Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

Schriftgröße: +
12 Minuten Lesezeit (2304 Worte)

Sevilla

Sevilla

Montag, 7.2.2022

Nach den üblichen Ritualen besteigen wir um 10 Uhr wieder den Bus nach Sevilla. Heute stehen vor allem der Alcázar, die Kathedrale und die Giralda auf dem Programm. Falls wir dann noch für weitere Sehenswürdigkeiten aufnahmefähig sein sollten, werden wir entscheiden, was es sein soll.  

Gestern haben wir bereits die Tickets für den Alcázar um 11:30 Uhr gebucht und dafür 7 € für den Greis und 14,50 € für die Reiseleiterin bezahlt, obendrauf kommen aber noch 4 € Bearbeitungsgebühr. Nachdem der Bus nur eine knappe halbe Stunde in die Stadt braucht, haben wir noch eine Stunde, um zu Fuß zum Alcázar zu gelangen; weit ist es dorthin ja nicht. Doch ausgerechnet heute versagt auf geheimnisvolle Weise die Pfadfinderschaft und wir kurven etwas ziellos unserem Ziel entgegen. Dann endlich haben wir es geschafft, leider ist es nur die Uni. Das angestrebte Ziel liegt noch im Verborgenen. Also weiter um die Ecken, auch dorthin, wo die Gassen den Sack zumachen und uns schön langsam in die Hoffnungslosigkeit treiben. Also fragen, peinlich, peinlich, der Finger weist uns einmal um die nächste Ecke, und dort sind wir dann tatsächlich richtig, ziemlich pünktlich um 11:30 Uhr.  

Der Alcázar von Sevilla ist der mittelalterliche Königspalast von Sevilla. Die Geschichte der Anlage geht weit in die Zeit der Mauren zurück und wird bis heute von der spanischen Königsfamilie als offizielle Residenz genutzt, wenn sie sich in Sevilla aufhält. Die Privaträume der Royals können gegen ein Aufgeld besichtigt werden, was sie uns aber nicht wert sind. Anfänglich war das Bauwerk als Befestigung angelegt und wurde über die Jahrhunderte hinweg kontinuierlich zum Palast ausgebaut. Das führte zu einem seltsamen Stilmix, sodass beispielsweise neben den ursprünglich maurischen Stilelementen gotische aus der Zeit der Katholischen Könige stehen. Das liefert überraschende, auch skurrile Momente, ist aber nichts Neues bei Gebäuden, die praktisch alle Stilepochen durchliefen.  

Wir lassen uns von den Wegweisern durch die Gebäude und Höfe, über Balustraden und Treppenhäuser geleiten und finden, dass es nach einem Besuch der Alhambra eigentlich nichts Neues zu sehen gibt, was uns auch nicht verwundert. Trotzdem genießen wir den Alcázar.  

Richtig geht uns das Herz allerdings erst in den Gärten auf. Diese teilweise engen und verwinkelten Anlagen, liefern bei jedem Blickwechsel neue Panoramen und Augenbefeuchter. Die vielen kleinen Höfe, alle mit dick behangenen Orangenbäumen schattiert, schaffen eine fast intime Atmosphäre, nicht vergleichbar mit den weiten Anlagen der Alhambra. Nur wegen dieser Gärten würden wir den Alcázar jederzeit wieder besuchen, für den Palast nicht mehr.  

Weil wir jetzt der Meinung sind, dass uns eine kleine Stärkung nicht schaden könnte, lassen wir uns auf der Terrasse der Cafeteria des Alcázars nieder. Hier ist Selbstbedienung das Gebot der Stunde. Die Reiseleiterin nimmt dieses Gebot an und stellt sich an, nein, eine Stunde braucht sie nicht, bis sie mit einem Tablett zurückkommt, aber 20 Minuten sind es schon. Ihre Beute ist ein lausiges Pizzabaguette, wie man es sogar im Stachus-Untergeschoss besser bekommt und eine ebenso lausige Empanada, also eine Teigtasche mit Hähnchenfüllung. Das Baguette soll 4,50 € kosten und die Teigtasche 3,50 €, dazu kommt eine Cola und ein Kaffee. Weil die Kassiererin wegen der ausgefallenen Computerkasse mit Kopfrechnen überfordert ist, verlangt sie für alles zusammen nur 9,80 €, was bedeutet, dass Cola und Kaffee nur 1,80 € wert wären. Es gibt wenige Gelegenheiten, bei denen wir die Kassiererin nicht auf ihren Irrtum aufmerksam machen würden, hier haben wir aber kein schlechtes Gewissen, für den Fraß nicht auch noch drauflegen zu wollen. Vermutlich sind in der Kalkulation der Alcázar-Cafeteria die herumstolzierenden Pfaue eingepreist.  

Nach diesem Hochamt andalusischer Esskultur machen wir uns auf den Weg zur Kathedrale von Sevilla, nur wenige Schritte um die Ecke. Für sie konnten wir nicht übers Internet buchen, weil irgendwie der Sever nicht dienstbereit war. Also müssen wir ein bisschen Schlangestehen, aber es geht ziemlich fix. Die Reiseleiterin muss 12 € auf den Tisch blättern, der Senior nur 7 €. Schön langsam werden dem Greis die Ausgaben eines langen Lebens zurückbezahlt.  

