Donnerstag, 05.01.2012
Wir müssen uns auch an diesem, dem drittletzten Fritzleintag mit dem unerfreulichen Durchfalltehma beschäftigen. Das meiste und schlimmste liegt hinter uns – aber den alerten Junior hat es doch noch erwischt! Doch auch er ist ziemlich über den Berg, der sich erst gestern vor ihm aufbaute, sein Output zeigt schon wieder Spuren von Land. Wie sehr wir wieder in der Spur sind, belegt die Gewichtszunahme, die man eigentlich Gewichts-Tsunami nennen müsste: 2560 Gramm! Da kann kein großer Leidensdruck mehr vorhanden sein. Das muss man sich aber schon genau ansehen, welch ein Erdrutsch sich da gestern still und leise aufbaute.
Franz: 7300 Gramm, jawohl, richtig gelesen, das sind nämlich stolze 650 Gramm Zuwaage! Und damit hat er in einem beim Blues nie dagewesenen Kraftakt, den schon siegessicher herumtänzelnden Felix die Krone geklaut.
Jetzt sind wir uns sicher, dass wir den Virus erfolgreich in die Flucht geschlagen haben und frohgemut in die Zukunft blicken können.
Draußen stürmt es sehr ungemütlich bei 4°C, und Regen ist auch dabei, wie man sich fast denken kann. Demnach ist heute Housekeeping angesagt, weil noch nicht einmal die Hemmungslosesten der Fritzen Lust auf Ausgang haben; wahrscheinlich haben sie Angst, dass ihnen die Ohren um die Ohren fliegen.
Die Wiegeprozedur versorgt uns nicht nur immer wieder mit überraschenden Ergebnissen, sondern auch mit kleinem Amüsement wegen der Schrullen der Fritzen. Die meisten nehmen diese tägliche Prozedur völlig stoisch hin, lassen sich auf die Waage hieven, gucken sich um, inhalieren die kleinen Leckereien, die wir ihnen auf die Waage legen, damit sie beschäftigt sind und halten still. Es gibt nur zwei Ausnahmen von dieser Regel. Das ist zum einen Frenzy, die Wiegen einfach doof findet und keine Bestechung akzeptiert, sondern mit allem, was sie hat, signalisiert, dass ihr diese Prozedur nicht geheuer ist. Sie stellt sich einfach an, als ob man ihr zumutete, vom Zehn-Meter-Turm zu springen.
Aber die Wiegerei fördert noch andere Erkenntnisse zutage. Franca hat zum Beispiel als Erste den Zusammenhang von Wiegen und Leckerli über den Vorgang auf der Waage hinaus projiziert, also eine richtige geistige Transferleistung erbracht. Weil jeder nach dem Wiegen auch noch ein paar Bröckchen auf dem Küchenboden serviert bekommt, ist Franca seit ein paar Tagen während der gesamten Prozedur in Lauerstellung und jagt dem Beschenkten seinen Lohn der Angst ab. Das scheint eine logische Schlussfolgerung zu sein, und doch haben wir dieses konsequente Erfassen einer Situation und die noch konsequentere Umsetzung in all den Jahren so noch nicht erlebt. Nicht alles, was uns folgerichtig erscheint, muss auch für einen Welpen dieses Alters schlüssig sein, nicht einmal, wenn es um so elementare Dinge wie Fressen geht. Standard ist, dass nach dem Wiegen losgelöst und aufopfernd gespielt wird, als Stressabbau sozusagen. Zwischenzeitlich stellt sich aber der ganze Fritzenhaufen beim Wiegen ein, erbettelt milde Gaben und lauert wie die Geier, dass etwas abfällt. Das erleichtert uns die Arbeit ungemein, weil alle um uns herum greifbar und dadurch, bis auf Frenzy, auch beim Wiegen ganz entspannt sind, wartet doch nach dem Intermezzo gleich wieder eine Gratifikation auf dem Küchenboden. Das macht das Wiegen zum Großereignis, dem jeder beiwohnen will. So exemplarisch wie Franca das auf die Reihe bekommen hat, haben wir das in all den Jahren noch nicht erlebt. Schlaues Kind, unsere Frau Fischer. Manche kommen eben langsam, dann aber gewaltig.
Die einzige Ausnahme bei dieser Leckerlipiraterie macht gelegentlich Felix, der sich, wie gewohnt, um seine Tante kümmert und ihr auf den Geist geht, also keine Zeit für so etwas hat. Aber das müssen wir nicht mehr weiter vertiefen; Felix und Anouk gäben Stoff genug für ein eigenes Buch.
