Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Zahara de los Atunes

Hedda in Zahara de los Atunas

Donnerstag, 17.2.2022

Wo ist es nur geblieben, das himmlische Kind, der Wind? Ausgepowert hat er sich gestern, über die Maßen verausgabt und somit den Tarifaris einen Ruhetag verschrieben, den Lesern und Dösern dagegen wieder einen Tag mit Strandesruhe beschert. Schiedlich und friedlich geht es zu in Tarifa.  

Der Kuschelspanier hat sich schon früh aus dem Staub gemacht, wohl weil er hoffte, damit den 8 € Platzgebühr zu entgehen (altes Rezept der Klemmer: sehr spät kommen und sehr früh gehen), aber der Hüter des Platzes ist nicht nur lieb und freundlich, sondern auch wachsam; ihm ist der Unterschleifversuch nicht entgangen und hat freundlich und höflich die Hand aufgehalten. So ist es recht.  

Auf den frei gewordenen Platz klemmt sich nun ein Münchner, nicht so hautnah, aber offenbar mit Kommunikationsbedürfnis. Diesem kommen wir nicht nach, weil wir schon auf dem Sprung sind.  

Während wir zur Entsorgung anstehen, wartet ein Rosenheimer mit uns, gerade so, als wäre halb Südbayern auf ein Stelldichein in Tarifa zusammengekommen. Genau genommen ist er ein Bruckmühler, also direkter Nachbar von uns, der nur noch einen provisorischen Wohnsitz bei seinen Kindern angemeldet hat und bereits seit zweieinhalb Jahren durch Europa tingelt. Wenn man sich auf eine solche Halbjahrestour vorbereitet und sie vor seinem inneren Auge vorbeiziehen lässt, hat man noch keine Ahnung davon, für wie viele Mitmenschen so etwas bestenfalls Kleinkleckersdorf ist, was für uns schon die ganz große Welt ist.  

Wir haben es schon gestern gesehen: Es herrscht ein sehr reges Kommen und Gehen auf dieser Área de Autocaravanas. Fast eine halbe Stunde stehen wir und warten an der Ver- und Entsorgung, plaudern mit dem Bruckmühler und herzerfrischend mit dem spanischen Portner, der noch immer eine himmlische Freude über unseren ROMA-Franz empfindet. Er ist einer jener Kuschelspanier, wie wir sie nicht vergessen und in liebevoller Erinnerung behalten werden.  

Kurz vor 12 Uhr verlassen wir den herzlichen Erzengel Dschibrail von Tarifa, der uns noch lange nachwinkt, bei 17 °C und einem langsam wieder in Fahrt kommenden Wind.  

Gerade mal eine Viertelstunde später sehen wir vor einer Tankstelle von Petrolíferos in Tahivilla rote Repsol-Gasflaschen. Wir machen einen Einkehrschwung, fragen nach Repsol-Propano und haben Erfolg. Endlich, nach fast zwei Monaten in Spanien haben wir das Gasmysterium geknackt.  

Es gibt zwei Anbieter, Repsol und Cepsa. Beide haben unterschiedliche Anschlüsse. Repsol-Flaschen sind orangerot, Cepsa-Flaschen silbergrau. Aber man muss nicht unbedingt eine Repsol-Tankstelle anfahren, um Repsol-Flaschen zu bekommen. Die bekommt man auch an anderen Tankstellen, an Supermärkten oder auf Campingplätzen. Man muss halt nur nach den roten Flaschen Ausschau halten. Für Cepsa-Kunden ist die Welt genauso verfasst, nur in silbergrau. Der kritische Misserfolgsfaktor ist demnach nicht die richtige Tankstelle oder die Farbe der Flasche, sondern ob auf ihr propano oder butano steht. Das kann dem Camper den Spaß verderben, wie wir bekanntlich schon erfahren haben. Doch nun sind wir echte Gasprofis – und haben nur knappe zwei Monate dazu gebraucht.  

Wir fahren die Westküste hoch, weil es dort viele herrliche Strände geben soll. Doch im Hinterland der Küste ist uns gar nicht nach Bahia oder Playa, sondern nach Voralpenland: sanfte, grüne Matten mit Kühen im Vordergrund und echte Berge in der Kulisse. Wir müssen uns zwicken, um nicht dem Wahn zu erliegen, wir seien soeben durch ein Wurmloch ins Allgäu gebeamt worden. Ist dieser Kanten da vorne mit dem Sendemasten nicht der Grünten? Dann müsste der nächste Ort vielleicht Rettenberg oder Blaichach sein.  

Das Ortsschild Zahara de los Antunes reißt uns aus unserer Verwirrung. Es ist 13 Uhr, das Thermometer lässt keine Zweifel mehr, denn im Allgäu dürften wir in dieser Jahreszeit kaum auf 17 °C hoffen. Aber wolkenlos, soviel sollten wir einräumen, könnte es schon sein. Und eine sanfte Brise wäre auch denkbar.  

Wir bitten in Camping Bahia de la Plata um Einlass [N 36° 07' 23,1'' W 005° 50' 11,2''].  

