4. Woche (04.12. – 10.12.)
Sonntag, 04.12.2011, 2. Advent
Ist nur die Chefin unterm Dach, fällt die Chronik leider flach.
So ähnlich klang das schon gestern, als der Chef gerne dem Ruf einer verdienten Freundin folgte, ihr bei ihrem Geburtstag die Aufwartung zu machen. Das hat er natürlich gerne getan, aber das Chronistenherz klagt leise Lieder, wenn sein scharfes Auge nichts zu sehen hat, also nichts, worüber man an dieser Stelle berichten kann.
Dennoch geht das Leben beim Blues weiter, ob der Chronist darüber wacht oder nicht. Frau Fischers Fritzen wachsen weiter und erfahren täglich neue, staunenswerte Dinge. Die Fritzles und Fritzlinnen sind jetzt in der so genannten Prägungsphase angelangt. Die Sinne der Welpen sind nun betriebsbereit, was nicht heißt, dass sie jederzeit schon zuverlässig zur Verfügung stehen, aber Augen, Ohren und Nase sind voll ausgebildet. Demnach können die Welpen nun ihre Umwelt mit all diesen Sinnen erfassen, das Erfasste abspeichern, zuordnen, verknüpfen. Die Augen verfolgen die Vorgänge um sie herum wachsam und suchen ihnen einen Sinn abzugewinnen. Man begreift die Welt nun buchstäblich mit den Beinen und den Zähnen, man erkundigt sie und
fügt sie einem Lebensschatz hinzu. Kurz: die Welpen funktionieren nicht mehr nur nach einem mitgelieferten Plan, sondern mehr und mehr dem eigenen Antrieb folgend. All diese Erfahrungen und Erkenntnisse fügen sich letztlich zu einem Bild zusammen, das später die Weltsicht dieses einzigartigen Wesens ausmachen wird – der Welpe wird geprägt fürs Leben. Nichts, was er in dieser Zeit lernt, wird jemals wieder vergessen, die Guten wie die Schlechten Erfahrungen werden ihn zu einer unverwechselbaren Persönlichkeit formen. Das heißt aber auch, dass er vieles von dem, was er jetzt nicht erfährt, später nur schwerer aufnehmen wird. Ein Welpe der in dieser Phase in völliger Stille auf sich allein gestellt lebt, wird zum geräuschempfindlichen und misstrauischen Einzelgänger. Wir als Züchter können in dieser Phase sehr viel richtig machen – und alles falsch. Es ist die Zeit, in der wir uns intensiv den Welpen widmen, ihnen Vertrauen zu den Menschen und deren Welt geben. Wir verschaffen ihnen Herausforderungen, die sie möglichst erfolgreich bestehen sollen, wir geben ihnen Wärme und sagen ihnen auch einmal, wenn sie sich daneben benehmen. Diese Schlüsselphase im Welpenleben reicht bis in die siebte Lebenswoche hinein und wird uns am Ende alle bereichert haben.Was hier in wohl überlegten Worten schön klingt, bedeutet für uns nichts anderes als vier Wochen Dauerbeschäftigung, dabei ist noch nicht eingerechnet, dass wir natürlich unentwegt Teiche aufwischen, Häuflein entsorgen und für neuen Teich-und Häuflein-Nachschub sorgen müssen, das gehört zu den unabdingbaren Überlebensstrategien. Die eigentliche Prägearbeit fängt mit einer Vielzahl von Menschen an, die ihnen vermitteln, dass Menschen gut und unverzichtbar sind. Das setzt sich fort mit Kindern, die zwar auch Menschen sind, aber von Hunden anders wahrgenommen werde. Andere Hunde kommen dazu, damit sie auch diesen Umgang lernen können und die ersten Lektionen im richtigen Benimm bekommen, die über die Lektionen von Mama Franzi und Tante Anouk hinausgehen. Dazu kommt die Konfrontation mit dem ganz normalen häuslichen Leben: Staubsauger, Spülmaschine, Radio, Töpfeklappern und Geschirrscheppern (Frauchen opfert in dieser Zeit schon mal gerne eine Tasse oder einen Teller, die Fritzen bleiben davon völlig unbeeindruckt). Und nicht zuletzt bringen wir ihnen bei, was ein lohnenswertes Hosenbein ist und wie es erfolgversprechend bearbeitet werden kann, wie eine opferbereite Achillessehne gepackt werden muss. Besucher, mit einem unbedacht getragene Schal, der sich, an beiden Enden gezogen, zu einer famosen und lebensbedrohenden Schlinge zusammenziehen lässt, leisten unbezahlbare Dienste an der Entwicklung unserer Welpen, und der erfolgversprechende Zugriff auf einen Finger, mit besonderem Augenmerk auf die schmerzensreichsten Stellen im Nagelbett steht auch auf dem Weiterbildungsprogramm. Man sieht schon, wir tun alles um aus einem langweiligen Welpen einen Hovawart zu machen, der seinen Preis auch rechtfertigt. Dabei schonen wir uns selber nicht: für alle
Übungseinheiten stellen wir uns zuallererst im Selbstversuch zur Verfügung – und die Folgen dieser Selbstversuche fließen großherzigerweise nicht in den Preis mit ein; das ist so zu sagen unsere Eigenleistung am Gelingen des Gesamtkunstwerks Hovawart vom Bairischen Blues.Eine dieser Ausbildungseinheiten übernimmt heute Nachmittag Halbschwester Lily (Exe) aus dem nahen Kolbermoor. Und wer von den Fritzen bislang Zweifel an der Unbedenklichkeit blonder Hovawartinnen hatte, musste diese schnell zu den Akten legen: Lily ist ganz vernarrt in die wuselnde Verwandtschaft und umgarnt sie mit viel Umsicht und einem zauberhaft halbstarken Charme. Von dieser Verwandtschaft konnte man also schon etwas lernen - Prägestempel drauf!

