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G-Deih und G-Schrei
- G-Deih und G-Schrei - Die G-Schichte von Fiannas G-Schwader: Woche 1

1. Woche (15. 09. - 21. 09. 2015)
Dienstag, 15. 09. 2015
Die stolze MamaDie Kinder liegen morgens zufrieden in der Schnullerkiste, zwitschern, kneistern und raunzen; augenscheinlich mangelt es ihnen an nichts. Da man aber einem elfköpfigen Kinderorchester besser nicht trauen sollte, nehmen wir doch die Waage zuhilfe, um den Zustand unserer Kinder mit Zahlen zu unterfüttern. Die landläufige Wahrheit ist nämlich, dass Hündinnen in der Regel zehn Zitzen haben, bei unserer Fianna waren wir bis vor wenigen Tagen der Überzeugung, dass sie nur acht hat. Mit dem Wachstum der Zitzen zeigten sich nun auch die beiden, bislang verschollenen, vordersten. Und bis zur Geburt gaben all diese Zapfstellen keine Milch. Demgegenüber liegen elf Kinder in der Kiste, die Hunger haben. Also wiegen!
Gestern Nachmittag hatten wir schon eine erste Kontrolle vorgenommen und protokolliert, dass nur Girgl (10 g), Grappa (10 g), Gruschel (20 g), Gundel (10 g) und Gaudi (10 g) zugenommen hatten, alle anderen hatten Gewicht verloren oder es gehalten. Das ist völlig normal; gerade Erstgebärende brauchen etwas Zeit, bis sie zur vollen Milchleistung kommen. Nicht jede Mutter ist so spendierfreudig wie Fiannas Mama Franzi, die bei ihren beiden letzten Würfen schon zehn Tage vorher Milch hatte. Nun wollen wir es also wissen und wiegen morgens um acht. Die Bilanz lautet: -10 g über alle. Girgl, Gustl, Greta und Gamba haben ihr gestriges Gewicht gehalten, Gundel (30), Gaudi und Grille (20) haben zugenommen und die anderen bis zu 20 g abgenommen. Auch das liegt völlig im Plan. Solange kein Welpe massiv abnimmt und die meisten das Gewicht halten oder zunehmen, bedeutet das, dass sie einerseits gesund sind und andererseits Fianna in der Lage scheint, elf Welpen zu ernähren.
Noch wichtiger scheint uns im Moment der Zustand der Hündin, bei der, wie schon erwähnt, immer die Gefahr besteht, dass sie in hohes Fieber läuft. Morgens um 3 Uhr messen wir (besser die Chefin, die ihr Nachtlager in Reichweite der Schnullerbox aufgeschlagen hat) 38,6° C, um 8 Uhr 38,9° C und um 12 Uhr wieder 38,6° C. Da brennt also auch nichts an und eine erste Entspannung macht sich breit.
Für uns ist dieser erste Tag immer der Strukturlegung gewidmet; die Webseite wird mit all ihren internen Logiken vorbereitet, damit auch jeder wieder findet, was er oder der andere gemacht hat, Papierkram wird erledigt und vorbereitet, aber vor allem wird die Seite für die Kinder angelegt, die dafür ein erstes Foto-Shooting über sich ergehen lassen müssen, was die Nerven der Fotografen nicht unerheblich in Mitleidenschaft zieht, denn das G-Schwader will keinen Moment stillhalten. Dieses Nicht-Stillhalten ist aber nicht darauf zurückzuführen, dass die alle schon ADHS haben und statt Muttermilch Ritalin bräuchten, sondern ist ein natürliches Verhalten eines Welpen. Welpen hören nichts und sehen nichts, sie orientieren sich zur Wärme hin. Dazu pendeln sie ständig mit dem Kopf und dem Oberkörper hin und her, um die Richtung einer Wärmequelle, bevorzugt die Mutter, auszumachen, weswegen sie auch gelegentlich in einer Kistenecke stranden, in der sich die Wärme staut und die Welpen wie ein Moorgeist anzieht. Und so pendeln die Welpen auch, wenn man sie zum Fotografieren in der Hand hält, was, selbst wenn man die Beweggründe kennt, das Fotografieren zu einer Herausforderung macht und der Ungeduld Tür und Tor öffnet.
Mit solchen Verrichtungen also zieht sich der Tag hin, beziehungsweise vergeht wie im Flug. Und so ganz nebenbei mutiert der Chronist vom Teilzeitliteraten zum Vollzeit-Waschautomaten. Man macht sich ja kaum eine Vorstellung, wie viel Blut eine frische Mutter absondert und wie oft die Bettwäsche gewechselt werden muss, damit die Brut nicht im Blutdunst heranwachsen muss. Und Fianna muss auch immer wieder gewaschen werden, weil sie sich ihre Hosen dauernd einsaut. In dieser Disziplin ist sie inzwischen äußerst routiniert, weil ihr das eingesaute Fellwerk selber stinkt. Vor Jahren haben wir extra für die Hunde eine Dusche gebaut, was nicht nur an gewöhnlichen Sau- und Matschtagen (vom faulen Fisch im Fell nicht zu reden) ein Segen ist, sondern sich auch bei dieser Gelegenheit sehr bewährt. Fiannas Vorgängerinnen mussten noch rückwärts in eine Duschkabine einparken, um hinterrücks gereinigt zu werden. Trotz des neuartigen Luxus' mussten wir Fianna bisher immer nachdrücklich überreden, mit uns unter die Dusche zu treten, wenn sie sich eingesaut hatte, aber mittlerweile hat sie dazugelernt und positioniert sich schon ganz aus freien Stücken: Wir bringen sie in die Hundedusche und Fianna stellt sich über den Abfluss und wartet, bis sie eine lauwarme Podusche bekommt. Dann lässt sie sich genüsslich frottieren und huscht frisch duftend wie der junge Frühling zu ihren Kindern. Die Milchfrauen unserer Jugend dufteten nicht nach Jojoba (eher etwas ranzig), jedenfalls ist uns davon nichts in Erinnerung geblieben. Die Qual des eigenen Körpergeruchs lässt die Welt offenbar in einem anderen Licht erscheinen und die Dusche könnte für Fianna so etwas wie das Licht am Ende des Geruchstunnels sein.
