5. Woche (11.12. – 17.12.)

Sonntag, 11.12.2011, 3. Advent

Es hat Nebel. Später reduziert sich die Suppe auf Hochnebel, um nachmittags das ganze Mangfalltal wieder in nieseliges Weiß zu tauchen. Es erübrigen sich weitere Anmerkungen zum klaren und frostigen Wetter, das uns der Hundertjährige verkündet hat. Wenn man sich jetzt auf den Standpunkt stellt, dass man Hundertjährigen nicht die Wetterphrophetie überlassen sollte, weil der Ausgangspunkt der Erkenntnis meist ein Kaffeesatz oder ein rheumatisches Knie ist, muss man leider auch zur Kenntnis nehmen, dass die meteorologischen Nachwuchshoffnungen mit ihren schwergewichtigen und hochkarätigen Computerzusammenschlüssen für heute, zumindest in unserer Gegend, schönes Wetter mit realistischer Aussicht auf Föhn vorhergesagt haben. Da ist es dann schon völlig egal, von wem man an der Nase herum geführt wird. Schade ist es nur für die kleinen Fritzen, denen wir einen zauberhaften Adventssonntag im Garten gewünscht hätten, der aber jetzt in den Nebel fällt, nicht dass wir Sorge haben, sie aus den Augen zu verlieren, aber diese Suppe würde die Kleinen binnen Minuten durchweichen. Dafür sind sie noch nicht stabil genug.

In der Gewichtschronik ergaben sich über Nacht tektonische Verschiebungen: Felix hat Franz den Rang abgelaufen. Gestern hatte Franz noch 2300 Gramm und heute sind es 2460, da kann man eigentlich nicht meckern. Wenn aber der Flix-Flax von 2140 auf 2480 hochschwingt, also schlappe 340 Gramm „zum Sehen“ auf den Tisch legt, hat der Franz nicht viel mehr als ein Pärchen auf den Tisch legen können und muss zugeben, dass der Flix-Flax einen Royal Flush zu bieten hat. Game over – zumindest für heute. Da wollen wir mal sehen, ob der Franz morgen mehr als ein Pärchen zu bieten hat und ob Flix-Flax noch einen nachlegen kann, schließlich trennen die beiden nur 20 Gramm, da ist alles drin. Über den Rest des Kalorienpokers muss nichts weiter gesagt werden: hinten, in der Mannequin-Klasse, tut sich sowieso nichts und ob zwischen den Welten einer einen Platz gut macht oder verliert interessiert höchstens die hoffnungsvollen zukünftigen Hundehalter, aber die können sich ja an der Tabelle Mut zusprechen.

Gestern haben wir von unserem Biobauern frische Innereien bekommen, darunter auch Rindergurgel, die wir unseren großen Mädels geben. Franzi gibt sonst eigentlich nichts her, was sie einmal zwischen den Kiefern hat, aber heute erinnert sie sich ihrer Mutterschaft und spendet ihr Gurgelstück ihren Kindern. Flori ist der Erste, der den Gummischlauch zu greifen kriegt und sich augenblicklich mindestens sieben seiner Geschwister erwehren muss. So ist das gut, ein bisschen Trainingskampf ums Überleben kann nicht schaden. Und Flori kämpft gut und tapfer, windet sich, reißt aus, wird gestellt und kommt wieder aus. Von der Regie nicht bedacht war, dass Ferdi

