Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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La Cala de Mijas

Dienstag, 1.2.2022

Trotz der am Stellplatz vorüberführenden Autobahn, ist es erstaunlich ruhig morgens, jedenfalls haben wir es uns deutlich lauter vorgestellt. Die umliegenden Mitbewohner sind lauter. Mehr beschäftigt den Chronisten das Düftchen, das ihm noch im Halbschlaf durch die Nase weht. Für einen Augenblick fragt er sich, ob er gestern volltrunken in einer Bahnhofsunterführung geparkt habe. Andererseits beißen stärkere Kopfnoten den Halbschläfer in die Nase, die auf Latrine hindeuten. Ist etwa der Franz nicht ganz dicht? Der strenge Odeur kommt mit einem fröhlichen Geplapper einher, vergleichbar mit den Bedürfnis-Arealen auf dem Münchner Oktoberfest. Des Rätsels Lösung liegt nur wenige Meter vom Franz unter einem Kanaldeckel verborgen: Die Entsorgung des Stellplatzes, die jetzt morgens stark frequentiert ist. Der Kanaldeckel ist mit einem Nylonseil bestückt, an dem man ihn anheben und im darunterliegenden Kanal seine Toilette und das Abwasser versenken kann. Diesen Deckel haben wir gestern nicht gesehen, abgesehen davon, dass uns der Kanaldeckel nicht von diesem Platz abgehalten hätte. Er ist ja nicht als das gekennzeichnet, was er unter sich verbirgt. In der Stellplatz-App steht schon, dass die Entsorgung am Ende des Platzes in einen Kanal erfolgt, aber es gibt nicht nur diesen hier, der so unscheinbar im Boden sitzt wie alle anderen. Spätestens jetzt wissen wir, dass wir umziehen müssen, selbst wenn die Gemeindeverwaltung nichts gegen unseren jetzigen Hocker einzuwenden hätte.  

Um 9:00 Uhr hat es 16 °C und es ist wolkenlos. Der Wind, der nachts ein wenig um die Ecken geschlichen ist, hat sich auch verzogen. Es sieht nach einem richtig schönen Tag aus.  

Franz-Platz

Die Hunde bekommen ihren Morgen-spaziergang, aber noch bevor wir uns Frühstück machen, erspähen wir eine Lücke ganz in der Ecke, etwa 50 Meter weiter, hinter den Pollern und unter Bäumen. Der Untergrund ist zwar etwas grob und bucklig, aber hier stehen wir gut. Nur unser Solarpaneel kann Betty unter den Bäumen nicht beliefern. Dafür haben es die Mädels im Franz einigermaßen kühl, weil wir sie in dieser etwas schmuddeligen Ecke nicht rauslegen wollen, zumal es hier vor Hunden wimmelt. Von unserem neuen Platz aus haben wir einen unverstellten Blick auf die Womo-Kolonie vor uns, die von außen wie ein neues, weißes andalusisches Dorf aussieht. Wir sind aber froh, dass wir nur Zaungäste sind und nicht mittendrin stecken. Das wäre deutlich zu viel Nähe für uns. Dass wir nicht die einzigen sind, die unseren neuen Platz gerne gehabt hätten, sehen wir an all denen, die herumkreiseln und suchen, aber wir waren fixer. Manchmal hat es echte Vorteile, wenn man ausgeschlafen ist.  

Nach dem Frühstück, um halb zwölf, gehen wir zur Gemeinde, die nur zwischen 10 und 12 Uhr Parteienverkehr hat, fragen aber schon den Polizisten vor dem Eingang, ob wir uns für den Stellplatz registrieren müssten, was er mit einem Kopfschütteln beantwortet. Damit wäre das geklärt, und nachdem auf dem Stadtplan, den wir uns noch in der Touristeninfo holen, der gesamte Nordstreifen des Platzes als Stellplatz ausgewiesen ist, dürfte auch die 48-Stunden-Regel nicht mehr gelten. Jedenfalls ist nirgendwo ein entsprechender Hinweis zu sehen.  

Jetzt könnte der Tag entspannt weitergehen, wenn da nicht noch eine Sache wäre, die schon gestern bei El Gusto längere Gesprächsfäden gesponnen hat. Es geht um nichts weniger als den Kopf des Chronisten.  