Ein Haufen Glück und ZufriedenheitDie Nacht bringt dann für die Chefin wenig Ruhe, weil sie ständig von Fianna Besuch bekommt, die ihr erzählen möchte, dass wieder ein Kind nörgelt und quengelt und unausgeglichen ist und sie doch bitte sehen möge, was dagegen zu machen sei. Dann steht die Chefin auf, legt die Welpen auf einen Haufen, damit die Mutter Platz hat sich hinzulegen, um die nun noch aufgeweckteren Kinder zur Brust zu nehmen. Dann liegt aber einer nicht an der Brust, der aber nach Meinung der Mutter dort dringend erwünscht wäre, ein anderer steckt unter der Decke und ein dritter in einer Ecke fest und krächzt nach Erlösung, also muss die Kammerzofe wieder eingreifen, weil die Mutter sonst so lange Alarm macht, bis die Dinge nach ihren Wünschen geregelt sind. Und anschließend will sie wieder in den Garten, weil ihrer Meinung nach eine Kinderstube hinter den Rhodos sowieso für alle die beste Lösung wäre, bei der all dieses Ungemach nicht passieren würde. So wird eine Nacht lang. Aber junge Mütter müssen sich mit der Situation und ihrer Rolle erst zurechtfinden. Die Chefin kennt ihre Rolle in diesen ersten Nächten schon hinlänglich und füllt sie aus, auch wenn ihr der Schlafmangel manchmal das Quecksilber nach oben treibt und die Knie tagsüber weich macht. Und der Vize? Der schläft völlig entspannt, weil ausnahmsweise völlig allein und völlig ungestört. Einer muss ja ausgeschlafen sein.
Mittwoch, 16. 09. 2015
Die Chefin nimmt um 5 Uhr Fiannas Temperatur (da genießt der Vize noch seinen unbelasteten Schlummer) und registriert 38,1° C. Das ist formidabel. Der Gang zur Wiese, um das Morgengeschäft zu erledigen, ist auch ein Quell der Freude, weil Fianna keinen Eiweißdurchfall hat. Das lässt sich ja gut an.
GambaUm 6 Uhr kommt es dann zur Gewichtskontrolle (der Vize bekommt auch hiervon nichts mit): Girgl (500, +20), Gustl (480, +20), Gruschel (440, +10), Greta (410, +10), Grappa (470, +20), Greco (420, +30), Gundel (440, +0), Gosh (470, +10), Gaudi (430, +30), Gamba (490, +10) und Grille (490, +20). Das macht eine Gesamtzunahme von 180 g. Da soll einer sagen, Fianna könne ihren Kindern nichts bieten. Wie es aussieht liefern immerhin neun Zitzen Milch, ob sich die letzte noch aktivieren lässt, werden wir sehen. Das läuft für diesen Zeitpunkt und die Zahl der Welpen jedenfalls bestens.
Dann geht die Chefin zur Arbeit und lässt den Vize mit einer unausgeglichenen Fianna zurück. Der erste Versuch, ihr Drängen an der Terrassentür auf ihre Notdurft zurückzuführen, endet binnen Sekunden hinter den Rhododendren; Fianna ist weder durch gute noch durch scharfe Worte zur Vernunft zu bringen. Sie will jetzt endlich die Kinder standesgemäß unterbringen - nur: Der Vize wird handgreiflich und führt sie mit Nachdruck ab. Für den Rest des Tages bleibt die Terrassentür versiegelt. Dafür versucht sie in Abständen, die Fliesen unter der Garderobe auszuhebeln; zweitbeste Wahl offensichtlich nach dem Rhododendron. Fianna streicht herum wie Falschgeld, findet keine Ruhe, wird in die Kiste geschickt, wo sie pflichtschuldigst ihren Ammendienst erledigt, wandert wieder durchs Haus, nimmt jede Gelegenheit wahr, hinter ihrem Führungsoffizier her zu trotten, nervt und jammert und geht ihm auf die Nerven. Bis die Chefin zurück ist, macht er nichts anderes, als Mutterbetreuung, Mutter waschen und auf die Wiese führen, Bettwäsche wechseln und waschen und trocknen - und immer eine nölende Jungmutter im Schlepp. Zwischendurch versucht er es mit einer kleinen Mütze Schlaf, in der Hoffnung, die Ruhe möge auch die unausgeglichene Mutter zur Ruhe bringen. Vergebens. Dazwischen Anrufe von Interessenten, denen er Absagen erteilen muss, weil die Kinder schon längst vergeben sind. Füttern darf er auch nicht vergessen, das macht er schlau, indem er die Nervensäge mit Herz und Huhn aus der Hand in der Kiste füttert, um diese für die Mutter attraktiv zu machen und ihr keinen Anlass zu bieten, auch noch wegen des Futters die Box verlassen zu können. Irgendwann ist es ihm egal: Die Kinder sehen nicht notleidend aus, sind entspannt und schlafen selig, also werden sie keinen Mangel leiden. Das würden sie kundtun. Um 17 Uhr ist die Chefin zurück, und sofort ist Fianna die Ruhe selbst, legt sich in die Kiste zu ihren Kindern und verlässt sie eigentlich nicht mehr bis zur Nachtruhe. Soll sich doch einen anderen Hausknecht suchen, die Schickanederin.
Um 19 Uhr kontrollieren wir noch einmal Fiannas Temperatur und nehmen 38,8° C zu Protokoll. Das wäre kein Grund für eine gestörte Bettruhe.
Donnerstag, 17. 09. 2015
Die Nacht der Chefin war wieder nicht ruhig, aber doch ruhiger als die vorige. Vielleicht spielt sich das Mutter-Kinder-Team langsam ein. Allerdings machen uns die 38,8° C um 6 Uhr morgens ein klein bisschen Sorge. Da werden wir ein sehr wachsames Auge drauf haben, nicht, dass jetzt noch Nachwirkungen eintreten, die man nicht braucht. Andererseits gibt Fiannas Verhalten keinen Anlass hysterisch zu werden.
