Mittwoch, 28.12.2011
Gestern fühlten wir uns wie im Himmel, dass wir nach drei nächtlichen Weckrufen erst nach 7 Uhr aufstehen mussten – heute dürfen wir völlig ohne Weckrufe bis 8 Uhr liegen bleiben! Mitten in der Woche, weil Ferien sind und die Fritzlein sich vom gestrigen Besuchertag erholen müssen. Und der süße Kern dieses Himmels ist eine höchst spärlich besudelte Küche. Klar, wer schläft, sündigt nicht. Wir versuchen, den kleinen die Logik dieses Programms zu vermitteln, ernten aber nur schwanzwedelndes Unverständnis.
Die Gewichtsstatistik fällt heute vergleichsweise mager aus (1270) Gramm, das ist nicht einmal die Hälfte von gestern und sie vermittelt keine neuen Erkenntnisse, weshalb wir sie ignorieren. Allerdings wollen wir sie nicht ganz zu den Akten legen, denn auch magere Ergebnisse können Aufschlüsse geben. Wir haben gestern zweimal Frischfleisch und nur einmal Trockenfutter serviert, und die Futterverwerter haben ordentlich zugelangt, und dann so ein Ergebnis (die Besuchergratifikationen bitte nicht zu vergessen!). Das Ergebnis liefert einen weiteren Beweis, dass Frischfleisch erheblich besser verwertet wird (im übrigen der beste Proteinlieferant ist) und Trockenfutter extrem gehaltvoll ist. Für die Praxis heißt das: Mit Frischfleisch kann man erheblich sorgloser mit den Mengen umgehen als mit Trockenfutter, das sich sehr schnell auf die Rippen legt. Wer also seinen Liebling wirklich verwöhnen will, gibt ihm Frischfleisch mit Flocken etc., so viel er will; das ist abwechslungsreich und erhält die Figur – und die Gesundheit.
Draußen wechselt der Himmel die Farben zwischen Nebel und Hochnebel. Es ist also trist. Aber heute feiert die katholische Kirche das Fest der unschuldigen Kinder, das auf die Flucht des Jesuskinds nach Ägypten, um dem Knabenmord Herodes zu entgehen, zurückgehen soll. Wir feiern mit, weil wir ja einen Sack voller unschuldiger Kinder haben und diese mit allerlei Narreteien auffällig werden, genau so, wie sich das Fest später zu einem Narrenfest für Kinder entwickelt hat, bei dem Kinder sogar das Recht erhielten, die Erwachsenen mit Rutenschlägen zu traktieren und Spottverse herzusagen. So weit sind wir hier noch nicht, und dieser Brauch hat sich auch nur noch in einigen Randgebieten Europas (Kärnten, Steiermark) erhalten.
Aber Narreteien sind uns hier nicht fremd. Wir denken uns, bevor sich die Fritzen auf archaische Bräuche besinnen, beschäftigen wir sie sinnvoll – und machen um die Mittagszeit einen Ausflug. Ein paar liebe Besucher sind auch zur Hand, die uns zur nämlichen gehen können, dann wird das Auto kindgerecht und ausbruchsicher präpariert – und los geht’s. Nur fünf Minuten müssen wir fahren, um an den Waldparkplatz zu kommen, den schon andere vor ihnen als erstes Ausflugsziel kennengelernt haben. Erste Wahrnehmung: Kein Jammern, kein Klagen, kein Randalieren und Beschweren im Auto, selbst Franz ist von diesem Umschluss so beeindruckt, dass ihm kein Klagelaut entfährt. Im Schatten der Bäume liegt noch immer Reif auf den Wiesen und Eis zieht sich über die Wasserlachen und Reifenspuren. Den Fritzen um Frau Fischer macht das nichts aus. Natürlich sucht der eine und die andere mal eben Deckung unter den Autos, aber auf die Dauer ist das so ganz allein noch unheimlicher als mit den anderen da drüben auf der Wiese herum zu stapfen. So sind dann nach kurzem alle zusammen und staunen nicht schlecht, wie groß eine Welt sein kann, wenn kein Zaun um sie errichtet ist. Hier würde noch nicht einmal Franz Grund genug finden, ein Freiheitslied anzustimmen. In wenigen Tagen stehen uns ja wieder die saisonalen Sternsinger ins Haus, hier und heute bekommen wir schon einmal einen Eindruck, was Sternfahrer sind, nämlich solche, die sich sternförmig in alle Richtungen verbreiten. Wir haben wirklich alle Hände voll zu tun, sie immer wieder zusammen zu führen und sind um die rührigen Extrahände sehr dankbar, die uns unterstützen – obwohl dieses H ilfspersonal natürlich nur Augen für den eigenen Stern des Lebens hat und ihn mit Argusaugen verfolgt und rettet. Der Rest derer, die kein Personal ihr Eigen nennen, muss von uns eingefangen werden. Ja, die Züchterei hält auch Geist und Körper auf Trab. Doch die wesentlichen Lebenserfahrungen bekommen die Fritzlein nicht durch uns und unsere Fürsorge, sondern von Mama und Tante, die ihnen die ersten – lebenserhaltenden – Lektionen erteilen: Mäusebuddeln. Uns ist das egal, die Unsitte sollen die rechtmäßigen Besitzer später selber regeln, bei elf beherzten Schaufelbaggern fühlen wir uns überfordert. Nach zwanzig Minuten verpacken wir sie wieder im Auto, nicht ohne noch einige Spurts hinlegen und uns unter die Autos strecken zu müssen, aber dann geht es wieder genauso lautlos nach Hause, wie wir angereist sind, was uns allerdings im Gegensatz zur Anreise jetzt weniger überrascht. Wenn wir allerdings der Meinung gewesen sein sollten, dass die Freigänger jetzt erst einmal hin und kaputt sind, dann widerlegen sie dies umgehend. Sie machen da weiter, wo sie da draußen aufgehört haben und geben ordentlich Fersengeld. Und weil sich nachmittags der Garten auch wieder mit Besuchern füllt, haben sie gar keine Zeit, sich auszuruhen. So wird der Tag der unschuldigen Kinder zum Tag der unruhigen Kinder. So werden sie nachts zu unserer Zufriedenheit wie elf Steine schlafen.