Die letzte Begegnung mit der Friseurin seines Vertrauens datiert vom 11. Dezember. Das sind sieben Wochen, bei einem jugendlich frisch und fröhlich gedeihenden Haarkleid ziemlich viel. Die Reiseleiterin findet, es sei höchste Zeit, sich wieder einmal einer Beschneidung zu unterziehen. Der Chronist dagegen erwägt, sich das Haar wachsen zu lassen und zu einem Schwänzchen zu binden, wie es viele gereiften Männer heutzutage tun und bei hüftsteifen Wohnmobilisten besonders angesagt ist. Die Crux liegt auf dem Weg zum Schwänzchen. Frauen wissen das, nein, nicht, was ihr jetzt denkt, gemeint ist der Weg zum langen, auch schwanztauglichen Haar. Der Chronist kennt kaum eine Frau, die sich nicht schon mehrmals die Haare wachsen lassen wollte, aber irgendwann auf dem Weg dorthin aufgab, weil das Haar keinerlei Formvorgaben mehr erfüllte, kurz: nur noch den eigenen und den Gesetzen der Schwerkraft folgte. Diese Stufe geduldig und mit geschlossenen Augen vor dem Spiegel zu überwinden, schaffen viele nicht. Betroffen sind natürlich immer Haare, die in der Lage sind, ein Eigenleben zu entwickeln. Solche, die einfach nur tot vom Kopf herunterfallen und ausschließlich der Schwerkraft folgen, hängen einfach herunter, egal wie lang sie sind. Das Haarkleid des Chronisten strotzt vor Leben und Eigensinn. Deshalb ist der Weg zum Schöpfchen und Zöpfchen eine Herausforderung, vor allem für die Betrachter, die, wie die Reiseleiterin, das Betrachtete nicht mehr betrachtenswert finden will.  

Deswegen hat man schon gestern über das Haupt des Betroffenen hinweg, den geeigneten Herrenschneider ausdiskutiert. Mick und Sanne kennen natürlich das Angebot vor Ort. Topadresse ist der coolste Laden hier: ein Mann, ein Stuhl, ein Spiegel und statt einer Beleuchtung eine Foto-Softbox. Außerdem kostet die Beschneidung dort nur konkurrenzlose 9 €. Als ob es darauf ankäme.  

Die Friseur-Gasse

Nun also, nach Klärung der rechtlichen Situation bezüglich des Stellplatzes, soll sich der Chronist unter dem schmeichelnden Licht einer Softbox vom Wilden zum Milden verwandeln lassen. Von der Gemeinde-Exekutionsstelle führt sie ihn geradewegs zu seinem ganz persönlichen Golgatha, was bekanntlich Schädelstätte bedeutet. Doch der 9 €-Hexer mit den Scherenhänden ist für diesen Tag ausgebucht, was für seinen Ruf spricht und in dieser Hinsicht dem Delinquenten noch mehr Hoffnung raubt. Denn nun, daran besteht kein Zweifel, muss er sich in die Hände eines anderen Herrenschneiders begeben, einen Aufschub würde ihm seine Bescherungshelferin niemals gewähren. Sie weiß: aufgeschoben ist in diesem Falle aufgehoben. Um die Ecke bearbeitet Romero gerade einen Caballero und hat um 12:30 Uhr einen Termin frei. Es ist 11:45 Uhr. Die zweitbeste Ehefrau aller Zeiten nach der Ephraim Kishons führt ihren Gatten an den Strand: Meerblick statt Henkersmahlzeit. Da streifen wir herum und er hört überall die Leute rufen: Dead Man Walking. Zweimal muss er sich eine öffentliche Toilette suchen, weil ihn der Angstbiesler drückt. Deutschpünktlich sind wir um 12:25 Uhr zurück, aber Francis Romero ist noch nicht fertig, und so setzen wir uns auf die Wartebank draußen in der Gasse. Das hat dann doch einen gewissen Charme, dem sich der Delinquent nicht komplett entziehen kann, aber diesen letzten Aufschub empfindet er trotzdem wie Folter vor der Exekution. Eine Viertelstunde nach dem vereinbarten Termin wird er endlich auf den Stuhl gerufen, der kein elektrischer ist, und gefragt, welchen Schnitt er sich wünsche. Angesichts all der Modelle, die an der Wand hängen und als Romeros Spezialität angepriesen werden, solche mit zwei rasierten Scheiteln schädelbeidseitig, solche mit mobähnlichen Undercuts und solche, die man gar nicht bezeichnen mag, weil sie schon bei den Modellen so äffisch aussehen, dass er sie kaum betrachten, geschweige denn an seinem Haupt verwirklicht sehen möchte, angesichts also all dieser stilistischen Unsäglichkeiten antwortet er: Tres centímetros und zeigt es Francis mit den Fingern an. Der Schnitter hebt einige Haare von der Stirn und kürzt sie symbolisch mit den Fingern. So? Ja, so. Wir sind uns einig. Er fragt noch, ob die Ohren frei sein oder ein wenig überdeckt sein sollen. Überdeckt. Und dann fängt er an zu wirbeln und zu zwirbeln. Die Bescherungshelferin hat derweil draußen die Bank verlassen and takes a walk in the sunshine. Die erste Enttäuschung ist, dass die überfällige Haarwäsche, wie er es von zuhause gewohnt ist, entfällt; dem Herrenschneider genügen ein paar Spritzer aus der Sprühflasche. Und dann arbeitet er sich über den ganzen Kopf, von links nach rechts und rechts nach links, von hinten nach vorne und wieder zurück. Dann bringt er die Effilierschere zum Einsatz und arbeitet sich wieder ums ganze Haupt, dann nochmal die erste Schere für den letzten Schliff. Den modelliert er jedoch tatsächlich erst mit einem Rasiermesser, was, wie dem Delinquenten scheint, die Kopfform vollendet herausarbeitet. Nach einer guten halben Stunde und nachdem er 12 € bezahlt hat, kennt sich der Chronist nicht wieder. Die wiedergekehrte Bescherungshelferin nickt anerkennend, und der Chronist muss jetzt vermutlich zwölf Wochen nicht mehr zum Friseur. Seinem Haupthaar widerfuhr etwas Ähnliches wie der Wurst, die gleichmäßig gerecht geteilt werden soll, aber immer kürzer wird, weil immer auf einer Seite zu viel abgeschnitten wurde und dann auf der anderen Seite wieder nachgebessert werden muss. Noch nie hatte er die Haare so kurz, aber wenigstens hat ihm der Caballero-Romero nirgendwo heimlich einen Scheitel einrasiert. 