Als sich der Chronist aus dem Bett erhebt, hat die Chefin schon wieder die Morgenroutine hinter sich gebracht und natürlich den Nachwuchs gewogen. Und das ist es, was ihn nun brennend interessiert: Hat die Schickanederin mit ihrem vaganten Verhalten gestern ihren Kindern geschadet? Sie eventuell dem Hungertod ausgesetzt? Mit jeder Spalte, die sein Auge nach rechts rückt, rutscht das Kinn ein Zoll nach unten: Girgl +40 (540), Gustl +30 (510), Gruschel +20 (460), Greta +20 (430), Grappa +50 (520), Greco +50 (470), Gundel +40 (480), Gosh +50 (520), Gaudi +0 (430) [Anm. d. Verf.: Wir hätten vielleicht doch bei Gandhi bleiben sollen, aber im Hungerstreik ist er nicht], Gamba +30 (520) und Grille +30 (520). Das macht zusammen 360 g Auflastung. Entweder Fianna hat diese Turbo-Tankstutzen, wie man sie von der Formel 1 kennt - Boxenstopp - Schluck! - und weiter oder sie hat den Walen ihre Milchformel geklaut, denn mit so wenig Einsatz so viel Effizienz zu kreieren ist schon fast abenteuerlich. Aber immerhin hat sie dem Vize damit das Maul gestopft (nein, nicht mit ihren Turbostutzen), denn bei dieser Leistung gibt es keinen Grund, ihr einen ganztägigen Boxenstopp zu verordnen.
Heute hat die Chefin wieder Heimarbeit und wie erwartet, ist Fianna sehr umgänglich. Natürlich strebt sie immer wieder an die Terrassentür und fixiert sehnsüchtig die Rhododendren, aber da geht nix! Wir haben nämlich mal nachgesehen: In diesem Loch passt schon die ganze Mutterhündin rein, und was der Rhodo davon hält, wollen wir gar nicht wissen. Das sehen wir noch früh genug.
Als mittags der Föhn zusammenbricht und auch die Temperaturen von 27° C von einem Sturmtief auf 20° C herunter geblasen werden, unternimmt die Chefin einen kleinen Spaziergang mit Fianna. Es besteht nämlich viel Grund zur Annahme, dass ihr teilweise nerviges Verhalten viel mit Langeweile zu tun hat. Zwar wird sie an normalen Tagen auch nicht den ganzen Tag bespaßt und darf Männchen machen, aber dann schläft sie, wie Hunde das eben machen. Jetzt aber soll sie den ganzen Tag auf den Socken sein, und das einzige, was dabei an Beschäftigung zur Wahl steht, ist Zapfhahn öffnen und schließen, fressen, Milch produzieren, Zapfhahn aufdrehen ... Schon klar: Da ist der Weg zur Wochenbettdepression ein kurzer. Deswegen also der Spaziergang. Und da sagt sie nicht nein. Allerdings sagt sie schon sehr bald wieder: vielleicht. Vielleicht sollten wir doch besser wieder umkehren. Und als die Chefin ihr diesen Wunsch von den Augen abliest und erfüllt, bedauert sie, keine Schuhe mit Spikes aufgezogen zu haben, so rasant zieht die Mutter sie zu ihren Kindern. Wir registrieren erleichtert, dass sie zwar von den Umständen etwas genervt, aber eine ganz normale Hundemama ist, die ihre Brut nicht alleine lassen kann. Jetzt jedenfalls noch nicht. Ob sie es sich merkt, dass die Kleinen keineswegs Mordio nach der abhanden gekommenen Mutter geschrien haben, sondern satt schnurpseln, als sie zurückkommt, werden wir auch noch sehen.
Um 16 Uhr zeigt das Thermometer unter Fiannas Rute keine Entspannung, sondern 38,9° C. Aber solange sie munter ist und die Kinder gedeihen, bleiben wir im Beobachtungsmodus.
Abends liegt Fianna beim Essen unter unserem Tisch. Noch keine ihrer beiden Vorgängerinnen hat sich so früh so nachhaltig von der Schnullerbox freigemacht. Anouk, die Übermutter sowieso nicht, und Franzi konnte sich zwar etwas Besseres vorstellen, als den ganzen Tag den Bauch hinzuhalten, aber sie hatte deutlich länger durchgehalten. Das Nesthäkchen nun denkt schon wieder daran, die Puppen tanzen zu lassen. Aber trotz dieser Gedanken - und das müssen wir ihr mit fetten Lettern auf die Guthabenseite verbuchen - lässt sie die Kiste kaum mal aus den Augen. Die Kinder sind weder aus den Augen, noch aus dem Sinn, auch wenn ihr Letzterer nach anderem steht.
Um 20:30 Uhr kümmern wir uns nochmal um Fiannas Körpertemperatur und können uns wieder entspannen: 38,5° C. So kann man sich beruhigt eine gute Nacht in getrennten Gemächern wünschen.
Feitag, 18. 09. 2015
Gefühlt viel zu früh lärmen dem Herrn des Blues die Morgengeschäfte aus der Küche ans Ohr. Wenn es nur das wäre! Als er widerwillig sein Schlafgemach verlässt, dringt das Morgengeschäft machtvoll in seine Nase: Fianna hat einen Mordsfladen ins Treppenhaus gesetzt. Was nun? Das Übersteigen oder Umrunden dieser Manifestation einer unerlösten Überfüllung übersteigt seine morgendlichen Fähigkeiten. Aber es hilft nichts, da muss er durch oder besser drüber, der Chefin die Richtung anzeigen, wo es etwas zu richten gibt. Die Chefin entledigt sich des Malheurs routiniert, wenn auch mit verkniffener Miene. Sie erkennt ihr Versagen, weil sie der nachdrücklich drängenden Fianna nicht glauben wollte und ihr den nächtlichen Ausgang versagt hatte. Das sind die Folgen widerholter Tricksereien, die jeder Fußballanhänger kennt: Wenn ein Spieler dazu neigt, schon beim ersten Windhauch eines sich nähernden Gegenspielers zu Boden zu gehen, lässt der Schiri die Karte stecken und einen Elfer gibt es schon gar nicht. Fianna hat mit ihrem Vorspiegeln falscher peristaltischer Tatsachen, die nur dem Ziel dienten, den Rhodo auszugraben, die Hartleibigkeit ihres Führungspersonals provoziert. Im Gegensatz zum Fußball, wo der Schiri die Folgen seiner Verweigerung nicht zu tragen hat, bleibt in unserem Fall die Wiedergutmachung an der Chefin hängen.
