6. Woche (18.12. – 24.12.)

Sonntag, 18.12.2011, 4. Advent

Der Morgen kommt mit -5° C, ist bewölkt, aber eigentlich richtig angenehm. Und der Schnee ist schon wieder Schnee von gestern; nur noch ein paar hartnäckige Restflecken verteilen sich in unserm Welpenparadies.

Die Zusatzmahlzeit und die Besuchergratifikationen haben gestern für einen ordentlichen Speed auf dem Kalorienkarussell gesorgt: 2350 Gramm! Das sollten wir ein wenig näher ansehen, nur um die Zahlen zu genießen. Franz 3780 Gramm (+340), Felix 3430 (+170), das ist natürlich nix, wahrscheinlich zu viel in den Vordergrund gespielt bei alle den Leuten gestern und das Mampfen vergessen. Fado 3380 (+210), Ferdi 3280 (+220), Flori 3180 (+170), Frenzy 3160 (+310), Fetzer jr. 3160, aber nur 40 plus, ebenfalls auf dicke Hose gemacht, um dem Papa zu imponieren und nicht darüber nachgedacht, dass morgen auch noch ein Tag ist, Fianna 3090 (+210), Fanni 2910 (+210), Fine 2840 (+250) und Franca 2620 (+220). Da kann man nicht meckern, da darf gerülpst werden.

Nachdem die Sache mit der Hundedusche gründlich in die Hose ging, müssen die Kinder morgens, wie alle vor ihnen, in den Garten bis drinnen geputzt ist, und da zeigen sie sich wirklich von ihrer besten Seite. Sie spielen meist völlig lautlos miteinander, was in den frühen Morgenstunden die halbe Miete ist. Heute, am 4. Advent, sind wir nicht so früh dran wie sonst, weil wir ein bisschen ausschlafen wollen, aber wenn wir sie morgens um fünf Uhr raulassen müssen, sind Kinder, die die Klappe halten können, überlebenswichtig. Was hatten wir in dieser Hinsicht schon Kopfstände machen müssen; da gab es Würfe, die partout der ganzen Nachbarschaft mitteilen mussten, dass sie nun wach sind und bitteschön jetzt das Sandmännchen aus den Augen gerieben gehört und frisch mit dem Tagewerk begonnen werden müsse. Diese Spezialisten hatten auch Antennen für die leisesten Bewegungen im Haus, wenn nur ein Vorhang leise flatterte, stand der ganze Haufen an der Terrassentür und forderte lauthals Einlass. Da wird die Morgenroutine zum Eiertanz. Frau Fischers Fritzen quietschen höchstens vor Freude, wenn sie in ihr Paradies entlassen werden, setzen noch ein paar Freudenrufe frei und geben sich dann ihrem stillen Spiel hin, das meist in den beiden Welpenkörben und in der Hundehütte stattfindet. Richtig gelesen, die allzeit verschmähte Hundehütte ist inzwischen gesellschaftsfähig geworden und schuld daran ist Anouk. Weil sich die alte Dame, angetrieben von jugendlichen Muttergefühlen, mit ihren morschen Knochen gelegentlich in die Hütte zwängt, gibt es für die Kleinen gar keine Diskussion mehr, dass diese Hütte eine großartige Einrichtung ist (die Hundedusche bleibt aber weiterhin unbeachtet!). Und seither wird sie auch benutzt, wenn Anouk nicht mit drinnen liegt. Und so wird eben auch morgens in der Hütte gespielt – und alsbald, spätestens nachdem die Chefin das Frühstück gereicht hat, eingeschlafen. Und draußen herrscht himmlische Ruhe. Auch der Frostboden heute lässt sie völlig kalt, so kalt wie der Schnee von gestern. Die Fritzen sind eine wahrhaft pflegeleichte Kinderschar - wenn man von den Waffen an ihrem vorderen Ende absieht. Da lassen sie sich gegenüber ihren Halbbrüdern und -schwestern nichts nachsagen; echte Hovawarte wollen sie schon sein.

