Donnerstag, 15.12.2011
Fakte ni scipovi komenci necesa libro. So etwa müsste es auf Esperanto heißen, wenn wir sagen wollen: Eigentlich könnten wir heute ein neues Buch beginnen. Am heutigen 15. Dezember, dem Esperantobuchtag, darf auch einmal ein bisschen Kultur in die Chronik des Bairischen Blues einziehen. Falls ein Leser dieser Zeilen des Esperantos richtig mächtig ist, freuen wir uns auf eine verifizierte Übersetzung, bis dahin muss das genügen.
Tatsächlich könnten wir heute mit einem neuen Buch beginnen, das beispielsweise heißen könnte: Anouks letztes Mutterglück oder Anouki und die elf Bekloppten. Dem ultraletzten FilmImFilmFilm-Gezeter unserer Kommerzvolltöner Rechnung tragend, könnte der Titel auch Heiße Zitzen, eiskalt serviert. Anouk – Der Filmriss heißen. Oder einfach Heißes Herz und zuckersüße Schnuten. Wie auch immer, jeder darf sich einen Titel wünschen und vorschlagen: wir müssten ein neues Buch beginnen, das Buch von Franzis letzter Mutterschaft schließen und das Buch von Anouks allerletzter Mutterschaft eröffnen. Anouk rollt ihr ganzes Mutterrepertoire aus und Franzi sagt: Merci, Cherie. Nun darf natürlich nicht der Eindruck entstehen, Franzi enthielte sich der
mütterlichen Tätigkeiten gänzlich. Falsch, sie tut noch immer, was getan werden muss, sie säugt noch immer im Stehen, sie sieht nach ihren Fritzen, sie sorgt sich, wenn irgendein Ton nicht ins Klangbild passt, sie beäugt Besucher und schätzt sie ab, ob man sie rein lassen soll (Solle mer se roilasse?) oder ihnen gleich bedeuten sollte, besser im Eingang zu antichambrieren. Franzi ist nicht desinteressiert, aber sie macht sich nicht mehr krumm für die Kleinen, sie opfert sich nicht auf; sie will wieder die Franzi vom Fuchsiengarten sein, wie die Welt sie kennt, ein schräger Vogel und Harlekin und keine ausgelutschte Vogelscheuche ohne Perspektive jenseits der Brut. Anouk hingegen würde es als größtes Glück empfinden, unter diesem wuselnden Kinderhaufen zu sterben. Ein größeres Glück als Kinder kann es für sie gar nicht geben. Es gilt noch immer und mehr denn je die früher getroffene Unterscheidung: Anouk ist eine Mutter ist eine Mutter ist eine Mutter und Franzi ist eine berufstätige Mutter, die ein ganzes Leben neben der Kinderschar organisieren muss. So ergänzen sich die beiden geradezu ideal; wenn Franzi Zigarettenpause macht, gibt Anouk den Rattenfänger und schart die Brut um sich. Welche Welpenschar hat jemals so viel qualifizierte Fürsorge genossen?
Nachts hilft der pflegerische Doppelstern den Fieslingsfritzen aber auch nicht, vor allem in der vergangenen Nacht wurden sie nämlich vor eine neue Aufgabe gestellt: Nachtlager in der Dusche. Es ist ja unser erklärtes Ziel, morgens aufzustehen, eine mitteleuropäisch-zivilisierte Küche vorzufinden, in der wir das Frühstück für die Fritzen bereiten und im Garten servieren können, um anschließend die Hundedusche mit einem Schlauch wieder in einen ordentlichen Zustand zu bringen. Die Nacht verläuft auch recht zufriedenstellend; Franz rumort zwar gelegentlich, aber sonst ist der Umschluss in der Dusche stressfrei. Morgens um fünf ist dann allerdings vorbei mit lustig, dann geht das Konzert los und alle wollen raus – und die Freude ist so groß, dass sie es der ganzen Nachbarschaft lautstark mitteilen müssen: Husch, husch, alle aus der Dusch! ist eines der Lieder, das sie singen, aber auch Duschelein fein, Duschelein klein, nie mehr sollst du mein Nachtlager sein wird grölend zu Gehör gebracht. Das klingt nach Revolte, das klingt nach Tahrir-Platz.
Erst einmal muss das Meutervolk in die Küche, weil wir uns gerne noch etwas länger guter Nachbarschaft erfreuen würden. Dann wird draußen gefüttert: Welpenmilch, Hüttenkäse und Banane. Und schlagartig ist es vorbei mit der Meuterei, was darauf schließen lässt, dass auch beim Nachwuchsrevolutionär erst das Fressen und dann die Moral kommt. Was natürlich nicht in unserem Plan stand ist, dass wir nun heute Morgen die Dusche und die Küche einer Generalreinigung unterziehen müssen, denn natürlich hatten die Freiheitskämpfer keine Zeit, das Notwendige im Garten zu erledigen, da wurde die Küche flugs zum Abtritt umfunktioniert. Wir werden die Kleinen schon noch von den Vorteilen dieser Hundedusche überzeugen, die großen Pläne der Weltgeschichte wurden auch nicht an einem Tag zur Erfolgsstory. Wir müssen den von Mama und Tante völlig verzogenen Gören ein bisschen Zeit zugestehen. Wird schon, da sind wir sicher.
