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Fahrt ins Blaue
- Sevilla

Sonntag, 6.2.2022
Morgens findet die Dogwalkerin einen Weg an der Müllkippe vorbei zur Spielwiese. Großen Auslauf bietet auch sie nicht, aber Ballspielen zum Austoben geht einigermaßen. Darm- und Blasenentsorgung ist in diesem Ambiente sowieso kein Problem.
Ein paar Worte müssen wir jedoch noch über den Campingplatz selbst verlieren, denn für die Lage, in die er gebracht wurde, kann man ihn ja nicht verantwortlich machen. Die Fahrwege zu den Parzellen sind schmal, die Parzellen selbst ebenfalls. Entweder man belegt einen langen, schmalen Platz mit Bäumen und Palmen zu beiden Seiten oder einen kurzen, schmalen Platz. Dann hat man die Bäume vorn und hinten, und auch da ist bei längeren Fahrzeugen etwas Fingerspitzengefühl angebracht, vor allem sollte die Rangierhilfe draußen präzise und eindeutige Kommandos liefern, sonst passiert das, was einem spanischen Mietmobilisten passiert ist, als er sich gestern bei Dunkelheit zwischen zwei Grenzbäume drücken wollte: Man ramponiert sich das Heck, weil Unerfahrenheit und eine undurchsichtige Kommandostruktur, gepaart mit Anspannung und Hektik zum Crash führen. Die Bäume liefern für den, der es schätzt, herrlichen Schatten, für alle anderen sind sie ein Ärgernis, vor allem, wenn sie demnächst voll im Laub stehen. Wir bekommen noch Sonne ab. Besucher, die nicht ohne Fernsehen auskommen können, müssen sich auf die Suche nach einem SAT-Platz machen. Uns ist das egal. Internet ist Glückssache, weil das WLAN bescheiden ist. Aber das mag sich je nach Parzelle unterschiedlich darstellen. Die Sanitäranlagen sind ältlich, sauber, aber wenn man die Klobrille in der Hand hält, wenn man sie anfasst, ist das sicher nicht State of the Art.
Kurz vor 13 Uhr überqueren wir den großen Kreisverkehr gleich neben dem Eingang zum Campingplatz und warten auf unseren Sevilla-Shuttle. Um 13:05 Uhr fährt ein Bus der Linie M 132 vor, wir zahlen 1,75 € pro Person und lassen uns in die Stadt kutschieren. Schon die Anfahrt lässt keine Zweifel, dass wir uns in einer besonderen Stadt befinden. Nachdem wir die Außenbezirke mit den üblichen Gewerbegebieten hinter uns gelassen haben, lugen herrliche Villen zwischen Palmen hervor, sogar große Wohneinheiten sind ausgesprochen geschmackvoll gestaltet, wie wir es bisher noch nicht gesehen haben. Dann säumen herrschaftliche Botschaften und Konsulate unseren Weg. Wenn das so weitergeht, erleben wir heute noch einen urbanen Vollrausch.
Nach etwa 25 Minuten setzt uns der Bus an der Endstation hinter der Plaza de España ab. Nachdem wir das riesige Gebäude, hinter dem wir abgesetzt wurden, einmal umschritten haben, stehen wir auf der Plaza und wollen unseren Augen nicht trauen. Vor uns liegt ein gewaltiger Platz (für die, die es genau wissen wollen: 50.000 m²), der von einem halbkreisförmigen Gebäude eingefasst ist, das sich nahtlos um den Platz legt und einen Durchmesser von 200 Metern hat. Die gesamte Anlage wurde für die Iberoamerikanische Ausstellung konzipiert, die 1929 in Sevilla stattfand. Vor dem Hintergrund dieser Ausstellung soll dieses mächtige Gebäude die Umarmung der südamerikanischen Kolonien symbolisieren. Um den ganze Komplex verläuft ein Kanal von insgesamt 515 Metern, der aber gerade ohne Wasser, dafür mit viel Schlamm gefüllt ist und wenig Charme vermittelt. Wer den Platz betreten will, muss dies über eine der vier Brücken tun, die den Kanal überspannen und die vier alten Provinzen Spaniens repräsentieren sollen: Kastilien, Léon, Aragón und Navarra. Die Öffnung des Halbkreises weist in Richtung des großen spanischen Flusses, des Guadalquivir, als Hinweis auf den Weg, dem man folgen muss, um nach Amerika zu gelangen. Heute ist in den Gebäuden der Plaza auch das Militärmuseum Sevillas untergebracht.
