Mittwoch, 14.12.2011
Es ist weiterhin trüb und regnerisch, was morgens um halb fünf aber sowieso Jacke wie Hose ist; morgens um halb fünf ist für eine Eule immer trüb und regnerisch. Aber die Verhältnisse, sie sind eben so und nicht anders. Wir wagen es, die Bande in den Garten zu lassen und hoffen, dass sie sich miteinander beschäftigen und die Klappe halten, was natürlich vor allem für Franz gilt. Die Großkonzerte der letzten Zeit waren nämlich ziemlich sicher auch in der Nachbarschaft zu hören, solche Frequenzen durchdringen Stein und Bein und auch ordentliche Bausubstanz. Also versuchen wir es heute einmal mit kontrolliertem Ausgang, kontrolliert deswegen, weil wir wegen des Regens die Tür zur Hundedusche öffnen, sodass sie sich dorthin zurückziehen können, wenn ihnen der Niesel unter die Haut kriecht. Was für eine Entspannung, leise pfeifend morgens um fünf den Putzfummel feudeln zu können, ohne am Rande eines Hörsturzes zu wandeln. So kann man sogar die unmenschliche Zeit ertragen. Das Experiment gelingt wider alle Erwartungen geradezu bilderbuchhaft: kaum ein Quietscher, manchmal ein Juchzer, aber kein Keifen oder Grölen. Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind und eine freundliche Perspektive für die kommende Zeit, wenn die Fritzen sowieso nicht mehr in der Kiste zu halten sind und ins Freie müssen. Draußen bekommen sie jetzt auch immer ihre Welpenmilch mit Hüttenkäse und Banane (Apfel lassen wir jetzt mal weg, weil wir den Eindruck haben, dass sie davon einen weicheren Stuhl bekommen). Die Speisung geht zwar schmatzend, aber schweigend vonstatten und hinterher wird noch eine Runde gejockelt und gezockelt und dann zieht sich der ganze Haufen zum Verdauungsschlaf zurück – in den kleinen Hundekorb neben der Terrassentür, nicht in den großen in der Hundedusche. Was soll man da mehr machen als hoffen, dass sie schon wissen werden, was ihnen guttut und was nicht. Solange kein Wind den Regen in die Terrassenecke treibt, werden sie schon warm und sicher liegen; elf Welpen zu einem Haufen geknüllt entwickeln ja eine Hitze wie ein Backofen.
Nachdem die Gute Stube des Blues und die Schnullerbox wieder fein gemacht sind, wird gewogen. Und ehrlich gesagt hätten wir dem Flix so viel Hartnäckigkeit gar nicht zugetraut, die Rotglühenden sind ja meist schnell ausgebrannt, aber er hat sich nicht austanzen lassen wollen und gekontert: 220 Gramm plus (das ist Tagesspitze) und 2920 unterm Strich – auf Platz 1 zurückgemampft. Ob sich Franz zu sicher fühlte oder ob ihm die Falsettlage doch an die Substanz gegangen ist, will er uns nicht sagen, aber mit 170 Gramm Gewichtsauftrag hat er sich gegenüber Felix ziemlich schmählich hängen lassen, ist aber mit 2910 Gramm und 10 Gramm Rückstand noch glimpflich davon gekommen, doch seinen satten Vorsprung hat er recht leichtsinnig verjuxt. Fado hält sich stabil im Windschatten der beiden Maulhelden, legt ebenfalls 170 Gramm drauf und belegt mit 2770 Gramm den 3. Platz. Den 4. Platz hält Fetzer jr. mit 2760 Gramm und 150 Gramm Aufschlag. 100 Gramm stehen für Ferdi zu Buche und in der Endabrechnung 2600 Gramm – 5. Platz. Fianna konnte sich sogar 110 Gramm anschmatzen und landet so mit 2550 Gramm auf Platz 6. Ebenfalls 2550 Gramm meldet Frenzy mit 90 Gramm plus und teilt sich diesen 6. Platz gutschwesterlich mit Fianna. Flori musste bei 70 Gramm passen und belegt mit 2540 Gramm den 8. Platz im Fettranking. Die 90 Gramm für Fine lassen sie erwartungsgemäß auch nicht gerade nach den Kaloriensternchen greifen, aber Platz 9 mit 2370 Gramm liegen im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Den Vogel schießt aber Fanni ab. 0 Gramm, gar nichts, und somit weiterhin 2340 Gramm und Platz 10. Franca kann sowieso mampfen so viel sie will, und 50 Gramm sind in dieser Gesamtperformance so schlecht nicht. Damit bleibt sie sichere Letzte mit 2150 Gramm. Zwischen ihr und Felix liegen also 770 Gramm, wer aber meint, einerseits einen grobgliedrigen Bauernlackel und andererseits einen hüftschwingenden Balletfloh erwarten zu müssen, ist völlig falsch gewickelt. Felix (wie Franz) ist alles andere als fett und Franca besteht nicht aus Haut und Knochen; sie sind proper, fest, muskulös und geschmeidig alle zusammen, ganz egal, an welcher BMI-Position sich einer befindet. Diese Fieslinge sind alle gut entwickelt und stehen prächtig im Leben.
