Mittwoch, 21.12.2011
Regen gibt es zwar keinen, aber so gut wie: Schneeregen, Sauwetter knapp über dem Gefrierpunkt. Mit Winter hat dieser Alibiniederschlag rein gar nichts zu tun. Man muss wirklich gespannt sein, ob diese Fieslingsfritzen von Frau Fischer noch richtigen Schnee erleben werden, noch bleiben gut zweieinhalb Wochen.
Fett für ein paar arktische Tage hätten die meisten genug auf den Rippen; wir können nämlich heute ein bisheriges Allzeithoch in Sachen Gewichtsaufnahme verzeichnen: 2640 Gramm. Ob es am Pansen lag? Bei Fianna könnte es das zweite Frühstück gewesen sein, das sie Anouk klaute. Damit hat sie sich immerhin 380 Gramm auferlegt und das bedeutet in dieser Betrachtung den zweiten Platz. Insgesamt gibt Fianna 3920 Gramm zu Protokoll und belegt damit den 4. Platz im Gesamtergebnis. Dass so viel Dreistigkeit auch noch belohnt wird, empört uns doch ein wenig, obwohl wir ihr diesen Riesensprung vom 7. Platz natürlich gönnen. Den Futtervogel schoss aber Fine ab: für 390 Gramm müsste sie eigentlich Übergepäck bezahlen. Die schlechte Nachricht ist, dass sie mit den nun erfutterten 3480 Gramm keinen Schritt von ihrem vorletzten Platz gekommen ist. 370 Gramm hat sich Felix unter die Schwarte gepflastert und kommt mit 4210 Gramm wieder an Fado vorbei auf den 2. Platz. Fado legte wohl einen Diättag ein und begnügte sich mit 80 Gramm, eine Größenordnung, die bei einer solchen Hausse zu keinerlei Ansprüchen berechtigt. Nur sein Polster rettet ihm den 3. Platz. Ohne Rast und ohne Ruh schlug der Franz auch gestern zu. Als ob ihm der Kontrollverlust gegenüber Felix vor kurzem wie der Gottseibeiuns unter die Haut gefahren wäre, lässt er sich auf keine Lockungen ein und marschiert weiter, immer weiter voran: 330 Gramm machen 4450 und natürlich den Platz an der Sonne. Ambitioniert zeigten sich auch Fanni und Flori mit jeweils 240 Gramm. Für Fanni summiert sich das auf 3550 Gramm, den 9. Platz wird sie damit aber nicht los. Bei Flori errechnen sich 3890 Gramm und der 5. Platz. Frenzy schaffte gestern 210 Gramm, landet bei 3710 Gramm und Platz 8. Der Junior ist mit 200 Gramm auch bei der Musik dabei, meldet 3880 Gramm und den 6. Platz. Francas tapfere 140 Gramm bestechen im Willen, aber halt nicht, wenn die anderen auch gewillt sind: 3060 Gramm, immerhin der Sprung über die Drei-Kilo-Marke und weiterhin das Nesthäkchen am Ende. Der Low-Performer des Tages, der Pansenverweigerer, ist Ferdi mit geradezu empörenden 60 Gramm; 3810 Gramm, 7. Platz.
Diese Pansensache macht, außer Ferdi, offensichtlich allen Spaß, deswegen wiederholen wir sie heute, allerdings servieren wir erstmals in der Futterbatterie mit Einzelschüsseln. Der Futterring fördert die Sozialisation und unterdrückt den Futterneid, weil alle nebeneinander auskommen müssen. Die Schüsseln benutzen wir vor allem, um die Futtermenge für jeden Einzelnen besser steuern und überwachen zu können. Außerdem wird die Morgenmilch mit Hüttenkäse bald zu viel für die beiden Ringe, sodass wir dann auch auf die Schüsseln ausweichen müssen. Für die Fritzen scheint es völlig unerheblich zu sein, aus welchem Blechnapf sie fressen sollen, solange nicht gespart wird. Natürlich müssen wir einige umsortieren, weil der Erfahrungshorizont noch nicht so weit reicht, dass hier für jeden ein Schüsselchen steht, also schlagen sich schon mal drei um einen Napf, aber das ist in Sekunden geregelt und dann hört man nur noch leidenschaftliches Schmatzen.
Eigentlich sollte man nach dem Essen ruh’n oder tausend Schritte tun. Die Entscheidung hat man aber nur, wenn man keine Tante Anouk hat, die nicht ruhen will und nicht ruhen lässt; ohne Unterlass trägt sie jeglichen Plunder herum, wirft ihn den Kindern vor die Füße oder in die Kiste, dass die gar nicht anders können als auf Anouks gut gemeinte Offerten einzugehen. Nichts, aber auch gar nichts bleibt bei Anouk unberücksichtigt oder unbeachtet: Teddy, Huhn und Plastikschwein müssen in die Kiste rein, dazu Amsel, Drossel, Fink und Meise und die ganze Spielie-Sch… wenn das alles nur ihr Problem wäre und das ihrer Halbnichten und –neffen, könnte man ja ein Ei drüber schlagen und den lieben Gott einen geduldigen Mann sein lassen, doch die Folgen ihres Umtriebs baden natürlich wir aus, weil die Fritzen nie zur Ruhe kommen und somit auch uns keine Ruhe lassen. Werden so etwa ADHS-Kinder herangezogen?