Ferdi vom Bairischen Blues mit der erbeuteten Rindergurgel
Porsche-Ferdi verschwindet vom Radar der anderen
als nächster den Atemschlauch jenes unseligen Miesbacher Rinds in die Fänge kriegt und bekanntlich ist Ferdi der Speedy Gonzales der Fritzen. Dieses Ehrentitels erweist er sich erneut als würdig; wie ein geölter Blitz kurvt er durch seine etwas hüftsteifen Geschwister, die ihn schnell vom Radar verlieren, und eh die die Himmelsrichtung ausmachen können, in der er verschwunden ist, hockt Porsche Ferdi, geschickt getarnt, hinterm Wäscheschaff und zerwirkt die Gurgel. Da droht das Schauspiel ins Stocken zu geraten. Aber natürlich wird auch er entdeckt, in kleinen Geschwadern schwärmt man aus auf der Suche nach dem Goldenen Vlies, und schließlich wird auch der fixe Ferdi gestellt und muss die Beute wieder abtreten, er ist ja gnadenlos fix, aber der Muskelmann der Truppe ist er nicht. So wird das Gurgelstück wie eine Dorfschönheit herum gereicht – jeder darf mal – und am Ende ist wieder Ferdi der Glückliche, der sich das Teil nochmal ergaunert und mit ihm eine Turborunde dreht. Wir haben unseren Spaß, die Fritzen haben ihren Spaß, aber sie können auch etwas lernen und beweisen. Lernen können sie, wie man in einem Rudel mit einem solchen Beutestück umgeht und welche Regeln da gelten und beweisen können sie, dass sie schon
Flori vom Bairischen Blues zerwirkt die Gurgel
Flori weiß schon, wie man zupacken muss
jetzt alles drauf haben, was man braucht, um auch gröbere Beutestücke mundgerecht zu verarbeiten. Instinktiv wissen sie, an welchen Stellen man anpacken muss, um das Ding klein zu kriegen. Es ist beeindruckend, wie sie eine Sehne zwischen die Backenzähne nehmen und sie vom Hauptteil abraspeln und abkauen. Alles funktioniert schon wie bei den Großen; man legt den Kopf zur Seite, nimmt das Beutestück zwischen die Backenzähne nagt und nutschelt, zerrt und zieht, die Augen geschlossen, um sich ganz auf die Mahl- und Reißarbeit zu konzentrieren. Das sind die Momente eines Züchters, in denen ihm das Herz übergeht: richtige, echte Hunde sind das schon, jetzt schon fast perfekt zum Überleben ausgestattet (wenn es nur mit der Jagd schon klappen würde).

Trotz dieser perfekten Demonstration der Überlebensfähigkeit von Frau Fischers frischen Fritzen, wollen wir uns nicht auf diese überlieferte Ernährungsweise verlassen und füttern sie natürlich wie bisher mit all den Leckereien, die man so zur Verfügung hat. Heute wird es ernst mit der Hinführung auf ein mitteleuropäisch-zivilisiertes Hundeleben (auf das die meisten Hunde gut verzichten könnten, aber wir als Züchter eben nicht): es gibt Trockenfutter, eingeweicht und zu einem morastigen Brei gemantscht. Und die Fieslingsfritzen hauen rein, als hätten wir ihnen Wiener Schnitzel mit Pommes kredenzt. Das unterscheidet sie massiv von ihren direkten Vorgängern, die vom ersten Mal an Trockenfutter verzichtbar fanden und bis zum Schluss konsequent daran herum mäkelten. Sind Trofuphobie und Trofuphilie etwa genetisch gestützt? An der Mutter kann das dann nicht liegen, weil es auf diesem Blauen Planeten eigentlich nichts gibt, was sie nicht zwischen die Zähne nähme. Diese Fritzen jedenfalls haben gegen Trockenfutter nichts einzuwenden. Und heute sehen wir neben der Gurgelraspelei und –knatscherei noch einen Fortschritt im Fressverhalten: sie können jetzt mit dem Fang richtig fressen, also ganze Portiönchen aufnehmen und schlucken, nicht nur mit der Zunge aufschlabbern. Jetzt wird gehapst, nicht mehr geschlabbst.