Franzi steht aber ein bisschen daneben, also ein bisschen neben dem Leben, weiß nicht, was sie will und was sie soll. Sie ist unsortiert, schleicht dauernd herum, nörgelt, schleppt mal was zum Spielen für ihre Kinder herum, mal nicht, wenn sie etwas herum trägt, weiß sie nicht, ob sie es ihnen bringen oder besser davon laufen soll. Andauernd will sie zu ihren Kindern, und wenn sie bei ihnen ist, ergreift sie die Flucht, gelegentlich so hektisch, dass sie gleich einen Teil des Transits einreißt, ihm einen Fuß abhebelt und den Transit nach all den erfolgreichen Jahren zum Invaliden macht. Jetzt müssen wir erst sehen, ob er die verbleibenden Wochen standhält oder ob wir zur Notoperation schreiten müssen. Im Augenblick sieht es nach Operation aus. Franzi wäre gerne wieder barriere- und kinderfrei unterwegs, aber sie kann sich ihnen letztlich nicht entziehen; sie brauchen sie, sie rufen sie, sie fordern sie und letztlich beugt sie sich immer wieder der sanften Gewalt. Manchmal tut sie uns leid, wenn sie so hin und her gerissen, völlig uneins mit sich herum steht und zu wissen scheint, dass das nächste, was sie tun wird, für sie wieder das Falsche sein wird. Franzl, nur noch dreieinhalb Wochen! Aber wie lang können dreieinhalb Wochen sein. Im Urlaub sind sie vorbei, bevor man sich in ihnen eingerichtet hat…
Die Fritzen sind nicht ausgelastet, ihr Energiepotential reicht bis zur Decke, eigentlich müssten sie den ganzen Tag draußen toben (mit den notwendigen Schlafpausen, natürlich). Aber das gibt das Wetter momentan nicht her, zumindest so lange nicht, bis die Bande ein bisschen winterfest ist. Kälte würde den Frostfritzen ja nichts anhaben können, aber nasskaltes Sauwetter kriecht unter die Haut und tut nicht gut. Und weil sie so unausgelastet sind, entgeht ihrem Tatendrang natürlich nichts, was zur Triebabfuhr nutzbar gemacht werden kann, heute z.B. eine
Dreikönigsdeko mit Kerzen, die auf dem Tischchen im Flur aufgestellt ist. Die Drei Weisen aus dem Morgenland sind es aber nicht, die die Aufmerksamkeit der Fritzlein erregen, die erklären wir ihnen erst am 6. Januar, einen Tag vor der Abgabe, dass sie noch ein bisschen Kultur mit auf den Weg bekommen, nein, es ist die Decke, die unter dem Arrangement liegt und an beiden Tischenden überhängt. Hinter dem Rücken des Herrn, der sich gerade auf dem Weg in die Dachregionen des Blues befindet, tut es, passend zum ausgewählten Objekt, einen jesusmäßigen Schepperer, dass dem Herrn fast das Herz stehen bleibt. Aber das Echo des verheerenden Schepperers ist fröhliches Quieken und kein Schmerzschrei (den erkennt man sofort!), so dass die Hoffnung auf kleines Übel gerechtfertigt scheint. Der Anblick des Tatorts lässt dann allerdings das Blut des Herrn doch noch gefrieren, nicht wegen der