Samstag, 24.12.2011, Heiligabend 

Wenn man das Weihnachtsklischee zu Rate zieht – schneebedeckte Dächer, aus denen wohlig nach Herz duftender Rauch steigt, klare Luft draußen und Lebkuchenduft aus allen Fenstern, sphärische Klänge vom Himmel hoch und aus den Lautsprechern Taratatatamm, pudelbemützte warmherzige Gesichter mit glühweinenden Augen voller Seligkeit, wenn man sich diese Weihnachtsidylle also als Vorlage nimmt, dann kommen einem wirklich die Tränen, und das ganz ohne Glühwein und Rührseligkeit: es stürmt atlantisch und es regnet, was runter geht. Wenn bei einem solchen Sauwetter überhaupt jemand vors Haus geht, dann nur Leute wie wir, die glauben einen oder mehrere Hunde lüften zu müssen, die selber gut darauf verzichten können. Da fliegt einem das Taratatatamm gleich mitsamt dem Little Drummer Boy um die Ohren und statt Jingle Bells gibt die Feuerwehrsirene Laut. Wie würde der Schwabe sagen? `S isch nimme dees, soll heißen: früher war alles besser. Was allerdings keine Kunst ist.

Wir hatten uns ja immer gefragt, wie es denn sein würde, Weihnachten unter diesen besonderen Umständen zu feiern, aber so hässlich hatten wir es uns nicht vorgestellt. Weihnachten bei 4° C, mit Sturm und Regen. Da waren die 35° am Strand mit Planter’s Punch schon eine andere Hausnummer, bei der die rauchenden Kamine und roten Nasen nicht wirklich fehlten. Aber heute fehlt einfach alles; so ein Tag dürfte nicht nur für Weihnachten nicht vergeben werden, sondern müsste ganzjährig verboten werden.

 

Shit happens
Sinnfällige Präsente von mitfühlenden Freunden
Da wird schon die Erkenntnis, dass der partiell aufgetretene Durchfall vorüber zu sein scheint, zur frohen Botschaft, die allerdings erst im Laufe des Tages ihre Wirkung entfalten kann, weil die Morgenlage eine gänzlich andere Sprache spricht: Endsauerei! Und ein Geruch wie in einer Cholerastation. Wenn das der ersehnte Lebkuchenduft sein soll, verzichtet man am besten ganz auf Weihnachten! Aber wenn das alles war an Durchfall, dann ist es doch eine frohe Botschaft, die wir nicht von uns weisen werden. So glimpflich wären wir noch nie weggekommen.

 

Auch die Gewichte geben keinen Einbruch zu Protokoll, obwohl auch heute die Gesamtbilanz nicht gerade explosiv zu nennen ist: 1610 Gramm sind mehr als an den beiden vergangenen Tagen, aber nicht sehr üppig. Gehen wir die Ereignisse einmal von oben nach unten durch. Franz hat wieder einen fetten Tag, legt 310 Gramm zu und ist mit 4990 Gramm morgen ein sicherer Fünf-Kilo-Kandidat. Felix lässt nicht nach, kann aber nicht mithalten: 190 Gramm und 4610. Fetzer jr. und Fado liegen gleichauf bei 4380 Gramm, wobei der Junior mit 180 Gramm den größeren Sprung machte als Fado mit seinen 120. Ferdi folgt mit 4320 Gramm und 90 Gramm plus. Und dann schon Frenzy mit 4260 Gramm, das sind 210 Gramm mehr als gestern. Flori ist der Nächste mit 4240 Gramm (+130) und den Schluss der Vier-Kilo-Liste stellt Fianna mit 4220 Gramm (ebenfalls +130). Jetzt also die Enddreitausender: Fanni meldet 3870 Gramm (+90), Fine 3790 (+130) und Schlussakkord Franca belastet die Waage mit gerade mal 30 Gramm mehr, macht 3440 Gramm.

Vielleicht ist es Fines filigraner Körperbau, der sie befähigt, die engsten Nadelöhre der Welt zu passieren, jedenfalls ist sie gewitzt genug, die Schwachstellen der Sicherheitskonzeption des Blues zu durchschauen und mit Körpereinsatz zu manifestieren. Die einzige „feste“ Sperre beim Blues ist an einem der Durchgänge zwischen Küche und Wohnzimmer installiert (die andere zum Transit hin ist logischerweise beweglich). Bei dieser festen Sperre handelt es sich um ein eingespanntes Babygitter, das allerdings wegen zweier dazwischen gesetzter Kanthölzer immer etwas nachgiebig war, weil die Kanthölzer keinen so innigen Kontakt mit dem Mauerwerk aufnehmen wie es die Schraubbacken tun würden. Nun ist also wieder einmal das ganze Gitterwerk ins Gleiten geraten und macht den Weg frei, zumindest für den, der Augen hat zu sehen. Fine hat ihre Augen überall, und kaum ist das Bollwerk aus der Form geraten, schlüpft sie zu uns ins Wohnzimmer und sofort wieder zurück, ihr Kompass funktioniert perfekt. Sie zeigt uns: guck, hier ist das Loch! Danke, Fine. Sie wiederholt ihre Wanderung zwischen den Welten und wir lassen sie gewähren, weil sie erstens keinen Gedanken daran verschwendet, unser Wohnzimmer in Besitz zu nehmen, sondern ausschließlich Spaß am Hin- und Herschlüpfen hat und zweitens, weil