Andererseits muss man ihr zugute halten, das sie heute Nacht eine neue Herausforderung zu bewältigen hatte, die ihr den Schlaf raubte und die Neigung zu ungestörter Bettlägerigkeit steigerte: Kater Bandit Rossi hatte beschlossen, den Anfeindungen der jungen Mutter zum Trotz und auf G-Deih und Verderb, bei der Chefin zu schlafen. Das macht er sonst nie! Aber heute besteht er darauf, liegt auf ihr, quetscht sich zwischen ihren Rücken und die Sofawand, schnurrt lauthals, wenn sich Fianna nähert, kontert jeden Rauswurf mit sofortiger Neueroberung und raubt ihr das bisschen Schlaf, das sie sich seit gestern erobert hatte. Wer will ihr verübeln, dass sie dann nicht auch noch den vermeintlich betrügerischen Hilferufen der bedrängten Mutter Folge leisten wollte.
Die morgendliche Temperaturmessung mit 38,5° C lässt die Dinge aber wieder in freundlichem Licht erscheinen. Das anschließende Gewichtsprotokoll unterstützt die gute Stimmung weiter: Girgl +30 (570), Gustl +50 (560), Gruschel +30 (490), Greta +50 (480), Grappa +30 (550), Greco +30 (500), Gundel +90 (570) [Anm. d. Verf.: Heiliger Strohsack!], Gosh +50 (570), Gaudi +20 (450), Gamba +50 (570) und Grille +30 (550). Diesmal sind es bereits 460 g, die das gesamte G-Schwader zugenommen hat. Nur der zarte Gaudi hängt mit seiner Performance etwas hinterher. Dabei ist er fit und putzmunter, aber vielleicht ein kleiner Träumer. Wir sollten darauf achten, ihn an einen Platz zu vergeben, wo es keine Straßenbahn gibt, nicht dass ihm das gleiche Schicksal widerfährt wie seinem heimlichen Namensgeber Antoni Gaudí. Wenn man die Tabelle aber einmal anders liest, ist Gaudi voll im Plan, dann nämlich, wenn man die Zunahmen aller seit ihrer Geburt vergleicht. Dann sieht das nämlich so aus: Girgl +100, Gustl +100, Gruschel +70, Greta +70, Grappa +100, Greco +80, Gundel +70, Gosh +80, Gamba +70, Grille +70. Und Gaudi? +80! Wenn man mit 370 g ins Leben startet, hat man kräftig zu ackern, bis man zu den anderen aufschließen kann, zumal die keine Zitze freiwillig freimachen. Es gibt demnach keinen Grund dem Kleinen Schwächlichkeit zu unterstellen, sondern sollte ihm Anerkennung aussprechen, dass er sich zwischen all den Protzen behauptet.
Wenn man sich diese Gewichtsentwicklung anschaut, erklärt sich Fiannas Heißhunger und die Futtermengen, die sie verarbeitet. Heute wird sie es auf etwa 400 g Trockenfutter, 250 g gekochtes Hähnchen, 250 g Rind (immer mit Reis oder Flocken) und 250 g fetten Quark (gerne auch mit ein bis zwei Eigelb) bringen. Das ist die Größenordnung. Man sollte meinen, Fianna kugelt durch die Welt, aber davon kann keine Rede sein. Fianna hat zwar noch nicht wieder ihre alte Figur und ihr altes Gewicht, ist aber auf gutem Weg. Wenn sie wieder die Bewegung bekommt, die sie gewohnt ist, wird sie schnell wieder auf Normalmaß sein. Rückbildungsgymnastik braucht sie jedenfalls nicht.
| Datum | Vorne | Mitte | Hinten | Gewicht |
| 10.08. | 73 | 69 | 61 | 29,5 |
| 16.08. | 73 | 72 | 62 | |
| 24.08. | 75 | 78 | 67 | 33 |
| 27.08. | 77 | 83 | 73 | 34 |
| 31.08. | 78 | 84 | 74 | 35,3 |
| 05.09. | 78 | 87 | 77 | 37 |
| 09.09. | 78 | 90 | 82 | 38 |
| 12.09. | 79 | 95 | 83 | 38,5 |
| 18.09. | 78 | 80 | 78 | 31,5 |
Momentan hat die Versorgung der Welpen Vorrang, nicht die Modelfigur. Und deshalb braucht Fianna ordentlich was zwischen die Zähne; um einen Gewichtszuwachs von 460 g zu generieren, muss die Hündin etwa die doppelte Menge Milch produzieren, also rund einen Liter. Mit Schmalkost ist da kein Staat zu machen.
Nun kommt die Probe aufs Exempel: Was treibt die Jungmutter heute, wenn die Chefin wieder außer Haus ist? Antwort: Sie ist mit ganzem Herzen Mutter. Natürlich verlässt sie immer wieder die Schnullerkiste und gesellt sich zu ihrem Vize, aber heute verbringt sie viel Zeit bei ihren Kindern, und es ist ständig dieses zufriedene oink, oink, oink zu hören und das hektische Vibrieren der kleinen Schwänze zu beobachten, wenn sie sich die letzten süßen Reste aus der Quelle zuzeln, bevor diese wieder nachgeladen werden muss. Nun hat Fianna auch verstanden, dass es ihre Aufgabe ist, die Stoffwechselrückstände ihrer Kinder zu entsorgen, diese winzigen schwarzen Pinienkerne, deren Beseitigung sie sich von uns erhofft hatte. Und natürlich haben wir sie entfernt. Doch nun scheint ihr Mutterprogramm eine Warnung generiert zu haben: Achtung: Nicht vergessen, schwarze Pinienkerne zu entfernen! Und Fianna entfernt.