Hunde, denen das Haarkleid rasiert wurde, schämen sich schon mal, vielleicht frieren sie auch, jedenfalls ziehen sie sich oft zurück, um damit fertigzuwerden. Der Chronist tut dasselbe und verkrümelt sich im Bett. Währenddessen schickt die erfolgreiche Bescherungshelferin ein Foto seines neu gestalteten Hauptes an seine Stammfriseurin, die kurz darauf zurückfunkt: „Ach, wie ich meinen Beruf liebe." Muss man Friseurin sein oder Bescherungshelferin, um diese Aussage zu verstehen?  

Um 16 Uhr kennt die Reiseleiterin keine Gnade und fordert ihn zum Strandspaziergang mit den Mädels auf. Es hat windige 16 °C und ohne Mütze geht jetzt nichts mehr, der Chronist friert am Haupte und an den Gliedern. Gottlob lässt sein malades Knie keine endlosen Strandmärsche mehr zu, sodass er mit einer guten Stunde gut wegkommt.  

Zurück am Stellplatz sind alle Womos, die nicht hinter den Pollern standen, weg und der gesamte Bereich ist sauber gefegt: Morgen ist Markt! Da hat wohl die Gemeinde oder die Polizei nachgeholfen. Wo die dort Vertriebenen untergekommen sind, wissen wir nicht, ein Finne steht uns fast auf den Zehen, aber sonst hat hier definitiv niemand Unterschlupf gefunden – heute Morgen wieder einmal den richtigen Riecher gehabt und alles richtig gemacht.  

Um 18 Uhr fahren Sanne und Mick wieder vor. Sie kriegen sich vor Begeisterung über den neuen, sehr schnittigen Chronisten gar nicht mehr ein. Doch die falschen Freunde? Trotzdem gehen wir zur Einstimmung auf den Abend in die Vinoteca Pura Cepa. Dort sitzt man auch an einem Tag wie heute einigermaßen komfortabel im kleinen Vorgarten, in bequemen Sesseln und Sofas. Die Bar nennt sich zwar Vinoteka, hat sich aber einen Namen wegen seiner riesigen Auswahl an Gin gemacht. Wir bestellen alle eine Spezial- und Luxusversion und bekommen einen Ballon voll wohlaromatisierten Wassers, klobigen, offenbar unschmelzbaren Eiswürfeln, die selbst in den Blumentöpfen, in denen wir sie versenken, nicht schmelzen wollen und einem Hauch rosa Gin. Das soll keine Kritik sein; wenn die Mischung andersrum wäre, würden wir bei dieser Riesenbowl kaum noch den Weg nach draußen finden. Zum Einstimmen und Vorwärmen ist dieser Aperitif genau richtig.  

