Donnerstag, 01.12.2011

Der Dezember beginnt mit dickem Nebel und einer Sonne, die eisig fahl wie ein Bühnenscheinwerfer durch den Kunstnebel gleißt. Und die Kühe sind immer noch draußen! Noch nie gab es hier am 1. Dezember Kühe auf den Weiden. Dieser Herbst eine einzige lange Wellness-Kur: Sonne ohne Ende, kalte Nächte, warme Tage, die Hunde strahlen um die Wette – was geht es uns gut!

Der gestrige Restaurantbesuch unserer Fieslinge hatte noch nicht den gewünschten Erfolg: 500 Gramm hätte Franzi mit einiger Mühe vielleicht auch noch hingebracht. Oder auch nicht mehr, wer weiß? Richtig verfangen hat die Zuspeisung eigentlich nur bei Ferdi mit 120 Gramm (1220) und Felix mit 80 Gramm (1210). Die restlichen 300 Gramm verteilen sich auf die verbleibenden Neun; spektakulär sieht anders aus. Aber immerhin hat es sich sogar für die spitzlippige Franca (980) ein wenig gelohnt: 30 Gramm sind für ihre Verhältnisse bemerkenswert. Wir sollten uns also heute nicht weiter mit diesem Diätprotokoll aufhalten, sondern uns bedeutenderen Dinge zuwenden.

Da wäre beispielsweise Flori, dem wir schon attestiert hatten, dass er mit den Herausforderungen des Lebens gut umgehen kann und der ausgesprochen gut zu Fuß ist. In dieser Hinsicht ist er seinen Mitbewohnern weit voraus. Das stellt er immer wieder unter Beweis, vor allem, wenn alle schlafen und er seine Ausflüge macht, dann streift er herum, keckert und meckert, peilt zielsicher in die genau diagonal zur Schlafstatt liegenden Küchenecke, presst sich ein Würstlein aus seinem hinteren Ende, begutachtet es, verteilt es säuberlich mit den Beinen und macht sich wieder auf den Weg zurück. Sehr beeindruckend, wirklich, vor allem der künstlerische Aspekt der Fliesenmalerei.

Man hätte Flori heute mit dieser Nummer eigentlich zum Man of the Day ausrufen können, wenn, ja, wenn da nicht seine einzigartige Schwester Fianna wäre, die ihm am heutigen Tag die Schau stiehlt. Kommt der Chef ins Erdgeschoß geschwebt, hört er ein einhelliges Schmatzen aus jener Küchenecke, in der die Schnullerbox steht, aha, denkt er sich, die Mannschaft ist zum Umtrunk geladen. Doch dann entdeckt er in genau jener Ecke, die vor wenigen Minuten Zeuge von Floris Eigenmächtigkeiten geworden war, einen mobilen schwarzen Fleck – es ist Fianna. Was soll da Besonderes sein? Die Speisekiste ist mit der 30-cm-Barriere verrammelt – und die hat Fianna überwunden - das ist es! Jetzt geht nämlich diese Türmerei los, und am Ende der dritten Woche ist uns das noch ein bisschen frühreif; schließlich sollte man die Dinge immer auch vom Ende her denken. Das zeichnet dann ein ziemlich düsteres Bild.

Fetzer jr. am 01.12.2011
Der Junior
Heute gibt es zwei Mahlzeiten außer Haus und der gestrige Eindruck bestätigt sich, und kleine Korrekturen geben Anlass zur Freude. Felix beweist, dass er gestern nicht nur einen schöpferischen Tag hatte, sondern vermutlich tatsächlich hochbegabt ist. Heute muss man ihm noch nicht einmal mehr zeigen, was das da ist und wo es steht, er stapft zum Schälchen und leert es bis zur Neige. Alle anderen bestätigen mit den lernbedingten Verbesserungen ebenfalls ihre Leistungen des Vortags und auch Franca freundet sich mit der seltsamen Art der Nahrungsaufnahme an, wie wir sowieso den Eindruck gewinnen, dass sie zügig hinterher kommt, dass sie zulegt, nicht nur körperlich, sondern sich immer mehr dem allgemeinen Niveau annähert. Frau Fischer ist eben mehr die Führungskraft für die inneren Angelegenheiten gewesen, für die externen Herausforderungen braucht sie etwas länger; konkret heißt das, dass Franca gegenüber den meisten etwa zwei bis drei Tage zurück ist. Spätentwickler sind nicht dümmer, nur langsamer.

Über Floris selbstverständliche Selbständigkeit haben wir schon berichtet; dem gegenüber steht Ferdi, nicht weil er unselbständig wäre, nein, er ist nur unendlich unglücklich, wenn er selbständig und alleine sein muss: er braucht die Menschen zum Glück. Er hat seinen Zug zu Menschen noch intensiviert und sitzt uns nun buchstäblich auf den Füßen herum, nuckelt am Hosenbein und schnuckelt an nackten Knöcheln und ist mit der Welt zufrieden, solange er uns besetzen kann. So ein süßer Knopf! Wenn man ihn mit Flix vergleicht, kommt man immer wieder ins Staunen, wie unterschiedlich Kinder von denselben Eltern sein können; aber das ist ja nichts Neues. Manchmal sind sie sogar so unterschiedlich, dass man die Elternschaft zurecht anzweifeln muss. Im vorliegenden Falle können wir für diese jedoch mit jedem Eid der Welt verbürgen.

Der erwähnte Felix ist ein buchstäblich explosives Kerlchen, nein, das ist kein Witz! Die Versuchsanordnung ist wie folgt. Man nehme einen Felix, der irgendwo in der Küche seinem fragwürdigen Tagwerk nachgeht. Man nähere sich ihm, greife ihm mit beiden Händen um den Leib, um ihn anzuheben. In diesem Moment entfährt diesem Felix ein explosives ÄH, spitz, scharf und von rattenscharfer Kürze, dabei fährt er zusammen und vibriert, als ob soeben 1000 Volt durch seinen Körper geströmt wären. Bei diesem Felix scheinen die Nerven buchstäblich frei zu liegen. Welch eine Aufgabe, das Potential dieses Explosivpakets an der richtigen Stelle nutzbar zu machen. Wow!

Im übrigen ist auch der inniglich geliebte und betuliche Franz auf gutem Weg, es seinem blonden Bruder gleich zu tun. Er ist nicht so explosiv und hochtourig wie dieser, aber er nörgelt mindestens genauso viel und ist immer auf Lautsprecher eingestellt.

Da taucht doch ein Reim aus den Kindertagen aus deren Tiefen herauf, materialisiert sich und scheint wie für diese beiden verfasst zu sein: Ach, was muss man oft von bösen / Kindern hören oder lesen! / Wie zum Beispiel hier von diesen, / welche Franz und Felix hießen… Mene tekel u-parsin …

Dagegen ist eine Begegnung mit Fianna wie eine Frischzellenkur: selbstbewusst, selbstverständlich, grade heraus und eine in sich ruhende, aber nach außen wirkende kleine Persönlichkeit. Explodiert ist sie bisher noch nicht, wenn ihr auch manchmal zum Kotzen ist, wenn sie hochgenommen wird und dies nicht in ihren Plan passt. Ein lautloser Knaller, diese schwarze Queen.