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Fahrt ins Blaue
- Setenil / Jimena de la Frontera

Sonntag, 13.2.2022
Bevor wir uns nun in Richtung Gibraltar und Cádiz weiterbewegen, haben wir noch zwei Ortsbegegnungen auf der Agenda, die uns am Herzen liegen.
Doch die erste und leider unumgängliche Handlung des Tages ist er Abschied von Konni und Wolfgang, die jetzt über die Bodega 2020 und Valencia wieder nach Hause fahren. Tränenreich gestaltet sich unser Abschied nicht, aber warm und herzlich ist er, verbunden mit der Hoffnung, dass die beiden auf einer ihrer vielen Fahrten in den Süden einmal einen kleinen Abstecher vom Irschenberg nach Norden machen, um noch ein paar Hundefragen loszuwerden und einen Abend gemeinsam zu verbringen.
Dann ist es so weit. Der Regen der Nacht hat ausgetröpfelt, wir lassen für die fünf Tage 100 € bei der schnurrigen Rezeptionistin liegen, die über den Abschied von der Reiseleiterin wahrscheinlich ebenso Trübsal bläst, wie wir es wegen des Abschieds von „den Bürstners" empfinden, die immer noch nicht Bürstner heißen und nie so heißen werden.
Bei unserer Abreise um 10:45 Uhr hat es 9 °C, und der Himmel zeigt sich andalusisch; die Wolken der Nacht sind nur noch eine fahle Erinnerung.
Wir richten die Franzennase nach Norden, um Setenil de las Bodegas anzusteuern. Wir wissen nicht, ob der Google Mops eine schlechte Nacht hatte oder keine Lust verspürt, am Sonntagmorgen zu arbeiten, jedenfalls führt er uns völlig humorlos durch Arriate, ein mistenges Kaff, obwohl es mit ein paar Kilometern Umweg deutlich beschaulicher und weniger aufregend gehen könnte. Im Zentrum ist oft Millimeterarbeit angesagt, was die anderen Verkehrsteilnehmer mit großer Geduld aussitzen. In dieser Hinsicht sind die Spanier große Klasse. An einer Straßengabelung geht es offenbar rechts nicht durch und halb links droht dem Chauffeur ein „Durchfahrt verboten"-Schild. Weil sich auch die Navigatorin verlassen fühlt und schweigt, entscheidet sich der Chauffeur kurzerhand für die ganz linke Variante – und steckt schon fünfzig Meter weiter fest. Ein freundlicher junger Mann kommt strahlend daher, „Setenil?" fragend und weist auf das Kopfnicken des Chauffeurs in unseren Rücken, was heißen soll: zurück und dort links. Also dorthin, wo es augenscheinlich nicht weitergeht. Jetzt muss also wieder einmal auf dem Bierdeckel zwischen Autos, Motorrädern, Verkehrsschildern und Mülleimern gewendet werden. Eine junge Fahrerin bleibt wegen uns stecken und kommt vermutlich nicht rechtzeitig in die Messe, aber als ihr der Chauffeur nach gelungenem Wendemanöver ein dankendes Kusshändchen zuwirft, strahlt sie kusshändelnd zurück und ist vermutlich überzeugt, dass es auch einmal mit dem abschließenden Amen in der Kirche getan sein muss. Gemäß dem Hinweis des freundlichen Wegweisers, müssen wir uns an der Gabelung links halten, also dorthin, wo das Durchfahrtverbot steht. Egal. Nach wenigen Metern erkennen wir unseren Fehler; das Durchfahrtverbot gilt für eine Gasse, die dort links abgeht, das Sträßchen, das wir benutzen sollen, schwenkt etwas nach rechts, weshalb wir nicht erkennen konnten, dass es dort tatsächlich weitergeht. Jetzt klappt es. Zwar ist es immer noch eng wie in einem Glacéhandschuh, aber damit haben wir Erfahrung.