Diese Mahlzeiten, egal welcher Art und Konsistenz, haben Folgen, die am hinteren Ende des Welpen sichtbar werden und uns als Stoffwechselendprodukte das Leben schwer machen. Es ist ja schon oft über die feine Nase des Herrn geplaudert worden, und die Hoffnung, dass der Geruchssinn mit fortschreitendem Alter den Weg allen Irdischen gehen würde, sich langsam verabschieden und seinen Träger unbeeindruckt zwischen diesen Häuflein wandern lassen würde, ist eine Phantasmagorie. Die Wahrheit ist: und wenn es das Einzige ist, was sich im Alter neben dem Starrsinn behaupten, ja sogar immer feiner werden kann, dann ist es der Geruchssinn. In dieser Hinsicht wird für den Herrn jeder Wurf zu einer größeren Herausforderung. Diesmal haben wir aber, wie bereits geschildert, auch noch einen wissenschaftlichen Auftrag: wir müssen diese festen Stoffwechselendprodukte sammeln und auf Wurmbefall untersuchen lassen. Die frühere Befürchtung, dass wir möglicherweise in knietiefem Schnee nach diesen Häuflein schürfen müssten, hat sich bisher nicht bestätigt, weil es halt keinen Schnee gibt. Aber die, bürokratisch ausgedrückt: Dingfestmachung des Stoffwechselendprodukteurs und der Stoffwechselendprodukteurin erweist sich als nicht ganz triviale Aufgabe. Sagen wir mal so: gekackt wird viel, häufig und schamlos, aber nur selten vor dem Angesicht des Herrn und der Dame des Hauses. Und Namensschildchen des Lieferanten werden auch keine gesteckt. So bleibt es dem Zufall überlassen, wen wir gerade auf frischer Tat ertappen, ihm einen Teil seiner Produktion unter dem Hintern wegstehlen und in ein Röhrchen verschließen können. Der Herr, es muss zugegeben werden, überlässt aus den oben angedeuteten Gründen, diesen Dienst an der Wissenschaft gerne der Dame des Hauses, die ein olfaktorischer Ledernacken ist. Machen wir es kurz: nach einigen Stunden haben wir etwa die Hälfte der elf Proben eingetütet, der Rest, so viel wird schnell klar, kann zur Generalstabsarbeit werden. Nie schei… die Hunde, die wir noch brauchen, offenbar hat nur etwa die Hälfte einen funktionierenden Darmausgang. Dass es sich bei dieser wissenschaftlichen Arbeit doch eher um eine Komödie großen Stils handeln könnte, über die nur das vierbeinige Publikum lachen kann, geht dem Herrn abends schlagartig auf. Er steigt zu fortgeschrittener Stunde aus seinem Dachkabinett herab zu seinen Lieblingen, um sich etwas zu trinken zu holen, da sieht er ein kleines dampfendes Häuflein. Er räumt es weg, der Verursacher ist längst über alle Berge. Während er das Häuflein in der Toilette entsorgt, wie das mit Häuflein eben so geht, und wieder zurückkommt, um sich jetzt endlich ein Bier zu greifen, tritt er vor der Toilettentür beinahe in zwei frisch dampfende Häuflein. Da hätte er einen Schnaps brauchen können. Auch ohne Hochprozentiges gelingt es ihm, diese Produkte zu entsorgen, deren Verursacher, wie man sich denken kann, ebenfalls unerkannt bleiben. Aber jetzt – vier Haufen in der Küchenecke vor der Spüle, und weil die ganze Bande nun richtig auf Betriebstemperatur ist, auch ordentlich zertreten. Der Herr überlegt, ob er sich vorher oder hinterher besaufen soll oder einfach die Tür zu machen und so tun, als ob das nach seiner Zeit erst entstanden wäre. Nein, er

Stoffwechselendprodukt
Ohne Worte
beschließt, sich erst hinterher zu besaufen, weil sein Jagdtrieb entfacht ist: fünf Scheißer sind noch nicht verwissenschaftlicht und irgendeiner wird ihm heute noch ins Netz gehen. Damit ihm nicht das gleiche Malheur, wie gerade zweimal passiert, entsorgt er diese Endmoränen nicht, sondern versucht nur, die tobende Meute von ihnen fern zu halten um den Flurschaden zu begrenzen. Wenn jetzt Stoffwechselzeit ist, müssen die anderen bestimmt auch. Es muss aber keiner und keine und es tut auch keiner und keine. Nach zirka zehn Minuten, die unter diesen Umständen eine Ewigkeit beschreiben, beginnt der Herr mit der Beseitigung der vier Häuflein. Und irgendwann auf dem Weg aus der Toilette entdeckt er dann doch wieder zwei neue Häufen! Und kein Absender! Wir wollen den Kreuzweg des Herrn nicht unnötig breiter treten als die Häufen, denen er hinterher jagt: am Ende des Hase-und–Igel-Spiels waren 15 (!) Kalamitätenhügel entsorgt und kein Verursacher dingfest gemacht. 15, bei nur elf Welpen. Nach dieser knappen Stunde verzichtet der Herr auf Bier und Schnaps und alles und steigt sofort ins Bett. Man kann sagen, er fühlt sich nach Strich und Faden verarscht. Und jetzt sind es doch wieder Fieslinge!