Freitag, 06.01.2012, Dreikönigstag

Für unsere Fritzlein kommen die drei Heiligen aus dem Morgenland ein bisschen spät, verbummelt haben sie sich um acht Wochen. Wenn sie etwas Gold liegen lassen wollen, soll uns das recht sein, aber mit Weihrauch und Myrrhe können wir jetzt nichts mehr anfangen: als Räucherware hätten wir sie etwas früher gebraucht, dann wäre uns vielleicht der Virus aus dem Weg gegangen. Aber der ist jetzt Geschichte, wie schon morgen Frau Fischers Fritzen Geschichte sein werden. Uns ist schon ganz schlecht. Mit Weihrauch würde das bestimmt nicht besser.

Dieser letzte Tag ist traditionell der Abschieds- und Arbeitstag: Abschied nehmen, kuscheln, knuddeln, klagen und all die organisatorischen Dinge erledigen, die uns auf andere Gedanken bringen, Käuferordner zusammenstellen, Kaufverträge schreiben, Mitgift bereitstellen, fürs Frühstück morgen einkaufen, was eben so anfällt. So geht der Tag vorüber. Deshalb wollen wir diesem letzten Tag auch nicht mehr Aufmerksamkeit schenken als er verdient und uns lieb sein kann. Natürlich setzen wir die Fritzlein auch heute in die Waagschale, damit sie gewogen und nicht zu leicht befunden werden und stellen fest, dass nun auch der letzte Rest eines Virus genauso der Vergangenheit angehört wie ab morgen die Wiegerei: 2650 Gramm sprechen für sich. Schnelldurchlauf: Franz 7580 (+280), Felix 7440 (+280), Flori 7050 (+240), Ferdi 7000 (+250), Fetzer jr. 6780 (+380), Fado 6710 (+270), Fianna 6590 (+270), Frenzy 6310 (+110), Fanni 6260 (+330), Fine 5820 (+130) und Franca 5310 (+110). Da ist ein sehr befriedigendes Ergebnis, da braucht sich keiner beschweren, dass er einen Hungerhake ausgehändigt bekommt. Die Fritzen sind stramm und kompakt und haben alles am rechten Fleck, jawoll, das Herz auch.

Ein letztes Rudelkuscheln
Ein letztes Rudelkuscheln im Schneetreiben
Draußen saust immer noch ein deftiger Wind um die Häuser, bringt ein paar Schneeflocken mit, macht aber mit -1°C keinen Strich durch die Rechnung, den Garten noch einmal voll ausleben zu dürfen. Dabei scheiden sich heute die Geister, während die einen gar nicht mehr rein wollen, zieren sich die anderen, raus zu gehen. Sollen sie es halten, wie sie es wollen; heute ist sozusagen ganztägig Freinacht. Und sie nutzen diesen letzten Tag, als wüssten sie, dass ein solcher nie mehr wieder kommen wird, dass es der letzte sein wird, an dem sie alle zusammen spielen und kuscheln werden. Sie kommen kaum zur Ruhe, es ist als ob sie alles nochmal probieren und anfassen müssten, als ob sie sich von jedem einzelnen, in all den Tagen lieb gewonnenen Teil, verabschieden müssten. Die Schlafphasen reduzieren sie
Fetzer jr. mit Futterschüssel
Der Junior macht fette Beute
auf das Nötigste und sind wie der Igel beim Wettlauf mit dem Hasen immer schon da. Uns macht das alles nur trauriger. Heute macht uns sogar traurig, wenn sie uns an die Wäsche gehen und unsere Hände perforieren. Was ist schon eine getackerte Hand gegen ein welpenleeres Haus?