Um 11:25 Uhr, nach etwas mehr als 20 Kilometern stellen wir den Franz auf dem Parkplatz außerhalb von Setenil de las Bodegas ab [N 36° 51' 45,1'' W 005° 10' 14,5''] und machen uns mit den Mädels auf den Weg, um den Ort zu begutachten, das als weißes Dorf einen fast so legendären Ruf genießt wie Ronda. Aber die Orte sind nicht vergleichbar. Setenil ist winzig und hat kaum 3.000 Einwohner, Ronda mehr als zehnmal so viel. Da ergibt es sich fast zwangsläufig, dass das, was einen solchen Ort zur Attraktion macht, viel konzentrierter auftritt. Setenil ist, wie alle diese weißen Dörfer, an die Felsen geklebt, was notwendig die Architektur bestimmt. Die Besonderheit Setenils liegt darin, dass Teile des Orts komplett unter einen Felsüberhang gebaut sind.
Es ist wieder einmal Sonntag, und wieder einmal nutzen auch die Spanier den freien Tag, um sich ihre Heimat anzusehen, was heute dazu führt, dass wir tatsächlich die einzigen Nichtspanier sind. Ein japanisch aussehendes Paar könnte uns eventuell noch Gesellschaft leisten, aber wir sind beinahe fest überzeugt, dass es sich auch bei ihm um Spanier mit Migrationshintergrund handelt. Es drängt sich viel Volk in Setenils engen Gassen, was Fianna zu einigen Unmutsäußerungen veranlasst. In dieser Hinsicht ist sie ihrem Herrchen sehr ähnlich, der auch gerne seine Ruhe hat, wenn er sich mit etwas beschäftigen will. Das ist ihm heute hier in Setenil nicht vergönnt.
Groß ist das Örtchen nicht, also kann man sich nicht verlaufen, aber die Spanier, sobald wir mit ihnen in Kontakt treten, weisen mit den Fingern in die Schlucht hinunter, wo die Kneipengasse liegt, dort unten unter dem Felsen. Dorthin sollen wir gehen. Also reihen wir uns in die Prozession ein und stehen alsbald unter dem mächtigen Felsendach, das von Bars und Kneipen getragen und von Andenkenläden und Butiken untergaben ist. Hier unten drängt sich nun wirklich das Volk zusammen, auch weil natürlich alle ein Foto von sich unter dem Felsen machen wollen, und zwar in der gebotenen Pose, was zu einem Dauerstau führt. Es geht zu wie in Rüdesheim in der Drosselgasse, und wieder einmal wollen wir uns nicht vorstellen, was sich unter diesem Felsen in der Saison abspielt. Aber ein Foto von uns wollen wir doch auch schießen.
Fianna stellt nun den Antrag weiterzufahren, weil es ihr nicht nur zu eng ist, sondern langsam auch zu warm wird. Ihr Herrchen unterstützt dieses Ansinnen ausdrücklich. Und so gehen wir zurück zum Parkplatz, während sich immer mehr Menschen von dort in Richtung Ortskern bewegen. Es hat schon seine guten Gründe, wenn der Reiseführer empfiehlt, möglichst früh da zu sein. Als wir wieder beim Franz ankommen, sind wir alle vier der einhelligen Meinung, dass Zahara eindeutig die Nummer 1 in unserer Rangordnung der weißen Dörfer bleibt. Die Wertung der Mädels wird jedoch nur unter Vorbehalt anerkannt, weil sie Zahara nur vom Auto aus gesehen haben; das gültet nicht. Wir verlassen Setenil um 12:25 Uhr bei 17 °C und einem immer tiefblaueren Himmel.
Jimena de la Frontera, Jimena de la Frontera
el río y la montaña y el campo de Jimena
donde está la casa mía, donde está la casa mía
Mit diesen Zeilen beginnt Franz Bentons Lied „Jimena de la Frontera" aus dem Jahr 1989. Mitte der siebziger Jahre war er hierher, in die Berge Andalusiens ausgewandert, um Landwirtschaft zu betreiben. Nach vier Jahren war der Traum ausgeträumt, als ihm ein Erdrutsch alles zerstörte. Vom Gitarrenunterricht für andalusische Nachwuchskünstler kann niemand auf die Dauer leben. Also konzentrierte er sich wieder auf seine alte Leidenschaft, die Musik, und zog nach Los Angeles, wo er drei Jahre in großen Klubs spielte. 1986 veröffentlichte er sein Album Talking to a wall und begleitete Chris de Burgh auf dessen Europatournee. In den folgenden Jahren war er als Supporting Act mit Tina Turner, Joe Cocker und Eric Clapton unterwegs. Nach seinem zweiten Album Promises aus dem Jahr 1988, dessen Titelsong zu seinem ersten Hit wurde, erschien 1989 das Album Carry On, auf dem er seiner einstigen andalusischen Heimat die oben zitierte Hymne widmete. Mit diesem Lied gelang ihm in Deutschland der endgültige Durchbruch.