Es gibt noch etwas, was uns bisher noch nie so aufgefallen ist, wie bei diesem Wurf, was nicht unbedingt an den Fritzen liegen muss, sondern auch an unserer Beobachtungsgabe, die sich (hoffentlich!) auch weiter entwickelt. Es ist die Identifikation von neuem Spielzeug. Wenn immer wir etwas Neues zum bestehenden Spielzeug hinzu geben, wird es sofort als neu erkannt und ausgiebig genutzt. Das funktioniert auch, wenn wir das in Abwesenheit
der Welpen irgendwo ab oder dazwischen legen, egal, ob im Haus oder im Garten; sobald sie dazu kommen, erkennen sie, dass es etwas Neues gibt, das umgehend ausprobiert werden muss. Auch mitten in einem Berg alten Spielzeugs wird das neue sofort entdeckt. Heute ist es ein kleiner Plastikschuh, kaum 10 Zentimeter lang, mitten unter dem ganzen anderen Kram – und schon balgen sich alle um den Schuh. Man kann daraus lernen, wie hoch der Reiz eines Spielzeugs für einen Welpen dieses Alters ist und wie wichtig es ist, diese Reize ständig zu erneuern und nicht nur immer das alte Geraffel anzubieten; schon in diesem Stadium langweilen sich die Welpen schnell mit dem Bekannten und stumpfen dabei ab. Dabei muss es nicht immer etwas Aufwändiges und Großes wie der 50 Zentimeter große Alienbär sein, nein, eine Klorolle und ein Joghurtbecher tun es auch. Viel mehr Begeisterung als mit einem Joghurtbecher kann man sowieso kaum auslösen (aber Vorsicht damit: Plastikalarm!). Jedenfalls sind wir tief beeindruckt von dieser Leistung der Fritzen, denen einfach nichts entgeht.Heute entgeht ihnen nicht nur nichts, sondern heute sind sie selbst im Zentrum des Interesses: nachmittags kommt das Normenkontrollteam, alias: die Zuchtwartinnen zur Wurfabnahme. Alle, die diese Prozedur kennen, können jetzt ein paar Zeilen nach unten rutschen und sich die Erklärung, was da passiert, schenken. Bei der Wurfabnahme wird der Welpe zuerst alleine in seiner bekannten Umgebung auf den Boden gesetzt, der Zuchtwart spricht ihn an, um zu sehen, wie er auf ihn reagiert, freundlich, desinteressiert, abweisend. Danach wird der Welpe in einen ihm unbekannten Raum gebracht, allein mit dem Zuchtwart, der ihn eine Minute nicht beachtet, um zu sehen, wie sich der Welpe in einer unbekannten Umgebung verhält. Nach dieser Minute spricht der Zuchtwart den Welpen an. Der Welpe wird nun animiert, über ein Plastikfolie zu gehen, es wird auf eine Plastikbox geklopft, um das Verhalten gegenüber Geräuschen zu testen, ein Ball wird angeboten und ein Lappen als Beute. Der Welpe soll auf all diese Reize positiv und interessiert reagieren, die Beute annehmen und, idealerweise, wegtragen. Nach diesem Test in einer ihm unbekannten Umgebung wird er wieder in bekannte Umgebung gebracht und optisch beurteilt. Danach wird er noch einmal auf den Boden gesetzt und er soll wieder mit dem Zuchtwart Kontakt aufnehmen, um zu sehen, ob ihm die Überprüfung zu sehr zugesetzt hat oder ob er das alles gelassen hinter sich gebracht hat.
Die eigentliche Herausforderung der ganzen Beschau ist, dass es nahezu unmöglich ist, elf Welpen über den ganzen Zeitraum bei Laune und wach zu halten; immer wird man welche aus dem Schlaf holen müssen, was dann zu ebenso verschlafenen Ergebnissen führt. Aber daran ist nichts zu ändern.
Die optische Überprüfung ist ohne größere Beanstandungen über die Bühne gegangen. Dass bei einigen schwarzmarkenen Kandidaten die Marken sehr spärlich ausgeprägt sind, konnte nicht überraschen. Frenzy hat als einzige die Neigung zu einer Doppelmarke an der Brust, die beobachtet werden muss, weil sie eventuell zu einem Zuchtausschluss führen könnte. Alles andere sind kleine Schönheitsfehler ohne Wert, auch, dass Franz bisher nur einen Hoden hat, sorgt nicht für Aufregung, er ist nicht der erste Rüde, bei dem zu diesem Zeitpunkt noch nicht beide Hoden abgestiegen sind.
Der Wesenstest bestätigt dann größtenteils, was wir acht Wochen erlebt haben: sehr aktive, neugierige, freundliche, fröhliche und triebige Fritzen.
