Mittwoch, 07.12.2011
Am 7. Tage des Dezembers soll es regnen, so die Prophezeiung. Und der Chronist bittet um Verzeihung für den Spott der frühen Tage: es regnet und es windet, dass dem Mühlhiasl der Hut von der finsteren Stirn fliegen würde. Hoffentlich ist das heute nicht der einzige Treffer für den Rest des Monats. Aber für diesen Treffer wollen wir den Hundertjährigen schon hoch leben lassen.
Vor des Tages Mühsal, kommt das große Abwägen, heute mit der Beantwortung der bangen Frage, wie es um die körperlichen Verfassung der Fritzen und Fritzinnen nach der Rock-im-Ring-Sause bestellt ist. Wir orientieren uns heute an den Zunahmedaten und fangen mit der kleinsten BMI-Einspeisung an (ach so: BMI heißt nicht Bundesministerium des Inneren, sondern Body Mass Index): 70 Gramm für Fine – und das gibt schon einen Fingerzeig auf das, was uns jetzt erwartet, wenn sogar die Vorletzte im Speckranking 70 Gramm zulegt. Sie erreicht damit 1430 Gramm und bleibt auf ihrem Stammplatz. Dann bekommen wir es mit zwei Herrschaften zu tun, die sich gewichtsmäßig schon lange aus den Augen verloren haben: Franz und Franca bereichern sich um 110 Gramm. Man sieht, Franca kann auch nicht schlechter als Franz, allerdings nicht immer, aber immer öfter. Franca hebelt sich damit auf 1430 Gramm, aber keine Treppenstufe höher; Down under ist ihr Schicksal. Ganz anders Franz; ihn bringt die Zulage auf 1940 Gramm, die ihm den Spitzenplatz weiterhin sichern. Gehen wir einen Ausfallschritt weiter: 140 Gramm für Fanni, macht 1670 Gramm und trotzdem nur Drittletzte. Schön langsam wird’s maßlos: 180 Gramm Speckgewinnung für Fianna, Felix und Ferdi. Für Fianna bedeuten das 1780 Gramm und den vierten Platz von hinten, weil Frenzy, wie wir gleich sehen werden, nicht nachlässt in ihren Bemühungen, zu den Buben aufzuschließen. Für Ferdi summiert sich das auf 1800 Gramm gradaus und den fünften Platz, den er allerdings nicht allein für sich beanspruchen kann. Felix schafft 1910 Gramm und verliert wegen zu großer Lässigkeit oder weil er zu viel Substanz auf den Schlachtfeldern des Blues liegen lässt einen Platz und rutscht auf drei. Frenzy, ehrgeizig und zielstrebig, lädt sich 190 Gramm auf und steigt auf ebenfalls 1800 Gramm wie Ferdi: platz fünf; für eine ehedem feingliedrige Ballerina ein Karriereknick, wenn es aber ums Kampfgewicht geht, ein Schlag ins Kontor der anderen. 13,5% und 14,6% Zuwachs auf ihr gestriges Gewicht können Fado und Flori. verbuchen. So kommt der Begriff Breitensport eine völlig neue Bedeutung; wer also nach drei Schweinshaxen und sieben Bier ordentlich in die Breite gegangen ist, darf sich zukünftig, je nach Gemütslage, einen fetzigen oder umflorten Breitensportler nennen. In ganzen Zahlen heißt dieses Ergebnis, dass beide 230 Gramm zugenommen haben, in Worten: zweihundertdreißig. Jetzt wiegen sie – oder wollt ihr das auf der Basis der gestrigen Zahlen selber ausrechnen? – 1800 Gramm (Flori) und 1930 Gramm (Fado). Für Flori bedeutet das, dass er sich mit Frenzy und Ferdi den 5. Platz teilt und Fado schließt bis auf zehn Gramm zu Franz auf. Wer aufgepasst hat, weiß, dass noch eine(r) fehlt. Wir hören jetzt hier auf und warten auf die Rückmeldungen, wird das ist. Nein? Doch nicht? Na denn: Der Junior bekommt die Speckrolle des Tages in Gold: 240 Gramm macht keinen schlanken Fuß, bringt aber Vorteile im täglichen Kleinkrieg gegen solche Rammböcke wie Franz und Felix. Wobei er mit seinen 1820 Gramm immer noch aufpassen muss, nicht allzu übermütig zu werden; zu den beiden Genannten fehlt noch einiges an Substanz, da hilft es nichts, wenn er sich mit diesem Kraftakt von Platz 7 auf Platz 4 gerülpst hat.All diese Einzelwerte summieren sich auf 1860 Gramm, also fast 2 Kg, an einem Tag. So etwas hat man auch nicht alle Tage.