Kein Wunder, dass eine solche Kulisse die Filmemacher anzog. So wurden viele Szenen aus Lawrence von Arabien dort abgedreht, und der Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger diente er als Schauplatz auf dem Planeten Naboo, wobei die Szenen später digital nachbearbeitet und verändert wurden. Viele weitere Filme nutzten das Ensemble, weshalb es 2017 in die Liste der Schätze der europäischen Filmkultur aufgenommen wurde.
Es ist Sonntag, das Wetter ist prächtig, und so darf es uns nicht wundern, dass wir hier nicht die einzigen sind. Es wimmelt von Menschen, die sich aber wegen der Weitläufigkeit der Anlage dennoch nicht auf den Füßen stehen. Menschenpäckchen ergeben sich immer nur an lichtbildnerischen Hotspots, wo sich die Narzissten in Pose bringen, um sich vor dem Hintergrund der Plaza unsterblich abbilden zu lassen. Als Narziss wird bekanntlich jemand bezeichnet, der selbstverliebt nach umfassender Anerkennung strebt und sich bei Durchsetzung dieser Bedürfnisse nicht um die Interessen oder Bedürfnisse anderer schert. Wie jener antike Narziss, der sich an sein Spiegelbild im Wasser verliebte, berauschen sich diese Mitmenschen an ihrer Wirkung auf sich und andere, bringen sich in Pose, streichen lasziv Haarmähnen aus der Stirn, lassen makellose Zahnreihen im Licht der Sonne erstrahlen, winkeln Beine und präponieren Hüften, wie man das schon oft und immer wieder gesehen und beschrieben hat. Doch von diesem Platz scheinen sich besonders viele Narzissten angezogen zu fühlen, was zur Folge hat, dass sich dem Fotografen anstatt Brüstungen unaufhörlich Brüste vor die Linse schieben, wohlbetuchte und armselig verhüllte, Balkone statt Balustraden und Leiber statt Laibungen.
Aber es sind kaumTouristen, die sich hier in Szene setzen, es sind fast ausschließlich Spanier, die am Sontag auf der Plaza de España flanieren, um anschließend in einer Bar die Posen-Verspannungen aus dem Körper zu lösen. In München geht man schließlich auch flanieren, auf der Leopoldstraße oder im Englischen Garten - sehen und gesehen werden - und lässt sich anschließend im Biergarten zu einer Brotzeit nieder. In München spielt vermutlich die Blasmusik und in Sevilla wirbelt eine Flamenco-Gruppe herum, dass man mit den Augen kaum hinterherkommt, die allerdings nach der Vorstellung mit dem Klingelbeutel herumgeht, was sich die Blosn in München nicht erlauben würde, weil sie vom Wirt bezahlt wird.
Wir beschließen, eine Stadtrundfahrt zu machen, um uns einen Gesamtüberblick über diese Stadt zu machen, von der wir jetzt schon überzeugt sind, dass sie zu den schönsten gehören dürfte, die wir jemals gesehen haben (nicht zuletzt befeuert durch die Plaza-Narzissen). Gleich dort, wo wir vor einer Stunde dem Shuttlebus entstiegen sind, warten Rundfahrtbusse auf uns. 20 € kostet eine Fahrt durch die wichtigsten Ecken Sevillas. Weil man offenbar der Ansicht ist, dass Greise selbst schuld sind, wenn sie eine Stadtrundfahrt buchen, aber nicht mehr richtig sehen können, wird ihnen auch kein Nachlass gewährt. Wir bekommen beide zwei Ohrstöpsel und den Hinweis, Kanal 4 liefere die deutsche Beschreibung, und schon sitzen wir in südlicher Sonne auf dem Aussichtsdeck, friemeln den Stecker des Ohrstöpsels (den man heutzutage kosmopolitisch In-Ear nennt) ins vorgesehene Loch, stellen Kanal 4 ein und werden mit leichtgängiger Flamenco-Musik eingestimmt. Dann, um 14:15 Uhr, geht es los.