Alle suchen in der ihnen bekannten Umgebung aktiv den Kontakt zum Zuchtwart oder nehmen ihn wenigstens problemlos auf.Am fremden Ort werden Flori, Ferdi, Franca, Felix, Franz, Fanni, Fetzer und Fianna sofort aktiv, Ferdi, Franz und Fanni zeigen zusätzlich viel Aktivität. Fine und Fado warten einen Moment ab, bis sie aktiv werden, nur Frenzy verweigert sich, will nicht.
Flori, Felix, Fine, Fanni, Fetzer, und Fianna untersuchen den neuen Raum selbständig und intensiv, Fado, Ferdi, Franca und Franz machen sich auch selbständig, aber weniger intensiv auf den Weg, und Frenzy will nicht, untersucht nicht.
Bei den akustischen und optischen Einflüssen beschäftigen sich Felix, Fine, Fetzer und Fianna mit allen Situationen selbständig und aktiv, Flori, Fado, Ferdi, Franca, Franz und Fanni lassen sich gut motivieren und heranführen – Frenzy untersucht vorsichtig und jammert.
Flori, Felix, Fine, Franz, Fanni und Fetzer sind sofort am Beutespiel interessiert, gehen darauf ein und tragen den Lappen weg. Fado wartet kurz ab, bevor er sich darauf einlässt, trägt dann aber den Lappen. Fianna ist ebenfalls sofort interessiert und spielt, trägt aber den Lappen nicht. Ferdi geht auf das Beutespiel wenig ein und Frenzy spielt nicht.
Bei der Erscheinungsbildbeurteilung sind fast alle aktiv und neugierig, Fado und Ferdi sind gelassen und freundlich, Frenzy duldet die Prozedur ebenfalls gelassen.
Nach der Erscheinungsbildbeurteilung sind alle, bis auf Frenzy sofort wieder aktiv, sie wartet kurz ab, ist dann aber ebenfalls aktiv.
Ferdi und Frenzy bekommen ein ruhiges Temperament bestätigt, alle anderen sind lebhaft.
Das ist ein Traumergebnis, das auch Frenzy mit ihrer Verstocktheit nicht schmälern kann. Es gibt in diesem Tableau immer einen oder eine, die einfach an diesem Tag keine Lust haben, sich verweigern und uns die Nase drehen. Wir erinnern uns an einen Kandidaten, der während der gesamten Zeit am fremden Ort sich keinen Millimeter bewegte und konsequent haarscharf an der Zuchtwartin vorbei schaute. Manche wollen sich nicht vorführen lassen, sind mit dem falschen Bein aufgestanden oder sortieren noch die Schlafperlen in den Augen.
Sicher ist Frenzy keine, die ohne Helm mit dem Kopf voran durch eine Mauer gehen würde, aber eine Transuse ist sie genau so wenig. Frenzy ist eine Familienglucke, im Rudel fühlt sie sich wohl und geborgen und dreht ordentlich auf. So ganz auf sich allein gestellt, braucht sie ein bisschen Anlaufzeit, die sie unter dem gestrengen Zeitmanagement der Normenkontrollkommission nicht hat. Interessanterweise hatte Frenzy keinerlei Respekt vor der großen weiten Welt, als wir am Waldparkplatz spazieren gingen, da stapfte sie los, scherte sich nicht um ihren Haufen und spielt Hänschen klein und ging, wie jener, ganz allein in die weite Welt hinein. Wer Frenzy in ihrem Element erlebt, weiß auch, warum sie bei uns den Beinamen Turbo-Frenzy hat: sie ist schnell, überall dabei und wieselflink um die Ecken. Und einen ordentlichen Fangzahn hat sie auch. Wenn es um die wichtigen Beutestücke wie den Pansen ging, war sie sofort aktiv, zeigte richtig viel Aktivität, ließ keinen ran und trug den Lappen blitzschnell davon. Vielleicht ist Frenzy nur die Schlaueste von allen, die sich für einen alten Staublappen nicht krumm macht, aber für einen Pansenlappen auch noch den Hilfsmotor anwirft. Frenzy gehört zu jenen, die ständig raus in den Garten wollen, die Gas geben wollen, die sich auch am wenigstens um Schietwetter scheren und bei jeder Kaffeefahrt an Bord sind. Nur das Wiegen ist nicht ihre Sache, auch die Bestecherli können sie da nicht überzeugen. Weil wir unsere Frenzy so erlebt haben, lässt uns dieses Streichergebnis völlig kalt, es hat fast einen komödiantischen Anstrich; wir wissen nicht, ob uns Frenzy einfach nur ein bisschen verarscht hat und uns die Null-Bock-Tussi vorspielte oder ob sie doch mehr beeindruckt war als es die vergangenen Wochen erwarten ließen. Letztlich ist auch das egal, weil Frenzy demnächst nicht in einem Gruselwald ausgesetzt wird, in dem es vor feueräugigen Zuchtwartinnen und drohenden Feudeln wimmelt, sondern sie wird das bekommen, was sie zu großer Form auflaufen lässt: ein richtig tolles Rudel mit Kuschelgarantie. Mal sehen, ob dann Klagen kommen, dass Frenzy laufend die Geschirrhandtücher und Socken klaut. Es würde uns sehr wundern, wenn es anders wäre.
