Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Cabo de Gata, Camping Los Escullos

Montag, 24.1.2022

Heute haben wir nichts als Zeit. Nach fast vier Wochen kriegen wir gerade noch so das Datum hin, aber mit den Wochentagen hapert es schon.  

Doch wir haben ein Problem! Es hilft nichts, wir müssen ein Wort über Betty verlieren.  

Betty ist unsere nagelneue Lithium-Ionen-Batterie, die wir uns kurz bevor wir zu dieser Reise starteten, geleistet haben, so ein Hochleitungspaket mit 200 Ah, mit vielen und schnellen Ladezeiten, weil unsere alte Bleibatterie für die Anforderung einer solchen Reise zu morbide war. Wenn man sich auch mal einige Tage von Campingplätzen fernhalten möchte, braucht man eine Batterie, die dem gerecht wird. Diese kleine Freundin verrichtet nun bescheiden ihre Dienste unter dem Beifahrersitz, lautlos, anspruchsloser und platzsparender als unsere zwei haarigen und immer hungrigen und immer schmutzenden Begleiterinnen, ohne die wir – aber nur wenn alle Stricke reißen! - klarkämen, ohne Betty jedoch nicht. Und bislang hat Betty alle unsere Hoffnungen erfüllt. Nach den Tagen in der Finca, in Murcia, der Schlangenbucht und in Albaricoques ohne Landstrom war unsere Betty ziemlich erschöpft und braucht jetzt dringend wieder etwas zwischen die Zellen. Die Fahrtstrecken sind viel zu kurz, um eine Batterie, die auf unter 30 % herunter ist, nennenswert und für weitere Freistände zu laden. Und auch das Solarpaneel auf unserem Dach ist eher zum Putzen da, als dass es eine Hilfe in dieser Hinsicht wäre. Die Hersteller der Konfektionsmobile sparen an allen Enden, so auch an den Kabelquerschnitten, was bedeutet, dass von der Energie, die im Solarpaneel auf dem Heck des Fahrzeugs gesammelt wird, kaum noch etwas bei Betty unter dem Beifahrersitz ankommt. Deswegen müssen wir an den Landstrom, der Betty an etwa einem Tag wieder die volle Dröhnung gibt. Nur - Betty ist verstockt. Seit wir gestern angekommen sind, hat sie sich kein bisschen regeneriert. 40 % Kapazität hat die App angezeigt, und dabei bleibt Betty auch, Landstrom hin, Landstrom her. Das bedeutet, dass wir alle Verbraucher direkt vom Landstrom bedienen, quasi an Betty, vorbei, an der nichts hängen bleibt.  

Das ist ein Fall für die Bordelektr(on)ikerin. Sie grübelt, grübelt und studiert, aber so eine richtig gute Idee ist ihr noch nicht gekommen. Der Chauffeur hat mit solchen Dingen nichts am Hut, damit kann man ihm nicht kommen.  Heute Morgen tut sie, was sie immer in solchen Fällen tut: Sie fummelt herum und probiert aus, Sachen, auf die ein normaler Mensch nie käme, jedenfalls nicht, wenn er es nur bis zum Chauffeur und Chronisten gebracht hat. Über der CEE-Steckdose ist im Stromverteiler auch eine ganz normale Steckdose angebracht. Die Bordelektronikerin tauscht also unsere CEE-Verbindung, die ja auf Campingplätzen die Norm ist, gegen die ganz landläufige Steckdose – und Betty gibt plötzlich ein Lebenszeichen und schlürft gierig Power.

Was ist da los? Mit dieser Lösung ist das Problem ja nur hier vor Ort gelöst. Überall, wo es keine Standardsteckdose gibt, sondern nur den CEE-Anschluss, würde Betty die Mitarbeit verweigern. Ganz hoffnungslos ist die Situation nicht, weil zumindest in Spanien die Standardstecker häufiger vorkommen. Aber in Frankreich, Großbritannien und sonstwo in Europa findet man fast ausschließlich CEE-Anschlüsse. Wir brauchen also eine Erklärung und Lösung. Wir rufen unseren ganz privaten McGyver zuhause an, der jede Menge logischer Analogieschlüsse beisteuern kann, aber sonst auch keine Idee hat. Woher denn auch, mit so etwas hatte er es bisher auch noch nicht zu tun. Die Elektr(on)ikerin postet ihr Problem in Facebook. Die Rückmeldungen sind so gehaltvoll, dass der Chronist sich ein weiteres Mal beglückwünscht, ohne Facebook glücklich zu leben. Wir schreiben an den Hersteller der Batterie, Antwort, kurzgefasst: An der Batterie könne es nicht liegen, möglicherweise am Ladegerät. Wir danken für die Bemühungen!  

Am Ende diesen Tages wird Betty zwar fast wieder bei alter Stärke sein, aber warum sie mit dem CEE-Anschluss keine Verbindung eingehen will, wissen wir immer noch nicht. Da hat die electricista noch eine reizvolle Herausforderung.

Nun, nachdem Betty wieder zu Kräften kommen kann, können auch wir uns dem Frühstück zuwenden, irgendwann zwischen 10 und 11 Uhr. Um 12 Uhr dürfen dann die Mädels raus, die sich das Treiben in aller Gelassenheit angeschaut haben, nicht klagten, nicht forderten, sich vielleicht nur wunderten, warum so viel verdampftes Hirnschmalz in der Luft liegt.  

Hier gehts hoch

Über zwei Stunden stapfen sie mit ihrer Reiseführerin über Stock und Stein, bergauf und klippab, verzopfen sich, verfranzen sich und verzuseln sich. Und als sie dann irgendwann nach 14 Uhr zurück sind und nach Wasser lechzen, greift sich die Pfadfinderin erstens an den Po, auf den sie gefallen ist, weil sie eine Felsnase übersehen hatte und zweitens an den Kopf, weil der elend ausgemergelte Anblick der beiden Begleiterinnen sie daran erinnert, dass sie heute noch gar kein Frühstück hatten! Eine knackige Kaustange soll diesen schweren Fehltritt für Erste aus der Welt schaffen. Und auch das nehmen sie hin, als wäre es das Normalste von der Welt.  

Gegen Abend liegt Hedda, die sowieso ständig zentral präsent ist und im Weg liegt, besonders penetrant in den Laufwegen, sodass man kaum einen Fuß auf den Boden setzen kann, ohne sie zu treten. Schön langsam begreifen wir, dass dies ihre dezente Art ist, uns wissen zu lassen, dass sie jetzt HUNGER hat, und zwar einen Bärenschmacht. Morgens nichts, nachmittags eine lausige Kaustange, und es tut sich immer noch nichts. Jetzt gibt es für beide eine pickepackevolle Schüssel. Die ist genauso schnell verputzt wie die halbvollen an normalen Tagen.  

Auf uns warten dafür dolomitische Rote-Beete-Knödel, die wir uns im Oktober aus Südtirol mitgebracht hatten. Im Gefrierfach mussten sie bis heute auf ihren Einsatz warten. In Butter geschwenkt mit etwas Parmesan drüber und Salat dazu machen sie uns nun satt und richtig glücklich. 

Um 22 Uhr ist es ziemlich bewölkt, es hat 14 °C. Der morgige Tag verspricht Regen.  


Tabernas, Little Texas
Cabo de Gata, Camping Los Escullos