Dienstag, 27.12.2011
Wer an den Weihnachtstagen den Stern von Bethlehem sehen wollte, war ziemlich angeschmiert; er versteckte sich hinter einer Wolkendecke. Aber kaum ist der Stall geräumt, zieht der Himmel blank – nur der Weihnachtsstern ist jetzt weg. Dumm gelaufen, aber brillant schön ist es trotzdem bei -5° bis 4° C. Und Sterne gibt es am Himmel wie Sommersprossen in einem irischen Kindergesicht. Wir wissen das deshalb so genau, weil bereits um 3:20 Uhr der erste Weckruf des Elferrats erfolgt und wir deshalb einen verschleierten Blick Richtung Uhr und Himmel richten. Der Morgenruf verstummt jedoch bald wieder, offensichtlich sind die da unten sich noch nicht einig. Um 5:15 Uhr erfolgt der zweite Aufruf mit etwas mehr Nachdruck und einer Rufdauer von zirka 15 Minuten. Ihr könnt uns mal… Mit dem Einverständnis von Franzi und Anouk rollen wir uns wieder ein. Erst um 7:20 Uhr folgen wir dem dritten Weckruf, der jetzt allerdings eher wie eine allerletzte Warnung klingt. Trotzdem: wann haben wir zuletzt so lange geschlafen? Sind wirklich gute Kind‘ die elf von Franz und Fetz. Also dann: let’s fetz, auf geht’s, hinein ins Vergnügen. Draußen dämmert es bereits und die Fritzlein sind bester Laune, und wir eigentlich auch, denn ausgeschlafen lassen sich auch Augiasställe besser ertragen.
Aus der Gewichtsabteilung gibt es wieder ein paar Monstrositäten zu vermelden. Erstens: 2640 Gramm gehören zum Topniveau. Zweitens: Franz hat die Faxen dicke und legt den anderen einen Strike auf: 410 Gramm auf einen Schlag (5810) grenzen an Fresssucht und Maßlosigkeit, mein Gott, das ist fast ein Pfund an einem Tag! Da kann Felix mit seinen rührenden 220 Gramm (5400) nur noch bescheiden hinterher hinken. Aber Flori, auch so ein Abnormer dann und wann, haut auch wieder mal einen raus: 390 Gramm (5200) und 3. Platz, Fado weg gekegelt. Der, Fado, bringt es auf 180 Gramm und 5100, und eben den 4. Platz. Auch Fianna, obwohl mit 260 Gramm (5080) auch nicht gerade in der Diätspur, ließ sich von Flori düpieren und rutscht wie Fado um einen Rang nach unten, 5. Platz. Ferdi folgt mit 5070 (+260) auf Platz 6. Damit sind die Zehnpfünder abgearbeitet. Platz 7 belegt der Junior (4920, +230) und Frenzy folgt mit 4910 (+200). 4500 stehen für Fanni zu Buche (+150) und Platz 9, danach Fine (4370, +190) und Franca, die mit glatten 4000 (+150) den Hungerturm der Sechspfünder verlässt.
Diese hyperagilen Kugelporsches sind nun mehr oder weniger ganztägig auf der Suche nach allem, was sich bewegt und bewegt werden kann. Dazu gehören bekanntlich auch Anouks Zitzen, die sie inzwischen, vor allem dank Anouks unendlicher Duldsamkeit, bis aufs Blut malträtieren und sie liegt immer noch mit Sternchen vor den Augen da und schmilzt dahin. Unsere Geduld schmilzt auch dahin, denn wenn einmal Blut fließt, hat der Spaß ein Loch. Wir ziehen Anouk ein T-Shirt über, das sie ebenso erduldet wie diese Blutsauger.
