Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Ronda

Ronda

Freitag, 11.2.2022

Wir überspringen den Donnerstag (10.2.) mit lockerem Schwung, weil er nicht viel mehr bietet als 24 ereignislose Stunden, von denen wir mindestens zehn verschlafen haben.  

Der holländische Reisetrupp ist gestern abgereist, was etwa Ruhe auf den Platz brachte, weil Holländer zwar meist sehr sympathische, aber auch ziemlich laute Mitmenschen sein können. In dieser Hinsicht müssen sie sich vor Spaniern nicht verstecken. Zwischen 12 und 14 Uhr nahm die Dogwalkerung ihre Schutzbefohlenen auf Wanderschaft mit, während der Chronist an seiner Dokumentation feilte. Der Rest des Tages wurde zum Waschtag deklariert. Abends kamen Thunfischsteaks auf den Grill, begleitet von Bratkartoffeln aus dem Omnia und gegrillten Pimientos. Und um 23:30 Uhr war der Donnerstag all over, Baby blue. Was soll man darüber mehr berichten?  

Heute dringt schon um 9 Uhr klares andalusisches Licht durch die Franzentür und weht uns eine frische Brise mit 10 °C in die Stube. Nach dem Morgenspaziergang und dem Frühstück fahren wir mit den Rädern nach Ronda zur zweiten Auflage des Ronda-Sightseeings. Die Fahrt in die Stadt hinein geht fix und wie der Wind geschwind – weil es fast nur bergab geht. Der Chronist blickt sich immer wieder schmerzlich über die Schulter und möchte nur ungern an den unvermeidlichen Aufstieg bei der Rückfahrt denken: Wir haben keine E-Bikes, wir haben Kurbelräder des Baujahrs 1995.  

Am Ortseingang, an der Puerta de Almocábar, stellen wir die Räder ab und halten uns östlich, unterhalb der Stadt und gehen nach Norden. Hier, etwas abseits der touristischen Rennstrecken, finden wir noch ein etwas ursprünglicheres Ronda, etwa die maurischen Bäder (Baños Arabes), auf die wir von außen einen Blick werfen und die uns die eigentliche Tragik Rondas schmerzlich vor Augen führen: Es ist nichts mehr übrig aus der maurischen Zeit, die katholischen Spanier haben fast alles Alte nach der Rückeroberung zerstört. Das ist es, was Ronda so flach und oberflächlich macht: Es fehlt die historische Tiefe. Wer es fühlen will, kann es fühlen.  

Wir steigen dann in die Stadt hoch, passieren dabei einige wirklich charmante Flecken, Treppen und Passagen, die unser Gefallen finden, doch bald sind wir wieder dort, von wo wir gestern schnell Reißaus genommen haben, im Zentrum. Der Spaziergang ist heute ein wenig angenehmer, was daran liegt, dass die Regierung gestern die Maskenpflicht im Freien wegen Covid aufgehoben hat, weswegen man nun viel freier atmen kann. Selbst die Polizisten, ganz maskenfrei unterwegs und scheinen die neue Freiheit uneingeschränkt zu genießen.  

Durch das Zentrum und über den Puente Nuevo hinweg gehen wir nun in den Norden der Stadt, den wir gestern vernachlässigt hatten. Die Reiseleiterin braucht eine neue Handy-Hülle, dafür gibt es mindestens fünf Shops auf zweihundert Metern, klar irgendwo müssen die Leute ihre Selfie-Sticks kaufen können, die sie sich und anderen unentwegt vor die Nase halten. Die Reiseleiterin sucht seit Beginn unserer Reise Crocs, jene praktischen wie komplett hässlichen Plastikschuhe, findet sie aber nirgends, auch nicht bei Decathlon und anderen Sport- und Freizeitausrüstern, aber von diesen Läden findet sie einen nach dem anderen in Ronda. Wir haben es bereits erwähnt: Es ist alles im Angebot, was man überall im Übermaß vorfindet, die Innenstädte verunstaltet und jeden Stadtspaziergang zum modernistischen Ramschmarktbesuch macht. In diesen geschändeten Innenstädten fühlt sich der Chronist an seine Jugend erinnert, als man diese kahlschlug, die alten Häuser plattmachte, Sprossenfenster durch Fensterlöcher ersetzte, den Verkehr aussperrte, Supermärkte und Kaufhäuser inthronisierte und die neue Glasfassadenmeile stolz als Fußgängerzone verkaufte. In Ronda kommen dann eben noch die Fresstempel hinzu, die sich mittels Außenpersonal um die Kunden balgen. 