Rund um den Parque de María Luisa geht es zuerst, in dem auch die Plaza de España liegt, wir passieren Kirchen und Klöster und Kirchen und Kirchlein, die uns alle erklärt und ans Herz gelegt werden, überqueren einen Seitenarm des Guadalquivir und kurven durch die engen Straßen und Gassen des vermutlich ältesten Stadtteils Triana, der neben Cádiz und Jerez als Wiege des Flamencos gilt und einen morbid-lebendigen Charme verströmt, dass wir am liebsten sofort aussteigen würden, was wir auch könnten, wenn wir nicht so hemmungslos neugierig wären, den großen Rest auch noch präsentiert zu bekommen. Von den knapp 700.000 Sevillanern leben etwa 50.000 in der Triana.
Nun geht es zum Gelände der Expo ´92, das den denkbar schärfsten Kontrast zur Triana liefert mit seinen nicht immer gelungenen, aber meist sehr futuristischen Pavillons und Anlagen. Linkerhand fließ nun, auch von der Expo nicht aus der Ruhe gebracht, der mächtige und erhabene Guadalquivir, der uns in Córdoba kaum ein Blick wert war, hier aber einer Stadt jenes Flair verleiht, dass nur Städte mit belebten und lebendigen Flüssen haben. Belebt ist der Guadalquivir nicht zuletzt auch durch die Kanu- und Kajakverbände vieler Länder, die den Fluss als einzigartiges Trainingsgewässer entdeckt haben, darunter auch die Deutschen. Völlig aus dem Häuschen ist die Reiseleiterin von der einarmigen Alamillobrücke (Puente del Alamillo), die erste Schrägseilbrücke der Welt, die, für die Expo errichtet, den Guadalquivir ohne Rückverankerung überspannt. Mit seinem 142 Meter langen und 58 Grad geneigten Pylon, der die 26 Stahlseile spannt, welche die 250 Meter lange Brücke tragen, ist diese Brücke zweifellos eines der markantesten und, im wahrsten Sinne des Wortes, hervorragendsten Wahrzeichen Sevillas. Die Reiseleiterin kann angesichts dieser Erektion kaum noch an sich halten.
Zurück über den Seitenarm geht es durch teilweise so elend enge Straßen und Gassen, dass der Chauffeur mehr als einmal den Hut vor seinem Kollegen zieht, durch die Stadtteile Macarena, Arenal und das Zentrum, die alle voller Leben und Lebenslust zu stecken scheinen. In jeder Ecke und an jedem noch so winzigen Plätzchen stehen Tische und Stühle voller Menschen, die trinken, essen und lachen, und ihre Herzlichkeit bis auf das Oberdeck des Busses hinauftragen, dass wir uns hier am liebsten gleich einnisten würden.
Nahe der Stierkampfarena lässt uns der Busfahrer wissen, dass wir hier jetzt einen Aufenthalt von etwa 20 Minuten hätten, warum sagt er nicht, vielleicht hat ihn die Kurverei an die Grenzen seiner Kräfte gebracht, wir beschließen jedenfalls, den Bus zu verlassen und auf eigene Faust, also auf eigenen Füßen, zurück zur Plaza de España zu gehen.
Um 15:30 Uhr landen wir auf der Plaza Ministro Indalecio Prieto, wer immer das war, aber wir verspüren Lust, auch in die Lebensfreude Sevillas einzutauchen und nehmen Platz vor der Cervezeria Puerto Plata. Der ältliche Kellner wirkt ein wenig abgespannt und überdrüssig, dennoch schenkt er uns nach kaum zehn Minuten seine Aufmerksamkeit und wir bestellen zwei Sherry. Für den Hunger empfiehlt er uns Paella, weil sonst fast alles aus und die Paella wirklich gut sei. Also ordern wir eine Paella für uns beide, dazu ein Bier und eine Sangria. Die Paella wird geliefert, schmeckt auch, ohne uns von den Hockern zu werfen, auf denen wir sitzen, und bevor wir vom Alkohol dicht werden, macht der Kellner mit müden Augen den Laden dicht, allerdings erst, nachdem er uns eine Rechnung über 27 € präsentierte. Mannomann! Vielleicht hätten wir doch besser einen Stopp in der Triana eingelegt.
Wir bummeln weiter zur Plaza de España, besteigen den Bus M 132 und fahren um 16:45 Uhr nach Hause, wo wir um 17:15 Uhr unsere Mädels wieder in die Arme nehmen; besser gesagt: sie uns.