tatsächlichen Schäden, sondern wegen der Vorstellung der möglichen, aber nicht eingetretenen Schäden. Weil am Rande des Tischchens eine massive Messingdose mit Sonne-Mond-und-Sterne-Deckel platziert war, flog diese, als die Bande an der Decke zog zuerst mit lautem Getöse zu Boden, was die Plündrer zur kurzen Flucht bewogen haben muss und sie an der Vollendung ihrer räuberischen Tat hinderte. Deswegen hängt das Dreikönigs-Arrangement aus massivem Metall und reichlich scharfen Kanten nun nur zur Hälfte über die Tischkante hinaus und pendelt hin und her wie der berühmte Filmomnibus über einer Klippe. Dieses Teil hätte ordentlichen Schaden angerichtet, wenn es geflogen wäre. Erschlagen von den Drei Weisen aus dem Morgenland! Und ins Grab Gold, Weihrauch und Myrrhe! Myrrhe wurde ja schon im alten Ägypten zum Einbalsamieren verwendet. Wie passend. Man kann wirklich nicht genug aufpassen, besser: nicht früh genug aufpassen. Dass diese Decke nicht ewig dort liegen bleiben kann, war uns schon klar, aber dass die Fieslinge so früh so fies sein würden, wollten wir nicht glauben. Welche Eltern wundern sich nicht über die Frühreife ihrer Kinder? Na, also, warum soll es uns anders gehen? Gerade erst ein süßes Knuddelchen in Papas Arm und gleich drauf ein Plünderer in Papas Reich. Wir werden unsere Heranwachsenden wohl ab sofort mit ehrlicheren Augen sehen müssen.Gottlob erscheint just zu dieser Zeit ein kleiner Sonnengott als Zeichen des Himmels am Himmel und die Fritzlinge dürfen austreten. Es treten aber nur fünf der elf aus: Flori, Frenzy, Fado, Fianna und Fine. Die anderen ziehen es vor, in ihrer Küchentrutzburg zu murmeln, pennen und zu kugeln. Aber auch diese fünf Outlaws stürzen sich nicht mit dem gleichen Übermut ins Freie, mit dem sie gerade die drei Weisen zu stürzen suchten, sondern nähern sich dem Garten schrittweise, indem sie erst einmal im Transit spielen und sich langsam in Richtung Tür schubsen und zerren. Das liegt daran, dass der Herr nicht mit nach draußen geht, weil er sehen will, wie sie die Herausforderung ohne ihn angehen. Und sie gehen sie an, wie gesagt vorsichtig, aber mit dem Ziel im Blick. Als sie dann endlich im Garten angekommen sind, folgt eine sehr kurze, aber sehr heftige Spielphase, in der alle Angebote einmal genutzt werden, dann trennen sich die fünf. Frenzy und Fine entdecken die offene Hundedusche und toben darin herum, die anderen drei kuscheln sich in den kleinen Korb neben der Terrassentür. Kaum fünf Minuten später trollt sich auch das Schwesternduo aus der Dusche zurück in die Küche und somit werden auch die im Körbchen wieder ins Haus gebracht. Ende der Vorstellung, das soll erst einmal genug sein; wir haben gerade mal 2° C und etwas Wind, daran muss man sich gewöhnen und akklimatisieren.