Durch diese Kommerzmeile gelangen wir schließlich zur Stierkampfarena und sind dort tatsächlich an einem denkwürdigen Ort, nicht nur für Ronda, sondern für ganz Spanien. Hier steht eine der ältesten und schönsten Stierkampfarenen der Welt, und ihre Anlage gilt als Vorlage für die meisten Arenen der Welt. Darüber hinaus wurde hier in Ronda jener Stilkampfstil entwickelt, wie er heute in der ganzen Welt gepflegt wird. Es war Pedro Romero, der bereits Ende des 18. Jh. den Stierkampfstil entwickelte, den wir heute kennen: den Kampf des Toreros zu Fuß und nicht mehr vom Pferd aus, den Gebrauch des Tuchs sowie die manierierten und teilweise artistischen Posen. Bei seinem Rückzug im Jahre 1799 soll er über 5500 Stiere getötet haben. Seinen letzten Stierkampf bestritt er im Jahre 1831 im Alter von 77 Jahren zu Ehren von Königin Isabella II.  

Wir finden, so etwas darf man wissen, wenn man vor einem historischen Gebäude steht, auch wenn man den Stierkampf in der traditionellen Form ablehnt und es ihn möglicherweise auch in Spanien bald nicht mehr geben wird. Sogar in Ronda, der Wiege des Stierkampfs, finden kaum noch Kämpfe statt, oft nur am ersten Wochenende im September, wenn in Ronda die Fiesta de Pedro Romero gefeiert wird. Außer an Stierkampftagen ist die Arena täglich für Besucher geöffnet. Im Museum bekommt man einen Überblick über die Geschichte des Stierkampfs, kann originale Matadorenkostüme bestaunen oder belächeln. Aber auch einige Kunstwerke von Picasso sind hier ausgestellt. Wir finden, dass uns 8 € dafür zu viel sind (9,50 € mit Audioguide), wenn wir sogar für die Kathedrale in Sevilla kaum mehr bezahlt haben. Später erfahren wir, dass EU-Bürger montags bis mittwochs an ein bis zwei Stunden vormittags kostenlosen Einlass haben. Aber heute ist Freitag und die Wahrscheinlichkeit, dass wir es vormittags bis 10 Uhr schaffen, egal an welchem Tag, ist eher gering. Und wir haben auch kein Verlustgefühl bei der Vorstellung, die Arena und ihre Schätze nicht gesehen zu haben.  

Wir machen uns auf den Heimweg, den der Chronist kaum weniger fürchtet als eine spontane Begegnung mit einem aufgebrachten Bullen. Es geht bergauf, immer bergauf, anfangs hat er noch Kapazitäten auf dem kleinsten Zahnkranz frei, aber dann ist er am Anschlag und muss den Rest, nur noch rund dreihundert Meter, zu Fuß zurücklegen. Er schiebt es auf die zu hohe Anfangsgeschwindigkeit, weil die Bicyclette hinter ihm durchzieht, ächzend zwar, aber durchsteht und grußlos an ihm vorüberzieht. Das Alter hat zauberhafte Tage, aber auch desillusionierende. In solchen Fällen hilft es auch nicht weiter, wenn sich am Straßenrand der Frühling in aller Pracht und voller Hohn entfaltet, wenn die Bäume mit Blüten um sich werfen und der Ginster gelbe Knospen zeigt; für den geschundenen Radfahrer sind das nichts als Eiterbläschen auf seinem Hinterteil. Aber immerhin nimmt er den Duft des Frühlings als Geschenk jenes Himmels wahr, dem er sonst nur unter Vorbehalt über den Weg traut.