Dieser Tag hat uns alles und noch viel mehr geboten, was wir von Sevilla erwartet hatten. Die Stadt vermittelt uns ein grenzenlos schwereloses Lebensgefühl voller Lebensfreude und Herzlichkeit. Die Stadt lebt, wie eine Stadt lebt, die mit sich im Reinen ist und nicht nach Anerkennung heischen muss. Die Narzissten an der Plaza beschädigen diesen Gesamteindruck keinen Moment, weil es sie auf der ganzen Welt gibt, sie aber nicht das Bild der Stadt beherrschen. Nach dem ersten Eindruck heute wagen wir einen Vergleich mit Granada und Córdoba, der eindeutig zugunsten von Sevilla ausfällt. Granada ist gerade mal ein Drittel so groß wie Sevilla und wird deswegen von der großen Zahl an Studenten beeinflusst, die etwa ein Fünftel der Einwohnerschaft ausmachen. Das prägt die Stadt, macht sie außerordentlich charmant, lässt sie aber auch ein bisschen jugendlich überladen sein. Das macht sie lebenswert und für uns immer wieder besuchenswert, aber an Sevilla kommt sie nicht heran. Córdoba ist etwa ein Drittel größer als Granada, lebt aber zum Großteil von der Mezquita und seinen sehenswerten Innenhöfen. Die Stadt ist nicht studentisch, sondern touristisch überladen und verliert in unseren Augen kräftig gegenüber den anderen beiden. Nur die Mezquita macht Córdoba zu einem Muss im Reiseplan eines jeden Spanientouristen. Aber das ist nur unsere Einschätzung. Ob die bezüglich Sevilla Bestand hat, wollen wir morgen noch einmal überprüfen, wenn wir uns noch einmal auf sie einlassen wollen, um sie ein wenig genauer zu inspizieren.
Jetzt lassen wir die Eindrücke erst einmal mit einem Pastis sacken und brutzeln uns abends mit dem in Mijas auf dem Markt gekauften Pil-Pil-Gewürz Riesengarnelen Pil-Pil und finden, dass sie fast so gut schmecken wie in der Bar El Picoteo in Cala de Mijas. Unter den gegebenen Möglichkeiten ist das nicht so schlecht.
Ein großer, abgesperrter Bereich des Campingplatzes ermöglicht es den Mädels abends sogar noch ein wenig herumzurennen und ihre Geschäfte zu erledigen, ohne dass sie den Campingplatz verlassen müssen.
Allerdings gibt es bekanntlich kein Feuer ohne Rauch, und deshalb zieht trotz des herrlichen Tages schon wieder eine dunkle Wolke durch den Franz: Betty zickt wieder! Betty trinkt nicht. Betty ist verstockt. Wir lassen sie und nehmen uns vor, uns morgen oder übermorgen mit ihr zu beschäftigen. Wir lassen uns diesen Tag nicht miesmachen. Bestimmt nicht von einer dahergelaufenen Untersitz-Generatorin!
Um 23 Uhr hat es 15 °C und es ist ein wenig wolkig, also nicht nur im Franz.
Wir beschließen, eine Stadtrundfahrt zu machen, um uns einen Gesamtüberblick über diese Stadt zu machen, von der wir jetzt schon überzeugt sind, dass sie zu den schönsten gehören dürfte, die wir jemals gesehen haben (nicht zuletzt befeuert durch die Plaza-Narzissen). Gleich dort, wo wir vor einer Stunde dem Shuttlebus entstiegen sind, warten Rundfahrtbusse auf uns. 20 € kostet eine Fahrt durch die wichtigsten Ecken Sevillas. Weil man offenbar der Ansicht ist, dass Greise selbst schuld sind, wenn sie eine Stadtrundfahrt buchen, aber nicht mehr richtig sehen können, wird ihnen auch kein Nachlass gewährt. Wir bekommen beide zwei Ohrstöpsel und den Hinweis, Kanal 4 liefere die deutsche Beschreibung, und schon sitzen wir in südlicher Sonne auf dem Aussichtsdeck, friemeln den Stecker des Ohrstöpsels (den man heutzutage kosmopolitisch In-Ear nennt) ins vorgesehene Loch, stellen Kanal 4 ein und werden mit leichtgängiger Flamenco-Musik eingestimmt. Dann, um 14:15 Uhr, geht es los.