Gar nicht nach ADHS wirkt Anouks Spaziergang mit dem Chef am Nachmittag. Erst signalisiert sie, dass sie keine Zeit und keine Lust hat, weil sie noch ein paar Prägungsspiele mit den Fritzlein machen müsse – Prägespiele mit dem Plastikschwein! Als aber Ausreden nicht verfangen und sie auf ihren augenfälligen Bewegungsnotstand hingewiesen wird, lässt sie sich herab, schwingt sich mühselig und beladen die Eingangsstufen hinab und bewegt sich wie ein Flusspferd fünf bis zehn Meter hinter ihrem Begleiter in Richtung Wiese. Dort wird sie nicht schneller, leidet augenscheinlich an Herzwassersucht, Rheuma und Asthma im Endstadium. Die elegante Weiße taumelt und walzt schwer angeschlagen und gliederschwer hinterher, bleibt nach mindestens jeweils fünf Schritten stehen, muss sich setzen und mit gebrochenen Augen mit der Welt abrechnen. Ein todkranker, ausgelaugter, endfertiger Hund, der von seinem Herrn immer wieder zu sportlichen Höchstleistungen gezwungen wird. Der Dompteur lässt nicht locker und fällt auf diese Mimikry nicht herein, und so bekommen zufällige Betrachter dieses ultimativen Spaziergangs eine Komödie der Extraklasse vorgeführt, vor allem, wenn sie ausharren und warten, bis die alte Dame einmal um die Wiese herum ist und die Nase wieder in östliche Richtung gen Heimat in den Wind halten kann, dann plötzlich strömt Leben in den hinfälligen Leib, dann baumt die Rute wieder über Kopf auf, der Schritt schwebt und federt wie der einer Gazelle und die Gazelle selbst schwebt mindestens zwanzig Meter vor ihrem Begleiter, dass er sie kaum noch einbremsen kann, vom duftigen Schritt, zum swingenden Trab und zum verhaltenen Galopp: Alter nimm die Füße in die Hand und mach den Turbo auf. Die weiße Zecke ist einfach nur kindstoll. Aber eben auch richtig toll! Der Herr gebe ihr das ewige Leben.
Wir beschließen Anouks Plastik- und Plüschkrempel durch Nahrhaftes fürs Leben zu ersetzen, mit dem sie mindestens so beschäftigt sein werden wie mit Anouks Toys `r`Us –Winterschlussverkauf. Nach dem durchgedrehten Pansen gibt es für die durchgedrehten Kinder jetzt noch Pansen am Stück. Da lohnt sich die Hatz durchs Paradies wenigstens. Innerhalb von Sekunden fliegen sie alle auseinander wie das Universum und verstecken sich strategisch günstig, um ihren Magenanteil ungestört zu verarbeiten. Flori ist da ein ganz viver und bringt sich so unterhinter dem Buchs in Deckung, dass selbst wir Probleme haben ihn auszukundschaften. Die anderen müssen jedoch ihr Mahl mehrmals unterbrechen und eine Station weiterziehen, weil halt immer wieder einer mit seinem Beutelappen auf die Reise geht, um zu sehen, ob nicht ein anderer noch etwas Leckereres hat. So lange ist das Spiel auch für uns von hohem Unterhaltungswert, aber auch voller Hinweise auf die Gefühlslage unserer Fritzchen; da sind nämlich schon ein paar Gierschlünde dabei, die sogar uns die Zähne zeigen, wenn wir ihnen an die Beute gehen wollen. Die bekommen dann auch einen Lerneffekt, nämlich den, dass beim Blues immer noch - das Thema hatten wir schon- die Moral vor dem Fressen kommt. Da zeigen wir ihnen dann, wo der
Lappen hängt, nämlich unerreichbar über ihren Köpfen – und wenn sie das verstanden haben, kriegen sie ihn wieder. Wetten, dass die Zahnreihen bei der nächsten Übung im Futteral bleiben? Problematischer ist die Pansennummer, wenn sie sich dem Ende zuneigt und einige dieser Kannibalen keine Zeit mehr haben, den verbleibenden Rest auch noch ordentlich zu zerlegen und versuchen, ihn gleich ganz zu schlucken. Da heißt es „Spitz pass auf“ beim Pflegepersonal. Wir haben bei früheren Würfen schon ganze Pansenschläuche wieder aus den Speiseröhren befördert, weil einige gemeint hatten, jetzt wäre es Zeit für einen finalen Rettungsschluck. Und dann steht man da und würgt und keucht und kriegt das Ding weder vorwärts noch rückwärts in Bewegung. Aber auch daran kann die Bande lernen, wenn wir sie damit nicht alleine lassen. Diese F-Bande benimmt sich eigentlich ganz seriös, vor allem die bekannten Ingenieure und Tüftler arbeiten ihr Werkstück bis zur letzten Faser ab, nur die immer Eiligen und Hurtigen, die Wichtigen und Adabeis, die müssen wir vor dem „Erstickungstod“ retten, vor allem Franz, der mal schnell im Vorbeifliegen dem Junior seinen Restlappen aus dem Maul reißt und im Weitergaloppieren zu schlucken versucht, weil er natürlich die Retourkutsche ahnt. Wenn schon Kloppe zu erwarten sind, soll wenigstens die Beute in sicherer Verwahrung sein. Er hat nicht mit uns gerechnet. Er hat sie wieder abgeben müssen – viel hat nicht mehr aus dem Rachen herausgelugt – und der Junior hat seinen Anteil wieder bekommen; wie gesagt: erst die Moral… Und wenn wir gesehen haben, dass einigen ihr Anteil zu groß war und sie nur noch lustlos an ihm herum lutschen, haben wir das Stück für ihre Mama konfisziert. Die hat ja auch die meisten Plagen mit den Plagen. Nach uns, selbstredend …
