Montag, 28.11.2011

Der Unterschied zwischen einer Eule und einer Lerche liegt im Zeitpunkt, zu dem sie das Leben herausfordert, das ist Allgemeingut. Kann also eine Lerche ein Boxer sein, wenn die meisten Boxkämpfe zu Zeiten stattfinden, da längst keine Lerche mehr zwitschert? Vielleicht eine umgepolte Lerche, so wie ein umgepolter Linkshänder. Aber wird ein umgepolter Linkshänder ein feinmotorischer Rechtshänder und eine umgepolte Lerche Weltmeister in der Eulendisziplin Boxen? Eine Eule könnte sich auch niemals morgens das Leben nehmen, weil sie glatt den richtigen Augenblick verschlafen würde. Oder können Eulen so verzweifelt sein, dass sie sich sogar morgens das Leben nehmen würden? Falls jemand noch nach einem wuchtigen Thema für seine Doktorarbeit sucht, könnte er hier fündig werden.

In der Chefetage des Blues lebt eine Lerche und eine Eule, deren jeweiliges Verhalten dem anderen als verhaltensauffällig gilt, sachzwanghaftes Verhalten einmal ausgenommen. Von Sachzwängen gesteuert ist, dass morgens die Fieslinge gewogen werden müssen, die Kiste gemistet und all die Dinge, über die ein normaler Mensch, gleichviel ob Eule oder Lerche, weder morgens noch abends nachdenken würde. Deswegen findet sich auch die Eule des Blues morgens zur Lerchentätigkeit ein, wenn auch etwas zeitversetzt, weil die normative Kraft des Faktischen keine Rücksicht auf die inneren Befindlichkeiten der handelnden Individuen nimmt. Völlig undenkbar für die Eule ist allerdings, was heute Morgen passiert: nach den morgendlichen Routinetätigkeiten öffnet die Lerche den Fritzen die Schnullerkiste, macht hoch die Tür, die Tor macht weit, und entlässt sie symbolisch in die Freiheit. Ausgang, Freigang – und das morgens um 6:15 Uhr! Eine Eule ist morgens kaum in der Lage, das Brett zur großen Freiheit anzuheben, liefe sogar eher Gefahr, dieses Brett dem ersten Flüchtling guillotinemäßig ins Kreuz fallen zu lassen, die Lerche dagegen zwitschert und trällert und jubiliert mit den Flüchtlingen um die Wette und stört sich noch nicht einmal daran, dass dieser Glücksmoment für sie ein denkbar kurzer ist, weil sie schon Minuten später in die Arbeit verschwindet – und eine handlungsunfähige Eule mit frei laufenden Fieslingsfritzen allein zurück lässt. Warum macht die Lerche das, wenn sie nicht einmal eine angemessene Glücksstrecke dabei für sich verbuchen kann? Sind Lerchen Zwangshandelnde? Und Eulen demnach Zwangsbehandelte? Diese frühe Öffnung des Burgtors hat etwas Selbstzerstörerisches, denn je früher die Bande den süßen Schmelz der Freiheit schmeckt, desto schneller wird sie sich weigern, wieder in den Umschluss zurückzugehen, desto hartnäckiger wird sie ihre Freiheit einklagen. Das gilt vor allem abends – wenn die Lerche schläft und die Eule sich mit den krakeelenden Drachen der Nacht herumschlagen darf. 

Muss das jetzt sein, jetzt, um diese Zeit, fragt die Eule? Ja, jetzt ist der Moment, sagt die Lerche!

Erster Ausgang in der Küche am 28.11.2011Und schon ist es passiert. Der Junior und Fianna sind schon draußen, zwitschern und schnabeln wie die Lerchen und verderben es sich, ohne es zu ahnen, mit dem Chef. Schon folgen Felix und Ferdi, finden ihre Mutter unweit ihrer Schlafstatt und saugen sich an ihr fest. Dann gesellt sich noch Flori dazu. Nur Franca, Fanni und Fado finden des Herrn Gefallen, weil sie tun, was Eulen um diese Zeit tun: sie schlafen. Fanni wird dann doch abtrünnig, sieht ihren Herrn verzweifelt vor der Kiste knien, Kindergeschrei und –gejubel am Morgen!, wackelt zu ihm, stupst ihn mit der Nase und sagt: Hi, starker Daddy, mit dir zusammen geh ich auch nach draußen, Augenaufschlag, Augenniederschlag und der Big Daddy trägt seinen Sonnenschein wie alle Big Daddys auf der Welt zu den anderen und strahlt mit diesem um die Wette. Ja, sogar Eulen sind zu großen Morgentaten fähig, wenn der Antrieb ein weiblicher mit Augenaufschlag ist (vielleicht gibt es beim Boxen deshalb die knapp bekleideten Nummerngirls, um die boxenden Lerchen auf Trab zu halten?).