Dieses Ergebnis kommt auch nicht von ungefähr, auch die Rind-im-Ring-Orgie ist nicht allein verantwortlich: Fressen hat für Hunde allgemein und für Welpen im Speziellen einen enorm hohen Stellenwert. Deshalb rotiert schon in diesem jungen Alter das Radar unentwegt auf der Suche nach Futtersignalen. Innerhalb der letzten Tage, an denen wir ihnen Futter zubereiten, haben sie schon herausgefunden, wo dies geschieht und entschlüsseln unsere Aktivitäten zuverlässig als Ankündigung einer nahenden Speisung. Sie hocken um unsere Füße herum oder streichen unruhig umher, grölen und lassen uns keinen Moment aus den Augen. Es ist immer wieder unfassbar, wie schnell Welpen die wichtigen Dinge des Lebens erfassen. So entgeht ihnen kaum eine Speisung und gelegentlich fallen auch vom Teller der Großen ein paar Happen ab. Das summiert sich und legt sich alles auf die Rippen.
Seit wir die erste gemeinsame Speisung auf dem Boden vorgenommen haben, erschallt auch der Futterruf: Matze-Matze. Und schon jetzt gehen sie durch Wände und über Decken, wenn sie diesen Ruf hören. Damit dieses Verhalten auch in Zusammenhang mit der Prägephase gebracht wird, in der wir uns ja gerade befinden: selbst unsere Erstlinge vom A-Wurf, die im Januar acht Jahre alt werden, kennen noch heute weder Freund noch Feind, wenn dieser Ruf erschallt. Ein solcher Futterkampfruf entfaltet dankenswerterweise auch im rivalisierenden Alltag des Hundesports seine beispielslos heimtückische Wirkung, wenn etwa der vierbeinige Sportler aus eigenem Hause, geführt von einem, nach eigener Meinung, untauglichen zweibeinigen Sportskameraden, sagen wir, beim VORAUS aus dem Hintergrund den aspirierten Ruf Matze-Matze hört, aus vollem Lauf auf den Hacken kehrt macht und an seinem Führungsoffizier vorbei zur Schallquelle eilt – Null Punkte, mangelhaft. Jetzt wisst ihr, wie die allgegenwärtige, verzweifelte Entschuldigung: das hat er doch noch nie gemacht zustande kommt. Da war vermutliche eine missgünstige Matz an der Bande gestanden und hat Matze-Matze geflüstert.
Noch ist es für unsere Kleinen nicht soweit, noch spielen sich die Rangkämpfe des Lebens untereinander und am häuslichen Herd ab. Und diese Rangeleien nehmen an Intensität täglich zu. Jetzt entscheidet sich, zumindest auf ein paar Tage hinaus, wer den Taktstock schwingt und wer danach die Backen aufzublasen hat. Da ist beispielsweise der Junior, dem eventuell wegen seiner beachtenswerten Speckrollenperformance und seinem Sprung über drei Plätze nach oben der Kropf etwas zu sehr geschwollen ist, vielleicht auch weil er sich einbildet, diesen 240 Gramm sei etwas Zaubertrank beigemischt gewesen. Dieser Jungfritze Fetzer Junior möchte also die apokalyptische Wirkung dieser neugewonnenen Kräfte unbedingt auf die Probe stellen - worauf er von seiner Schwester Fianna, dem ausgeguckten Opfer, eine so vernichtende Links-Rechts-Kombination eingeschenkt bekommt, dass er anschließend wie ein Mucksmäuschen in der Ecke sitzt und Schnullerkisten-Halma spielt. Was hat er daraus hoffentlich gelernt? Nur wenn Hirn und Muskel eine schlagkräftige Einheit bilden, wird langfristig ein richtiger Fiesling aus dem frischen Fritzen. Fianna reicht auch ein hinterer Ranglistenplatz, um mit weniger Masse, aber mehr Klasse den aufgepusteten Nachwuchsrocker aus dem Ring zu knocken.