Nach dem Morgenspaziergang von Anouk und Franzi teilen sich die beiden die Mutterschaft, das heißt, sie servieren an getrennten Tresen handwarme Vorzugsmilch. Da glaubt man wirklich im Kino zu sein: auf der einen Terrassenseite schmatzt es an Franzis Bauch und gegenüber zapfen ein paar Anouks Brust an. Was uns anfangs ein bisschen wie eine flüchtige Marotte Anouks vorkam, wird zum Tagesinhalt der alten Dame: sie ist von Kopf bis Fuß auf Welpen eingestellt, denn das ist ihre Welt und sonst gar nichts. Sie hat einfach nichts anderes mehr im Kopf, ihr Leben dreht sich um Franzis Kinder. Die berüchtigte Anuschka vom Haselrieder Wald, die beim Blues ein strenges Regime führte, die keinerlei Unbotmäßigkeiten duldete und jede Überschreitung der Etikette unverzüglich und nachdrücklich maßregelte, diese Anouk verschwindet komplett unter einem ausgelassenen und frechen Welpenhaufen, der sie als Kletterberg benutzt und an ihr herumturnt wie die Maden an einer Leiche. Sie dürfen einfach alles, selbst wenn sie mal die Lefzen schürzt und ein dünnes „Mal langsam“ raunt, schert sich keiner dieser Tantenalpinisten um diese Mahnung. Sie ist altersmilde geworden, die Anuschka, ganz sicher nicht verrückt, auch wenn man manchmal den Eindruck haben muss. Ganz im Gegenteil, diese vierte Mutterschaft macht sie täglich lustiger, ausgeglichener und fröhlicher. Auch draußen beim Spaziergang wirkt sie, die schon vorher nicht hinfällig daherkam, wie in einen Jungbrunnen gefallen, die Rute über dem Kopf positioniert, schwebend wie eine Schneeflocke und den Blick voller Sterntaler. Zuhaus schleppt sie Teddys, Schweine, Krokodile und alles, was nicht kreucht und fleucht herum und serviert sie ihren Neffen und Nichten. Wo die Welpen sind, will auch sie sein, wenn wir sie nicht zu ihnen lassen schmollt sie nachhaltig und geht uns so lange auf den Nerv, bis wir, was sonst?, entnervt aufgeben und sie zu ihnen lassen. Die Welpenkiste wird auch mehrmals täglich einer Umdekorierung unterzogen, denn jegliche Einrichtung von unserer Hand wird abgelehnt, alles untauglich und unbrauchbar. Sie schiebt Handtuch- und Vetbettberge von links nach rechts und wieder zurück, als ob sie binnen

Lebkuchen für die Fieslinge
Lebkuchen von Daxi
der nächsten Stunde mit der Niederkunft rechnen würde. Danach sieht nicht nur die Schnullerbox, sondern auch die nächste Umgebung aus wie bei Messies rund ums Sofa. Das kann nicht unsere Anouk sein, da muss uns irgendjemand einen Klon ins Haus geschmuggelt haben. Wer soll denn nun diese Viertelwüchsigen den gebotenen Benimm beibringen? Franzi vielleicht? Das Leben ist zu kurz, um über so einen schalen Witz zu lachen. Wir etwa? Sollen wir uns auf den Boden legen und den Welpen in die Nase beißen, und sie durch die Luft expedieren, wenn sie sich daneben benehmen? Das kriegen wir schon rein stimmlich gar nicht hin, da lachen uns die Fritzen doch aus. Gute Güte, unsere Anouk lässt uns alle im Stich, sie ist von der Erziehungsbeauftragten zur Verziehungsbeauftragten geworden. Welche Auswirkungen das auf die Fritzen haben wird, werden wir sehen. Mangel an Aufmerksamkeit und Empathie werden sie jedenfalls später nicht zu ihrer Entlastung vorbringen können.

 

 

Franz und Daxi vom Bairischen Blues
Franz und Daxi haben Spaß
Die heutige Besucherin schlägt auch beide Hände über dem Kopf zusammen, als sie die aufopferungsbereite Anouk unter den Fritzen ortet. So viel Hingabe und Nachsicht hätte sie sich auch gewünscht, obwohl sie mit zu den Wenigen gehörte, die bei Anouk mehr Grenzen überschreiten durfte als die meisten anderen – Daxi ist zu Besuch, die tolle Nudel mit dem Busentuch, der Knaller mit der Friedenstaube auf der Brust. Und Daxi bringt auch noch Lebkuchen mit, die sie extra und mit viel Liebe den kleinen Fieslingen gewidmet hat. Da bedanken die sich artig und der staunende Betrachter fragt sich, ob so viel Anstand etwa Folge von Anouks ultra-antiautoritären Erziehung ist? Ist doch was dran am alten A.S. Neill und sind wir Zweibeiner bloß zu doof dazu? Wurscht, Daxi kommt mit den Fritzen gut zurecht und die sind irgendwie lieb zu ihr. Vielleicht ist es auch nur der Zauber des 4. Advent und der Lebkuchenzeit.