Schon die ersten Rundumblicke in der Kathedrale erschlagen den Betrachter; dieses Haus ist wirklich etwas Besonderes. Die Kathedrale wurde zwischen 1401 und 1519 auf den Überresten der im 12. Jahrhundert errichteten arabischen Mezquita Mayor erbaut. Anders als die meisten vergleichbaren Kirchen, ist sie jedoch nicht in der typischen Kreuzform erbaut, sondern quadratisch, weil sie sich an der Grundform der zugrundeliegenden Moschee orientiert. Zusammen mit der Königskapelle ist sie 145 m lang und 82 m breit, das mittlere Kirchenschiff ragt 42 m in die Höhe. Damit ist Santa María de la Sede die größte jemals gebaute gotische Kathedrale, das größte Gotteshaus Spaniens und, hinter dem Petersdom und der St. Paul's Cathedral von London, die drittgrößte Kirche der Welt. Seit 1928 steht sie unter Denkmalschutz und gehört seit 1987 zum Weltkulturerbe.  

Wenn man durch dieses Weltkulturerbe schlendert, fühlt man sich fast verloren in der riesigen Kirche, klein vor der Wucht und Erhabenheit der Architektur und hat das Gefühl, kein Ende zu finden. Neben den fünf Kirchenschiffen verbergen sich überall kleine Kapellen, Nebenräume, Taufaltäre. Man geht und geht und hat ständig das Gefühl, Bedeutendes zu übersehen, weil man abgetrieben und abgelenkt wird. Es ist nicht möglich, all die Schätze und künstlerischen Großtaten dieser Kathedrale aufzuzählen und auch nicht der Sinn dieser Doku. Man kann sich einfach nicht sattsehen, und wer neugierig ist, muss sich von dieser Kathedrale selbst verzaubern lassen.  

Selbstverständlich bleibt das Auge an der fast schon monströsen Orgel hängen, aber vor allem am prächtigen Hochaltar, der der größte christliche Altar der Welt ist. Das Altarretabel ist ein unglaubliches Kunstwerk, das mit einem Gitter vom Rest der Kathedrale abgetrennt ist. Der Altar ist aus polychromem Holz gefertigt, umfasst insgesamt 44 Reliefs sowie mehr als 200 Heiligenfiguren und bedeckt eine Fläche von knapp 400 Quadratmetern. Es ist egal, ob man als gläubiger Christ vor diesem Kunstwerk in die Knie geht oder als Bewunderer der Leistungen der alten Großmeister.  

Aber auch Spielerein, wie ein am Boden angebrachter Spiegel, um die Kuppel einer Kapelle in allen Einzelheiten bewundern zu können, ziehen uns in ihren Bann, weil man so plötzlich überrascht wird und vor etwas steht, was man noch nie gesehen hat. Einen ganz anderen Kick liefert eine kleine Kapelle, deren marmornes Bodenmosaik so trickreich verlegt ist, dass man glaubt, über Stufen zu stolpern und unwillkürlich die Beine anhebt wie ein Storch.  

Dass in den fünf Schiffen dieser wichtigsten aller katholischen Kirchen Spaniens die Überreste zahlreicher Monarchen ihre letzte Ruhe gefunden haben, wird niemand wundern. Aber auch andere royale Devotionalien sind hier ausgestellt, wie etwa das Gewand Karl I. anlässlich seiner Krönung als Kaiser Karl V.  

Ein Hingucker und zentraler Anziehungspunkt ist natürlich der Sarkophag Christoph Kolumbus', den sich kein Besucher entgehen lässt. Das Grabmal wurde 1902 errichtet, um Kolumbus nach einem unruhigen Leben nach dem Tod endlich die verdiente Ruhe zu gönnen. Nach seinem Tod in Valladolid im Jahre 1506 wurde er nach Sevilla gebracht, 1596 dann nach Santo Domingo überführt. Da man den Franzosen nicht traute, die 1795 dort landeten, wollte man ihnen Kolumbus nicht überlassen, und verschiffte seine Überreste nach Havanna. Erst 1898 durfte er in seine Heimat zurückkehren und kam nach Sevilla. 2006 führten spanische Wissenschaftler einen DNA-Abgleich mit den Überresten aus dem Sarkophag und Überresten von Kolumbus' Bruder und seinem Sohn Fernando Kolumbus durch und bestätigten seine Identität. 

Der Sarkophag wird von vier Herolden getragen, die für die Königreiche Kastilien, León, Aragón und Navarra stehen. Interessant ist die Tatsache, dass die Träger mit den Wappen Kastiliens und Leons den Blick nach oben richten, während die mit den Wappen von Navarra und Aragón zu Boden blicken. Das wird so interpretiert, dass zunächst nur die ersteren vom Handel mit der Neuen Welt profitierten und die beiden anderen bis 1778 davon ausgeschlossen blieben.  

