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Fahrt ins Blaue
- Gibraltar

Montag, 14.2.2022
Morgens zieht ein kleines Regengebiet durch, das wir den Andalusiern von Herzen gönnen und uns nicht wehtut. Und ehe wir uns versehen, ist der feuchte Spuk vorüber und die Sonne übernimmt wieder die Regie. Die Spanier werden es sehr schwer haben, wenn nicht bald der dringend notwendige Regen kommt. Eigentlich ist der Januar der Regenmonat, aber dieses Jahr ist der Regen fast komplett ausgeblieben.
Vom Morgen-spaziergang bringen die drei Mädels eine vierläufige schwarze und sehr kleine Schuhschachtel mit, die, weil männlichen Geschlechts, aus nicht viel mehr als funktionierenden Testikeln zu bestehen scheint. Wenn Fianna mit ihrem Pilotfisch auftaucht, wirken sie wie eine spanische Galeere mit dem Landungsboot. Fianna schert sich kaum um diese Laus in ihrem Fell, nur Hedda treibt die lästige Filzlaus in die Nähe des Overkills. Der Kerl ist so Hals über Kopf verliebt, dass er sogar versucht, in unsere offene Tür zu springen, was für einen so winzigen Kerl nicht nur eine sportliche Höchstleistung bedeutet, sondern mit höchster Gefahr für Leib und Leben einhergeht. Die Gefahr geht dabei nicht von Fianna aus, die sich fast ein wenig zu amüsieren scheint, sondern von Hedda, die derzeit absolut keinen Sinn für Balzspiele hat. Was sie jetzt, nach dem Spaziergang verspürt, ist: HUNGER! Den kleinen Lover schreckt das alles nicht ab. Unentwegt tanzt er um den Franz herum, und zwar so penetrant, dass wir wirklich nicht wissen, wie wir demnächst wegfahren sollen, ohne ihn unter die Räder zu nehmen. Der kleine Kerl besteht nur aus einer Ladung wirbelnder Hormone und würde für einen Stich sogar sein Leben geben. Als wir Los Alcornocales um 11:40 Uhr verlassen, rennt er um das Leben seiner erhofften Nachkommen hinter uns her, schneller als seine 15-Zentimeter-Beinchen eigentlich erlauben und bis sie nicht mehr seinen Hormonen, sondern nur noch ihrer Vernunft gehorchen. Dann verschwindet er immer kleiner im Rückspiegel, bis er wie ein betrogener und trauriger Zwerg im Nichts abtaucht. Er wird sich bei der nächsten Dame wieder bis zum nahen Exitus verausgaben. Ja, unterschätzt mir die kleinen nicht...
Als wir Jimena de la Frontera verlassen, hat es wolkenlose 15 °C. 18,50 € haben wir für die Hütte am Parkrand bezahlen müssen, und zwar ohne Strom, der hätte noch einmal 4,90 € gekostet. Wir finden: Den Platz kann man für eine Nacht ansteuern, aber der Preis ist nicht gerechtfertigt.
Unser Ziel ist Gibraltar, was pfadfinderisch keine Herausforderung darstellt; es geht eigentlich nur stracks nach Süden. Kurz vor Gibraltar machen wir einen Abstecher in eine Repsol-Tankstelle, um neues Gas zu laden, bleiben aber unbefriedigt. Wir haben noch keine Not und kommen noch ein einige Zeit über die Runden, zumal wir noch genügend „deutsches" Propan an Bord haben.
Um 13:00 Uhr fahren wir in La Línea de la Conceptión auf den riesigen Stellplatz im Yachthafen [N 36° 09' 23,3'' W 005° 21' 23,9'']. Dieser Stellplatz hat Platz für mindestens 50 Mobile, eines neben dem anderen aufgereiht. Charme wird anders buchstabiert, aber den verhinderten Segler zieht es immer wieder ans Wasser. Beim Anblick der Schiffe wird er schnell meditativ und vergisst das dröge Drumherum. Es ist frisch hier, 8 °C und wolkenlos, aber pfiffig, wie man es von dieser Lage erwarten muss.
La Línea ist der letzte Ort vor der Grenze zu Gibraltar und hat alles, nur kein Ambiente. Es lebt von der Grenzlage, bietet Geschäfte, Supermärkte und natürlich Hotels und Fremdenzimmer für alle, deren eigentliches Ziel Gibraltar ist.
