Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Oliva, Camping Azul

Mittwoch, 12.1.2022

8 Uhr, 8 °C, keine Wolke weit und breit. Gleich ein paar Meter weiter gibt es einen Supermercado, der eher ein Minimercado ist. Hier findet man das Notwendigste, Wasser, Bier, Cola, Spaghetti, Butter, Thunfischdosen, Tomatensoße, so was eben und auch Frühstück. Wir holen uns ein Rustica (ein kräftigeres Baguette) und zwei Croissants. Das Rustica schlägt mit 1,20 € zu Buche und die zwei Croissants zusammen mit 1,80 €, was ein Frühstück für 3 € ergibt und der finanziellen Wiedergutmachung sehr entgegenkommt.  

Wir haben heute nichts vor, außer Hunde ausführen, nichts tun und Doku schreiben, die in den vergangen Tagen etwas zu kurz gekommen ist. Ein solcher Tag ist aber auch geradezu geschaffen, sich in der Nachbarschaft umzusehen. Wie gestern schon gesehen, residieren hier fast ausschließlich Deutsche. Links von uns die schon erwähnten zugereisten Rosenheimer, mit einer rot-weißen Katze im Gepäck, die nach unseren Berichten sofort für zwei Tage bei Joeri und Audrey buchen, weil auch sie sich gefragt haben, wie sie Valéncia angehen sollen. Die Sache mit der Fahrradbesichtigung kommt ihnen sehr entgegen, zumal sie zwei hochklassige und sündteure E-Bikes dabeihaben. Rechts residiert seit Anfang November eine fast alleinreisende Cuxhavenerin, die gerne mal in ihrer Tür sitzt und ein Zigarettchen raucht und nur von einer etwas schwerfälligen (11 Jahre) Labradeuse begleitet, die für jeden Spaziergang eine Sondereinladung braucht und ihn auch dann nur mit einem Teddy im Maul absolviert. Diesen Teddy haben wir nachmittags am Strand gefunden und ihn ihr zurückgebracht. Offensichtlich hat sie ihn verloren und nicht wieder gefunden. Einem Hovawart wäre das nicht passiert. Schwaben aus Biberach sind ebenfalls vertreten (weil Schwaben überall anzutreffen sind), die immer auf ein kurzes Rätschle bei uns Halt machen, was dem allfälligen Info-Austausch zugutekommt. Eine ebenfalls alleinreisende Holländerin würde niemandem auffallen, wenn sie nicht mit ihrem roten Mercedestransporter angenehm zwischen all den weißen und grauen Campern hervorstechen würde und das markanteste Triebwerk hätte. Der Erlanger hinter uns weiß vermutlich immer noch nicht, wo der Müll steht und ob man dort trennt, weil er ständig mit dem Rennrad unterwegs ist. Oder die Franzosen, uns gegenüber, die ihr vielleicht zehnpfündiges Mixhündchen nach dem Spaziergang mal eben kurz auf die Arme nehmen, auf den Rücken drehen, ihm die Pfötchen abstauben und in den Pilote verfrachten. Da kommt dann schon etwas Neid auf, nicht nur weil man dreißig Kilo Hovawart nicht einfach hochhebt und auf den Rücken dreht, sondern weil schon in der Rute eines unserer Mädels mehr Sand hängt als im ganzen Piloten-Zwerg. Ein großer Teil des Platzes ist fest in westfälischer und niedersächsischer Hand, ein erweitertes Familientreffen, wie wir erfahren. Alte weiße Männer mit ebensolchen schlohweißen Mähnen und Bärten mit ihren unauffälligen Begleiterinnen (Typ: Catweazle und Betty Geröllheimer), alle zusammen deutlich in die Jahre gekommen, Aussteiger, Weltenbummler, Biker. In leeren Parzellen stapeln sich Bikes, Trikes und Quatros, dazwischen dösen ihre stolzen Besitzer. Wer nun denkt, hier geht es zu wie auf einem Schützenfest, der irrt. Die Gesellschaft ist unauffällig, umgänglich, unlaut und fiele gar nicht auf, wenn sie nicht optisch aus dem Rahmen fiele. Dauerreisende einfach, die auf ihren Touren offenbar auch die Vorzüge von Camping Azul schätzen gelernt haben, weswegen sie (vorerst) schon mal bis zum 29. Januar gebucht haben. Weniger angenehm sind die vielen Hundebesitzer, die ihre Lieblinge einfach nicht an der Leine führen wollen, obwohl das hier, wie auf allen Campingplätzen, vorgeschrieben ist. Fifis, die überall hin trotteln und distanzlos in jeder Parzelle mal Guten Tag sagen wollen. Das finden unsere Mädels zum Speien, aber sie arrangieren sich notgedrungen, aber widerstrebend und halten sich zurück. Diese Sorte Hundebesitzer ist eine echte Landplage.  