Gleich neben der Kathedrale wartet die Giralda auf uns. Das frühere Minarett ist heute der Glockenturm und das Wahrzeichen der Stadt. Damals, Ende des 12. Jh., war das Minarett eines der höchsten Bauwerke der Welt, nur von den zwei größeren Pyramiden in Gizeh überragt. Bis zur Galerie und dem Glockenstuhl geht es 70 Meter nach oben. Über der Galerie erhebt sich die Spitze der Giralda, die den bronzenen Giraldillo trägt, eine weibliche Statue als Verkörperung des triumphierenden christlichen Glaubens. Zusammengenommen ergibt das eine Höhe von 104 Metern. Für uns geht es nur bis zur Galerie hoch, was allerdings ein Erlebnis für sich ist. Die Bauherren haben nämlich nicht das übliche Treppenhaus eingebaut, sondern eine etwa 2,5 Meter breite Rampe mit einer Deckenhöhe, die den Aufstieg mit dem Pferd ermöglichte. Das macht es uns bequemer und versetzte unsere Vorfahren in die Lage, wichtige Nachrichten schneller übermitteln zu können.  

Schon auf dem Weg nach oben öffnen sich an allen vier Seiten Fensterscharten, die einen immer großartigeren Blick über Sevilla gewährt, je höher desto spektakulärer. Ganz oben liegt uns dann ganz Sevilla ungeschützt zu Füßen. Die Reiseleiterin darf sich nochmal an der erotischen Alamillobrücke ergötzen und der arme Greis pflegt beim Anblick schillernder Pools auf den Dächern von Palästen und Hotels sündige Gedanken.  

Zum Abkühlen machen wir noch einen kleinen Spaziergang hinüber an die Gestade des Guadalquivir und zur Stierkampfarena, aber die unbeschatteten 22 °C treiben uns schnell wieder zurück in den Schatten der Häuserschluchten der Altstadt.  

Um 15:15 Uhr nehmen wir den Bus zurück nach Dos Hermanas und sind eine gute halbe Stunde wieder bei unseren Hüterinnen des Franz'.  

Der kirchenskeptische Chronist räumt am Ende dieses kulturell fulminanten Tages unterwürfigst ein, dass sogar vatikanische Sakralkunst ein unvergessliches Erlebnis sein kann. Und er tut das, ohne sich dabei auf die Lippen beißen zu müssen: Die Kathedrale von Sevilla sollte jeder einmal im Leben gesehen haben. Darin unterscheidet sie sich nicht von der Mezquita von Córdoba.  

Die Reiseleiterin ist in der Übermittlung ihrer Begeisterung profaner ausgelegt. Wenn sie an etwas großen Gefallen findet, entfährt ihr gerne mal ein „Lecko". Als Steigerung kommt meist ein „Halleluja" zum Vortrag. Grenzwertig Reizüberflutung wird hingegen durch ein gerauntes „Leck mich ..." zum Ausdruck gebracht. Darüber hinaus geht nichts mehr. Der Chronist vermag nicht nachzuvollziehen, wie oft ihr dieses Angebot heute entschlüpfte. Es dürfte fast die halbe Menschheit erreicht haben.  

Danach, auf dem Campingplatz, hat uns die schnöde Wirklichkeit des irdischen Lebens schnell wieder beim Wickel. Und zwar gleich dreifach.  

Nummer eins ist eine Gesellschaft von 26 holländischen Wohnmobilisten, die im Rahmen einer geführten Andalusientour den freigehaltenen Teil des Campingplatzes okkupieren, wodurch auch dieser minimale Auslauf für unsere Mädels Vergangenheit ist. Wir fragen uns, was das für Leute sind, die sich eine Womoreise durchorganisieren lassen. Morgens steht der Bus nach Sevilla vor der Tür, abends sind in irgendeinem Restaurant Tische bestellt, Tickets sind besorgt und der Flamencoabend organisiert. Nur schlafen müssen sie allein. Wozu kauft oder mietet man sich ein sündteures Wohnmobil, um damit eine Pauschalreise zu unternehmen? Das ginge mit jedem beliebigen Reiseanbieter bequemer und billiger. Nicht nur die Kathedrale, sondern auch die irdische Welt steckt voller Geheimnisse.

Ob es an den Holländern liegt, die dem Chronisten auf der Seele liegen, oder ob es die vielen Heiligen des heutigen Tages sind: Der Chronist ist nach diesem stimmungsmäßigen Hochamt im Stimmungsloch und mag sich gerade selbst nicht. Der geplante Restaurantbesuch in einem der ausbaldowerten Bars in der Nähe wird somit gestrichen. Dafür gibt es etwas Wein und Cracker draußen vor dem Franz.  

Und der dritte Stimmungskiller heißt Fianna. Sie ist so unerträglich wie ihr Herrchen, aber nicht wegen der mutmaßlich schwer verdaulichen Heiligenlast, sondern unerträglich nervig, weil notgeil; eine hochläufige Vierläufige ist kaum zu ertragen, schon gar nicht auf 5 m2 Wohnfläche. Se will ja, aber se darf halt nicht.  

In solchen Fällen empfiehlt es sich, die Decke über den Kopf zu ziehen und auf den nächsten Tag zu setzen.  

Zahara / Ronda
Sevilla