Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Cabo de Gata, Camping Los Escullos

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Sonntag, 23.1.2022 

Da die Abreisezeit in Camping Los Escullos, wie meist, bis 12 Uhr festgelegt ist, haben wir keine Eile, möglichst früh dort zu sein. Wir entschleunigen also weiter.

Morgens um 9 Uhr hat es 11 °C und es ist bewölkt, also eigentlich Grund, sich noch einmal umzudrehen. Aber die Mädels sollen raus, etwas länger als gestern, was jedoch die Umgebung auch nicht so recht hergibt; es hat zwar Gegend ohne Ende, aber mit Wegen sieht es weniger gut aus. Irgendwie beschäftigt uns das nicht mehr, weil auch die Mädels den Eindruck vermitteln, als ob auch sie sich schon von den eingefahrenen Abläufen gelöst hätten und völlig losgelöst nehmen, was und wie es kommt. Wenn das schon nach einem knappen Monat so ist, wie sollen wir dann nach sechs Monaten je wieder in unseren vorgegebenen Trott zurückfinden?  

Noch vor dem Frühstück ziehen wir aus Fiannas Ohr zwei weitere Portionen Blut und sind gespannt, ob das mal aufhört. Nach dem Frühstück testet der Chronist die Duschen und kommt zu folgendem Ergebnis: nicht komfortabel (hat man auch nicht erwartet), sauber, aber sehr, sehr klein. Das bedeutet etwa ein Meter im Quadrat Duschzelle, ebener Boden, keine Duschtasse (das Wasser fließt also in den Vorraum), keinerlei Ablagemöglichkeiten oder Haken in der Kabine, ein Haken vor der Kabine. Wer sich nicht selbst mit Haken bestückt hat, muss sehen, wie er zurechtkommt. Wenn man nun duschbereit auf den Wasserknopf drückt, nicht wissend, in welcher Stellung kaltes oder heißes Wasser geliefert wird, kommt die Antwort unmittelbar aus dem Duschkopf, der knapp unter der Decke montiert ist. Anders gesagt: Man ist sofort pitschnass, heiß oder kalt, gebrüht oder geschockt. Dem abgebrühten Camper ist so etwas nicht fremd, aber ein bisschen Überwindung kostet so ein Selbstversuch schon. Letztlich kommt man zurecht, ist geduscht (das Wasser ist im Übrigen sehr warm, was nicht überall der Fall ist), kriegt sich auch in dieser Ein-Mann-Zelle trocken und hat sein Ziel erreicht, frisch in den neuen Tag zu starten.  

Damit sich auch der Franz frisch und frei fühlt, wird auch er umsorgt. Wir füllen ihm das Wasser allerdings mit einem Kanister in den Bauch, weil der Frischwasserschlauch direkt neben dem Kloschlauch hängt; da weiß man, womit man zu rechnen hat. Unseren eigenen Schlauch lassen wir im Lager, weil wir erst in Murcia nachgefüllt und nicht sehr viel verbraucht haben. Das kriegen wir händisch hin.  

Um 12:25 Uhr fahren wir dann los und stehen 15 Minuten und 15 Kilometer später ein zweites Mal vor den Toren von Camping Los Escullos [N 36° 48' 10,9'' W 002° 04' 39,3'']. Dieses Mal bekommen wir einen Platz, in dem wir unseren Franz standesgemäß unterbringen, gleich um die Ecke hinter der Zufahrt. Trotzdem ist es dort ruhig und wir haben Platz für zwei.  

Hier passt kein Franz rein

Dieser Campingplatz ist nicht das, wofür wir anstehen würden, aber wir müssen den Franz mal wieder richtig aufladen und Wäsche waschen. Los Escullos hat gute 200 Plätze für Wohnmobile mit sehr unterschiedlicher Größe, sowohl was Länge wie Breite anbelangt. Dazu kommen Mobile Homes und Zeltplätze. Das gesamte Areal der Anlage ist trotzdem sehr überschaubar. Wenn man auf wenig Fläche viel unterbringen will, müssen Kompromisse gemacht werden. Die sehen bei Los Escullos so aus, dass jeweils etwa sechs Parzellen links und rechts eines Zufahrtsweges angeordnet sind. Die Platzsparer sind dabei die Zufahrten, die so eng sind, dass man kaum ohne Rangieren in die Boxen kommt. Die Situation verschärfen jene Mobilisten, die vor / hinter ihren Fahrzeugen noch Motorräder / -roller oder Anhänger parken. Dann wird's knifflig eng. Uns wurden gestern zwei Plätze angeboten, in die wir vielleicht gerade so gepasst hätten, aber dann hätten wir zu weit in die Zufahrt geragt, ein dritter war so minimalistisch, dass man schon mit einem Mercedesbus Beklemmungen bekommt. Mancher Mobilist mit einem großformatigen Fahrzeug, der jetzt bequem steht, kommt nur wieder raus, wenn die Box auf der gegenüberliegenden Seite leer ist. Wie dem auch sei: Wir stehen nun gut, rund um uns mächtige Bäume, über uns ein Hitzesegel (das für einige Fahrzeuge auch ein limitierender Faktor ist), Strom direkt hinter uns und ein eigener Wasseranschluss.  

