern.
Doch vor allem das, was sich auf unserer Augenhöhe abspielt, steht im Gegensatz zu dem, was wir so häufig in historischen Städten beklagt hatten: Die Erdgeschosse wurden nicht zu Konsumtempeln umfunktioniert. Die Struktur von kleinen Türen und kleinen Schaufenstern in kleinen Geschäften ist überwiegend erhalten worden. Nur ganz wenige internationale Ketten haben sich hier niedergelassen, aber auch sie haben es bei der historischen Optik belassen und fallen somit kaum auf, jedenfalls nicht aus der Rolle.
Hier ein Puppengeschäft, in dem nicht nur Puppen verkauft, sondern vor allem repariert werden; hunderte von Puppenteilen liegen überall herum und hängen an den Wänden dieser Werkstatt, die selbst kaum größer als eine Puppenstube ist.
Dort ein Messergeschäft, keines jener Militarialäden, in denen man martialisches Werkzeug erstehen kann, sondern ein Laden für Handwerkzeug, das man zum Arbeiten, Fischen und Jagen braucht, die eine Wand voll unzähliger Griffe, die andere voller Klingen und dazwischen ein Tresen, der den ganzen Rest des Ladens ausfüllt. Und dieses Geschäft ist keine Touristen-Schaubude, sondern voll gedrängt mit Einheimischen, die ihre Messer und Scheren zum Schleifen und Reparieren bringen.
Ein ebenso winziger Laden ist mit Blecheimern und -büchsen zugestellt: Alles nur Tee. Teegeschäfte gibt es heutzutage überall, auch wir haben in Granada in einem fein ausgestatteten und repräsentativen Laden Tee gekauft, alles piekfein dargeboten, aufgewertet durch die sonderlichsten Mischungen, doch hier gibt es einfach nur Tee, alle bekannten und auch weniger bekannten Lagen und Anbaugebiete. Die Kundschaft sucht nicht nach Ingwer-Rosmarin-Badesalz-Guru-Tee, sondern verlangt nach einem schlichten Assamtee. Und die ältere Damen hinter dem Ladentisch weiß, in welcher unbeschrifteten Büchse genau dieser Assam aufbewahrt wird. Auch ein Kräutergeschäft in gleicher Aufmachung kündigt, alle Aromen der Welt verströmend, schon meterweit von seiner Existenz, Kräuter in Blechbüchsen und Dosen, vermutlich alle Kräuter, die die Welt wachsen lässt. Und auch hier warten Gaditanos und Gaditanas, bis sie bedient werden, nach internationalen Kräuterjägern sieht die Kundschaft jedenfalls nicht aus.
Das Herz des Chronisten bricht durch die Gefängnisstangen seiner Brust, als er ein Eisenwarengeschäft sieht, wie er es schon rund 60 Jahre nicht mehr erlebt hat, nur viel kleiner als das in seiner Heimatstadt. Damals ging er oft dorthin, ohne etwas besorgen zu müssen, nur um die mächtigen Schubladenwände bestaunen zu dürfen, passgenau ineinandergefügt, alle aus schwerem Eichenholz mit messingenen Griffschalen. Auf Leitern stehend entnahmen Männer, ja, sogar Frauen, in blauen und grauen Arbeitskitteln aus diesen Schubladen, was die Kunden wünschten, und obwohl die Schuber alle beschriftet waren, hatte der kleine Chronist nie den Eindruck, dass diese Weisen der Nägel- und Schraubenwelt, die Messingetiketten gebaucht hätten, um zu finden, was sie suchten; die wussten alle, welche Schrauben, Muttern, Nägel, Ösen, Splinte, Scheiben, Karabiner, Winkel oder Drähte sich in welcher Schublade versteckten. Und dann der ölige Geruch, der an Tiefdrucktagen bis auf die Straße drang. Hier in Cádiz steht er wieder vor einer solchen, ölgetränkten Zauberwelt, ein Bruchteil nur so groß wie das seiner Kindheit, aber offenbar ebenso umfassend bestückt wie jenes. Und auch hier ist richtig Betrieb.
Neben all den Läden des täglichen Bedarfs warten alle paar Meter Friseurgeschäfte, ebenso knirpsig wie die anderen Läden, auf Kundschaft und wir fragen uns, ob die Gaditanos und Gaditanas nichts anderes zu tun haben, als sich die Haare schönmachen und rasieren zu lassen, um all diese Friseure zu ernähren.
Vielleicht kommen sie ja in den unzähligen Kneipen und Bars immer wieder auf die Idee, anschließend schnell noch gegenüber beim Friseur eine kleine Verschönerung vornehmen zu lassen. Denn auch diese Inseln der Beschaulichkeit sind gut besucht, obwohl sich die Einheimischen in ihnen mit den Touristen die Plätze teilen.
Wir sind in den Straßen von Cádiz nicht in einem Museumsdorf wie Den Gamle By in Aarhus, das wir im vergangenen Sommer besuchten. Dort kann man die Lebens- und Arbeitswelt des späten 19. Jh. in Dänemark, sehr beeindruckend gemacht, besuchen, erlebt die winzige und karge Welt in den Wohnstuben und fühlt mit den Arbeitern und Handwerkern in ihren beklemmenden Werkstätten und Manufakturen. Doch dort ersetzen Puppen die echten Menschen und die echten Menschen stecken in historischen Kleidern. In Cádiz bewegen sich echte Menschen mit Jeans und Handy in diesen Gassen und kaufen Tee oder Schrauben in echten Geschäften mit leibhaftigem Personal.