Anders geht es da Anouk und Franzi. Während Anouk mit stoischer Ruhe die Zudringlichkeiten und Schmusereien ihrer Neffen und Nichten erduldet und oft genug erwidert, kann Franzi wirklich schön langsam keinen Welpen mehr sehen; sie ist mit der Welpenwelt fertig, und das nicht nur, weil sie definitiv keine mehr bekommen wird, sondern weil sie mental und

Die Fritzen und die Kartonage
In dieser Kiste reisen wir nicht!
körperlich ausgemergelt ist wie Ötzi aus dem Eis. Trotzdem steht sie noch immer, und das ist wirklich außergewöhnlich für diesen Zeitpunkt, ihren Mann oder besser: ihre Mutter und säugt noch mindestens zweimal täglich im Stehen. An diesem Programm beteiligt sich auch Anouk immer noch, will nicht schwächeln und Franzi ein wenig von ihrer Last abnehmen. Es ist zutiefst anrührend, wenn man die beiden morgens nach dem Spaziergang auf der Terrasse stehen und ihre Mutterpflichten verrichten sieht; links hängen fünf und schmatzen, rechts sechs und grunzen, als ob die Welt aus nichts als Glück bestünde. Wie viel bei dieser Speisung tatsächlich noch abfällt, wissen wir nicht, aber für die Fritzen ist es ein unverzichtbares Ritual wie für uns die Wiegeaktion.

Fado vom Bairischen Blues
Fado
Einen Fritzen haben wir uns in den vergangenen Tage nicht unter die Lupe genommen, einer fehlt noch, das holen wir jetzt nach: Fado. Als einen durch nichts zu erschütternden schwarzen Iberer haben wir ihn vor vier Wochen charakterisiert, einer, dem nur ein „hoppala“ entfährt, wenn hinter ihm eine Schrankwand einstürzt, aber auch einen, der mit Hingabe und unverhohlener Freude unsere Nähe sucht und schätzt. Damit könnten wir jetzt auch aufhören: Fado ist vermutlich jenes Fritzen-Exemplar, das sich charakterlich am wenigsten verändert hat. Er ist noch immer von einer unbändigen Ruhe und Gelassenheit beseelt, geboren, um selig auf den Wellen des Lebens zu surfen und ein Lied zu pfeifen. Im Frack wäre er die Idealbesetzung für einen Oberkellner in einem Wiener Kaffeehaus, dem das „Küss die Hand“ selbst dann nicht im Hals stecken bleibt, wenn er von einer Bande pubertierenden Texanerinnen zum Gespött gemacht wird. So etwas ficht den Fado nicht an. Fado ist ein stabilisierendes Element im fragilen Gleichgewicht der Fritzenschaft. Dort wo dauernd etwas in Bewegung ist, wo aus Raufbolden Dandys werden und aus Zimtzicken Ladys (und anders rum), verhält sich ein unverrückbarer Monolith Fado wie der Pin auf einem Plattenteller: er sorgt für Halt, Gleichlauf und Harmonie. Fado ist gutmütig, aber nicht doof, schon gar keiner, dem man ungestraft den Pelz einseift, einem Pelz im übrigen, der so flauschig ist, als ob er täglich shampooniert würde. Nein, Fado, ist kein Maulheld und kein Lautsprecher, kein Möchtegern und kein Blender, Fado ist ein durch und durch ehrlicher Bursche, dem Hinterhalte und Ränkespiele ein Gräuel sind. Und er ist ein unerschütterlicher Menschenfreund. Noch immer genießt er unsere Nähe, wenn er auf der Waage sitzt, strahlt uns an, lässt sein Schwänzchen rotieren und würde sich gerne als Ersatz für all jene Geschwister zur Verfügung stellen, die es mit der Waage nicht so sehr haben: nehmt mich, ich halt‘ auch ganz bestimmt still. Gerade in den letzten beiden Wochen schloss Fado sich uns immer mehr an, rückte ins Zentrum des Geschehens, war ständig zugegegen, immer irgendwie around, wurde so zum Allrounder der unaufdringlichen Art. Zum Champagner-Schorsch eignet sich Fado sicher nicht, als Portwein-Paul in einer heiteren Kellerrunde kann man ihn sich aber gut vorstellen.

Champagner oder Portwein – uns ist heute weder nach dem einen noch nach dem anderen. Wir erledigen bis zum bitteren Ende, was erledigt werden muss und ziehen uns dann die Decken über den Kopf. Wir könnten aber genauso gut versuchen, im Stehen zu schlafen oder uns zu besaufen. In einer solchen Nacht ist alles eins, wie im Hexeneinmaleins.