Für die gesamte Anlage gibt es nur einen Sanitärbereich, der, weil der Platz eben klein ist, von allen Seiten schnell erreichbar ist (von uns etwa 100 Meter), aber in allen Belangen besticht: viele Toiletten, Duschen und Waschgelegenheiten, alles picobello und geräumig, reichlich Spül- und Handwaschbecken, Waschmaschinen und Trockner. Dazu gibt es ein Restaurant und einen gut sortierten Supermarkt. Für die, die es brauchen stehen Schwimmbad, Tennisplatz und alle möglichen Freizeitangebote bereit. In der Saison dürfte das ein echter Horror sein, aber jetzt ist das alles mehr oder weniger im Winterschlaf.  

Der Platz ist voll, im oberen Drittel scheint das Cosy-Kuschel-Revier der Schoßhocker zu sein, dort geht es zu wie in einem Auswandererlager, was die Enge betrifft. Wer's mag... Manche scheinen ohne das nicht glücklich zu sein. Wir stehen hier unbeengt mit großer Beinfreiheit. Interessant ist die Zusammensetzung der Nationalitäten in unserer „Straße", die auf beiden Seiten jeweils mit sechs Boxen bestückt ist: Mit uns sind es vier Deutsche, ein Franzose und fünf Briten. Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark die Nationalitäten auf eigentlich nur wenigen Kilometern von Platz zu Platz wechseln. So viele Briten haben wir noch nirgendwo gesehen, meistens gar keinen. Auch die Häufung von Franzosen auf diesem Campingplatz ist neu. 

Von 13:45 Uhr bis 15:20 Uhr machen wir einen etwa vier Kilometer langen Spaziergang mit den Mädels, hinüber zum Strand, der etwa einen Kilometer entfernt ist. Jetzt dürfen die beiden ins Wasser zum Toben und dann geht es über die Klippen und über das krumme, steinige Gelände wieder zurück. Unser besonderes Interesse erregt dabei die Hartnäckigkeit einiger Rüden, die sich aufdringlich und unabbringlich an Fianna festsaugen, was diese huldvoll gewährt. Vor allem ein französischer Puschel kommt über mindestens 200 Meter herbeigeeilt und macht Fianna Avancen. Sein Herrchen, echter Franzose eben, schlendert gemessenen Schrittes herbei und führt ihn ohne Hatz am Halsband ab, nachdem wir ihm gesagt haben, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht und alles in Ordnung sei. Kaum waren Herr und Puschel wieder bei ihrem Wohnmobil unten am Strand angekommen, wuschelt der Puschel schon wieder strahlend herbei. Wir bleiben stehen, lassen die beiden Täubchen turteln, während Hedda langsam die Zornes- und Eifersuchtsröte ins Gesicht steigt und Herr Puschel nun, mangels einer Leine, mit einem etwa eineinhalb Meter langen Schlauch (oder ähnlichem) ankommt, den er seinem Puschel um den Hals legt und ihn damit final abführt. Zustände sind das hier am Strand von Escullos wie seinerzeit in Abu Graibh... 

Der zweite erwähnenswerte Umstand dieses Spaziergangs ist der perfide Geruch, der plötzlich von Fianna aufsteigt. Das stinkende Ohr kann es nicht sein, denn das zeigt sich heute Nachmittag deutlich verbessert. Es ist wieder einmal toter Fisch, in dem sie sich blitzheimlich hinter unserem Rücken geaalt haben muss, die alte Rammelsau. Jetzt haben wir zu all dem Sand auch noch toten Fisch im Franz. Haben wir schon einmal erwähnt, dass Fiannas Lieblingsplatz das Chronistenbett ist? Nein?  

Um dem Fischgeruch im Franz eine auch uns befriedigende Interpretation zu liefern, braten wir uns abends eine Pfanne voll Gambas, reichen uns dazu Baguette und spülen alles mit Rosé von Joeri runter. Wenn wir jetzt die Fenster geschlossen halten, leben wir in der Illusion, dass der Fischgeruch nur aus der Pfanne stammt.  

Um 23 Uhr messen wir 14 °C. Es ist wolkig aber absolut windstill.  


Cabo de Gata, Camping Los Escullos
Albaricoques, Camper Park Olivares