 

Es wird wieder spät heute, es sind so viele nette Menschen hier, dass man gar nicht mehr zur Ruhe kommt, weil die Welpen die Menschen zusammenführen, uns buchstäblich in den Pferch treiben, wie es sonst nie möglich wäre. Wir freuen uns, dass so viele vorbeischauen und unsere Fritzlein bewundern wollen (wir hoffen, dass auch wir einen Teil ihres Interesses ausmachen) und sitzen gerne mit ihnen zusammen und plaudern und fühlen uns wohl. Doch abends, wenn der Vorhang fällt, stürzt mit einem Mal alles zusammen, dann geht uns die Luft aus wie einem Luftballon, den man sausen lässt – pfüüüüt. Und dann kommt auch noch der letzte Kampf des Tages: Anouk ins gemeinsame Schlafzimmer locken. Wenn wir keine Welpen haben, sollen die Damen selbst entscheiden, wo sie ruhen wollen, Anouk entscheidet sich meist für das Erdgeschoss, schließlich ist dort ihr Wachposten und

Anouk mit Teddy
Mach auf, ich will zu den Fritzen!
nicht in der Furzkaschemme. Aber in der Welpenzeit müssen die Damen ins Schlafzimmer, weil sie sonst alle naslang die Welpen durch die Tür hindurch ansummsen, dass die schlagwach sind und zu jodeln beginnen. Das kann im Halbstundentakt sein und jedes Mal tobt da unten Fury in the Slaughterhouse. Da haben wir nach den ersten solchen Nächten mit Anouk im A-Wurf abgestellt. Unten wird die Tür zum Treppenhaus geschlossen, die Damen kommen ins Schlafzimmer, das Schlafzimmer wird auch versiegelt – und dann ist Ruhe im Karton. Doch Anouk verweigert den nächtlichen Gehorsam, Anouk weigert sich, ihre Adoptivkinder zu verlassen! Anouk verweigert sogar den kleinen nächtlichen Pinkelgang auf die Wiese. Anouk wurzelt in der Schnullerbox und denkt nicht daran, den Platz an der Seite der Fritzen zu räumen. Anouk ist wie ein Kind, sie muss zwar, wie erwähnt, nicht Pipi machen, aber sie muss noch eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen und sie muss dem Franz noch ein paar Takte bezüglich seiner Umgangsformen ihr gegenüber beibiegen, was in der Tageshektik untergegangen war, dem Felix muss sie noch den Hintern putzen und Franca noch ein paar Tropfen Vorzugsmilch verabreichen, damit sie morgen nicht so spickerig auf der Waage steht. Der Junior habe sie gebeten, so flüstert sie dem Chef im Vertrauen und mit einem schelmischen Augenzwinkern zu, also, der Junior habe sie gebeten, ihm die rote Markierung vom Nacken zu lecken, weil er immer so viel Spaß daran habe, dass der Chef ihn ohne Fleck nicht kennt. Da ist das Maß überschritten und des Herrn Langmut überdehnt; die sittenlose Kinderfrau wird mit sanftem Nachdruck aus ihrer Kiste operiert und unter halsstarrigem Protest nach oben verfrachtet. Dort legt sie sich in eisig stillem Protest auf die Beine des Herrn, der nun darüber nachdenken kann, ob er nicht besser geschlafen hätte, wenn sie unten geblieben wäre. Alte Knochen knarzen still gestapelt und verflochten – warum fallen einem nur in einem solch hinfälligen Moment die Merseburger Zaubersprüche ein?

 

ben zi bena,
bluot zi bluoda,
lid zi geliden,
sose gelimida sin.


(Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied auf Glied, als ob sie verknüpfet wären).