Schon die Suche nach einer der uns vorgeschlagenen Parzellen lässt wenig Glücksgefühle aufkommen. Die Wege sind eng, teilweise durch PKWs von Mobil-Home-Bewohnern halb zugestellt, obwohl der Platz kaum belegt ist. Der erste Eindruck bestätigt sich mit jedem Meter, den wir vorankommen: Der Platz ist total verbaut. Die „großen" Plätze, also jene, nach denen wir Ausschau halten, sind ca. 7 x 9 m. Wenn wir uns senkrecht reinstellen, kommt hinter uns niemand mehr vorbei. Längsseitig einzuparken geht, ist aber eine elende Friemelei und Fummelei und, wenn man sich endlich hineingewurstelt hat, kommt man vorn und hinten am Auto nicht mehr vorbei. Also parken wir schräg ein, das ist ein Stilbruch und ein optisches Desaster, aber den Umständen geschuldet und somit entschuldigt. Aber sein Gesicht sollte der Chauffeur jetzt der Rezeption nicht präsentieren. Dabei sind wir mit dieser Parzelle noch gut bedient: Schräg gegenüber lockt eine leere Box, gleiches Format, in deren offene Frontseite aber mittig ein Stromverteiler gesetzt wurde!  

Nach gelungenem Manöver sehen wir uns um und nehmen zur Kenntnis, dass nur etwa zehn Meter entfernt ein älteres Paar (gute Güte, was heißt das schon...) unsere Manöver beobachtete und offenbar nichts gegen eine Kontaktaufnahme einzuwenden hätte. Sie sitzen auf dem Fahrweg vor ihrem Mobile Home – und daneben steht ein Mercedes-Bus mit Rosenheimer Kennzeichen. Ja, ist denn überhaupt noch jemand zu Hause? Natürlich plaudern wir mit ihnen, die eigentlich Kölner sind und nun in Bad Endorf leben, ein wenig und können es kaum fassen, wie es jemand auf diesem Platz jedes Jahr mehrere Wochen aushält. Hier gibt es nichts als Strand, noch nicht mal eine nennenswerte Zahl von Leidensgenossen, die sind ihnen nämlich, wie wir erfahren, in den letzten Jahren weggestorben oder nicht mehr fahrtüchtig. Aber die beiden liefern uns einen wichtigen Hinweis: Man sollte auf diesem Campingplatz nur solche Parzellen belegen, die mit einer grünen Schutzplane ausgelegt sind, aus den anderen kommt man bei Regen nicht mehr heraus. Wir stehen auf einem anderen, ohne grüne Plane, blicken zum Himmel, sehen nur Blau und beim erneuten Blick nach unten in andere Boxen die tiefen Reifenspuren derer, die verzweifelt versucht haben, ihrem Loch zu entkommen. Herr, lass es nicht regnen! Wie soll man einem solchen Loch entkommen, wenn man nicht einmal richtig Schwung holen kann?  

Uns ist es jetzt nach innerer und äußerer Ruhe: Wir dösen, lesen und machen uns einen Kaffee. Danach führen wir die Mädels an den Strand, weswegen wir ja diesen Platz angesteuert haben. Die nächsten Tage werden, sofern unsere Pläne zum Tragen kommen, eher etwas städtischer werden. Also raus mit den Gören an den Strand und rein mit dem Sand in den Franz.  

Dem Strand kann man tatsächlich nichts Negatives nachsagen, obwohl der Chronist an solchen Tagen gerne nach einem ganzen Haarknäuel in der Suppe sucht, wo nur zwei Härchen herumschwimmen. Nein, diesen Triumpf gönnt ihm der Strand nicht.  

Um in dieser Hinsicht doch noch erfolgreich zu sein, muss er schon noch die Sanitäranlagen aufsuchen, die in zwei großen Containern untergebracht sind. Zwar ist alles auf Fundament gesetzt, innen gefliest und sauber, aber die Nutzung der Toilette ist schon für einen durchschnittlich gewachsenen Menschen eine Herausforderung: Zwischen Tür und Kloschüssel liegen nur 30 cm, das bedeutet, dass man sich schon drehen muss, bevor man die Tür schließen kann, und das geht auch nur, wenn man den Hintern über die Schüssel schiebt. Wie sollte auch jemand, der einen solchen Platz verplant, plötzlich bei der Planung der Toiletten einen Plan haben? Gut, dass man wenigstens in der Dusche nicht aus seinen Alpträumen gerissen wird: Sie sind kaum größer. Der Chronist kennt genug Leute, die brächten die Tür nicht zu.  

Ein Restaurant gibt es in nächster Nähe nicht, jedenfalls keines, das uns vom Franz weglocken könnte. Wir erleichtern unser Gefrierfach wieder einmal um zwei Paar original Thüringer, hauen sie in die Pfanne und den Tag gleich dazu.

Weil es Zeit dafür ist – und erwartungsgemäß auch das Spülwasser eiskalt ist.  

Jerez de la Frontera
Tarifa