Sie hat ihre Rolle nun gefunden und akzeptiert. Zufrieden liegt sie bei ihren Welpen, jammert nicht durchs ganze Haus und steht nur noch selten mit sehnsüchtigem Blick zum Rhodo an der Terrassentür. Unter diesen Umständen muss man ja direkt befürchten, dass Gundel morgen 190 g zugenommen haben wird.
GrappaDoc
Grecoh zuvor müssen die Zwerge eine erste Heimsuchung über sich ergehen lassen: die erste Wurfabnahme. Dabei wird der Allgemeinzustand der Welpen, Haarkleid, Markenzeichnung und Pigment überprüft, auch ob sie Afterkrallen haben, ob der Nabel schön verwachsen ist und ob irgendwelche Auffälligkeiten oder Fehler zu verzeichnen sind. Wir vom Blues betrachten dieses Ereignis ein bisschen wie die Taufe, jedenfalls als hinlänglichen Anlass, eine kleine Feier daraus zu machen. Das gilt erst recht, wenn wir zu diesem Anlass lieben Besuch aus dem hohen Westen Deutschlands bekommen, aus Dormagen nämlich. Brigitte und ihr Mann Theo machen Urlaub in Bayern, was für ihn eine Auslandsreise ist und für sie eine temporäre Heimkehr. Brigitte ist die Vorgängerin der Chefin als Landesgruppenzuchtwart, bevor es sie, den Lockungen der Liebe folgend, an den Niederrhein zog. Und nun drängt es sie alle Jahre wieder in ihre Heimat und, wenn sie schon mal da ist, zur Abnahme des Wurfes beim Bairischen Blues. Da sagen wir nicht nein und freuen uns ganz sakrisch. Und nun ist sie also da und macht den ersten Welpen-TÜV zusammen mit Geli, die schon seit Beginn des Blues zum Stammpersonal des Blues-TÜV gehört.
Die Zeiten, als wir mit der Schilderung der Wurfabnahme noch Seiten füllen konnten, weil sich die Inspektorinnen beispielsweise nicht über die korrekte Beschreibung eines unübersehbaren weißen Flecks einigen konnten, sind schon seit Franzi überwiegend vorüber. Fiannas Elferrat ist in Sachen Spannung eine glatte Enttäuschung. Sie sind alle schwarzmarken mit bislang wenig Marken, gut genährt und so langweilig einheitlich, dass kein Personal der Welt ohne Farbmarkierung auskäme. Nur zwei zarte weiße Bruststrichlein (Gruschel, Grille) und ein Stecknadelkopf großes weißes Pünktchen (Gamba) durchbrechen das schwarze Einerlei, das den Fotografen vor die fast unlösbare Aufgabe stellt, seinem Autofocus einen Angriffspunkt im Dauerschwarz zu bieten.
Ist da jetzt was nicht in Ordnung an der Rute?Einzig
Gustl ist das auf jeden Fall sch...egalGustl verdächtigen die Normenkontrolleurinnen einer winzigen Unregelmäßigkeit an der Rutenspitze. Alle Hände mustern sein zartes Schwanzende, aber richtig sicher sind sie sich nicht. Es wird ein Verdacht protokolliert. Ob der Verdacht ein Mangel oder Zuchtausschluss wird oder sich gar verwächst, müssen wir abwarten. Für Gustl selbst wäre ein solch kleiner Makel ohne Belang. Da können wir entspannt und gelassen bleiben. Und sonst gibt es einfach nichts zu bemäkeln: Fianna hat die Kleinen bestens abgenabelt und alles ist sauber verheilt, Afterkrallen haben wir auch wieder keine... Ja, was will man da klagen? Gratulation an die Eltern. Und wie sich die Marken entwickeln, werden wir abwarten müssen und interessiert beobachten.
Eine "Taufe" geht natürlich nicht ohne die traditionellen Begleitumstände ab; dazu gehört das Taufritual, das wir in Gestalt einer Runde Champagner lieber an uns selber vornehmen, anstatt die Welpen zu wässern, und ein Taufmahl, das mit langen Gesprächen in die Nacht reicht - dangling conversation. Man wünschte sich, dass solche Abende nicht enden wollten. Danke Brigitte, Geli und Theo.
Die Kleinen stecken ihre Taufe (wer will, kann es auch Jugendweihe nennen) bestens weg, sind überhaupt sehr gelassen und ziemlich stressfrei, und auch Fianna lässt die Manipulationen an ihren Kindern nach anfänglichem Misstrauen anstandslos geschehen; sie ist dabei, lässt sich nichts entgehen und niemanden aus den Augen, lässt aber auch keinerlei Hektik oder Stress erkennen. Für eine Lehrlingsmutter ist das eine enorme Leistung. Die 38,8° C, auf die sie nachmittags wieder erhöht, mögen aber auf ihre innere Gespanntheit hindeuten.
Wie der Herr nachts im Bett liegt, kommt ihm, dass sie ja ganz vergessen hatten, jedem Zwerg einen Taufspruch mitzugeben, wie man das halt so macht (haben wir auch bisher nie gemacht, hätte man aber mal versuchen können). Nur: Elf Taufsprüche wäre eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr!“(Sprüche 6,6) wäre für den einen oder die andere vielleicht passend, aber wahrscheinlich nur schwer vermittelbar. Einer, dem eine Karriere auf dem Hundeplatz winkt, könnte man schon mal einen kleinen Vorgeschmack mitgeben: "Steh, Hund, steh oder ich forzier dich!" (Schmidt, Schule der Atheisten) wird aber mutmaßlich auch wenig Anklang beim Anhang finden. Besser wäre es wahrscheinlich ... allen elfen ... einen unverfänglichen Kollektivspruch ins Brevier zu schreiben ... mmmh ... ja, der vielleicht: "Sie säen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater ernährt sie doch" (Matth. 6, 26, 28 f). Gute Nacht, ihr zauberhaften, kleinen Schmarotzer. Auch wenn der himmlische Vater eigentlich immer schon eine Mutter war.