Wir haben Franz Benton und seine Musik viele Jahre begleitet und einige seiner Konzerte besucht, bis er sich aus dem Geschäft zurückzog. Jetzt haben wir die Gelegenheit, uns einmal dort umsehen, wo er lebte, einen Eindruck von diesem von der Welt verlassenen Nest zu gewinnen, das einst die Heimat eines Weltbürgers sein durfte.
Was nun auf unserem Weg nach Südwesten folgt, ist eine der atemberaubendsten Fahrten, und gehört definitiv zu den schönsten, die wir jemals erleben durften. Fast zwei Stunden kurbeln wir uns durch die Sierra del Hacho, rauf und runter, hin und her wie auf einer Achterbahn, jeder Meter ein faszinierender Augenschmaus. Bis auf 1000 Meter steigen wir auf und wieder ab, über Atajate, Benadalid, Algatocín und Gaucín. Der Chauffeur spürt keine Schultern mehr vom Kurbeln, aber sein Gesicht strahlt wie dement. Im Zweifel würde er bis zum ultimativen Systemzusammenbruch kurbeln und schalten und – auch fluchen, weil all die unbeschreiblichen, an den Fels gekleisterten weißen Dörfer auf seiner Fahrerseite vorüberziehen, und leider auch nur dort, linkerhand, die Aussichtsplätze eingerichtet sind. Auf dieser Straße gibt es aber kaum Möglichkeiten, dort hinüberzuwenden. So streichen diese weißen Vogelnester an uns vorüber wie eine Fata Morgana. Die gesamte Fahrt ist, wir übertreiben nicht, ein Jahrhundertereignis in unseren Fahrtenbüchern: Unaussprechlich und unbeschreiblich schön, dazu die monumentalen Felsabstürze, Schluchten und Kluften, die eisgraue Felskronen – ein Land, wie aus Tausendundeiner Nacht.
Um 14:15 Uhr kommen wir in Jimena de la Frontera und dem Campingplatz Los Alcornocales an. [N 36° 26' 34,1'' W 005° 27' 38,1'']. Es ist bei 19 °C etwas wolkig.
Schon der erste Eindruck vom Campingplatz lässt auf etwas Spezielles schließen. Der Platz ist klein und eng. Und er ist praktisch leer. Ein paar Figuren streifen herum, die ständig zwischen perfektem Englisch und ebenso perfektem Spanisch wechseln. Es dauert ein bisschen, bis uns ein Lichtlein leuchtet: Gibraltar ist um die Ecke. Das hier sind, wie wir nun auch an den wenigen Kennzeichen sehen, alles Gibraltaner, Gibraltesen, Gibraltarer? Oder weiß jemand spontan, wie die Einwohner von Gibraltar heißen? So einfach ist das nicht, weil sich die Nomenklatur auch immer wieder ändert. Als der Chronist zur Schule ging, hießen die Bewohner Ghanas noch Ghanesen, jetzt wollen sie Ghanaer sein. Meinetwegen. Aber müssen wir demnächst damit rechnen, dass die Chinesen Chinaer genannt werden wollen? Man weiß nie, deswegen empfiehlt es sich, bei Tante Google nachzuschlagen und bekommt als Antwort: Gibraltarer. Also, der Campingplatz ist derzeit vorwiegend von gibraltarischen (jetzt wird's schon wieder schwierig) Dauercampern belegt, die am Sonntag wieder abreisen. In der Saison sieht das hier anders aus, aber nach deren Abreise sind wir mit einem anderen deutschen Besucher allein auf dem ganzen Platz.
Das Sanitärgebäude ist in einem Gebäude aus groben Steinquadern untergebracht, macht einen sauberen, aber an Abnutzung leidenden Eindruck. Bei kaltem Wasser an der Spüle bekommt der Chronist jedoch konsequent einen Schreianfall. Ob der Gesamtzustand der Anlage einem größeren Andrang in der Saison standhält, ist zu bezweifeln. Vor allem die engen Zufahrten und Boxen dürften für einiges Ungemach sorgen. Nur die zwei Gassen mit den Dauercampern aus Gibraltar in ihren festen Zeltburgen werden davon nicht betroffen sein und es sich gemütlich machen können.