Gegen 11 Uhr, nachdem die Abenteurer und die Schnarchlappen einen kräftigen Zwischenpenn gemacht haben, werden sie wieder, diesmal alle, zum Lüften in den Garten gelassen, ehrlich gesagt, natürlich vor allem wegen der Verstoffwechselung ihrer Träume, die, in der Küche freigesetzt, den Träumen ihren Charme nehmen würden (vielleicht sollten wir an dieser Stelle einmal erwähnen, dass wir Ferdis Häufchen inzwischen auch identifizieren und zusammen mit den anderen der Wissenschaft zuführen konnten). Auch jetzt sind die Spielaktionen kurz und irgendwie fahrig und gestaltlos, es taugt ihnen heute nicht hier draußen. Wieder drücken sie sich alle zusammen i
n den kleinen Korb. Warum in aller Welt wollen sie nur in diesem offenen Korb liegen und verschmähen sowohl die schützende Hundedusche wie die Hundehütte, die nur zwei Meter weiter aufgebaut ist? Wer will das verstehen? Zusammenkuscheln könnten sie sich auch in der Hütte, hätten eine dicke Decke unter und ein Dach über sich und keinen Wind, der um die Nase pfeift. Natürlich versucht der Herr, als sie sich im Korb zusammenrotten, ihnen die Hundedusche schmackhaft zu machen, weil sie ja dort in Zukunft auch die Nächte verbringen sollen, aber so wie sie hinter ihm her wuseln, drehen sie wieder ab, als sie merken, dass dort nichts zu holen ist und keine Futterschüssel wartet. Es sieht nach einem frühen Karriereende der Hundedusche aus, obwohl wir natürlich noch nicht aufgeben werden. Sture Stinkstiefel, diese Hovawarte, sogar schon in Windeln stur wie Maulesel. Selbst als es zu regnen beginnt, liegen elf Fischers Fritzen im Korb und scheren sich einen Dreck um die Sorgen des Herrn. Deshalb werden sie wieder kaserniert. Geht nicht anders. Ab vier Uhr nachmittags haut dann der Regen runter, dass jede weitere Outdoor-Aktion unter Flutlicht abgesagt werden muss. Extreme Indooring steht jetzt auf dem Plan.Wir wollen jetzt nicht aufzeigen, was man mit einem Haufen ausgeschlafener Hovawartwelpen im Haus alles anstellen kann oder was sie mit uns anstellen können. Die Möglichkeiten sind variantenreich und weithin bekannt. Heute kommt beim Blues eine neue Variante hinzu, die Welpen bei Laune und ruhig zu halten. Diese Variante ist nach Tante Anouk benannt. Sie beschließt nämlich am frühen Abend, auf ihre alten Tage nochmal ins Muttergeschäft einzusteigen, dem Gouvernantenimage adieu zu sagen und Mama Franzi bei ihren Mutterpflichten zu entlasten. Ohne Vorwarnung stapft sie in die Schnullerkiste, legt sich zur Seite und beginnt Milch zu liefern! Binnen Sekunden ist sie mit elf zu allem bereiten und immer hungrigen Kindern bedeckt. Wir stehen stocksteif mit offenen Mäulern. Da mampft und schmatz es aus der Kiste und am hinteren Ende der Kinder tanzen die
Schwänzlein munter auf und nieder und signalisieren, dass die Quellen fließen. Was ist mit unserer Anouk los? Spinnt die? Ist es ihr zu langweilig mit uns? Will sie sich dem Großen und Ganzen opfern oder will sie uns mitteilen, dass sie sich nochmal Kinder wünscht? Sie liegt und lässt sich besteigen und bezupfen und zerbeißen und hat nichts als Sternchen um die Augen. Anouk ist glückselig. Und wir sind durch den Wind. Wer soll denn jetzt Franzis Kinder erziehen, wenn das Programm für die nächsten Wochen so aussehen soll? Wir rechnen nach und kommen zu dem Schluss, dass Anouk, am 19. September läufig geworden, gerade jetzt Welpen hätte, also ist sie hormonell brutfähig aufgestellt. Und das lässt die Übermutter Anouk sich nicht entgehen. Dieser Urgrund einer Hündin schafft es, uns sogar mit beinahe elf Jahren immer noch einen Knaller zu servieren, der uns von den Füßen holt, die ganze Anuschka vom Haselrieder Wald eine einzige, lebende, nein: lebendige Wundertüte. Und strahlt aus tiefen Augen nichts als Mutterglück…