Später, als der Besucherstrom wieder abgeflossen ist, zeigt Fine als Erste so etwas wie Wachhundverhalten. Offensichtlich nimmt sie drüben bei den Nachbarn irgendetwas wahr, etwas, was uns entgangen ist, jedenfalls tippelt sie höchst aufgeregt und voller Konzentration den Welpenzaun entlang, auf und ab, mit erhobener Rute, ach nein, Rütchen, mit Ohren in Habachtstellung, immer hin und her, die Augen nicht vom Nachbargrund lassend. Nur das Bellen, das Melden, funktioniert noch nicht, es ist eher ein aufgeregtes Japsen, das ihr entfährt. Jetzt ist also die nächste Stufe erreicht, die beweist, dass aus unseren Fritzen einmal rechte Hovawarte werden. Das macht uns froh.
Zu Fine gibt es auch noch einiges zu sagen: Fine ist die Schöne, das Crèmestückchen der Fieslingsfritzen. Fine ist eine lustige Kleine, die aber gar nicht so klein wirkt, wie ihr vorletzter Platz auf der Gewichtsstatistik vermuten lässt. Sie ist stramm, fest, voller Energie und Lebensfreude. Zerbrechlich ist sie jedenfalls nicht, eher hat sie etwas von der seltenen Gattung Vitale Dorfschönheit, also kein zerbrechliches Stöckelwesen mit achterkreiselndem Hintern, sondern eine, die ihre Schritte beherzt setzt und ihre Attraktivität aus der Körperspannung bezieht, mit der sie das Leben unter die Füße nimmt. An Fine ist nichts Gekünsteltes, nichts Geziertes und nichts Gestelztes. Nur auf die Nagelpflege, ihren ureigenen Tick, will sie weiterhin nicht verzichten. Noch immer liegt sie selbstvergessen in einem Bett oder im Korb und kaut mit geschlossenen Augen an ihren Füßen herum, dass man den Eindruck gewinnen muss, sie habe gleich nach ihrer Geburt einen Vertrag als Fußmodel unterschrieben. Es sind die gleichen Füße, auf denen sie für den Rest des Tages so unprätentiös durchs Leben schreitet. Fine ist gern überall dabei, mischt mit und mischt sich ein, ohne aber Anspruch auf einen Amazonentitel erheben zu wollen. Sie gehört zu denen in der Fritzenschaft, die jedes Teil im Welpenparadies ausführlich getestet haben und mit Leidenschaft und Hingabe weiter nutzen, egal ob Bällebad, Wackelbrett oder Schaukel, Fine trainiert täglich auf ihrem Trimm-Dich-Parcours, was eine Erklärung für ihren festen und trittsicheren Gang wäre. Kuscheln kann sie auch, mit Hingabe und ohne Zeitlimit. Fine ist nämlich agil und sehr aktiv, vermittelt aber nicht den Eindruck, dass sie unter Zeitdruck stünde. Und wenn sich eine Kuschelpartie anbietet, nimmt sie das Angebot ohne falsche Scham an. Neben der reinen Körperertüchtigung und der Regeneration auf etwelchen Armen reitet Fine noch ein drittes Steckenpferd: sie beißt wie ein Pavian. Analog zu ihrem festen und elastischen Gang hat sie einen sehr festen und geschmeidigen Griff entwickelt, den sie täglich mit dem gleichen Feuereifer weiter entwickelt wie ihre anderen Leidenschaften. Starke Frauen haben starke Kiefer (manche nur eine große Klappe), weshalb sie der Chef manchmal und verschwörerisch Haderthauer ruft, aber sehr aufpassen muss, dass die Chefin davon keinen Wind kriegt, weil er sonst noch ein paar runderneuerte und kraftvolle Zahnreihen zu spüren bekäme. Nicht wegen der starken Kiefer, aber wegen der Griffigkeit des ganzen Persönchens liegt Fine noch immer exzellent im Rennen um einen Stammplatz beim Bairischen Blues als Nachfolgerin der Stammmütter Anouk und Franzi. Da ist noch nichts entschieden und Fine macht uns die Entscheidung nicht leichter, sondern täglich schwerer…