Wir haben keinen Grund, lange in der Marina herumzuturnen: Wir wollen jetzt nach Gibraltar. Um 13:35 Uhr machen wir uns zu Fuß auf den Weg und sind um 13:50 Uhr an der Grenze zu Großbritannien. Ein komisches Gefühl ist es schon, hier, so tief im Süden, plötzlich im Empire zu sein. Zweimal müssen wir unsere Ausweise zeigen (für Europäer reicht der Personalausweis, Briten müssen einen Pass haben), allerdings, den Covid-Bestimmungen folgend, mit hochgezogener Maske. Über dieses Kasperletheater freut sich der Berufsterrorist, und würde, wie wir, freundlich durchgewunken. Jetzt sind wir also in Kleinboristannien und fühlen uns schlagartig wie im Mutterland: Doppeldeckerbusse, rote Telefonzellen, die vermutlich genauso arbeitslos sind wie die (inzwischen abgebauten) Magenta-Zellen bei uns. Aber ein bisschen Kulturchauvinismus gehört dazu, auch wenn er funktionslos ist. Doch sie erfüllen ihren Zweck, denn woran würde der Reisende in einer gleichgeschalteten Welt noch erkennen, wo er sich momentan befindet, wenn nicht an solchen Versatzstücken der Geschichte?
Wir besteigen eine dieser Doppeldecker Busse, die den Transport in die City übernehmen, wenn man den Fußweg scheut. 6,60 € zahlen wir zusammen (Euros sind hier neben dem britischen und dem Gibraltar-Pfund gültiges Zahlungsmittel) für den ganzen Tag, also hin und zurück und können jederzeit auf und abspringen.
Als erstes werden wir mit einem Kuriosum konfrontiert, das es nicht häufig gibt auf der Welt: Eine Straße quer über eine Flughafen-Rollbahn. Und diese Straße nennt sich auch noch großspurig Winston-Churchill-Avenue.
Wir werden in unserem Bus nicht von einem Flieger ausgebremst, erleben aber sofort, was es bedeutet, auf einem Wurmfortsatz zu leben: Chaos, Verkehrsstau rund um die Uhr, Hupen, Gedränge, Dröhnen, Lärm.
Knapp 34.000 Menschen leben hier auf nicht ganz 7 km2. Anbauen geht nicht. Der Atlantik auf der einen Seite, das Mittelmeer auf der anderen Seite lassen nicht mit sich verhandeln. Und die Spanier auch nicht. Da müsste man schon einen Einmarsch nach Spanien wagen. Putin zeigt ja, wie es gehen könnte. Und wenn den Briten die Falklandinseln einen Krieg wert waren, könnte Gibraltar es doch auch wert sein. Oder? Den Wirrköpfen in Downing 10 wäre manches zuzutrauen, und die entsprechenden Berater hätten sie ja auch. Ganz so abwegig ist der Gedanke nicht. Nachdem die Briten all ihre Besitztümer in Andalusien Stück für Stück verlassen und verkaufen müssen und im Gegenzug die Immobilienpreise auf Gibraltar in die Luft gehen, wäre es nicht unlogisch, wenn man versuchen würde, die jahrzehntelang okkupierten Gebiete endlich fest in die eigene Hand zu bekommen. Rule Britannia, rule... Manchmal erschrickt der Chronist vor den eigenen Gedanken. Und dann bedauert er wieder, kein Politiker geworden zu sein. Das Zeug dazu hätte er. Ach was: Politiker! Ein Staatsmann wäre er, ein großer gar und Feldherr ...
Die Fahrt in die Stadt hinein ist, wie angedeutet, ein einziges Stopp & Go. Der Chauffeur zieht den Hut vor dem Busfahrer. Doch dann ist Schluss: Eine Polizeisperre riegelt eine Straße ab, die wir passieren müssten; warum erfahren wir nicht. Wenige Meter weiter entlässt uns der Fahrer mit dem Hinweis, wohin wir gehen müssten, um die Seilbahn zum Affenfelsen zu finden. Dort wollen die meisten hin. Also marschieren wir los und getrauen uns nicht, den fairen Anteil unserer 6,60 € von den Polizisten einzufordern.