Samstag, 19. 09. 2015
Als der Vize morgens aus dem Schlafgemach tritt, begrüßt ihn ein klarer Frühherbstmorgen bei 8° C und den ersten Herbstnebeln auf den Wiesen und Feldern des Mangfalltals. Das zweite, das ihm auffällt ist ein Eintrag in Fiannas Temperaturkladde: 4:30 Uhr: 38,4° C. Die Temperatur ist natürlich sehr erfreulich, aber warum um 4:30 Uhr? Ist die Chefin nun zum präsenilen Bettflüchter geworden? Nein, meint sie, aber sie sei ja lernfähig und habe heute Fiannas Unruhe nicht als Vorspiegelung falscher Tatsachen missverstanden und sei deswegen mit ihr in die frische Samstagmorgennacht hinaus gegangen, habe sie ihr umfangreiches Geschäft verrichten lassen und anschließend die Gelegenheit zur Messung genutzt. Brav, denkt sich der Vize und macht sich bei dem einzig noch verbliebenen Wiegevorgang nützlich, indem er das Ergebnis aufschreibt. Immerhin. Bald wird es ohne seine Hilfe nicht mehr gehen, wenn hier morgens der Bär steppt und vier Hände eigentlich schon zu wenig sind.
Werfen wir also einen Blick auf die Kalorienverteilung. Die Fettbemme der Truppe ist Gamba mit 640 g, schlappe 70 g mehr als gestern (man müsste sei eigentlich in Gallone umtaufen). Aber die Jungs werden ihr schon noch den Rang ablaufen, da haben wir unsere Erfahrung gemacht. Irgendwann geht den jungen Himmelsstürmerinnen die Luft aus und werden überrundet. Gefolgt wird sie von Grille (also die beiden Letztgeborenen) mit 630 g und sogar 80 g Auflastung. Es folgen Girgl und Gosh mit jeweils 610 g (+40). Grappa hat sich mit zusätzlichen 50 g belastet und bringt 600 g auf die Waage. Gustl hat sich mit 30 g beschieden und somit die 600 um 10 g verpasst. Bei 580 g verharren Greco und Gundel. Was die beiden unterscheidet ist die Auflastung; Greco hat sich nämlich 80 g angefressen, Gundel nur 10. Gruschel wiegt 540 g, aber immerhin 50 g mehr, Greta 520 g (+40). Bleibt noch der tapfere Quixote von der Zapfsäule, Gaudi: 470 g (+20). Ihm spendieren wir ab sofort einen Tusch, wenn er sich eine Zitze erobert hat. Alle zusammen: 510 g plus. Das Durchschnittsgewicht beträgt 584 g, bei der Geburt waren es 444 g.
Seit gestern finden wir überall, wo Fianna sitzt oder liegt, klare rote Blutflecke; das bedeutet, dass sie sauber abblutet und Geburtsreste ausgespült sind. Da freut man sich, weil so kaum noch entzündliche Prozesse zu befürchten sind. Weniger schön, wenn auch völlig ungefährlich, sind Fiannas entzündete Lefzen. Auch sie entgeht nicht dem Schicksal ihrer Vorgängerinnen. Weil der Blasen- und Darmreflex der Welpen in diesem Alter noch nicht aktiv ist, muss die Mutter diese durch Lecken des Abdomens auslösen. Vor allem der dadurch ausgelöste Urin wirkt dabei ätzend auf die Haut. Dem begegnen wir in gewohnter Weise mit Bepanthensalbe.
Dass man auch mit entzündeten Lippen eine große Lippe riskieren kann, beweist Fianna, als die Nachbarskinder zu Besuch kommen. Die platzen schon seit Tagen vor Neugier. Sie haben Fianna mit ihrem Kugelbauch gesehen und nun als wieder Erschlankte, das lässt ihnen keine Ruhe. Sie belagern ihre Eltern so lange, bis die keine andere Wahl haben, als mal anzufragen, ob es denn nicht möglich wäre...? Natürlich machen wir das möglich, nicht dass die Kinder ihren Eltern den Schlaf rauben wie Fianna den ihrer Chefin. Weil es uns nicht entgangen ist, dass Fianna ein deutlich massiveres Verteidigungsverhalten hat, als ihre Vorgängerinnen, die ihre Kinder eher defensiv in Schutz genommen hatten, wird sie fürs Erste in die Hundedusche befördert, sonst schaffen es die drei Mangfalltaler Nachwuchsplattler gar nicht über die Schwelle. Die müssen nun ihre Schuhe ausziehen und die Hände mit Sterilium einreiben (anfassen gibt es trotzdem nicht, aber man weiß ja nie) und werden dann an die Schnullerbox geführt. Gaaanz groooße Kinderaugen für ganz kleine Hundekinder. Faszination. Ehrfurcht. Und unbändige Neugier. Alles wollen sie wissen, aber wirklich alles. Und als der erste Hype vorüber ist, bringen wir Fianna in die Küche und die Kinder aus der Schusslinie. Das klappt gut, allerdings nur unter markantem Brummen, Bellen und unmissverständlichem Drohen: Kommt mir und meinen Kindern bloß nicht zu nahe! Die Kinder sind sensationell, halten sich zurück, haben den nötigen Respekt ohne Angst, und so einigt man sich auf ein Stillhalteabkommen für ein paar Minuten. Fianna kennt diese Kinder natürlich sehr gut und kann sie gut leiden, was derzeit allerdings keine Gültigkeit hat, aber sie entspannt sich dadurch schnell und beschränkt sich aufs Überwachen jeglicher Aktivitäten, neben dem sich die NSA wie eine Agentur für Hobbydetektive ausnimmt. Vor allem die kindlichen Bewegungsmuster machen es Hunden schwer: Urplötzlich fährt ein Kinderarm mit ausgestrecktem Zeigefinger am Ende voller Enthusiasmus in die Kiste, um auf irgendeinen Fellzwerg aufmerksam zu machen, der gerade in seiner ganzen Tollpatschigkeit über die Decke rollt. Da sind die Augenblicke, wo der Finger leicht zum Angelhaken werden könnte, an dem ein ganzer Hund hängt. Aber wir haben Fianna und sie sich selbst bestens im Griff. Schon wieder können wir die Begeisterung über Fianna kaum zurückhalten. Sie bewacht ihre Kinder wie einst Alberich den Nibelungenhort, schätzt das tatsächliche Gefahrenpotential aber richtig ein. Und so sind alle über die Maßen zufrieden: Fianna, weil niemand ihr ein Kind gestohlen hat, die Kinder, weil sie nun Eindrücke für mindestens eine Woche zu verarbeiten haben und dabei lernten, dass auch einem Kuschelhund mit Respekt zu begegnen ist, die Eltern, weil sie vielleicht doch ruhig schlafen können und wir, weil Fianna in ihrer ersten Mutterschaft geradezu unheimlich souverän ist. Als die Bande draußen ist, nehmen wir sie in den Arm und verabreichen ihr den kläglichen Rest der Würstchenpackung. Der größere Teil ist der Aufrechterhaltung des Stillhalteabkommens zum Opfer gefallen.