Cádiz lebt für sich, nicht für Touristen. Cádiz hat nichts gegen Touristen einzuwenden und hat nichts dagegen, einen Teil seines Einkommens von diesen zu beziehen. Aber es verkauft sich nicht an sie. Cádiz lebt für sich, ehrt seine Geschichte und ruht in sich.
Mehr durch Zufall, auf der Suche nach einer Toilette, stolpern wir noch in die Markthallen, in denen der Markt aber schon fast völlig verlaufen ist. Von einem Händler, der allen Vorübergehenden dringend empfiehlt, seinen getrockneten und gesalzenen Thunfisch (Mojama) zu kosten, ihn aber nicht kaufen zu müssen, kauft die Logistikerin dennoch eine schöne Portion Mojama ab und dazu noch eingelegte und gewürzte Karottenscheiben.
Nach diesem sehr ausgedehnten und fast meditativen Bummel durch die Zauberstadt sind wir uns einig, dass Herz und Seele genug gefüttert sind und nun der Magen zu seinem Recht kommen müsse. In der Tapería D'Cortés (C. Plocia, 13), lassen wir uns nieder und bestellen sechs Tapas für vier Personen, was nach Menschenermessen eine gute Größenordnung sein sollte. Doch in dieser Tapería ist man anscheinend an die ausschweifenden Ansprüche schwäbischer und bayerischer Mägen gewöhnt, deshalb ist für die sechs nun aufgetischten Hauptmahlzeiten schließlich sogar der Tisch zu klein. Aber was da auf den Tisch kommt, entspricht qualitativ ohne Abstriche seiner Größe. Nur wir sind uns nicht mehr sicher, ob wir nachher noch auf die Fähre gelassen werden, um die maximale Tonnage nicht zu überschreiten. Einerseits ist dieses Tapas-Menü wieder einmal ein Lehrstück über die nicht EU-genormte Größe von Tapas und andererseits sollte man dem Magen nicht weniger von jenem Cádiz-Glück gönnen, von dem Herz und Seele schon stundenlang im Übermaß genascht haben. Zu den festen Glücksbestandteilen bestellen wir noch zwei Maßkrüge Sangria (ebenfalls ohne Fehl und Tadel) und zahlen für dieses Luxusmenü schließlich 61 €.
Wir sollten bei all dem Lob und Glück nicht vergessen, dass der Himmel mit seiner blitzblauen Schirmherrschaft bei 22 °C alles dazu getan hat, uns Cádiz im schönsten Licht zu präsentieren.
Als wir um 16:30 Uhr wieder auf der Fähre sitzen (demnach nicht aussortiert wurden) und nach La Puerta zurückschippern, geben wir zu Protokoll, dass sich die Reihenfolge einer eventuellen Wiedervorlage spanischer Städtebesuche ohne Gegenstimme verschoben hat. Cádiz hat die anderen Städte, die wir besuchten, von hinten überrollt. Cádiz ist in unseren Augen die Königin im Städtereigen. Sevilla, die mondäne und doch so seelenbetörende Weltstadt mit Herz (jedenfalls mehr als München, dem die Welt fehlt und die das Herz oft genug so versteckt, dass man schon gut wissen muss, wo man es finden kann) muss auf den zweiten Rang zurück. Den dritten Platz vergeben wir an das verhuschte und verkuschelte Granada. Cordoba bietet außer seiner unglaublichen Mezquita und den Hinterhöfen nichts, was uns wieder dorthin ziehen würde und Jerez reitet, tanzt und säuft auf Weltniveau. Und darüber hinaus?
Am Hafen von El Puerto de Santa María verabschieden wir uns von Roland und Julia, deren Weg sie weiter die Küste entlang nach Osten führt, während wir unsere Franzennase nach Westen ausrichten werden. Ihn und die Mädels begrüßen wir um 17:30 Uhr wieder. Es gibt Kaffee, Sherry und Kuchen und anschließend lassen wir die Mädels noch ausgiebig den Strand durchpflügen.
Danach sitzen wir noch bei lauen Temperaturen bis kurz nach 20 Uhr unter unseren Pinien; der Wind singt uns kein Lied, aber das Käuzchen ruft.
Als wir uns bereits zurückgezogen haben, klopft es and der Tür und ein Angestellter des Platzes überreicht uns einen Zettel, auf dem man sich schon vorab entschuldigt und um Nachsicht bittet, dass morgen den ganzen Tag Altholz abgefahren und geschreddert werden müsse. Aber das wäre im Sinne der Erhaltung des Platzes unvermeidbar. Das hat Stil, wie uns generell immer mehr bewusst wird, welcher Schatz dieser Campingplatz (zumindest außerhalb der Saison) darstellt. Hier wird wirklich alles ständig gepflegt und erneuert, nichts verwahrlost hier. Das Sanitärpersonal ist unermüdlich unterwegs und putzt in weißen Anzügen wie das Pflegepersonal in Krankenhäusern.
Um 22:45 Uhr knipsen wir bei 16 °C und einem wolkenlosen Himmel ohne Wind den Tag aus, der sicher ein besonderer war und in unserer Erinnerung einen ständigen Logenplatz behalten wird.