Mittwoch, 04.01.2012

Heute gibt es nur zwei beherrschende Themen: der Virus und der Tierarzt. Fangen wir mit dem für uns schlimmeren an, dem Durchfall. Was uns die Fritzen heute Nacht hinterlassen haben, qualifiziert sie für den Namen „Fäkalfieslinge“. Es gibt zwar noch einige richtige Lachen, aber das Meiste ist schon in einen breiigen Zustand übergegangen, sodass die Alarmglocke nicht anschlägt. Aber dieses „Meiste“ ist so viel, dass der Eindruck entsteht, jeder wollte sich noch einmal richtig wichtigmachen. Fianna macht auch schon wieder einen aufgepumpten Eindruck und stolziert mit dicken Backen umher. Dafür hat sich Franz beim Virus für einen zweiten Durchgang freiwillig gemeldet. Er schlurft entsprechend transusig herum. Wir sind noch nicht direkt guter Dinge, aber eben auch nicht schlechter Dinge. Das alles ist nicht viel mehr als pillepalle, mal vom Geruch und dessen Verursachern abgesehen. So etwa müsste es riechen, wenn die Verleger von Dantes Comedia die Seiten, auf der die Hölle beschrieben wird, angemessen olfaktorisch benetzen würden, dann würde nicht nur kein Mensch dieses Buch kaufen, sondern der ganze Buchladen würde auf Wochen hinaus zugesperrt und grundsaniert. Ja, so etwa müsste das Inferno riechen. Zur Strafe müssen die Fäkalfieslinge heute etwas länger vor den Toren antichambrieren, bis wir sie wieder einlassen können, aber bei 4°C ist das machbar und Regen und Wind fegen ihnen die Pestilenz aus den Kleidern.

Doch dann sind wir natürlich gespannt, was der Virus für die Fettstatistik bedeutet. Nochmal weniger als gestern bedeutet er: 840 Gramm. Man vermutet ja so etwas, zumal man in diesem Geschäft auch nicht mehr so ganz frisch ist, aber 840 Gramm über 11 Welpen verteilt, lassen ahnen, dass da ein paar einen sehr schlanken Fuß bekommen haben. Same procedure as yesterday: Fine 5650 (+470), das nennt man Turboerholung, zum

Morgenstimmung im Transit
Morgenstimmung im Transit
Verzweifeln ist aber, dass selbst dieses Pfund immer noch nicht zu mehr als dem vorletzten Platz reicht. Fetzer jr. 6490 (+360), auch er ist bisher trocken durch den Virenregen marschiert. Fado 6170 (+260), ist also wieder bei der Musik und pfeift La Paloma. Felix 7100 (+170), der Glückliche macht seinem Namen alle Ehre und trotzt allen Anfechtungen. Ferdi 6330 (+20) weiß anscheinend nicht so recht, ob er krank sein will oder nicht und muss lernen, dass der Virus im Zweifel sogar schneller ist als ein Porsche-Ferdi. Flori 6560 (+10), ein Ausläufer hat ihn wohl gestreift. Franca schafft zum zweiten Mal in Folge die Nullnummer: 4960 (0). Ob sie kränkelt oder ob sie den Rest der Fäkalbande nicht ungebührlich bedrängen und deren Missgeschick für sich ausnützen will, bleibt ihr Geheimnis. Vielleicht hat sie in diesem Gestank aber einfach keinen Appetit, was sie allerdings schlagartig in den Augen des Herrn zu einer Übernahmekandidatin machen würde... Frenzy 6060 (-30) ist auch glimpflich davongekommen. Fanni 5670 (-70), mit der Delle kann sie unter diesen Umständen hochzufrieden sein. Franz 6650 (-70), die zweite Minusrunde hintereinander sagt alles über den Zustand des Maladen Franz, der nur im ersten Leben ein Dicker Franz war und jede Hoffnung fahren lassen muss, den Geschmeidigen Flix noch einzuholen (falls den nicht doch noch Montezumas Rache ereilt). Der Trauervogel dieser Runde ist nicht sehr überraschend Fianna: 6000 (-390). Da hat einer aber ordentlich hingelangt. Aber Fianna hat genug Substanz um zurück zu kommen.