Wir machen auch etwas, nämlich Kaffee mit etwas Kuchen. Um kurz nach 16 Uhr führen wir die Hunde ein Stück in den Naturpark Los Alcornocales, in den einige Wege direkt vom Campingplatz aus führen. Der Nationalpark erstreckt sich über eine Fläche von fast 1.700 km2 und ist Heimat der größten Korkeichenwälder der Iberischen Halbinsel und einer der größten naturnahen Wälder im gesamten Mittelmeerraum. Hier darf man auf viel Wild hoffen, aber auch auf die schwarzen Ibéricos, die nirgendwo sonst ein so glückliches Leben haben könnten.
Weit kommen wir zwangsläufig nicht hinein in diese Naturlandschaft, die an ihren Rändern eben auch eine ausgewiesene Kulturlandschaft ist, die immer wieder mit Zäunen versperrt ist, weil möglicherweis schon mal jemand auf die Idee kommen könnte, so ein Luxusschwein unter den Eichen herauszuklauen. Im Río Hozgarganta können die Mädels ein erfrischendes Fußbad nehmen und auch ein wenig ein- und abtauchen. Es geht bergauf und bergab, fast so anstrengend wie während der Durchquerung der Sierra del Hacho heute Nachmittag. Eine knappe Stunde reicht, um uns die Bewegung zu verschaffen, die nach einer Autofahrt guttut. Man könnte es hier aber tatsächlich einige Tage aushalten und sich in diesem Wald umsehen.
Ein Campari Orange hinterher tut allerdings auch sehr gut und lädt ein, anschließend noch ein wenig zu dösen.
Um 19:15 Uhr gehen wir zu Fuß nach Jimena hinein, eine knappe Viertelstunde nur und suchen die Bar Perez. Im Leben hätten wir diese Kneipe nicht betreten, wenn sie nicht immer wieder geradezu euphorisch gelobt worden wäre. Denn die Bar ist eine so stinknormale Dorfkneipe, wie man sie sich landläufig vorstellt und im Vorübergehen übersieht oder die Sorge hat, dort nicht willkommen zu sein. Der erste Eindruck sind einige Billigtische, schon jetzt mit lautem Publikum belegt, ein ächzender Holzboden, der die Sorge auslöst, dass er schon beim nächsten Besucher nachgeben könnte und dann der Wandschmuck der schaurig schön wie in allen Kneipen der Welt vom ereignisfreien Leben in Jimena erzählt: unzählige vergilbte Fotos vom lokalen Fußballverein, einige namenlose Honoratioren, ein Marienbild und ein Herzjesubild, über alle Wände verteilt Fotos der Familie, ein Prominenter, der einem Eingeborenen die Hand schüttelt, lauter solche Dinge von grausiger Schönheit.
Der Wirt dagegen ist ausgesprochen freundlich und lässt uns auf unseren Tapaswunsch hin wissen, dass es diese erst ab 20 Uhr gibt. Dann halten wir uns bis dahin eben an Bier und Wein und das übliche Gedeck. Kurz vor acht bestellen wir dann bei der Bedienung, die kein Wort Englisch oder eine andere Sprache spricht, aber alles versteht, was wir vorbringen, sieben Tapas, die sie in loser Reihenfolge nacheinander liefert, und deren Qualität unseren Besuch in dieser Bar zu hundert Prozent rechtfertigen. Die Kellnerin serviert fix und freundlich, bleibt aber charmant reserviert, weil es für einen Smalltalk eben nicht reicht. Am Ende zahlen wir für sieben Tapas, zwei Bier, zwei Wein und ein Wasser 18:90 €. Die Bar Perez wird unsere Reise in unseren Köpfen überleben, weil sie ehrlich ist, authentische und nicht auf Touristen schielt, die hier kaum landen werden, weil sie trotz Franz Benton am Rande der touristischen Pilgerpfade liegt.
Um 21:15 Uhr sind wir wieder bei unseren Mädels und blicken ziemlich zufrieden auf einen unvergesslichen Tag zurück.