Wozu brauchen wir noch Kino und Fernsehen, wo Sitcom meist nur Shitcom ist, wenn man die weltbeste Unterhaltung zuhause in seinem Flohzirkus hat? Wem die tägliche Shitcom auch auf den Zeiger geht, sollte seine Hündin nehmen, zu einem ordentlichen Kerl fahren und die Komik des Lebens auf den Weg bringen; mehr Unterhaltung geht nicht, selbst wenn man den Dauerauftrag zur Endmoränen- und Teichbeseitigung einbezieht.
Ein Wort noch zu unserem Felix, der seit Anouks ungehaltenem Murren intern nur noch Flix heißt. Ob es die gestrige Androhung der Rute war oder gar die Sorge, er müsse sogar zusammen mit Franz in den Sack und hinaus in die Wälder, wir haben den Eindruck, er ist etwas handzahmer geworden und haut nicht jedem, der ihn passiert, eine auf die Nuss, er ist nicht mehr ganz so aufbrausend und jähzornig. Er ist aber noch immer ein Frontmann, eine Rampensau, der gerne im Mittelpunkt steht. Er ist als Erster in der geöffneten Spülmaschine und als Erster versucht er, eine Flasche aus einem Flaschenregal zu zupfen, die ihn im Erfolgsfalle wahrscheinlich erschlagen würde. Felix ist immer auf der Suche nach neuen Abenteuern und Schelmereien. Für Felix gilt: ist gutes Kind, ist böses Kind, je nach Hormonlage.
Seit ein paar Tagen dreht sich eigentlich alles nur noch um externe Futtergaben, natürlich weil sie notwendig geworden sind und nebenbei einen Haufen Spaß mitbringen. Aber Franzi säugt immer noch, lässt sich quälen und gibt ihr Bestes, auch wenn es ihr sichtlich schwerer fällt. Was uns auffällt, ist die Spielkultur nach den Futtergaben. Frenzy kugelt durch die Gegend und rollt sich mit dem kleinen Bärchen, Flori erlegt still und leise die Ikea-Ratte, nur damit er ihr anschließend ein Ohr abkauen kann. Das alles ist ein stilles Spiel, ein stillvergnügtes Spiel, ein selbstvergessenes und selbstverliebtes Spiel mit sich selbst. Aber auch wenn die Welpen miteinander spielen, läuft das fast geräuschlos ab, hier ein Schmatzen, dort ein Kieksen und, man könnte fast sagen, ein Kichern. Keine Aggression, kein Aufbrausen und kein Gegröle. So sieht das aus, nachdem Franzi gesäugt hat. Wenn wir füttern, ist das Spiel danach von handfesterer Qualität, dann geht es zur Sache und an die Wäsche. Vielleicht täuschen wir uns, vielleicht interpretieren wir so eine Art heile Welt ins Stillen. Vielleicht ist der Grund auch darin zu suchen, dass Franzi nur Milch liefert und wir Fleisch? Sind also Vegetarier doch die besseren Menschen? Und sind etwa sogar vegetarische Hunde die besseren Hunde? Man mag diese Frage im Hinblick auf die zu erwartenden Forumsdiskussionen gar nicht weiter verfolgen. Dort zumindest würde man bezüglich der Diskussionskultur keinen Unterschied zwischen Vegetariern und Karnivoren feststellen können. Dieser Gedanken konsequent zu Ende gedacht, liefe auf das Ergebnis hinaus, dass Forumsverweigerer vermutlich die friedlicheren Menschen seien. Doch das sprengt den Rahmen dieser Chronik – obwohl sie sich unentwegt um nichts als Fieslinge dreht…