Auch als das ganze Morgenprozedere vorüber ist und alles in seine natürlichen Bahnen einschwenkt, bleiben die Gewissheiten der vergangenen Tage bestehen: die Dusche kann noch so einladend geöffnet sein, sie wird verschmäht. Die Hundehütte kann noch so gepolstert und bedacht sein, sie wird missachtet. Das Körbchen ist das Home, das heißgeliebte und heißgeschmiegte Castle.
Der Freiheitsdrang der kleinen Fritzen beschränkt sich nicht auf Ausbruchsszenarien aus der Dusche und aufs Absingen von Kampfliedern, sondern nimmt zunehmend auch im Kleinen Gestalt an. Franca findet heute Vormittag zum Beispiel einen Weg aus der Küche ins Wohnzimmer. Wo sie die Passage entdeckt hat, erschließt sich dem Schließpersonal nicht, irgendwie ist sie durch; ehrlich gesagt, kein sonderlich beruhigender Aspekt. Aber Franca ist auch die Schlankste von allen und mit der Zeit wird sie auch zur Pfiffigsten. Das Unschuldslamm hat mäh gesagt, und alle staunen voller Stolz. Trotzdem muss sie zurück, aber nicht bevor sie nicht noch eine ausgiebige Streicheleinheit auf dem Arm genießen durfte; große Taten schreien nach Anerkennung. Und große Taten sind auch dann groß, wenn sie Kleingeistern, wie Gefängnisaufsehern, über den Kopf wachsen. Und wie stolz der Zwerg ist! Fast platzen muss sie, wenn wir jetzt wiegen würden, könnte sie den Fettboliden Konkurrenz machen.
Die nachmittägliche Fleischmahlzeit besteht heute aus gekochter Hähnchenbrust mit Kartoffelbrei, immer noch mit dabei ist die Ulmenrinde, vor allem, wenn wir eine neue Speise auf die Menükarte setzen. Heute gibt es aber auch einen guten Grund für die Slippery Elm: ein paar Fritzen haben Durchfall. Wir haben keine großen Sorgen, dass es sich dabei um eine ernsthafte Bedrohung handeln könnte, sondern vermuten, dass die Darmverstimmung vom Grasfressen kommt. Jetzt, nachdem sie doch einige Zeit im Freien verbringen, werden sie eben auch mit den Unannehmlichkeiten dieser Freiheit konfrontiert, und wer überall herum nascht, muss sich nicht wundern, dass der Darm irgendwann rebelliert. Also, kein Grund zur Sorge, aber Anlass, etwas dagegen zu tun, schon in unserem eigenen Interesse: braune Seen sind ungleich ekelhafter zu beseitigen als stramme Würstchen.
Die Zeit im Garten bringt aber immer neue Erlebnisse und Erfahrungen, die die kleinen Fritzen mit Begeisterung machen. Ein gutes Beispiel ist die Rappeldose, eine alte kleine Konservendose (Kondensmilch, etc.), in die ein paar Steinchen gelegt werden. das Ganze wird in einen alten Socken gesteckt und dieser verknotet – und fertig ist das aufregendste Spielzeug der Welt: es rappelt, es bewegt sich und kann hin und her gezerrt und getragen werden und eignet sich bestens als Premiumbeute.
Leder kommt jetzt auch in die Arena, Leder an einem Strick für die ersten Beutespiele. Und hier gibt es nur eine Ansage: „And the winner is: Fianna“. Die hat vielleicht einen Spaß, hinter dem Lappen her zu hetzen!
Das Schrägbrett auf die Palette ist immer noch der Markplatz der Eitelkeiten, dort versammelt man sich zu Ratsch und Tratsch, also zu einem Schwätzchen, dort lässt man die Hüften kreisen und die Muskeln spielen und zeigt gerne einmal en passant, was man so drauf hat. Franca, wir haben es schon erwähnt, ist die begnadete Brett-Surferin; sie lässt einfach nicht locker, dieses Brett in beide Richtungen zu beherrschen und den gelegentlich unbeholfenen Bemühungen ihrer Geschwister mitleidig beizuwohnen. Wirklich ein ganz pfiffiges und knackiges Mädchen, die Kleine.
Und so kommt eins zum anderen, ein alter Deckel eines Wasserfasses mit einem Knauf, damit er sich wie ein Kreisel dreht, in den wir ein paar Fläschchen legen – und schon haben wir eine neue Surfgelegenheit geschaffen. Ein alter Reifen, ein Schaukelbrett mit zwei unten angeschraubten Halbkreisen – da geht die Post ab.
Doch als dann die Temperatur auf 0° C geht, wird der Spielplatz geschlossen und die Kleinen Fieslinge kommen in die Gute Stube zum Aufwärmen und Verhirnwechseln der vielen neuen Eindrücke dieses Tages. Zum Schluss bekommt jeder noch eine kleine Tablette Milbemax zur Entwurmung, das geht so schnell, dass sie gar nicht mitkriegen, was ihnen da untergejubelt wird, schluck und weg, und diese ungeliebte Entwurmerei ist auch auf zivilisierte Weise erledigt. Nur Mama Franzi kotzt uns die Tablette vor die Füße. Danke! Aber letztlich wird sie mit einem Leberwurstbrot bestochen; wie schlicht die Welt doch gebaut ist.
Zum Schlafen geht es dann wieder in die Hundedusche und beim Blues geht das Licht aus.