Fetzer jr. vom Bairischen Blues
Fetzer jr.
Der Junior Fetzer ist auch so ein Kandidat, der sich anscheinend recht elegant durchs Leben windet, manchmal geschickt, manchmal unscheinbar, wie beim Virusbefall, wo er sich möglicherweise einer Tarnkappe bedient, um vom Virus nicht ausfindig gemacht zu werden und manchmal holterdipolter auf die dreiste Tour. Er verfügt also über ein sehr umfangreiches und karriereförderliches Verhaltensrepertoire. Das Auffälligste an Fetzer jr. sind seine „Lackschuhe“, die er als rußig-schwarzen Überzug über die Zehen trägt, elegant: Frack und Lack, Junior-Jopi, und manchmal, wie erwähnt, kommen er tatsächlich wie ein Salonlöwe daher. Manchmal, eher selten, aber immerhin. Die meisten seiner Geschwister können höchstens mit dem Begriff Löwe etwas anfangen, so etwas liegt ja auch im Paradies herum und quietscht. Aber Salon? Slalom vielleicht durch den Hindernisparcours, mehr nicht. Die dazu gehörigen Umgangsformen sind ihnen völlig Banane. Aber so ein Exemplar wie den Junior muss man auch mal haben. Allerdings ist diese Inkarnation des Junior Fetzers eher eine Randerscheinung, eine gewisse Zeit des Tages verbringt er als unscheinbarer Dr. Jekyll oder als furchtbarer Mr. Hyde. Was den Jekyll angeht, wissen wir oft Stunden nichts von unserem Junior, er gibt den Tarnkappenbomber wie beim Virenbeschuss. So unscheinbar kann er sein, dass er wie vom Erdboden verschwunden ist und man ihm auch große Qualitäten als Mauerblümchen bescheinigen könnte. Wenn man es nicht besser wüsste! Denn wenn der Mr. Hyde von ihm Besitz ergreift, ist der ganze Junior eine einzige schmerzbringende Waffe, dann packt er sich alles, was ihm vor die Kiefer kommt, und was nicht freiwillig kommt, wird gegriffen. Keine Spur mehr von Mauerblümchen, schon gar nicht von Frack und Lack. Jetzt klebt auf seiner Visitenkarte das martialische Motto „Mut und Blut“. Doch zwischen diesen verschiedenen Inkarnationen des Junior Fetzers gibt es ganz lange Phasen eines völlig normalen und liebenswerten Welpen. Da will er schmusen und spielen und will von beidem eigentlich gar nicht lassen. Fetzi ist dann ein Ausbund an Spielfreude, Ausdauer und Leidenschaft wie wenige sonst. Dann strahlt der ganze Kerl schiere Lebensfreude aus, dann besteht sein Lebensinhalt aus Bällen, Tauen, Schweinen, Hühnern und Tigerfuchswürmern. Verglichen mit dem als Raufbold verschrienen Flix, hat dieser seine Rüpelphase schon weitgehen überwunden, während Fetzi sie gerade entdeckt. Und in ein paar Tagen oder Wochen, weiß er nichts mehr von einem Mr. Hyde und nichts von einem Mauerblümchen und wird ein richtig prächtiger, fescher junger Bursch sein, auf den seine neuen Leute stolz sein können.

Um 9:30 Uhr liegen die Folterinstrumente beim Tierarzt für uns bereit. Annemarie und Hermann, das Haushälterpaar unserer Doosie, unterstützen uns bei dieser Aktion, weil man zu zweit mit elf Welpen eine ziemlich traurige Gestalt abgibt und bei dem inzwischen immer heftiger werdenden Wind und Regen gleich noch ein bisschen trauriger aussieht, bis man die ganze Bande be- und entladen hat. Der Transport selbst geht wie die Fahrt zum Waldparkplatz vonstatten: die Chefin sitzt im mittleren Wagenteil, die Fritzen werden ihr durch ein Seitenfenster zugetragen und dieses dann verschlossen, die Zugänge zu den Boxen von Mama und Tante, die natürlich als Kriseninterventionsteam dabei sein müssen sowie die Durchschlupfe in den Fahrerbereich sind mit tausend Decken verrammelt, der Chef fährt. Brumm-brumm, ab geht die Welpenpost. Nach einer halben Stunde mit völlig friedlichen und entspannten Fritzlein sind wir da und entpacken den Welpenknäuel, diesmal auch mit Hilfe des gerührten Praxispersonals. Wenn der Blues kommt, herrscht in der Schiele‘schen Praxis zu Stephanskirchen eitel Sonnenschein. Wie zuverlässig unser Krisenpräventionsteam arbeitet, sehen wir daran, dass sich Franzi alle neu ins Behandlungszimmer gelieferten Kinder sofort zur Brust nimmt und sie auf diese Weise positiv einstimmt; sie weiß ja, dass ihnen hier nichts Schlimmes droht. Anouk fläzt derweil so entspannt und desinteressiert mitten im Zimmer, dass selbst der hysterischste Welpe nicht an einen bevorstehenden Tod denken könnte. Das erzielt also schon mal seine Wirkung, allerdings wirkt sich diese Wirkung auch in sprudelnden Pinkellachen aus, die uns schon befürchten lassen, dass die TA-Rechnung um einen nicht unerheblichen Posten: Papiertücher aufgebläht sein wird. Elf Welpen schaffen es, fast einen ganzen Tagesvorrat Papiertücher zu versauen. Gut, das man in dieser Praxis Kredit hat.

