8. Woche (01.01. – 08.01.2012)
Sonntag, 01.01.2012, Neujahr
8°C, immer wieder Regen, Schnee und Wolkenberge, ein unwirtlicher Neujahrstag.
Manchem wird ja schon beim Blick und Gedanken auf ein ganzes, langes, vor ihm liegendes Jahr flau im Magen, aber was sollen wir da sagen, vor denen nicht nur 366 Tage mit unbestimmten Ausgang liegen, sondern nur noch eine Woche mit sehr bestimmtem und unerfreulichem Ausgang, dem Ausgang unserer Fritzlein nämlich, von denen wir nicht lassen wollen. Wir haben sie wirklich alle ganz fest ins Herz geschlossen, so fest wie noch keine Kinder vorher. Es gab immer Welpen, zu denen wir keinen rechten Draht bekamen, die uns zwar lieb waren, das schon, aber nicht so teuer wie die meisten anderen. Diese elf Fritzen mit ihrer Frau Fischer sind unbezahlbar. Vielleicht macht uns die Tatsache, dass wir selbst eine dieser fünf jungen Damen adoptieren wollen, das Leben so schwer, weshalb unser Blick besonders geschärft und mit voraus eilender Liebe auf sie alle gerichtet ist. Man ist nicht unbefangen, sondern gefangen in den eigenen Wünschen und Erwartungen. Da fällt keiner durchs Sieb, auch nicht die Jungs, die von uns nichts zu befürchten haben. Nur ein Kandidat in der Todeszelle hat vermutlich eine ähnliche Panik wie wir vor dem Ende dieser Woche. Das Schlimme ist, dass diese Woche so voll gepackt ist, dass sie zu allem Überfluss auch noch wie im Flug vergehen wird. Als ob wir das bräuchten! Stehen bleiben soll sie, die Uhr, einrosten, einfach ihren Dienst einstellen – dann bliebe, erfreulicher Nebeneffekt, auch der 21. Dezember aus. Aber wer glaubt an so etwas? Eher wird man von einem verloren gegangenen Brotmesser aus der ISS aufgespießt, als dass die Zeit aufhört, dem Ende aller Dinge entgegen zu eilen. Wir müssen auf die Zähne beißen und hoffen, dass es ein Leben nach den Fritzen geben wird.
Natürlich erfahren solche Sentimentalitäten in der Realität immer wieder herbe Rückschläge, so etwa heute Morgen beim Anblick des Fritzenlagers. Eigentlich müsste es ja heißen: Anruch. Was die uns heute bieten, gleicht einer Verhöhnung unserer veröffentlichten Zuneigung. Der Herr denkt jedenfalls ernsthaft darüber nach, sich den Kotznerv operativ entfernen zu lassen, egal ob irgendeine Kasse dafür aufkommt oder nicht. Vor diesem Hintergrund zählt man die Tage wieder ganz anders! Die einen zählen, wie oft sie noch schlafen müssen, bis das Christkind kommt und der Herr zählt, wie oft er noch putzen muss, bis die g’schlamperten Christkindl gehen. Keine Frage: Diese Morgenlage macht den bevorstehenden Abschied leichter. Allerdings nur, solange der Mist stinkt und der Herr der Kloschüssel näher ist als die Rückstände der Fritzen.
An diesen Rückständen gemessen, müssten die Fritzen über Nacht eigentlich abgenommen haben, doch das liegt weit jenseits der Aussage unserer Waage: 2950 Gramm sind das absolute Top-Ergebnis seit es Fritzlein gibt. Da fragt man sich schon, woran so etwas liegt, an dem Trofu-Brei mit „Schokopops“ wird es sicher nicht gelegen haben, auch der Rest der Silvesterspeisen fiel keineswegs aus dem Rahmen. Es scheint wirklich so zu sein, dass zwei, drei Tage Anlauf genommen und gesammelt wird und dann bricht wieder so ein Tollhausergebnis heraus; fast drei Kilo! Und das liest sich dann so: Franz 7000 (+500), Felix 6460 (+240), Flori 6250 (+360), Ferdi 6000 (+360), Fado 5980 (+170), Fianna 5920 (+190), Fetzer jr. 5710 (+300), Frenzy 5580 (+200), Fanni 5560 (+360), Fine 5160 (+160) und Franca 4780 (+150). Da sollten sie heute ausreichend Bewegung bekommen, damit die Massen etwas durchgeschüttelt und aufgelockert werden.
Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Dem Wetter zufolge sind die Spielrunden heute von unterschiedlicher Intensität und Dauer, mal drinnen, mal draußen, entscheidend ist, ob das Wasser nur unten steht oder von oben fällt. Stehendes Wasser, das haben sie von Mama, sind wunderbare Badepfützen, spritzen vorbildlich beim Durchqueren und sind die ideale Ergänzung des Spielparcours. Fallendes Wasser ist so verzichtbar wie Wasser im Grog.