Nachmittags flanieren plötzlich unsere Bornaer aus der Bodega bei uns vorbei, die sich im direkt anschließenden Euro Camping niedergelassen haben. Als sie sich bei uns umsehen, können sie ihren aufkeimenden Neid nur schwer verbergen. Euro Camping ist viel größer als Azul, hat aber noch weitere ernst zu nehmende Nachteile. Der größte Teil des Platzes ist nicht parzelliert, sodass alle eng wie auf einem Stellplatz nebeneinanderstehen. Privatsphäre wird da klein geschrieben. Außerdem fehlen dort die Bäume, was sich in der Community schnell herumgesprochen hat und die Herrschaften mit den ganz großen Schlitten und Linern anzieht. Würden sie Azul ansteuern, blieben sie sicher in der lausig engen Zufahrt stecken, aber spätestens beim Versuch in eine Parzelle zu rangieren, würden sie sich das teure Dach wegskalpieren. Also logieren die Luxusliner breit und bräsig bei Euro Camping und nehmen den Normalos auch noch die Sonne weg. Man tut eben gut daran, auf die Tipps von guten Freunden zu hören. Wir sind jedenfalls herzlich dankbar dafür. Wer weiß, vielleicht hätten wir uns auch dort drüben eingeschrieben, ohne zu wissen, wie lauschig es gleich wenige Meter weiter nördlich zugeht.  

Wer auf Gesellschaft wert legt, kann sich in einer kleinen Bretterbude, die sich stolz Bar nennt, auf einen Plausch bei Kaffee, Bier und Tapas zusammensetzen. Auch dort geht es gesittet zu, keine Spur von Ballermann. Der Vollständigkeit halber darf nicht unterschlagen werden, dass auch der Sanitärbereich in Azul großzügig, gepflegt und sauber ist, trotz der Corona-Abstands-Vorschriften reichlich Spülbecken fürs Geschirr vorhanden sind und auch Waschmaschinen und Trockner auf Befüllung warten. Was will man mehr? Dass ein Vollpfosten seine Toilettenkassette mit dem Trinkwasserschlauch reinigt, liegt wirklich nicht in der Verantwortung der Betreiber...  

Wenn man kaum etwas getan hat, sollte man auch bei der Nahrungsaufnahme Zurückhaltung walten lassen. Deswegen holen wir uns zwei aus dem heimischen Bestand mitgebrachte Salsiccias mit Fenchel aus dem Gefrierfach, bereiten mit ihnen eine Soße aus Zwiebeln, Paprika, Zucchini und restlichem Saint Agur, schütten sie über frische Strozzapreti und haben ein perfektes Abendessen auf dem Tisch, das auch noch unserer Sparneigung ideal gerecht wird.  

Um 23 Uhr erwarten wir von diesem Tag nichts mehr, registrieren fast wolkenlose 10 °C und keinen Wind. Aber das Meer donnert unermüdlich ans Ufer und rauscht und schäumt.  

Morgens am Strand
Kleine Trainingseinheit, um die Kleine auszulasten
Blick nach Denia
und Fianna hat eine Strand-buddel-Nase
Morgenspaziergang
Oliva, Camping Azul
Oliva, Camping Azul