Auf dem Weg durch das Zentrum zur Seilbahn kommen wir in direkten Kontakt mit der Realität Gibraltars. Eigentlich besteht die ganze Innenstadt nur aus Pubs, Restaurants und der bekannten Touristenabzocke. Die Reiseleiterin frohlockte schon auf der Anreise unentwegt, endlich wieder Fish & Chips zu bekommen, die, so hört man, an jeder Ecke angeboten würden. Aber wir finden nur Restaurants und Kneipen, eine simple Fish & Chips-Bude gibt es nirgends. Deshalb entscheiden wir uns, in einer Bar, die mit Fish & Chips draußen wirbt, eine Portion zu holen. Das dauert eine Viertelstunde, wahrscheinlich auch, weil wir gerade die einzigen Gäste sind und das Personal einen lustlosen Eindruck macht. Als wir die britische Nationalspeise in einer Styroporpackung endlich wegtragen dürfen, suchen wir uns ein stilles Plätzchen, um es zu verdrücken. Einige hundert Meter weiter finden wir zwei etwas versiffte Bänke in einem Hof, wo wir uns nun den halbkalten Fisch und seine fast kalten Pommes endlich zuführen; wir haben schon bessere gehabt, deutlich bessere.
Nun also der Affenfelsen. Die Tickets für den kaum dreiminütigen Lift kosten 17 Gibraltar-Pfund für die Dame und 15,50 G-Pfund für den Senior. Oben angekommen, werden wir mit jeder Menge Hinweisen ausführlich vor den Affen gewarnt, kein Essen in der Hand, keine Plastiktüten, welche die Affen erfahrungsgemäß mit Nahrung assoziieren, und den Fotorucksack bitte vor die Brust; das gleiche Affentheater wie in der Alhambra. Aber die Affen scheren sich nicht um uns, sondern hocken gelangweilt herum, lausen sich gegenseitig und rufen ihren Nachwuchs zur Ordnung.
Derzeit leben über 200 Affen auf dem Felsen, dazu weitere, die sich abseits der Touristen aufhalten. Anders als immer wieder kolportiert, handelt es sich bei ihnen nicht um Berberaffen, sondern um Makaken. Die ließ angeblich Winston Churchill dort ansiedeln, weil die Legende geht, dass die britische Herrschaft über Gibraltar so lange bestehe, wie die Affen auf dem Felsen leben. Die waren aber stark gefährdet, durch innzuchtbedingte Krankheiten und nicht zuletzt durch die Fütterung durch Touristen und den dadurch verursachten Krankheiten. Um die britische Herrschaft über die Halbinsel zu sichern, soll Churchill einen größeren Posten Affen dort angesiedelt haben, mit dem entsprechenden Pflegepersonal, damit sie ewig leben mögen. Heute werden die Affen auf dem Felsen umsorgt und auch gefüttert, um ihren Bestand zu gewährleiten, aber auch, um die Tiere von der Stadt fernzuhalten, wo sie sich immer dreister herumgetrieben und sogar Häuser plünderten. Das Füttern durch Touristen ist dagegen strengstens verboten. Ein Hinweisschild lässt in dieser Hinsicht keine Zweifel: Das Füttern der Affen ist eine Straftat und kann mit bis zu 4000 £ bestraft werden!
Wir haben unsere Freude an den Schwellärschen, mehr aber an der überwältigenden Aussicht: Unter uns die Stadt und das spanische Festland, mit dem Mittelmeer auf der einen Seite und dem Atlantik auf der anderen. Wir stehen und staunen und es erfüllt uns das Gefühl, uns gehört die halbe Welt. Dort drüben grüßt Afrika herüber, ein wenig hämisch, wie uns scheint, weil wir es derzeit nicht betreten dürfen, aber hinüberblicken dürfen wir – und ein wenig träumen. Und das genügt uns auch. Manchmal sind Träume erfüllender als die Wirklichkeit, wer wüsste das nicht? Weitere Attraktionen, wie etwa den Skywalk, eine gläserne Terrasse über dem Abgrund, haben wir nicht gebucht, weil der Chauffeur so etwas sowieso nicht betritt und die Aussicht dort auch nicht mehr bietet. Um 16 Uhr sagen wir den Affen adieu, auch weil es dort oben elend windig ist, und fahren wieder hinunter.
Damit kann aber die Mission Gibraltar noch nicht beendet sein! Die Reiseleiterin wird nichts unversucht lassen, eine Bootsfahrt zu den Delphinen machen zu dürfen. Deshalb latschen wir jetzt durch die Stadt zum Hafen, um bei einem Anbieter für Delphinfahrten für morgen eine Fahrt zu buchen. Aber die haben alle gerade geschlossen, weil sie draußen bei den Delphinen sind, und bitten um Online-Buchung.