Jetzt kommt aber erst die eigentliche Herausforderung für die Fritzen, aus der Kiste stolpern und strawanzen gehen, kann jeder: was macht man da draußen, wenn man dort nicht mehr sein möchte, wenn es einem zu unheimlich wird und nirgendwo ein Wegweiser steht mit der Aufschrift „Zurück in die Kiste“? Man macht es wie Franz. Man orientiert sich an den Sternen (vulgo Halogenstrahler), nimmt Kurs auf, lässt sich durch kein Hindernis behindern, überquert ein Randpolster des Kuddebetts, durchquert das Kuddebett, überquert das zweite Randpolster, stürzt kopfüber in die Tiefe, schüttelt sich, nimmt Kurs auf und ist wieder zurück in Fortezza - Home Sweet Home – rollt sich ein und schläft eulenmäßig ein. Die anderen sind derweil der Verzweiflung nahe, kreischen und keckern und huschen herum wie die Falter um die nächtliche Laterne, ziellos, richtungslos, hoffnungslos. Sie werden zurückgebracht, sacken in sich zusammen und verstummen binnen Sekunden. Erschöpfungsschlaf!

Nach kaum einer halben Stunde ist die Verzweiflung und Erschöpfung weggeschlafen, neuer Mut in den Adern gewachsen und Ferdi eröffnet die zweite Runde. Er wackelt los, schraubt sich mit modelhaftem Hüftschwung vorwärts, pinkelt ins neue Zentrum seines Kosmos, also mitten in die Küche und lässt die anderen wissen, dass es jetzt Zeit sei, sich ihm anzuschließen. Und sie lassen sich nicht zweimal rufen. Bald sind sie alle unterwegs, alle, ohne Ausnahme, verrichten ihre Notdürftchen mit haarsträubenden Notdüftchen und trauen sich dann, entsprechend erleichtert, ins neue Land hinaus. Während der Pulk unter starkem Mitteilungsbedürfnis durch die Küche robbt, stolpert Felix in Richtung Wohnzimmer, überquert die geistige Datumsgrenze – und versteigt sich skrupellos in Anouks heiliges Winterkudde, das mit dem flauschigen Velourbezug. Anouk steht fassungs- und hilflos vor so viel Unverfrorenheit und legt sich raunend unter den Wohnzimmertisch. Es hört sich an, als ob sie mit dem gebotenen Unmut der Gouvernante „Flix“ gezischt hätte. Jedenfalls können wir uns nicht erinnern, dass irgendein Bluesbarde der Vergangenheit sich beim ersten Freigang so weit vorgewagt hätte.

Nun kommt wieder Mama Franzi ins Spiel, die die Gelegenheit nutzt und sich ins verlassene Fortezza zu legen, um zu sehen, welches ihrer Kinder den Braten zuerst riecht. Es ist Flori, dem Mamas Positionswechsel nicht verborgen bleibt und der sich, wie zuvor Franz, auf ebenso direktem Weg auf den Weg zu ihr macht, nur bedeutend

Flori vom Bairischen Blues am 28.11.2011
Flori, das Bewegungswunder
behänder, denn Flori ist das Bewegungswunder der ersten Stunde: wo alles robbt, gibt er den Ribéry. Der Floribéry saugt sich an der fettesten Zitze fest und lässt sie nicht mehr los. Dazu gibt es auch keinen dringenden Grund, denn die anderen sind dermaßen desorientiert, dass sie eher in der Wüstenei der Küche verdursten und verhungern würden, als dass sie den Weg zu Muttern fänden und ihm den Saugstutzen streitig machen könnten. Selbst der vorher so zielsichere Franz findet zwischen seinen irrlichternden Geschwistern keinen Ausgang. Am härtesten trifft es allerdings Felix, den Plüschgebetteten: er müsste verhungern, wenn wir ihm nicht einen Lift geben würden. So labt er sich bald zusammen mit seinen ebenfalls erlösten Geschwistern an Mutters Milchbar, währen Flori längst in satten Seelenfrieden sinkt.

Doch nicht nur die Mobilität der Fritzen entwickelt sich jetzt, auch mit dem neu gewonnen Freiraum, rasant, sondern auch ihr Entdeckungstrieb. Hier ein Stuhlbein, das angelutscht wird, dort ein Tischbein, das angepinkelt wird, ein Bärchen, das von Flori herumgedreht und gekugelt wird, um seinen Anfang und sein Ende zu erkunden. Alles steht innerhalb weniger Stunden auf dem Prüfstand; Wahnsinn, wie schnell das jetzt geht!

Zum Schluss noch ein Blick auf die Gewichtsverteilung. Der Premium-Franz hat es geschafft, sein sattes Geburtsgewicht von 630 Gramm am 16. Tag seiner Existenz zu verdoppeln: 1260 Gramm, Punktlandung. Hinter ihm ist weiterhin nichts als weites Land. Fado ist der nächste mit 1150 Gramm, und das, obwohl er heute einen Diättag mit Nullkommanull eingelegt hat. Ihm folgen Fetzer jr. mit 1110 Gramm und nur einen Schritt dahinter Flori und Ferdi mit 1100 Gramm. Fanni steht mit 1000 Gramm wie eine Brunhilde im Ring, 1090 stehen für Felix (verdoppelt) zu Buche und 1080 für Fianna, die sich langsam in die eher weiblichen Regionen der Gewichtstabelle begibt, obwohl sie von den drei Schaumküsschen des F-Wurfs natürlich noch immer respektvollen Abstand hält: Fine (verdoppelt) und Frenzy 970, am Ende Franca 940. Das alles beruht aber auf gerade mal 360 Gramm Zuwachs. Wir werden bald zufüttern müssen; der Bedarf der Fritzen übersteigt allmählich die Produktionskapazität ihrer Mama.