Das reparierte Gitter
Der notdürftig geflickte Checkpoint "Fine"
die anderen so beschäftigt sind, dass sie von dem Loch noch gar keine Notiz genommen haben. Fine soll ihren Triumph genießen; stark wird man durch Leistung, vor allem, wenn sie belohnt wird. Als dann allerdings ihr Tun auffällig wird und sich Interesse regt, müssen wir handeln, und zwar richtig, damit wir diese Baustelle zukriegen, sonst werden wir in den verbleibenden zwei Wochen nicht mehr froh. Wir setzen die Schraubbacken direkt auf das Mauerwerk und binden die Kanthölzer an beiden Seiten vor die Lücken, die jetzt entstanden sind. Jetzt allerdings bricht für Fine eine Welt zusammen, weil sie es nicht verstehen kann, dass dort, wo soeben noch ein Tor in die Welt war, nur noch ein Brett vor dem Kopf ist. Denk dir nichts Fine, so ist die Welt, kaum glaubt man, eine bestechende Lösung gefunden zu haben, muss man s ich selbst ein Brett vor dem Kopf konstatieren. Es setzt eine gewisse Reife voraus zu erkennen, dass das Brett vor dem Kopf nicht der eigenen Unzulänglichkeit, sondern dem ständigen Wandel der Welt zuzurechnen ist. Hat doch schon Hannes Wader ganz trefflich formuliert: „... und was gestern noch galt, stimmt schon heut oder morgen nicht mehr“.

 

Die Fritzlein sind nicht nur Ausbrecher, sondern vor allem richtige Herzensbrecher. Wenn sie nicht gerade Achillessehne zum Frühstück bevorzugen, sind sie richtig liebenswert. Gerade Fines Nummer belegt dies, denn ihre mehrfach verübte Ein- und Ausreise wurde nicht bemerkt, weil die anderen in kleine Zweier- und Dreierspiele vertieft waren, sich beknuddelten und bezoppelten, kieksend und glucksend hinter einander her waren, dass

Anouks Spiele mit den Fritzen
Anouks Ganztagskrippe
einem das Herz übergeht. So sehr sie auch massiv sein können im Spiel, es fehlt diesen Fritzen das Fiese, die böse Aggression. Wenn es laut und heftig wird, folgt sofort und wirksam die De-Eskalation. Wir haben das auch so ähnlich bei Franzis Vorgängerwürfen beobachten können. Obwohl die Trieblage hoch ist, ist die Aggression sehr kontrolliert. Bei Anouks Würfen waren da erheblich mehr Messer zwischen den Zähnen zu entfernen. Uns freut das sehr, weil wir triebstarke Hunde haben wollen, aber keine schwierigen. Nun sind auch aus Anouks Würfen keine Raufer hervorgegangen, aber so ist es uns viel lieber. Wir grübeln aber auch darüber nach, wie viel Aggression, die auch aus Langweile entsteht, durch Anouks unermüdlichem Einsatz absorbiert wird. Sie beschäftigt sich unaufhörlich mit ihren Adoptivkindern und wenn einer Kummer, Langweile oder Kuschelbedarf hat, kann er jederzeit zur Tante gehen, und auch wenn der Bauch grummelt, bekommt er sofort die angemessene Behandlung. Wann hat je eine Kinderschar über eine solche Krippentante verfügen können? Ja, vielleicht hat auch das etwas mit der guten Laune und Ausgeglichenheit dieser Fritzlein zu tun.

 

Doch stur sind sie trotzdem die Fritzen von Frau Fischer. Trotz des Sauwetters drängt es sie immer wieder nach draußen, was uns nicht lieb ist, aber sie machen so lange Radau, bis wir nachgeben; warum soll man sich den Weihnachtsfrieden versauen? Und gerade heute soll man doch Wünsche erfüllen. Sie sind dann zwar nicht lange zugange da draußen im stürmenden Seichwetter, aber rein wollen sie auch nicht: sie drücken sich lieber in die durch Anouk geadelten und deswegen nutzbaren Hundehütte zusammen und wettern ab (es muss nicht erwähnt werden, dass die offen stehende Tür zur Hundedusche keine Beachtung findet). Nein, es ist die Hütte, die als Schlechtwetterbiwak herhalten muss. Wir lassen sie gewähren. Immer wieder mal stolpert ein Botschafter nach draußen, windzerzaust und nassgeduscht kehrt er als begossener Pudel wieder zurück in die Arche, wie einst Noahs Tauben.

Erst als wir handgreiflich werden, lassen sie sich überzeugen, dass der Heilige Abend im Haus gefeiert wird und nicht in einer Hütte, nein, auch nicht in einem Stall, da flöge uns ja heute das Stroh um die Ohren. Ochs und Eselin können auch in unserer bescheidenen Hütte Wache halten über die Kindlein, die uns gekommen sind…