Auf unserem Weg durch die Stadt wird uns noch deutlicher klar, dass dieser letzte Zipfel Europas offenbar der letzte Zufluchtsort für die wilden und abgefahrenen Typen Europas ist, als ob sie durch eine Spritztüte in diesen Sack am Ende der Welt gedrückt worden wären. Wir haben den Eindruck, dass alles, was sich früher auf Ibiza tummelte, jetzt hier gelandet ist. Daran ist natürlich nichts Schlimmes, und jeder der in einer Großstadt lebt, kennt diese bunten und schrägen Vögel, die sie auch lebendig machen. Es muss sie alle geben, die Squaren und die Hippen, die Bunten und Fahlen, die Spießigen und die zum Schießen, die Linksdrehenden, die Hohldrehenden und die Durchdrehenden. Was aber treibt die ausgerechnet in dieses abgelegenste aller abgelegenen Löcher der Welt? Was gibt es ausgerechnet hier, das es sonst nirgendwo gibt? Duty-Free-Shops, Pubs und Touristenabzocke können es nicht sein. Viele Menschen stehen in ihrem Leben einmal vor der Frage: Was hat der / die, was ich nicht habe? Falls die Antwort nicht schlicht auf Geld und Wohlstand hinauslaufen kann, bleibt sie meist unbeantwortet. So geht es auch uns bei der Frage nach der Anziehungskraft Gibraltars auf diese bunte Gesellschaft? Wir finden keine Antwort. Aber wir sind uns einig: Einmal im Leben sollte man Gibraltar gesehen haben und wenn es nur wegen der Affen ist, sicher aber wegen des unbeschreiblichen Blicks auf eine der historischen Nahtstellen der Welt. Ein zweites Mal kann man sich sparen.
Nach unserem vergeblichen Buchungsversuch einer Delphinfahrt, nehmen wir den Bus zurück zur Grenze, müssen wieder zweimal vollmaskiert unsere Ausweise zeigen und sind um 17:25 Uhr zurück bei den Mädels im Yachthafen. Es hat sehr windige 18 °C.
Nun nimmt die Dogwalkerin ihr Lieblinge raus, was aber nichts als eine Enttäuschung ist, weil ein Yachthafen eben nichts bietet, was ein Hund für sein Wohlbefinden braucht. Für die beiden ist dieser Stellplatz so ziemlich das Letzte, was sie brauchen: eine Zumutung. Aber ein bisschen müssen sie sich bewegen, auch wenn es mehr der Not gehorchend als dem eigenen Triebe ist.
Weil wir auch keine Lust haben, uns ein überteuertes Restaurant in der Nähe zu suchen, begnügen wir uns abends mit etwas Wurst und Käse und sind zufrieden. Da Glück wird komplett, als es der Reiseleiterin gelingt, morgen für 12.30 Uhr bei Dolphin Adventure eine Flipperfahrt zu buchen. Mehr strahlen geht kaum, und das bedeutet: Sofort schlafen, damit es schneller morgen wird.
Zum Unglück unserer Damen müssen sie nachts noch einmal raus, um zumindest das kleine Geschäft zu erledigen, was Fianna mit altersweiser Souveränität erledigt, indem sie ihren Hintern in die winzige Baumscheibe einer Palme drückt. Hedda ist nachts immer eine unzuverlässige Pinklerin, aber auf Beton, ohne auch nur ein winziges Fleckchen Grün, geht sie lieber bis in den Morgen spazieren, als dass sie auch nur einen Gedanken ans Undenkbare verschwenden würde. Der Nachtwalker weiß das und strapaziert sich und das pingelige Kind nicht, sondern dreht schon nach wenigen Metern bei. Wir wissen, zu welchen Blasenfüllungen die Kleine fähig ist; wenn es nicht anders geht, hält sie es bis übermorgen aus.
Es ist 22:30 Uhr und hat 15 °C. Es ist klar und fast windstill.
Für alle, die Gibraltar besuchen wollen, aber kein Wohnmobil haben oder nicht in ein überteuertes Hotel wollen, haben wir einen Tipp. Im Yachthafen von La Línea liegen eine ganze Reihe äußerst schnuckeliger Hausboote, die auf Mieter warten, kuschelig, mit Dachterrasse und einem Fahrrad auf der Veranda, alles picobello. Eine echte Alternative. Wer sich dafür interessiert, kann sich hier schlaumachen: www.boat-haus.com.