Heute gehen ganztägig orkanartige Stürme über das Blues-Lager hinweg, so gemeine, dass selbst Frenzy keinen Bock auf Outdooring hat, die anderen gleich gar nicht. Was sich nach Kaffeekränzchen im Haus anfühlt, droht aber bei einem unausgelasteten Fieslingshaufen in Ungemach umzuschlagen. Erstens hatten sie bisher viel zu wenig aktive Bewegung, da hilft auch kein noch so aktives Lappentragen, und zweitens haben alle das Bedürfnis, den Kommissionsstress abzubauen. Machen wir uns nichts vor: auch die Souveränsten der Fritzen drehen nach einer solchen Herausforderung am Rad, das bleibt nicht in den Kleidern hängen. Da käme es uns sehr gelegen, wenn sie draußen die Sau raus lassen könnten, aber das geht eben heute nicht. Im Haus sind sie kaum zu ertragen. Wenn die Synapsen auf Schnellfeuer gestellt sind und turbofunken, muss Unsinn heraus kommen. Die Lage ist besonders bedrohlich, wenn die Lautstärke gegen Null geht, wer Kinder hat, kennt das. Auch in unserer Küche wird es plötzlich verdächtig still, nur kleine Kiekser sind gelegentlich zu hören, kleine Jubelschreie. Der Grund ihrer stillen Begeisterung ist eine Schwachstelle in unserer Küche, die allerdings vor diesen Fritzen noch
keine Bande entdeckt hatte. Links und rechts vom Küchenherd sind in der Küchenzeile Aussparungen, in denen wir Backbleche und Ähnliches deponieren. Die Verkleidung des Herdes selbst reicht nicht ganz bis zur Wand, sodass zwischen Herdverkleidung und Wand eine Lücke klafft, durch die man steigen kann, wenn man schmal genug ist, sich zwischen den Backblechen durchzudrücken. Und schon ist man unter dem Herd und hinter der Küchenzeile verschwunden und kann ganz fabelhaft Versteck spielen. Zu allem Überfluss ist die Verblendung der Küchenzeile an den Herdabschrägungen nicht mehr fest; mit etwas Geschick kann man die heraus puhlen und kommt so auch unter den Herd. So eröffnet sich dem Willigen und Mutwilligen ein Paradies für Räuber und Gendarm. Und genau so finden wir diese stummen Marodeure vor: zwei, es sind Felix und Franca, haben sich durch die Bleche hinter den Herd gewunden, die anderen keifen durch das Loch in der Verblendung zu ihnen hinunter, um sie herauszulocken. Das geht zu weit; dahinter gibt es Kabel, die nicht zum Verzehr geeignet sind. Die Entfernung dieser entfesselten Spieler vom Tatort gestaltet sich allerdings nicht einfach, denn wenn man einen entfernt, stürzen sich zwei andere auf den von ihm freigegebenen Platz am Loch. Einzeln muss der Chef, der sich, wie immer bei solchen Einsätzen allein zu Hause befindet, die Kämpfer in den Garten und den Sturm bringen, um sie fern zu halten und abzukühlen. Anschließend werden die Öffnungen in den Aussparungen mit Ytongsteinen verrammelt und die Bleche wieder in die Aussparungen geschoben, die Löcher in der Verblendung werden verschlossen und mit Pflastersteinen unverrückbar gemacht. Dann dürfen wieder alle rein – und alle, wirklich alle, stürzen sich wie ein Mann auf die zwangsweise verlassene Baustelle, um dort weiter zu machen, wo sie aufgehört hatten. Aber Fort Knox ist nicht mehr zu knacken. Fast eine Stunde dauert es, bis auch der Letzte einsieht, dass da nichts mehr zu holen ist. Wie gesagt: diese Konstruktion ist so provisorisch, solange wir hier leben. Der Rote Bandit macht sich gerne mal einen Scherz daraus, dahinter und darunter zu verschwinden, wenn ihm an kalten, nassen Tagen langweilig ist. Aber kein Welpe hat dies bisher versucht oder gar geschafft.So sehr es schmerzt, aber es wird Zeit, dass sie ihre überschüssigen Kräfte draußen in der Welt erproben. Der Blues wird ihnen langsam zu klein.