Sonntag, 20. 09. 2015
Es ist stark bewölkt, Richtung Chiemgau stapeln sich die Wolken finster übereinander und es riecht schon nach Regen. So also sieht der Tag aus, an dem in Deutschland und Österreich der Weltkindertag gefeiert wird. Das hat Fiannas G-Schwader nicht verdient, Sonnenschein müsste sie umfangen, die lustigen Zitzenzuzler. Aber was will man machen? Vielleicht bleibt die Bescherung ja im Chiemgau hängen und verschont das Mangfalltal.
Was immer ihn heute bewogen hat, der Vize ist heute schon vor der Zeremonienmeisterin auf den Beinen. Zum Wiegen muss er sie dennoch aus dem Bettenberg locken, nicht, weil er zu dämlich ist, elf Welpen auf eine Babywaage zu legen, sondern weil sein alterndes Auge bei schummrigem Morgenlicht in der Küche außerstande ist, blau, grün und lila oszillierende Wachsmalfarben auf den Zwergen sicher auseinanderzuhalten. Klar, spätestens bei 700 g für Gaudi wäre er stutzig geworden, aber ein solches Näherungsverfahren erfüllt nicht seine Qualitätskriterien. Also wiegt das Leitduo um 7 Uhr gemeinsam (und restauriert bei Bedarf gleich die Anstriche der Kinder): Girgl (700, +90), Gustl (660, +70), Gruschel (570, +30), Greta (550, +30), Grappa (640, +40), Greco (650, +70), Gundel (620, +40), Gosh (640, +30), Gaudi (530, +60), Gamba (650, +10), Grille (640.+10). Was haben wir gesagt? Die Dickmatronen (Gamba & Grille) schwächeln schon, wie prophezeit, oder es wird ihnen von gestern noch schlecht, wenn sie nur an fette Milch denken. Und der Gaudi-Bursch hat die Gelegenheit genutzt und sich in die Bresche geschmissen. Der hat das Herz am rechten Fleck. Alle zusammen haben seit gestern 480 g zugenommen.
Heute müssen wir unsere Großfamilie erstmals für einige Zeit alleine lassen, weil wir nach Siegertsbrunn (ca. 25 km) müssen, um für die dort anberaumte Nachzuchtbeurteilung (NZB) etwas für die Verköstigung zu liefern. Aber eigentlich geht es gar nicht um das leibliche Wohl der Teilnehmer, sondern darum, die Neugier ein bisschen zu befriedigen und ein paar liebe Menschen zu begrüßen. Lange können wir eh nicht. Und so kommt es dann auch: Um halb neun fahren wir los und gegen halb zwölf sind wir wieder zurück. Und was finden wir vor? Eine brave Fianna, die gerade aus der Kiste gestiegen ist, um uns zu begrüßen. Auf die kleine Schwarze ist eben Verlass.
Nachmittags macht sich dann so eine Art sonntäglicher Ruhe breit beim Blues, die nur durch das Quietschen und Oink Oink Oink der Welpen gebrochen wird. Und die Chefin hat auch noch eine Sternstunde, als sie mit Fianna gerade noch rechtzeitig von einem Ausgang zurückkehrt, bevor sie einem schwalligen Wolkenbruch zu Opfer gefallen wäre. Das war eine Punktlandung, andernfalls hätte sie der Vize mitsamt ihrer Hündin in der Hundedusche zum Trocknen aufhängen müssen.