Um 15 Uhr sind wir zurück, es hat schmeichelnde 18 °C bei einem makellosen Himmel, und wir machen uns einen Kaffee und stärken uns mit Süßkraft. Während wir uns auf diese Weis von der Qual der Gangwahl erholen, richtet sich auf dem Platz neben uns, wo bis gestern noch ein Herdenholländer stand, ein kurz und knapper Bürstner Lyseo mit Gießener Kennzeichen ein. An dieser Stelle ist es angebracht, ein klärendes Wort zur Anlage des Campingplatzes zu verlieren, der nicht nur eine besonders originelle Rezeptionistin aufzuweisen hat, sondern auch eine charmante Organisation. Weil der gesamte Platz Hanglage hat, sind die gekiesten und mit Olivenbäumen bestückten Parzellen treppenartig übereinander angelegt, jeweils auf beiden Seiten der Fahrwege. Das bedeutet, dass immer der Höhergelegene seinem darunterliegenden Nachbarn aufs Haupt spucken könnte, wenn er denn wollte, aber das wollen wir natürlich nicht. Wir haben dem Holländer nicht aufs Haupt gespuckt und sehen keinen Anlass, den Gießenern aufs Haupt zu spucken. Nachdem wir von dem Neubezug leidenschaftslos Kenntnis genommen haben, entschließt sich die Dogwalkerin zu einem Dogwalk und der Chronist zum Hausputz.  

Und nun passiert etwas, was selbst den Berufsatheisten an eine fügende und manipulierende Hand aus dem Jenseits glauben lässt. Als die Walkerin mit ihren Mädels um die Nase unseres Franz' biegt, tritt Frau Bürstner aus ihrem Gefährt und fragt: „Flat Coated?" Für Nichteingeweihte: Gemeint sind Flat Coated Retriever. Die Spaziergängerin antwortet: „Nö, Hovawarte." Darauf Frau Bürstner: „So einen haben wir auch an Bord, einen Rüden. Mädchen?" Darauf die Spaziergängerin: „Ja, eine davon in der Standhitze." Diese Ansage scheint Frau Bürstner an den Rand eines Fluchtversuchs zu treiben, der sich aber auf den Wiedereintritt in ihr Fahrzeug beschränkt. Wer sich jetzt fragt, ob sich Frau Bürstner am kleinformatigen Lyseo zu oft den Kopf gestoßen hat, weil sie selbst einen Hovawart besitzt, ihn aber in unseren Mädels nicht wiedererkennt, sollte auf die Antwort noch einen Augenblick warten, wie dies auch der Chronist tun musste. Damit ist nämlich der erste Teil dieser schicksalhaften Fügung von Ronda abgeschlossen.  

Ludo

Der zweite Teil bahnt sich an, als der Chronist, seiner Putzverpflichtung nachkommend, kopfüber in seinem Putzkämmerchen im Franzenheck herumkramt, als ihn plötzlich die Stimme von Herrn Bürstner aus seiner Konzentration reißt: „Sie haben aber ein tolles Ordnungssystem." Gemeint ist unser Regallager. „Ja, find ich auch." Und dann beginnt ein kleiner Exkurs über Ordnungssysteme, über Vor- und Nachteile von großen und kleinen Fahrzeugen bis hin zu Ausschweifungen über Hubbetten, getrennte Betten und französische Betten, kurz: Der Chronist ist vom Putzen ins Plaudern gekommen oder hat übers Plaudern das Putzen vergessen. Schon diese Wendung macht aus der Begegnung eine Fügung, weil der Chronist lieber einen halben Tag putzt, als dass er eine halbe Stunde plaudert. Gemeint ist der zwischenparzellige Smalltalk, den die Reiseleiterin wie kaum eine Zweite beherrscht, dem Chronisten aber reine Zeitverschwendung ist, weshalb er dann doch lieber putzt. Doch hier plaudert er, was kein Smalltalk ist, auf dem Trennmäuerchen hockend mit Herr und Frau Bürstner, während der erwähnte Rüde aus dem Lyseo entlassen wird, großrahmig und pechschwarz und als Ludo vorgestellt wird. Nach ihm kullert eine weißgraue Mixdame aus dem Fahrzeug, die sich als Elsa vorstellt und nicht weiter um ihn kümmert, anders als Ludo, der eine sehr lange Nase schiebt.  