Wir ziehen in bester Stimmung weiter, nur kurz um die Ecke zu El Pikoteo, einer Tapas Bar, wie man sie sich vorstellt. Jetzt toben wir uns aus in all den Boquerones fritos, Gambones Pil-Pil, Pimientos und den übrigen herzhaften, scharfen, deftigen und gaumenschmelzenden Schweinereien, die Spaniens Tapas zu bieten haben. Ständig greifen gierige Finger und spießige Gabeln ins Füllhorn spanischer Spezialitäten. Dass wir dazu zwei Flaschen Wein leeren und noch Bier dazu, muss nicht extra erwähnt werden.  

Viele Jahre haben wir uns nicht ausgetauscht. Viele Jahre haben wir unsere Ansichten nicht verglichen. Was wissen wir noch voneinander? Sitzen uns Covid-Leugner gegenüber? Wir wissen es nicht, also sprechen wir darüber, nicht weil wir es provozieren, sondern, weil man an diesem Thema nicht vorbeikommt. Und erleichtert stellen alle fest: Wir sind noch die alten. Wir könnten noch heute in einer verräucherten Kneipe hocken, bis die Polizei das Licht ausknipst und uns einig sein wie einst. Mehr noch: Manchmal ergreift uns das Gefühl, weiter zu sein, mit einem unbefangeneren Geist in einem älter gewordenen Körper. Schöner als Dylan kann man es kaum sagen, was uns in diesen Gesprächen ergreift: Ah, but I was so much older then, I'm younger than than that now. Fast atemlos fliegen wir durch die Zeiten und Themen, waschen rote Socken und schwarzes Geld, finden, dass Grün die Hoffnung und Gelb nur die Hälfte vom Ei ist, und Blau besoffen vom blaumiesen Muff. Mit einem Engländer am Tisch wird der Brexit tranchiert und auf Micks dolchspitze Nase gespießt und gegrillt. Und wenn man eine Reise durch Europa macht, muss man über Europa reden, über mehr als 70 Jahre Frieden, gewonnenen Gemeinsinn und trutzigen Eigensinn, vor allem aber über das Vertrauen und überwundene Vorurteile. Wir können bestätigen, dass wir als Deutsche noch nie und nirgendwo in Europa scheel angeschaut wurden, nicht in Frankreich, wo man uns vor 50 Jahren noch den Rücken kehrte, nicht in Dänemark, wo man uns bespuckte und nicht in Polen, wo man allen Grund gehabt hätte, uns zum Teufel zu jagen. Überall waren wir gern gesehen und wurden freundlich empfangen. Und dann, auf dem Weg zum Stellplatz, spricht Mick den schönsten Satz des Abends aus: „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein." Ein Engländer, der seit fast 50 Jahren in Bayern lebt, der es nie für nötig fand, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, weil er immer einen sicheren Aufenthaltstitel hatte und sich als Deutscher fühlte, er ist stolz, ein virtueller Deutscher zu sein, weil man sich heutzutage als Deutscher überall sehen lassen könne und freundlich aufgenommen würde. Er ist stolz auf uns Deutsche und stolz dazuzugehören. Dem Chronisten platzt fast das Herz, nicht vor Stolz, sondern vor Rührung. Fast fühlt er sich bemüßigt, als Gegenleistung einen Antrag auf die britische Staatsbürgerschaft zu stellen, wenn die Laiendarsteller in Downing 10 nicht genau das Gegenteil dessen repräsentieren würden, was Mick im Herzen trägt und auszeichnet: Weltoffenheit, Weltläufigkeit.  

Jetzt könnte man eigentlich auch sofort nach Hause fahren. Aber das tun nur Mick und Sanne, den Berg hoch. Und für morgen vereinbaren wir noch einen gemeinsamen Abend, weil uns nichts drängt, weil es keine 48-Stunden-Regel mehr gibt und weil wir uns schlicht auf einen weiteren Abend freuen. Es ist ja noch längst nicht alles gesagt, was so lange ungesagt blieb.  

La Cala de Mijas
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