Da wäre zum Beispiel Franz, der andere Anführer von Frau Fischers Fritzen. Im Gegensatz zu Felix fehlt ihm der allgegenwärtige Schalk, Franz wirkt irgendwie reifer, fertiger. Schon optisch setzt er sich langsam von seinen Geschwistern ab, die alle noch echte Pummelwelpen sind, während er schon hochbeiniger und hundlicher ist. Was er in seinem Reifeprozess nicht verloren hat, ist sein Freiheitsdrang. Noch immer ist er zu keinen Zugeständnissen bereit, wenn es darum geht, gegen seinen ausdrücklichen Willen eingesperrt zu sein. Dann macht er Spektakel, so lange, bis der hartgesottenste Welpenvater klein beigibt, und sei es nur seiner Gesundheit wegen. In dieser Hinsicht kennt Franz keine Kompromisse. Franzens Freiheitsdrang hat aber nicht nur eine rebellische Seite, sondern auch eine zutiefst gemeinnützige: er verspürt diesen Drang so intensiv wie kein anderer in dieser selbstvergessenen Truppe, wenn es ums Austreten geht. Wenn Franz muss, will er nach draußen, und wenn nach draußen zu ist, lärmt er. Und wenn ihn keiner beachtet, produziert er sein Geschäft direkt vor die Terrassentür, dass man sie kaum noch aufkriegt, ohne diese Franzensmanifestation mit der Tür zu verstreichen. Von diesem besonders ausgeprägten Wesenszug abgesehen, ist er sehr verträglich, muss sich nicht dauernd beweisen, steht aber sein Männchen, wenn es gefordert ist. Felix will es da manchmal wissen, nur um zu sehen, wie die Koordinaten aktuell verlaufen; dann keilt Franz zurück. Auch mit Fado bekommt er es manchmal zu tun, der zwar ein äußerst gelassener Geselle ist, aber irgendwie auch gelegentlich den Floh im Ohr hört, der ihm zuflüstert, dass er schon ein ganzer Mann sei. Franz steht diese Anmachereien durch, nimmt sie an und keilt zurück. Schön ist, dass alle ihre Niederlage eingestehen und die der anderen respektieren können. Es gibt kein Nachkarten und kein Nachtreten: what’s done is done, what’s won is won and what’s lost is lost and gone forever. Gut, den letzten Teil würden wir nicht so hundertprozentig unterschreiben, denn Forever kann schon morgen Vergangenheit sein, weil tomorrow ja bekanntlich another day is. Franz ist also eine Art Stabilitätsfaktor der Truppe mit Che-Guevara-Potential. Seine Lieblingsschwester ist immer noch Frau Franca Fischer, die Kleine, mit der er so eine Art Überlebenssymbiose bildet, der dicke Franz und die zierliche Franca, die beiderseitigen Buchstützen der Gewichtsstatistik. Stillvergnügt treiben sie ihr Spiel aus den ersten Kindertagen weiter, kungeln und kugeln und sind ein Herz und eine Seele. Aber nicht nur Franca kommt in den Genuss franziskanischer Größe, denn alle, die ihm offensichtlich unterlegen sind, lässt er gerne mal gewinnen, legt sich auf den Rücken und gibt klein bei. So haben vor allem die Mädels viel Spaß daran, mit Franz in den Ring zu steigen und ihre Kräfte auszuprobieren; niemals müssen sie sich anschließend gedemütigt davon schleichen, immer gehen sie erhobenen Hauptes. Und Franz klopft sich mit einem stillen Lächeln den Staub aus den Kleidern. Wir hatten in jedem Wurf so einen Fels in der Brandung, einen oder eine, um die sich alles drehte, ohne dass sie selbst das Rad in Bewegung setzen mussten, nur um das Zentralgestirn zu sein. Sie sind die Starken in der Gelassenheit, es sind die Ruhepole im täglichen auf und Ab. Doch wenn dem Franz nach Kiefergymnastik ist, schafft er es spielend, ein Feuerwerk der Gefühle, von unserer Achillessehen ausgehend zu entfachen. Der zärtliche Francabespieler kann anders, ganz anders. Umso schöner, wenn er es nicht dauernd auf dem Programmzettel hat. Da tun sich andere hervor.
Die große Schar von Hausbesuchen, die alle kommen, weil Ferien sind und in dieser Zeit „zwischen den Jahren“ (welch ein dämlicher Begriff!) sowieso nie etwas zu tun ist, außer Silvesterraketen zu kaufen, können alle diese Charaktereigenschaften unserer Fritzen ausgiebig studieren – wenn sie könnten. Denn wer hat schon einen klaren Blick, wenn rosarote Sternchen vor der Pupille tanzen? Sind alles brave Kind‘ und gute Kind‘ und keines kann ein Wässerchen trüben…