Nun kommt die Walkerin mit ihren Mädels zurück und Ludo weiß um seine Bestimmung als Mann, jedenfalls macht er Anstalten, den Lyseo auf unsere Ebene hochzuziehen. Das funktioniert erwartungsgemäß nicht und Ludo wird sicherheitshalber wieder kaserniert. Jetzt weitet sich die Plauderei aus, weil die Walkerin nun den Hauptteil bestreitet, und so erfahren wir, dass Ludo acht Jahre, Elsa bereits zwölf Jahre ist, und man springt vom Ästlein zum Zweiglein und vom Stöckchen zum Stock. Hovawartbesitzern geht der Stoff nicht aus. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir nun auch, wie es kam, dass Frau Bürstner unsere Mädels als Flat Coated abfragte. Das käme daher, dass sie bei der Frage „Hovawart? oft die Antwort „Nein, Flat Coated" bekommen habe. Deshalb steige sie nun grundsätzlich niederschwelliger ein. Das macht Sinn.  

Als wir zur Einsicht kommen, dass wir nicht stundenlang draußen herumstehen können, stellt Frau Bürstner die naheliegendste aller naheliegenden Fragen: „Wisst ihr," wir sind längst beim Du angekommen, „wo man in Ronda gut essen kann?" „Vergiss Ronda, hier im Lokal kann man gut essen." Das überzeugt unser Gegenüber so, dass wir fragen, ob wir gemeinsam gehen sollten, und als die Frage mit großer Zustimmung beantwortet wird, flitzt die Reiseleiterin sofort los, um für 20 Uhr einen Tisch zu reservieren.  

Und so geschieht es, dass vier Reisende einen so harmonischen Abend gemeinsam bei hochgelobtem Speis und Trank verleben, wie man es selten findet. Über die Menüfolge verbreiten wir uns diesmal nicht, weil es unter diesen Umständen recht unerheblich ist, nur die schlussendliche Eistorte mit befeuertem Whisky soll extra erwähnt werden.  

Es braucht keiner besonderen Erwähnung, dass Herr und Frau Bürstner, die natürlich einen anderen Namen tragen und von uns zukünftig und der Einfachheit halber kurz Konni und Wolfgang genannt werden, den Eindruck gewinnen, dass die Dogwalkerin über sehr viel Hundeverstand und Hovawartwissen verfügt. Und so fragen sie, fragen tiefer und bohren nach, und die Hundeversteherin gibt alles und davon ihr Bestes. Bei diesem Frage- und Antwortspiel kommt zwangsläufig auch die Frage nach Ludos Abstammung auf, von der Konni und Wolfgang nichts wissen. Sie hätten ihn als „Gebrauchthund" im Alter von zwei Jahren bekommen, aber die mitgelieferten Papiere nicht weiter beachtet, weil es ihnen egal war, ob das ein offiziell gezüchteter Rassehund oder eine Straßenwachtel war; sie fanden ihn toll und schlossen ihn in ihre Herzen, obwohl er von Anbeginn keinen Zweifel daran ließ, dass er ein waschechter Hovawart ist, und ihnen manche Kopfnuss bereitete. Das musste genug sein, mehr wissen war für sie nicht nötig. Doch nun, unter diesen Umständen... So geht das Frage- und Antwortspiel in die Tiefe, irgendwelche dunkel erinnerte Namen fliegen hin und her und am Ende zückt die Zuchtwartin ihr Handy, steigt in die Tiefen ihrer Datenbank, und verkündet den beiden, dass ihr Ludo offiziell Lennox heißt und liefert ihnen auch noch seinen Geburtstag. Der Zwinger, dem er entstammt, unterliegt dem Datenschutz. Jetzt sind die beiden komplett geplättet und von Begeisterung überwältigt. Da muss man von Gießen nach Portugal reisen, dort überwintern und anschließend in Ronda Auskunft über die Herkunft seines Hundes bekommen. Die Welt ist winzig und die Hovawartwelt ein Dorf.  

Tausend Fragen würden sie noch stellen wollen, als die Kellner signalisieren, dass die Sperrstunde um 22 Uhr längst überschritten ist, und danach nochmal tausend Fragen über Hundeerziehung, -ausbildung und -ernährung, tausend Fragen, für die dieser Abend zu kurz ist, viel zu kurz. Na, denn bleiben wir eben noch einen weiteren Tag. Ob wir morgen fahren oder übermorgen, ist egal. Damit machen wir den beiden noch eine Freude an diesem Tag und wir alle gehen beschwingt und glücklich in die Betten.

Noch an diesem Abend setzt die Zuchtwartin eine Depesche an die Züchterin ab, die wir natürlich gut kennen, wohl wissend, dass diese, sofern sie sie heute noch empfängt, die ganze Nacht kein Auge zubekommt.  

Ronda
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