Wir mischen uns ein, indem wir ihnen den Gasfuß quasi ans Herz legen. Der schwarze Cento hat nämlich gestern als Mitbringsel einen richtigen, kompletten Kalbsfuß und einen Mordsknochen mitgebracht. Die verstecken wir nacheinander im Revier. Und dann geht‘s los. Der Kalbsfuß, der zuerst entdeckt wird und seinen Auftritt bekommt, legt schon in der ersten Viertelstunde vermutlich mehr Kilometer zurück als zu Zeiten, als noch ein Kalb an ihm hing, er ist heiß begehrt und ebenso umkämpft. Das Charmante ist, dass sie eigentlich nicht so recht wissen, was sie mit ihm anfangen sollen, weil der Huf unzerstörbar und das amputierte Bein mit einem stabilen Fell überzogen ist. Doch mit der Zeit kommen die Tüfteler und Ingenieure zu ihrem Recht und beginnen, das Fell von der Schnittstelle her zu knacken, zu schlitzen und zu zerschleißen, bis es nachgibt, sich weitet, einem Fangzahn Raum bietet, von der Hinterseite angreifbar wird. Franca und Flori tun sich da, wie erwartet, hervor, wobei Franca kaum genug Zeit bekommt, ihre Ideen einzubringen, bis sie von ihren Mitessern verdrängt wird. Doch Flori macht schon seinen Schnitt. Es ist beeindruckend, wie selbstverständlich und ohne großes Strategiemeeting sie wissen, was zu tun und wo anzupacken ist. Aber es ist auch tröstlich zu sehen, dass unsere Fritzlein eben noch Kinder sind, die schnell die Lust verlieren, wenn das Ergebnis ihrer Bemühungen keinen zählbaren, bzw. fressbaren Erfolg zeitigt. Dann geht man wieder in den Pfützen plantschen. Oder macht sich über einen Kalbsknochen her, der plötzlich im Revier herum liegt. Dieser Knochen verspricht größere Beute, weil an ihm noch reichlich Fleischanhaftungen zu finden sind, die allerdings nur unter erheblichen Anstrengungen zu ernten sind. So soll es auch sein.
Am späten Nachmittag belohnen wir dann all die Mühen mit einem Stück ungewaschenen Pansen für jeden. Und jetzt zeigen sie im Nu das klassische Beuteverhalten und verteilen sich strategisch klug im ganzen Welpenparadies, damit jeder seine Ration in Ruhe genießen kann. Auch jetzt zeigen sich wieder sehr unterschiedliche Herangehensweisen; die einen zerlegen den zähen Lappen nach Plan, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, bis nichts mehr übrig ist. Der König in dieser Disziplin, und das hätten wir nicht erwartet, ist der Junior. Eigentlich hätten wir auf die Tiefbohrer und Ingenieure gesetzt – und dann hätten wir ein Vermögen verloren. Die meisten anderen zerlegen den Pansen, bis sie keine Lust mehr haben und glauben, man könne den Rest jetzt im Ganzen vertilgen. Da sind wir dann wieder gefragt, ihnen die Gummischläuche aus den Schlünden zu ziehen, damit sie nicht daran ersticken. Die geretteten Pansenstücke fallen unseren argusäugigen Damen zu, denen nichts von dieser Pansenschlacht entgeht und die offensichtlich jederzeit wissen, welcher Lappen hinter welchem Strauch oder Spielzeug zerwirkt wird.
Danach sind alle hin und kaputt – platt. Das war heute im Wortsinn Knochenarbeit, das geht an die Kraft und an die Ausdauer. Ob welche Muskelkater in den Kiefern haben? Flori hat jedenfalls abends Durchfall, und das schmeckt uns deutlich weniger als den Fritzlein der Pansen geschmeckt hat.
Flori, wenn wir ihn schon gerade erwähnen, ist noch immer der Flori von vor drei Wochen. Flori ist Ingenieur, wenn es Probleme zu lösen gilt, ansonsten ist er Charmeur. Noch immer ist Flori unser Schatten, liegt uns auf den Füßen herum und belastet unsere Arme, bis die Dehnfugen ächzen. Wie schon damals gesagt, ist an ihm offenbar nichts Böses und das ist so geblieben. Er sucht unsere Nähe, aber auch die seiner Geschwister. Und wenn diese Nähe zu nah wird und Ohrfeigen verteilt werden, ist Flori auch recht freigiebig. Er weiß sich seiner Haut zu wehren und haut zu, wenn er es nicht umgehen kann; dann aber herzhaft. Und er hat natürlich Grund, sich seiner Haut zu wehren: Flori ist nämlich einer unserer Schönsten, da muss man schon darauf achten, dass einem der Balg nicht gerupft wird. Tatsächlich hat Flori alles, was der Rassestandard für einen Rüden so vorsieht und das auch noch an den richtigen Stellen und im rechten Maß. Man müsste ihn eigentlich in Formalin legen und für die Nachwelt bewahren, den schönen, sanften Flori, aber dann würden wir ja nie erfahren, wie schön und unvergleichlich sich unser Flori noch herauswächst, und das wäre unverantwortlich. A so a scheener Bua gehört hinaus in die Welt, in die Betten der Welt, zu die Madln mit die feschen Wadln und nicht in die Vitrine! Allerdings sollte er bis dahin seinen Durchfall unter Kontrolle bringen.