Besuch von Miss PiggyAm frühen Abend liefern Rita, Hummel und Chilli übrige Kürbissuppe und Zwiebelkuchen von der NZB ab, damit der Blues nicht Hungers stirbt. Hummel und Rita gehören praktisch zum Stammpersonal des Blues und Chilli, Anouktochter, ist eine von Fiannas Busenfreundinnen, die unter normalen Umständen alles darf und mit der sie sich blind versteht. Jetzt wird sich zeigen, wie die Mama auf Herzensfreundinnen reagiert, die sich auf ihre Welpen stürzen, denn dass sich Chilli auf sie stürzen wird, steht außer Zweifel, schließlich ist auch sie zweifache Mutter und in Welpenangelegenheiten mindestens so gaga wie ihre Mutter. Chilli mutiert beim Anblick von Welpen innerhalb Sekunden zum Sternwerfer und verteilt Herzchen wie die Perseiden Sternschnuppen. Und so kommt es auch. Die Tür geht auf, Fianna stürzt sich hinaus, um Hummel und Rita zu begrüßen, währenddessen Chilli den einzigen, winzigen unbeobachteten Augenblick des Begrüßungshallos nutzt und klammheimlich wie ein Grippevirus ins Haus schlüpft, um die Welpen in Besitz zu nehmen. Die wusste schon lange, dass es da etwas zu feiern gibt - und jetzt ist die Gelegenheit. Schon steht sie mit allen Beinen in der Schnullerbox und nimmt die zweite Wurfabnahme innerhalb von zwei Tagen vor. Küsschen links und Küsschen rechts, oooch wie süüüß, ogottogott, Elfenherz und Sternenstaub, sind die herzig... Dem Vize, der gerade in der Küche beschäftigt ist und von dem Überfall überrumpelt wird, rutscht das Herz in den Pantoffel: Wenn jetzt die strenge Mutter kommt und diese freundliche Übernahme vielleicht doch als unfreundlich einstuft, könnte aus der Busenfreundschaft eine sehr herzhafte Stammtischschwesternschaft werden. Der Vize stürzt sich zur Schnullerbox und versucht Chilli zu überzeugen, wenigstens den Laufstall zu verlassen, damit es nicht schon auf den ersten Blick aussieht wie der Raub der Sabinerinnen. Und da kommt sie schon, die Mutter, trippelnd und tänzelnd schwebt sie mit ihrem neu geschenkten Knautschschwein im Maul von einem zur anderen, drängt jeden zur Begutachtung der neuen Errungenschaft und nötigt uns ein "tolles Schwein" und "ja, was hast du denn für ein feines Schwein?" ab, klagt dazu eine beschwörende Streicheleinheit ein - und schert sich einen Müll um Chilli, die drauf und dran ist, sich nieder- und die Milchproduktion anzuwerfen (bis ihr einfällt, dass sie gerade erst eine Brust-OP hinter sich gebracht hat). Kurz: Chilli darf alles und Fianna vertraut ihr blind, die gleiche Chilli, der sie während der Schwangerschaft die Leviten gelesen hatte, um ihr beizubiegen, dass die Verhältnisse sich nun zu ihren Gunsten gewandelt hätten. In den Staub musste die alte Dame, und nun liegt sie wieder, aber nicht im Staub, sondern bei Fiannas Kindern und darf sie mit Herzchen überschütten. Und Fianna befindet, dass das Schwein genug bewundert wurde und jetzt einen Platz bei Chilli und den Kindern verdient hat. So bekommt der Begriff Gastgeschenk eine neue Bedeutung: ein Geschenk an den lieben Gast. Offenbar hat sie nie zugehört, wenn wir uns mit Abscheu gegen Welpenaufzucht im Schweinekoben ausgesprochen haben. Nur schwer ist Chilli loszueisen, und Fianna winkt der Nanni hinterher. Herz, steh uns bei.
Montag, 21. 09. 2015
Nach der Gewichts-Hausse der letzten Tage, haben sich die Kleinen heute etwas zurückgehalten. Vielleicht liegt es daran, dass heute der siebte Tag ist, an dem man ruhen sollte (aber das hatten wir ja schon einmal thematisiert). Ziemlich genau jetzt, um 5 Uhr vor einer Woche, erblickte der Gaudi-Bursch das Licht der Welt. Dann schau mer mal: Gaudi 570 (+40). Tusch! 200g hat er zugenommen in sieben Tagen. Und nun die zehnfache Gegenprobe: Girgl +10, Gustl +0, Gruschel +70, Greta +60 (Weiberaufstand?), Grappa +40 (die geht ihren Weg schnurgerade), Greco +30, Gundel +40, Gosh +nix, Gamba +10, Grille +40, total 340.
6 Uhr und auf den Wiesen und Feldern des Mangfalltals lastet ein fetter Nebel. Da spürt der Vize erstmals dieses Adventsgefühl aufsteigen, diese unbestimmte Sehnsucht nach Lebkuchen und Pfeffernüssen, er, der unnachgiebig die Lebkuchenflut bereits zum Schulbeginn geißelt. Nicht vor dem 1. Advent! Nein, wir feiern den 1. Advent zusammen mit den kleinen Randalen und dann bekommen die alle so viel Lebkuchen, bis sie platzen. Und alle angebissenen und verschmähten entsorgt der Vize. So soll es sein. Heute ist 21. September und der 1. Advent ist noch weit. Gottseidank.
Um 6:30 Uhr messen wir Fiannas Temperatur: 38,3° C. Das ist ausgezeichnet. Wir beschließen, die Temperaturmessungen jetzt einzustellen.
Nachdem der Nebel sich vom Acker gemacht hat, strahlt das Mangfalltal in ungetrübtem blauen Glanz. Da muss der Vize mit seiner Herzenshündin mittags hinaus ins Grüne, Glieder ausschütteln, Sonne tanken und Bälle jagen; der Eifer wäre noch ungebrochen bei Fianna, sie wird sogar schon wieder handgreiflich, wenn der Ball nicht kommt, wie sie sich das vorstellt - aber das Tempo hat doch etwas gelitten. Deswegen gehen wir auch in den bunten Früherbst hinaus und machen Rückbildungsgymnastik nach Art des Hauses.
Ums Tempo geht es bei den Kindern noch nicht, aber die ersten machen schon so etwas wie Gehversuche und stemmen sich hoch auf ihren Matschbeinen. Dabei kommen sie schon recht flott, aber nicht unfallfrei voran in ihrer Bretterbude. Bautz! Da liegt man auf der Nase und schon muss man sich wieder hochrappeln und einen neuen Versuch starten. Das ganze Prinzip des Lebens auf anderthalb Quadratmetern.
Nun hat Fiannas G-Schwader schon sieben ganze Lebenstage auf dem Buckel. Innerhalb der nächsten sieben Tage werden die meisten die Augen öffnen, aus der Kiste abhauen und ihre erste Nagelpflege erhalten. Das Leben spitzt sich zu, greift um sich und schafft sich Raum. Wir werden uns kein Stück davon entgehen lassen.