Fado beim Tierarzt
Fado muss Blut liefern
Die folgende Behandlung der Fritzen geht ebenso unspektakulär über die Bühne wie die Anfahrt. Was haben wir da nicht schon erlebt und in früheren Tagebüchern berichtet: Mordio schreiende Patienten, hysterisch kreischende Patientinnen, Morddrohungen, gerichtet ans Praxispersonal und die Züchter, sich windende und fischartig herum schnellende Todeskandidaten. Man muss es sagen, meist waren es die Rüden, unter denen wiederum die selbst ernannten Helden, die ihrem Zorn und ihrer Wut, aber auch ihrer maskulinen Feigheit vor dem Arzt freien Lauf ließen. Man kennt das ja: im Bierzelt sich mit der dicksten Kellnerin anlegen und im Sprechzimmer vor der zartesten Tierärztin winselnd und wuiselnd einknicken. Nichts von alledem bei den Fritzlein. Zuerst wird bei jedem die
Fanni beim Tierarzt
Fanni übt Zähnezeigen
Temperatur gemessen, weil wir natürlich sehen wollen, was der Virus angerichtet hat und ob wir überhaupt impfen können, aber wir können Entwarnung geben: alle, auch der noch immer malade Franz sind fieberfrei. Dann werden sie ein bisschen gerneraluntersucht, Augen Nase, Zähne, Ohren, Herz und Lunge, was man eben so macht, wenn man als Tierarzt seinen Job ernst nimmt. Dann wird ihnen Blut für die Gendatenbank abgenommen, anschließend werden sie geimpft und zum Schluss wird der Transponder gesetzt. Damit diese Eingriffe in den höchst persönlichen Lebensbereich gleich von Anfang an positiv belegt werden, unterstützt eine Tube NutriCal am vorderen Welpenende dessen Wohlbefinden, während weiter hinten manipuliert wird. So einfach geht das, und zwar so
Frenzy beim Tierarzt
Frenzy wird geimpft
einfach, dass noch nicht einmal der Einschuss des Transponders bei den meisten mehr als ein erstauntes Augendrehen auslöst. Auch bei der Blutabnahme, die schon lästig ist und unangenehm piekst, lassen sie sich kaum etwas anmerken und nehmen die kleine Tortur gelassen und tapfer hin. Nur Franca setzt doch noch einen kleinen dramatischen Akzent, weil sie gleich zwei Venen zur Verfügung stellen muss; die erste will einfach nicht spenden. Franca hat ihren Blutdruck auf „todesnah Null“ gedrückt. Das gelingt ihr allerdings kein zweites Mal, weswegen der kostbare Saft aus der zweiten Vene fließt. Wir
Fianna beim Tierarzt
Fianna bekommt ihren Chip
sind da ganz gelassen, es stehen ja noch einige weitere Zapfstellen zur Verfügung, es muss nicht immer das linke Hinterbein sein. Nach knapp zwei Stunden ist alles überstanden, die meisten Tapeverbände mit gegenseitiger Hilfe abgefummelt und die Fritzenschaft wieder im Auto verstaut. High Noon sind wir wieder zuhause, wo wir feststellen, dass es wieder ein paar Schlaumeier geschafft haben, sich klammheimlich durch den Deckenverhau in Anouks Box zu bohren – weil das Wachpersonal geschlafen hat! Wer Lust hat, kann ja mal raten, um welche Mauerspechte es sich dabei handelt.

Das Wetter zeigt sich jetzt gerade wie unser Fetzi von seiner Mr. Hyde-Seite. Es pisst sich ein und der Wind schleift die Hausecken platt. Vielleicht ist das der Gegenwind auf der Zielgeraden, durch den wir nun müssen. Noch drei Tage bis Waterloo…